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Die Welt schien nur noch aus Flammen, weißen Gesichtern und Tod zu bestehen. Benny und Nix stürmten durch die Nacht, auf der Flucht vor einer infernalischen Hitze. Sie folgten keiner eindeutigen Richtung, aber vor ihnen waren ohnehin zu viele Zombies, um einen klaren Fluchtweg einzuhalten.

»Wie viele sind es?«, keuchte Benny. Allerdings war das für lange Zeit das Letzte, was er laut sagte, denn diese vier Worte hätten ihn fast das Leben gekostet. Das Feuer unten auf dem Feld zog die Aufmerksamkeit der meisten Zombies auf sich, doch seine Stimme ertönte unnatürlich laut. Plötzlich wandten sich alle wachsbleichen, totenmaskengleichen Gesichter ihm und Nix zu.

Die beiden hielten abrupt inne, stellten sich Rücken an Rücken und zogen ihre Schwerter.

Ich habe unser Todesurteil gesprochen, dachte Benny. Aber sofort entgegnete seine innere Stimme: Nein. Denk genau nach. Welche Ressourcen bleiben dir noch?

Benny erinnerte sich an die Streichhölzer und hätte fast laut gelacht. Aber es wäre sein letztes Lachen gewesen und auch nur ein wahnsinniges Keckern. Das Feuer hatte sie kurzfristig gerettet, aber wenn der Wind drehte, würde die Feuersbrunst sie den Berg hinauftreiben – und Feuer frisst sich nach oben. In der Ebene gab es keinen Pfad, über den sie entkommen konnten.

Nix trat langsam einen Schritt zur Seite und Benny folgte ihr. Die Zombies kamen näher, aber ihre dunklen Augen zuckten zwischen ihnen beiden und dem Feuer hin und her. Ohne weitere Geräusche, die ihre Aufmerksamkeit erregten, verloren sie bereits das Interesse.

Jedoch nicht schnell genug, denn schon bald würden einige von ihnen nah genug sein, um die Hände nach Nix und Benny auszustrecken. Benny konnte ihren Geruch nach Tod, Staub und Verwesung bereits riechen …

Doch dann hatte er eine Idee: Er hielt sein Bokutō mit der einen Hand und ließ die andere langsam in seine Hosentasche gleiten. Allerdings tastete er nicht nach den Streichhölzern, sondern nach den restlichen Flaschen Kadaverin. Es war ein riskantes Manöver. Wenn sie diesen schrecklichen Moment überlebten, würden sie das Zeug brauchen, um …

Wohin zu gelangen? Nach Hause? Zurück zur brennenden Raststätte? In den endlosen Wald, um nach Tom und Chong zu suchen? Nach Osten in Richtung Yosemite und des Jets, wohin er auch immer geflogen war?

Löse ein Problem nach dem anderen, mahnte seine innere Stimme.

Nix machte noch einen Schritt zur Seite, langsam, damit Benny ihr folgen konnte. Er wagte nicht, nachzuschauen, ob sie sich einfach nur weiterbewegte oder ob sie einen Ausweg entdeckt hatte. Benny klemmte sich den Verschluss zwischen die Zähne und schraubte die Flasche auf. Sofort erfüllte der ekelhafte süßliche Gestank von verwesendem Fleisch die Luft. Erst in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, wie sehr der Qualm den Geruch des Kadaverins überlagert hatte.

Ob sich die Zombies in dem Rauch wohl gegenseitig angreifen würden? Wenn sie den Geruch des Todes nicht wahrnehmen konnten, würden sie dann überhaupt irgendetwas angreifen? Es gab keine Möglichkeit, das herauszufinden, und er hatte auch nicht die Absicht, zurückzugehen und ein wissenschaftliches Experiment daraus zu machen.

»Benny«, flüsterte Nix so leise, dass er ihre Stimme eher ahnte als hörte.

Doch statt einer Antwort träufelte er sich ein wenig Kadaverin auf Brust und Haare. Die ersten Zombies waren inzwischen auf Armlänge herangekommen und streckten die Hände nach ihnen aus. Dann hielten sie inne. Benny spritzte den Inhalt der Flasche über seine Schulter, sodass die stinkende Flüssigkeit auf Nix’ roten Locken landete. »Moment«, wisperte er. »Warte eine Sekunde.«

»Benny …«

»Schh.«

»Nein«, beharrte sie. »Sieh mal da drüben.«

Zuerst drehte er sich in die falsche Richtung, blickte Nix dann jedoch direkt an und folgte ihrem ausgestreckten Arm mit dem Bokutō.

Sie befanden sich an einem Hang, der hinauf zu einer schattigen Ansammlung von Bäumen führte. Benny konnte sie im Licht der Sterne gerade noch erkennen. Dort oben standen deutlich weniger Zombies herum. Aber Nix zeigte nicht auf sie, sondern auf eine Gestalt am Ende des Pfads. Benny musste gegen den beißenden Rauch anzwinkern, um sie auszumachen. Zunächst wirkte die Gestalt nur wie ein großer Strauch, aber dann bewegte sie sich und trat plötzlich aus dem Schatten hervor. Benny hielt den Atem an.

Der Größe nach zu urteilen musste es sich um einen Mann handeln, aber mehr ließ sich nicht sagen. Es sah aus, als würde er einen kleinen Baum tragen, aber dann erkannte Benny, dass der Mann in einen langen Mantel mit aufgenähten Blättern und Kiefernzapfen gehüllt war. Sein Gesicht lag unter einer runden Maske aus Eichenblättern. Trotz der Dunkelheit wusste er, wer der Mann war. Er kannte ihn aus Toms Beschreibungen und von seinen eigenen Zombiekarten.

