»Los, los … LOS!«, brüllte Tom, packte Nix, Benny und Chong und schob sie in Richtung der Bäume. »In den Wald!«
»Tut mir leid!«, schrie Chong.
»Sei still und lauf!«
Der Boden bebte, als dreieinhalb Tonnen wütender Muskelmasse auf sie zuwalzten. Trotz seiner Größe war das Tier unglaublich schnell. Lilah schleuderte ihren Speer in seine Richtung, aber die Klinge schlitzte lediglich eine rote Kerbe in seine gepanzerte Schulter. Das Nashorn wurde dadurch nur noch wütender.
»Oh«, sagte sie kleinlaut und rannte dann ebenfalls davon.
Tom harrte noch einen Sekundenbruchteil länger aus und nahm das schwarze Auge des Tiers über Kimme und Korn seiner Pistole ins Visier. Aber dann riss er die Waffe herunter, rammte sie in das Holster an seinem Gürtel und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen. Er schloss zu den anderen auf und rief ihnen zu, sie sollten sich links halten, sodass sie fast parallel zur Straße liefen.
Das Rhinozeros versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden, aber der Winkel war zu spitz. Es rutschte über den getrockneten Schlamm der Straße und galoppierte dann brüllend direkt in den Wald. Dabei rammte es mit den Schultern ein paar schlanke Kiefern, die sofort umknickten.
»Nutzt die Bäume«, rief Tom ihnen zu. »Lauft im Kreis um die großen herum.«
Nix stürmte vorneweg und steuerte auf eine knorrige alte Platane zu. Sie sprang dahinter, drehte sich dann um und zog Benny und Chong zu sich.
Das Nashorn entdeckte sie und preschte auf sie zu, scherte aber in letzter Sekunde aus: Anstatt den Baumstamm frontal zu rammen, schlitzte es eine tiefe Furche in das Holz und ließ die alte Platane von der Wurzel bis in die Krone erzittern. Dann wirbelte das Urvieh herum, nahm Anlauf und krachte erneut gegen den Baum. Hektisch riss Benny die Arme in die Höhe, um seine Augen vor den Splittern zu schützen, die beim Aufprall durch die Luft gewirbelt wurden. Das Tier versuchte, die drei um den Baum herum zu jagen, aber sie waren wendiger. Es schnaubte und trollte sich, nahm dann jedoch wieder Anlauf und rammte den Baum erneut, und dieses Mal machte es Knack! Die Platane kippte zur Seite und krachte mit einem gewaltigen, dumpfen Rauschen ihrer Blätter auf den Boden.
»Was machen wir jetzt?«, stieß Chong mit erstickter Stimme hervor. Benny warf ihm einen Blick zu und sah die Angst in den weit aufgerissenen Augen seines Freundes, die schon bald in Panik umschlagen würde.
Das Ungetüm galoppierte ungefähr 15 Meter weit weg und drehte sich dann auf den Hinterbeinen um. Dieses Mal hatte es jedoch nicht den Baum im Visier, sondern steuerte um den Stamm herum und preschte wie ein geölter Blitz direkt auf Chong zu.
»HEY!«, schrie Nix, richtete sich zu voller Größe auf und winkte dem Tier mit hocherhobenen Armen zu. Sofort änderte das Rhinozeros die Richtung und stürmte direkt auf sie zu. »Komm schon!«, rief sie Benny zu und rannte dann von dem umgestürzten Baum weg.
»Was hast du vor?«, schrie er panisch, begriff es aber im nächsten Augenblick. Nix sprintete zehn Meter über offenes Gelände auf eine Reihe massiver Eichen zu, die das Nashorn unmöglich umstürzen konnte. Er drehte sich um und wollte Chong über den Stamm ziehen, damit sie Nix folgen konnten, aber Chong war nicht mehr da. Benny sah nur noch, wie er statt auf die Eichen auf eine Gruppe von Kiefern zulief.
»Chong, nein! Nicht dahin!«
Das Nashorn verfiel in einen langsamen Trab, schaute von Benny zu Nix und dann zu Chong. Nix verschwand hinter dem Stamm einer gewaltigen Eiche. Benny war noch immer zum Teil von den massiven Wurzeln der gefällten Platane verdeckt. Chong dagegen hatte ein längeres Stück zu laufen, und der einzige Schutz, der sich ihm bot, waren die Kiefern. Er konnte sich hinter ihren buschigen Ästen verstecken, aber ihre weichen Stämme würden keine zwei Sekunden Widerstand bieten.
Das Nashorn stürmte hinter Chong her.
Benny kam hinter der Platane hervor und schrie und winkte, wie Nix es zuvor getan hatte. »Hey, du hässliches, fettes Monster! Hierher!«
Aber falls das Tier ihn gehört hatte, kümmerte es sich nicht darum. Die Jagd auf Chong war einfacher und versprach eine sichere Beute. Es preschte weiter hinter Chong her und zertrampelte Heidelbeersträucher und Schösslinge mit seinen gewaltigen Hufen.
