18

Benny ging eine Weile neben Tom her. »Ich habe gehört, wie du gestern mit Basher geredet hast.«

Tom warf ihm einen kurzen Blick zu. »Und was hast du gehört?«

»Dies und das. Vor allem etwas über Ärger hier draußen im Leichenland und neue Leute, die Charlies Gebiet übernommen haben.«

»Ah.«

»Und …?«

»Was meinst du? Und … was?«

»Na ja«, antwortete Benny, »werden wir nichts dagegen unternehmen?«

»›Wir‹?«

»Ja, ›wir‹. Du, ich, Lilah, Nix … ich meine, bevor wir die Gegend verlassen?«

Tom schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Warum nicht? Es sind unsere Wälder, Mann. Du hast Jahre damit verbracht, da aufzuräumen.«

»Nein, ich habe hier draußen viele Jahre als Kopfgeldjäger und Abschlussspezialist verbracht. Es ist nie mein Job und auch nicht meine Absicht gewesen, etwas ›aufzuräumen‹. Damals nicht und heute schon gar nicht.« Tom blieb stehen und schaute zu den anderen zurück, die etwa 100 Meter hinter ihnen gingen. Nix und Chong unterhielten sich – wahrscheinlich setzten sie ihre Diskussion über die Rätsel der Zombieplage fort; Lilah bildete die Nachhut und schien ganz zufrieden damit, allein zu sein. »Sieh sie dir an, Benny. Lilah ist noch nicht einmal 17 Jahre alt, Nix ist gerade erst 15 geworden. Du und Chong werdet in ein paar Monaten 16. Ihr seid zäh, aber seien wir ehrlich … ihr seid keine Armee. Ich kann nicht einmal mit völliger Überzeugung sagen, dass ihr alle taff genug seid, um das zu tun, was wir vorhaben, und ich habe wahnsinnige Angst, ich könnte euch in den Tod führen. Also werde ich die Chancen darauf nicht auch noch dadurch vergrößern, dass ich euch in eine offene Feldschlacht gegen 50 oder 60 bewaffnete Kopfgeldjäger führe.«

»Aber was ist mit Gameland? Wenn es näher an die Stadt verlegt wurde, werden vielleicht noch mehr Kinder aus Mountainside verschleppt. Genau, wie man es mit Nix versucht hat. Wir können doch nicht einfach …«

»Ich habe jahrelang versucht, die Stadt dazu zu bringen, etwas dagegen zu unternehmen.«

»Ich weiß. Ich hab gehört, wie du mit Bürgermeister Kirsch und Captain Strunk gesprochen hast.«

»Was bist du, der Stadtschnüffler?«

»Alter, ihr habt euch im Hof unterhalten. Mein Fenster ist direkt darüber.«

»Schon gut. Die Sache ist doch die: Letzten Endes muss die Stadt die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Ich habe ihnen gezeigt, dass es möglich ist, und eine Zeit lang getan, was ich konnte … aber das ist kein Job für einen Mann allein. Und es ist schon gar keine Aufgabe für Kinder.«

»Teenager – vielen Dank auch.«

»Teenager. Auch gut. Jedenfalls ist es nicht euer Job.«

Benny schaute seinem Bruder direkt in die Augen. »Bist du sicher?«

»Ja.«

»Ich nicht. Das ist schließlich auch unsere Welt. Wir werden sie einmal erben. Was sollen wir deiner Meinung nach tun – warten, bis es schlimmer wird, vielleicht vollkommen außer Kontrolle gerät, bevor wir etwas dagegen unternehmen? Wie soll uns das eine bessere Zukunft garantieren?«

Tom sah ihn eindringlich an und nach einem Dutzend Schritten verwandelte sich sein Stirnrunzeln in ein angedeutetes Lächeln. »Ich vergesse immer wieder, wie klug du bist, Kleiner, wie erwachsen.«

»Na ja, das letzte Jahr war ja auch wirklich kein Kinderkram.«

»Nein, und das alles tut mir sehr leid … Aber ganz im Ernst, Benny, diese Unterhaltung hätten wir führen sollen, bevor wir aufgebrochen sind.«

»Mit anderen Worten: Jetzt ist es zu spät, um noch etwas zu verändern?«, fragte Benny herausfordernd.