Dort oben stand der Greenman. Die Zombies, die aus dem Wald kamen, torkelten an ihm vorbei, ein paar rempelten ihn sogar an, als sie den grasbewachsenen Pfad hinunterwankten. Doch der Greenman bewegte sich nicht, hob nur einen schlanken Finger an die »Lippen« seiner Maske.

Benny und Nix verstummten und standen so reglos da wie Statuen. Unter ihnen trieb der Wind das Feuer auf den felsigen Abhang zu. Zum Glück sprang es nicht auf die Berge über, und Benny war für alles dankbar, was die Situation nicht zusätzlich verschärfte. Er wollte Tom nicht noch mehr Probleme bereiten und er wollte erst recht keinen Waldbrand verursachen.

Es dauerte lange, bis die Zombies vorbeigetorkelt waren. Benny versuchte, die Minuten und Sekunden zu zählen, um nicht durchzudrehen. Er wollte Nix in die Arme nehmen und sie so fest an sich drücken, dass sie beide aufschrien. Er wollte Lärm und Ruhe und Frieden zugleich. Alles, nur nicht das, was um sie herum geschah.

Und dann war es vorbei. Der letzte Zombie – ein Mann mit traurigem Gesicht, bekleidet mit einem fleckigen, zerlumpten Maleroverall – taumelte vorüber. In seiner Brust steckte ein Schlachtermesser, aber die Klinge war verrostet. Einen langen Augenblick wandte die Kreatur Benny ihr ausdrucksloses Gesicht zu und trotz der fürchterlichen Angst, die noch immer seine Brust verengte, empfand Benny Mitleid. Fast hätte er es sogar laut ausgesprochen, aber dann verschwand der Zombie im Rauch und in der Dunkelheit.

Nix zupfte ihn am Ärmel, und als Benny aufblicke, sah er, dass der Greenman ihnen mit langsamen Handbewegungen zuwinkte. Dann drehte er sich um und ging auf den Wald zu, ohne abzuwarten, ob Benny und Nix ihm folgten.

»Wer ist das?«, fragte Nix. »Ist das Lilah? Was hat sie da an?«

Benny schüttelte den Kopf. »Das ist der Greenman.«

»Warum ist er so merkwürdig gekleidet?«

»Tom sagt, der Greenman habe eine Möglichkeit gefunden, mit dem Wald zu verschmelzen. Nicht einmal die Zombies bemerken ihn.« Benny senkte sein Schwert und streckte die Hand aus. »Komm.«

Nix schniefte, schluckte ihre Tränen hinunter und nahm seine Hand, die sie wieder ganz fest drückte. »Wo ist Lilah?«, fragte sie schließlich.

»Keine Ahnung. Ich hab sie wegrennen sehen, doch dann hab ich sie aus den Augen verloren«, erklärte Benny.

»Glaubst du … dass sie entkommen konnte?«

»Auf jeden Fall«, beruhigte er sie. »Lilah ist es gewohnt, auf sich aufzupassen.« Im selben Moment erinnerte er sich jedoch wieder an den irren, verzweifelten Ausdruck in ihren Augen, und er fragte sich, wie es wohl um seine eigene geistige Gesundheit bestellt war. Schließlich hatte er gerade ein gewaltiges Feuer gelegt und war sich ziemlich sicher, dass er Rotaugen-Charlie lebendig und unversehrt inmitten eines Heers von Zombies gesehen hatte. Er überlegte eine Sekunde lang, ob er Nix jetzt davon erzählen sollte, erkannte dann aber, dass er damit besser bis zum Tagesanbruch warten sollte. Im Augenblick mussten sie sich in Sicherheit bringen und nachsehen, ob sie verwundet waren. Bennys Schulter brannte wie Feuer, und er war sich nicht 100-prozentig sicher, ob die Teppichmäntel ihn und Nix vor den Bissen der lebenden Toten bewahrt hatten. Möglicherweise waren sie beide infiziert – und diese Vorstellung ließ ihn fast vor Entsetzen erstarren.

Nix packte ihn am Arm und zog ihn mit sich. »Komm schon«, sagte sie, und gemeinsam eilten sie den Hang hinauf, dem Greenman hinterher. Als sie jedoch die Hügelkuppe erreichten und den Waldpfad betraten, war die seltsame Gestalt verschwunden.

Aus Nix’ Tagebuch

Zombies und Feuer

Wenn die Leute von der Ersten Nacht erzählen, ist oft die Rede davon, dass sie die Zombies mit Feuer verscheucht haben. Es heißt, Zombies würden keine Brandlinie überqueren und vor einer Fackel zurückweichen. Wenn ein Zombie Feuer fängt, soll er angeblich weglaufen. Tom meint, das stimme nicht.

Er sagt, dass ein Zombie durch Flammen geht und dass alle Zombies vom Licht und der Bewegung des Feuers angezogen werden. Er hat schon brennende Zombies gesehen, die über 100 Meter weit gelaufen sind, bevor die Hitze ihre Muskeln und Sehnen so sehr zerstört hat, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten.

Als die Armee die großen Städte mit Atomwaffen vernichtet hat, sollen scharenweise radioaktiv verseuchte Zombies herumgelaufen sein, und manchmal sind Menschen an der starken Strahlung gestorben, bevor die Zombies sie beißen konnten.

Was SIND Zombies für Wesen?