Benny erreichte die Eiche, hinter der Nix stand, und rannte zusammen mit ihr weiter. Seite an Seite sprinteten sie die alte Eichenallee hinunter und auf eine Lücke zu, die entweder auf einen Feldweg oder eine alte Feuerschneise zuführen konnte. Benny zeigte im Laufen nach vorn und Nix nickte. Es bestand die Chance, an der letzten Eiche nach links abzubiegen und durch die Lücke in das Kiefernwäldchen zu laufen. Benny hoffte, dass sie von hinten zu Chong aufschließen und lange genug stehen bleiben konnten, um ihn zur Vernunft zu bringen und mit ihm zusammen zurück zu den Eichen zu laufen.
An der Lücke zwischen den Bäumen hielten sie einen Moment lang inne und sahen sich nach Tom und Lilah um. Dann entdeckte Benny die beiden, allerdings auf der anderen Seite des Nashorns. Lilah kletterte gerade auf eine Pappel.
Tom lief um den Baum herum und versuchte ebenfalls, das Tier von seinem Kurs auf die Kiefern abzulenken. »Hey!«, rief er. »Hierher!« Er sprang auf und ab und wedelte mit den Armen. Als er keine Reaktion erhielt, gab er einen Schuss in die Luft ab. Das wirkte. Rutschend kam das Nashorn zum Stehen und richtete seine wutentbrannten Augen auf sein neues Ziel. Benny hoffte, dass das Tier allmählich ermüden würde, weil es immer wieder einer anderen Beute hinterherjagte, aber dem Nashorn war nichts anzumerken.
»Es scheint wirklich rasend vor Wut zu sein«, meinte Nix.
Das Rhinozeros schnaubte angriffslustig, scharrte wie ein Stier mit den Hufen und preschte dann direkt auf Tom zu.
»Oh Mist«, sagte Benny, meinte aber nicht die Gefahr, in der sich Tom befand. Offenbar hatte Tom einen Plan. Tom hatte immer einen Plan. Nein, Benny nahm eine Bewegung bei den Kiefern wahr und sah, dass Chong seine Deckung verlassen hatte, um nachzuschauen, was Tom und das Nashorn machten.
Das Nashorn zuckte kurz mit dem Kopf, als es Chong bemerkte.
»Das darf doch nicht wahr …«, setzte Benny an, sparte sich dann seinen Atem und fing an zu rennen.
Chong war zwar klüger als Benny, nutzte in seiner Panik aber seinen Verstand nicht. Nashörner unterschieden sich von Menschen, Katzen, Hunden und Jagdvögeln: Sie waren keine Raubtiere. Ihre unglaubliche Kraft und Größe diente in erster Linie ihrem eigenen Schutz. Und während die Augen von Raubtieren nach vorn gerichtet waren, befanden sich die von Beutetieren an den Seiten des Kopfes. Dank dieser Eigenschaft konnten sie in allen Richtungen sehen, ob sich ihnen etwas Bedrohliches näherte, aber in diesem Fall …
Wieder wirbelte das Rhinozeros herum und rannte auf Chong zu, der laut aufschrie, auf dem Absatz kehrtmachte und zurück zu den schützenden Kiefern lief.
»Warum rennt es bloß immer wieder hinter Chong her?«, wunderte sich Nix.
»Weil er immer wieder zu diesen Kiefern rennt«, knurrte Benny.
»Ja, aber warum?«
Tom gab einen weiteren Schuss ab. Dieses Mal ignorierte das Nashorn ihn jedoch und setzte Chongs Verfolgung fort. Tom schrie lauter und sprang erneut auf und ab, aber das Tier hatte den Blick fest auf Chong gerichtet. »Nicht da entlang!«
Entweder hörte Chong ihn nicht, oder er war zu verängstigt, um seiner Warnung Beachtung zu schenken.
Benny und Nix steuerten auf die überwucherte Feuerschneise zu, preschten durch brusthohe Gräser und Unkraut und hielten im spitzen Winkel auf die Kiefern hinter Chong zu, damit sie ihn von dort wegholen konnten. Die Kiefernreihe war vielleicht 50 Meter entfernt. Benny sah, dass die umliegenden Sträucher und Pflanzen bereits von den gewaltigen Hufen des Nashorns niedergetrampelt worden waren, als sei es hier schon Hunderte von Malen entlanggerannt.
Er befand sich nur wenige Schritte hinter Nix. Plötzlich schrie sie auf und stürzte ungefähr zwei Meter vor ihm ins Gras. Da er nicht rechtzeitig anhalten konnte und sich sein Fuß in irgendetwas verfing, fiel auch er hin. Als er auf ihren Beinen landete, stieß sie einen spitzen Schmerzensschrei aus.
»Uff! Entschuldigung!«, schnaufte er, rollte sich schnell nach links ab …
… und sah einem Zombie direkt in die Augen.