Tom schüttelte den Kopf. »Darum geht es nicht … es ist einfach nicht mehr unsere Stadt. Wir ziehen weiter. Andere werden die Verantwortung für Mountainside übernehmen müssen.« Er deutete die Straße entlang. »Eure Zukunft ist irgendwo da draußen, und ihr werdet mit Sicherheit reichlich Gelegenheit bekommen, etwas zu verändern – wenn ihr das wollt.«

Benny sah von seinem Bruder zurück auf den Weg, den sie gekommen waren, und dann wieder nach vorn. Er seufzte.

Tom gab ihm einen Klaps auf die Schulter und sie liefen schweigend weiter. Schließlich setzte Tom sich ab und ging voran, und als Benny sich umschaute, sah er, dass Nix neben Lilah ging und Chong allein war. Er ließ sich zurückfallen und gesellte sich zu seinem Freund.

Während sie unter der sengenden Sonne durch das hohe Gras stiefelten, warf Benny Chong immer wieder einen Blick zu. Ohne den Kopf zu drehen, fragte dieser schließlich: »Was ist? Habe ich einen Popel in der Nase?«

»Hä?«

»Du starrst mich die ganze Zeit an. Was ist los?«

Benny zuckte die Achseln.

»Mach schon. Sag’s mir, bevor ich das Interesse verliere«, meinte Chong mit gespielter Begeisterung.

Benny holte Luft. »Es geht um Nix.«

»Wieso? Meinst du den Streit über Wissenschaft und Religion?«

»Nein … es geht um uns. Du weißt schon … Verabredungen und so.«

»Mein Gott«, lachte Chong. »Der Schwur!«

Als sie beide neun Jahre alt gewesen waren, hatten sie einen Blutschwur geleistet, dass sie nie mit einem Mädchen gehen würden, mit dem sie befreundet waren. Doch seit Nix’ Rettung im letzten Jahr waren Benny und sie zusammen, und Benny hatte Chong nie gefragt, was er davon hielt.

»Genau … der Schwur«, erwiderte Benny. »Ich fühle mich irgendwie mies, weil ich ihn gebrochen habe.«

Chong blieb stehen, wandte sich Benny zu und ließ den Blick prüfend über dessen Gesicht wandern. »Warte … halt mal still.«

Benny erstarrte. »Was? Was ist los? Habe ich irgendwas …«

Chong klatschte ihm mit der offenen Handfläche gegen die Stirn.

»Au! Was war da? Eine Biene?«

»Nein. Ich wollte nur sehen, ob ich dir ein bisschen von deiner Dämlichkeit aus der Birne schlagen kann.«

»Hey!«

»Mensch, Benny, als wir diesen Schwur geleistet haben, waren wir neun!«

»Aber es war ein Blutschwur.«

»Wir hatten uns beide beim Aufspießen von Angelködern in den Finger geschnitten. Dieser Schwur entstand spontan, aus der Situation heraus. Kinderkram, völlig blöd. Allerdings hatten wir auch schon blödere Ideen. Du natürlich mehr als ich …«

»Hey!«

»Aber es hat schon damals nicht wirklich viel bedeutet und heute bedeutet es gar nichts mehr.«

Schweigend gingen sie etwa 100 Schritte nebeneinanderher. Dann sagte Benny: »Wir haben unser Wort gegeben, Chong.«

Chong grunzte. »Du überraschst mich immer wieder«, entgegnete er. »Wenn auch selten positiv.«

»Ja, klar. Wenn du so weise und verständnisvoll bist, oh Mächtiger Chong, wieso hast du Lilah dann nie gesagt, dass du auf sie stehst?«

»Ich bin weise und verständnisvoll, aber nicht mutig.«

»Hast du es versucht?«

Chong wechselte die Farbe. »Ich … habe ihr einen Brief geschrieben.«

»Was stand drin?«

»Es … äh … war ein Gedicht. Und noch ein paar andere Sachen«, erklärte Chong ausweichend.

