Lou Chong schrie auf vor Angst und wich hastig zurück, als der Zombie über den Grubenrand taumelte. Er presste den Rücken gegen die kalte Lehmwand und riss sich schützend einen Arm vors Gesicht. Im nächsten Moment traf die Kreatur auf dem Boden auf und ihre morschen Knochen knirschten. Die Menge über ihm lachte, als wäre sie im Zirkus und würde einen Clown beobachten. Lauthals wurden neue Wetten darauf abgeschlossen, ob der Zombie sich irgendwelche Knochen gebrochen hatte und Chong deshalb nicht angreifen konnte.
Chong zögerte und blickte auf den Zombie am Boden, der stöhnte und sich aufzurappeln versuchte.
Am liebsten wäre Chong weggerannt und hätte sich versteckt, aber er befand sich in einer viereinhalb Meter breiten Grube. Wegrennen und sich verstecken waren keine Optionen. Er zermarterte sich das Hirn, wie er das hier überleben sollte. Er musste handeln und eine Entscheidung treffen. Was war jetzt das Klügste?
Was würde Tom tun? Bevor dieser Gedanke endgültig Gestalt annahm, bewegte Chong sich auch schon: Er stieß sich von der Wand ab, hob das Eisenrohr und schlug es dem Zombie mit aller Kraft auf den Kopf.
Knirsch!
Die Kreatur fiel zurück auf den Boden. Die Menge über ihm verstummte. Ein einziger Rationendollar wurde nach unten geworfen und segelte durch die feuchte Luft.
Der Zombie zuckte, zappelte mit einem Bein, und seine Finger zitterten. Mit einem tiefen, kehligen Knurren schlug Chong wieder zu. Dieses Mal jedoch fester und das Knirschen klang irgendwie feuchter.
Der Zombie regte sich nicht mehr.
Und die Menge … rastete aus, jubelte und applaudierte.
Chong ließ das Rohr sinken und schaute hinauf.
Der Verkohlte hockte am Rand der Grube und grinste wie ein Ghul. »Junge, Junge, ist das zu fassen?«, bemerkte er. »Leute, sieht ganz danach aus, als hätten wir es mit einem echten Zombiekiller zu tun!«
Die Menge jubelte. Dicke Geldbündel wechselten den Besitzer. »Gebt ihm noch einen!«, rief jemand, und sofort stimmten andere ein, bis es schließlich alle forderten.
»Okay, okay!«, lachte der Verkohlte. »Der Kunde ist König. Nestor? Crab? Bringt uns einen neuen Gladiator. Wir wollen was ganz Frisches!«
Die beiden Gehilfen verschwanden mit einem boshaften Grinsen, und die Wetten überschlugen sich, bis der Buchmacher schließlich rief: »Verdammt, lasst mich doch wenigstens mal zählen!«
Chong versuchte, nicht zu zittern. Eigentlich war ihm nicht mehr kalt, doch er zitterte am ganzen Körper, während er auf das nächste Monster wartete. Ein Schatten erschien über der Grube, und als Chong aufblickte, sah er den langen Ausleger eines hölzernen Krans über den Rand ausschwenken. An einem Seil zappelte ein um sich schlagender Zombie. Sobald seine Füße den Boden der Grube berührten, würde das Seil unter seinen Armen herunterfallen, und er war frei.
Der Verkohlte beugte sich über den Rand. »Wir wollen die Ware nicht ein zweites Mal beschädigen«, meinte er und löste damit eine neue Welle derben Gelächters aus.
Nestor und Crab drehten die Seilwinde und der zappelnde Zombie wurde in die Kampfgrube herabgelassen. Chong presste sich wieder an die Wand. Dieser Zombie war riesig und kräftig wie ein Viehtreiber oder einer der Feuerwerfer, wie Chong sie von zu Hause kannte. Breite Brust, muskulöse Arme, fast kein Hals und zwei Augen, in denen ein dunkles Feuer loderte. Seine Haut zeigte keinerlei Anzeichen von Verwesung. Offenbar war er noch nicht sehr lange tot.
Was hatte Tom ihm über die Zombies erzählt, die gerade wieder auferstanden waren? Sie schienen schlauer zu sein, stärker und auch ein wenig schneller. Außerdem waren ihre Bewegungen besser koordiniert, denn der Zerfall ihres motorischen Rindenfelds war noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie torkelnden Vogelscheuchen glichen.
Chong hielt das Rohr umklammert und fuhr sich wieder mit der Zunge über die Lippen. »Klug wie ein Krieger«, murmelte er.
»Lasst ihn los!«, befahl der Verkohlte.
Crab und Nestor rissen das Seil vom Körper des großen Zombies fort und beförderten es über den Seilzug wieder nach oben. Der Zombie fiel die letzten paar Zentimeter herab und landete hart auf den Füßen.
Er musste fast zwei Meter groß sein und mindestens 300 Pfund wiegen, auch wenn in seinen Adern kein Blut mehr floss. Chong war 1,75 Meter groß und wog 130 Pfund.
Der Untote landete so in der Grube, dass er Chong den Rücken zuwandte. Chong blieb nur eine Chance – vorwärtszustürmen und mit dem Rohr auf ihn einzuschlagen. Er setzte sich in Bewegung, aber noch bevor er den ersten Schritt gemacht hatte, klatschte ihm ein Eimer eiskalten Wassers direkt ins Gesicht. Er war so schockiert und überrascht, dass er augenblicklich erstarrte, als habe man ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Hustend, spuckend und keuchend ließ Chong das Rohr fallen, taumelte rückwärts und prallte hart gegen die Wand. Er wischte sich das Wasser aus den Augen und schaute nach oben zu dem Verkohlten, der den leeren Eimer in der Hand hielt.
»Wir wollen doch, dass es fair zugeht, kleiner Mann«, erklärte er, worauf die Menge mit schrillem Gelächter und Pfiffen reagierte.
Das klatschende Geräusch des Wassers und Chongs verwirrtes Prusten erregten die Aufmerksamkeit des Zombies. Er drehte sich um und starrte ihn aus unergründlichen schwarzen Augen an. Fahle Lippen öffneten sich und entblößten Zähne, die noch immer weiß und kräftig waren.
Das Rohr lag ungefähr zehn Zentimeter von den Füßen des Zombies und fast zwei Meter von Chong entfernt auf dem Boden.
Der Zombie stöhnte vor Hunger, der erneut erwacht war und nie gestillt werden konnte. Er hob seine riesigen Hände und stürzte sich auf Chong.
