KAPITEL 5

Am Wochenende blieben nie viele Schüler im Internat. Ein Teil von ihnen fuhr nach Hause zu ihren Eltern. Andere verbrachten den Samstag und Sonntag bei ihren neu gewonnenen Freunden. Was bedeutete, dass es ein Leichtes war, sich an einem frühen Samstagmorgen unbeobachtet den Hügel hinunter- und zum Schulgelände zu schleichen.

Er sah auf die Uhr. Es war 5:43, im Wald war es ganz still, während er sich mit dem Rucksack über der Schulter auf den Weg machte. Den Schlafsack und seine Ausrüstung hatte er wieder zusammengepackt und unter ein paar Zweigen versteckt, damit kein zufällig vorbeikommender Spaziergänger bemerken konnte, dass jemand hier die Nacht verbracht hatte. Aber der Müll war ein Problem. Er hatte sich schließlich dazu entschieden, ihn zu vergraben, hatte aber auch überlegt, dass es wohl nichts ausmachen würde, wenn er ab und zu eine kleine Abfalltüte mitnehmen und sie in die Müllcontainer der Schule werfen würde. Es war äußerst unwahrscheinlich, dass irgendjemand den Schulabfall durchwühlen und beim Anblick von leeren Kaffeepackungen und Tütensuppen Verdacht schöpfen würde.

Er ging im Kopf noch einmal seinen Plan durch. Er benötigte nicht viele, dafür aber elementare Dinge. Er kehrte auch nicht ganz ohne Vorbehalte zu dem Backsteinhaus und den etwas helleren, barackenähnlichen Gebäuden zurück, die etwas nonchalant zwischen den Bäumen standen. Aber es war nun einmal das Praktischste, und manchmal hatte das Wort praktisch eine magische Wirkung, die den Zweifel der Vergangenheit beiseitezuschieben vermochte, um Platz für die Gegenwart zu machen.

Er kam zu der Stelle, an der das Terrain abzufallen begann, und betrachtete einen Augenblick den Morgennebel, der sich langsam aus der Mulde hob. Von dort aus konnte er die beiden Sorten von Wald gut sehen, die sich hinunter in die Senke erstreckten: satter Buchenwald auf der einen und dunkler Nadelwald auf der anderen Seite. So stand er eine Weile und philosophierte darüber, welchen Wald er bevorzugte. Das Dunkle zog ihn aus verständlichen Gründen stark an. Im Dunklen konnte man sich besser verstecken, und die Nadelbäume verloren ihre Blätter nie, sondern trugen ihr Kleid tagaus, tagein. Aber auch das Helle zog ihn an. Der Buchenwald war wie ein grünes Meer, und er spielte mit einer Unmenge an Farbnuancen von Neongrün bis hin zu der Farbe der Tür und des Fensterrahmens, auf den er die letzten vier Jahre gestarrt hatte. Der Nadelwald war starr, dachte er. Er konnte einen gefangen halten, so dass man ihm nicht entfliehen konnte.

Er bevorzugte das Helle.

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, das Schulgelände zu erreichen, und nicht mehr als zehn Minuten, um sich einen Überblick zu verschaffen. Es war nicht schwer, die Tür zum Küchentrakt aufzubekommen. Er fand ein paar Wasserkanister, die er an dem Wasserhahn draußen auffüllte. Er nahm sich auch etwas zu essen mit, wenn er schon einmal in der Küche war. Die Würstchen und der Schinken waren verführerisch, aber wichtiger waren Haferflocken, Brot, Tee, Kaffee, Zucker und Milch. Und dann steckte er sich noch eine Packung Buchweizengrütze ein.

Er aß so viele Würstchen und Brotscheiben, wie er konnte, und erlaubte sich sogar ein paar Kleckser Senf und Ketchup auf einem Stück Pappe, bevor er den Abfall in den Mülleimer warf. Dann warf er sich den Rucksack wieder über und machte sich an den Aufstieg.

Während er über Baumstümpfe und Wurzeln kraxelte und die Anstrengung in seinen Beinen spürte, tauchten die Erinnerungen an seinen Hund und die gemeinsamen Spaziergänge durch den Wald auf. Das waren die glücklichsten Augenblicke in seinem Leben, die Spaziergänge mit Thor. Die glücklichsten Augenblicke! Ihm war klar, dass dies eventuell mehr darüber aussagte, wie erbärmlich sein Leben bisher gewesen war. Die meisten Menschen würden eine andere Erinnerung nennen: Ferien mit der Familie, die Geburt eines Kindes, ein Wiedersehen nach langer Trennung. Er erinnerte sich an einen Hund.

Mit dieser Erinnerung kamen aber auch andere, während er so weiterstapfte. Und obwohl er mit schnellen Schritten ging und sie auch nicht willkommen geheißen hatte, tauchten sie auf.

Er musste an den Schuss denken. Er konnte den Anblick des Hundes genau vor sich sehen, der auf ihn zugelaufen kam und kurz vor seinen Füßen plötzlich umfiel, während seine Beine weiterliefen, nur in der Luft und ohne festen Boden unter den Pfoten. Er erinnerte sich an den Ausdruck in seinen Augen, diese Traurigkeit und doch Ergebenheit, die sich mit Erstaunen mischten. Er erinnerte sich auch an den Moment, als das Leben aus seinen Augen wich, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet.

Ihm wurde bewusst, dass der Hund das einzige Lebewesen gewesen war, das er jemals geliebt hatte.