»Hat sie ihn gelesen?«

»Ich hab ihn dort deponiert, wo sie ihn finden musste. Aber am nächsten Tag hab ich ihn im Mülleimer entdeckt.«

»Autsch.«

»Vielleicht hat sie es falsch verstanden. Schließlich kennt sie sich mit der ganzen Verabrederei nicht aus. Alles, was sie über Romantik weiß, hat sie aus Büchern.«

»Mag sein, aber warum gibst du dir nicht einen Ruck und fragst sie einfach? Schlimmstenfalls sagt sie Nein.«

Chong warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Wirklich? Du glaubst, das ist das Schlimmste, was sie tun kann?« Er seufzte. »Außerdem ist es jetzt sowieso egal. Ihr haut morgen ab und ich werde sie nie wiedersehen.«

»Ja, stimmt«, sagte Benny leise. »Tut mir leid, Mann.«

Sie drehten sich verstohlen um und schauten zu Lilah, die wie eine Wildkatze auf der Jagd den Pfad entlangschlich. Als sie den Blick der beiden bemerkte, knurrte sie. »Gebt acht im Wald, dass euch nichts beißt.«

Blitzschnell drehten die Jungen die Köpfe wieder nach vorn, aber Benny lachte leise in sich hinein. Chong zog eine gequälte Miene.

»Siehst du, genau das meine ich. Sie hat bei uns gewohnt. Du solltest sie mal erleben, bevor sie morgens ihren ersten Kaffee getrunken hat.«

»Hmm … also wenn ihr zwei Verrückten was miteinander angefangen hättet, dann wärst du das Mädchen in der Beziehung gewesen?«

»Warum nimmst du nicht einen Baseballschläger und schiebst ihn dir …«

»Stopp!«

Toms zischendes Flüstern durchschnitt die Luft und sorgte dafür, dass alle wie angewurzelt stehen blieben.

Etwa 30 Meter vor ihnen war Tom halb in die Hocke gegangen, die rechte Hand mit dem Katana erhoben. 50 Meter hinter ihnen standen Nix und Lilah mitten auf dem Weg. Nix hatte ihr Bokutō gezogen, und Lilah hielt ihren Speer mit beiden Händen umfasst.

»Was ist los?«, flüsterte Benny, aber Tom presste einen Finger an die Lippen und bedeutete ihm, leise zu sein. Zu beiden Seiten des Weges erhoben sich Bäume wie dunkle Säulen und bildeten mit ihren belaubten Ästen ein Dach, durch das nur gelegentlich ein Sonnenstrahl fiel. Unten auf dem Waldboden drängten sich Büsche und Wildpflanzen zu einer undurchdringlichen Wand um die Baumstämme. Benny konnte nicht erkennen, was da auf sie zukam. Er und Chong zogen ihre Holzschwerter und stellten sich mit dem Rücken aneinander, wie Tom es ihnen beigebracht hatte.

Lilah kam auf leisen Katzenpfoten den Pfad hinuntergeschlichen und Nix folgte nur ein paar Meter hinter ihr. Das Verlorene Mädchen hatte ein kämpferisches Funkeln in den Augen, als sie zu Tom aufschloss und darauf achtete, genügend Abstand zu seinem Schwertarm zu halten. »Was ist los?«, zischte sie. »Die Toten?«

Tom schüttelte den Kopf, schwieg aber.

Nix schloss zu Benny und Chong auf und die drei positionierten sich zu einer dreiseitigen Kampfformation.

»Könnt ihr was sehen?«, flüsterte Nix.

»Nein«, antwortete Chong. »Und auch nichts hören.«

Der Wald war wirklich so verschwiegen wie ein Grab – ein Bild, das nicht gerade dazu beitrug, dass Benny sich wohler fühlte. Er schnupperte. Hier im Wald gab es Tausende von Düften. Blumen, Baumrinde, feuchte Erde und …

Und was?

Es lag noch ein weiterer Geruch in der Luft – zwar schwach, doch er wurde immer intensiver.

»Riecht ihr das auch?«, murmelte Benny.

»Ja«, bestätigte Nix. »Riecht merkwürdig. Irgendwie vertraut … aber dann auch wieder nicht.«

Lilah hob ihren Speer und zeigte mit der glänzenden Klinge auf den Wald. »Da. Es kommt auf uns zu.«

»Was ist das?«, fragte Nix ängstlich.

Tom zog sein Katana. »Haltet euch bereit.«

»Wofür?«, wollte Benny wissen. »Zum Kämpfen oder Wegrennen?«

»Das werden wir gleich wissen«, teilte Tom ihm mit.

»Bitte lass es keine Zoms sein«, murmelte Chong.

»Nein«, beruhigte Tom ihn, »es sind nicht die Toten. Was immer da kommt, ist äußerst lebendig.«

Und im nächsten Moment hörten Benny und die anderen es: ein Knirschen, als etwas Schweres auf herabgefallene Zweige trat, gedämpft durch den fast verrotteten Laubteppich des letzten Jahres. Kurz darauf war ein anderes, leises, seltsames Geräusch zu hören. Benny und Nix schauten einander an.

Sie hob die Augenbrauen. »Hört sich an wie ein Stier«, meinte sie.

Benny runzelte die Stirn. »Hier draußen?«

»Hier laufen viele Tiere frei herum«, erklärte Tom. »Vor der Ersten Nacht gab es hier etliche Farmen.«

Wieder das Geräusch, nur tiefer und lauter.

»Furchtbar großer Stier«, bemerkte Chong.

Weiteres Knacken von Zweigen – immer lauter und näher.

»Sollten wir nicht … äh … weglaufen?«, schlug Chong vor.

»Klingt nach einem guten Plan«, pflichtete Benny ihm bei.

Doch Lilah fauchte sie an, sie sollten still sein, und fügte hinzu: »Weglaufen macht dich zur Beute. Es ist besser zu kämpfen, als gejagt zu werden.«

Tom öffnete den Mund, vermutlich, um ihrer einseitigen Sichtweise etwas entgegenzuhalten. Aber dann ertönte ein lautes Schnauben und Grunzen, als etwas gigantisch Großes durch die Wand aus Schlingpflanzen und Sträuchern brach, diese wie ein Spinnennetz zerriss und aus dem Wald hinaus auf die Straße preschte. Dann blieb das Wesen keine 30 Meter von Benny, Nix und Chong entfernt mitten auf dem Weg stehen und witterte angespannt.

Vor ihnen stand ein Ungeheuer. Schiefergrau, mit schwarzen Augen, vier kurzen Beinen und je drei Zehen an jedem seiner Füße, die wiederum größer waren als Bennys Kopf. Sein Brustkorb war gewaltig, und seine Schultern ließen sich mit nichts vergleichen, was Benny je leibhaftig gesehen hatte. Natürlich kannte er diese Kreaturen aus Büchern, aber bisher hatte er immer angenommen, derartige Lebewesen würden einem anderen Zeitalter angehören.

»Oh, mein Gott«, wisperte Nix und schlug sich dann sofort die Hand vor den Mund, als das Monster seinen enormen Kopf zu ihr drehte.

Es war mindestens dreimal so groß wie der größte Stier in Mountainside. Benny erinnerte sich, dass er etwas darüber gelesen hatte: das zweitgrößte Landsäugetier der Welt nach dem Elefanten. Insgesamt musste es über vier Meter lang sein und eine Schulterhöhe von zwei Metern haben. Sein Hals war mit dicken Muskeln bepackt, um den langen Kopf mit der riesigen Schnauze und den zwei tödlichen Hörnern zu tragen – eines davon ein etwa 75 Zentimeter langes, spitzes Gebilde, das Bennys Körper ohne Weiteres durchbohren konnte.

Das Wesen wich nicht von der Stelle, bewegte die Ohren unabhängig voneinander lauschend hin und her und blähte die Nüstern, um die Witterung der fünf Menschen aufzunehmen, die dort auf der Straße standen.

Augen und Mund weit aufgerissen, starrte Benny das Monster wie gebannt an.

»Ist das ein … ein … ein …?«, wollte Nix fragen.

»Ja«, bestätigte Chong.

Die Kreatur wandte rasch den Kopf in ihre Richtung.

»Ich träum das doch nur, oder?«, meinte Benny.

»Kein Traum«, flüsterte Lilah mit ihrer rauen Stimme, aber selbst sie schien verunsichert.

»Es ist ein weißes Rhinozeros«, verkündete Chong ein wenig zu laut. »Aber wie kann das sein?«

»Halt den Mund!«, warnte Tom ihn, doch es war bereits zu spät.

Plötzlich schnaubte das riesige Tier laut und feucht und machte einen herausfordernden Schritt auf Chong zu. Dann gab es einen tiefen, bedrohlichen Grunzlaut von sich, scharrte mit den Hufen und schnaubte erneut.

»Okay«, sagte Tom. »Lauft.«

Einen kurzen Augenblick starrten ihn alle an.

»LAUFT!«

Das Rhinozeros neigte seine gefährlichen Hörner in ihre Richtung, spannte die Muskelpakete an seinem Rücken und seinen Hinterbeinen an … und stürmte auf sie zu.