»Schade, dass du nicht mit dem Solarium in die Luft geflogen bist.«
Dicte starrte auf den Bildschirm. Im Laufe der Zeit hatte sie eine ganze Menge solcher perfider, anonymer Drohungen und Nachrichten erhalten, und eigentlich war diese auch nicht schlimmer als die anderen. Aber trotzdem brach ihr der Schweiß aus.
Sie sah hoch, Bos und ihr Blick trafen sich. Er war in ein Gespräch mit Cecilie über die Platzierung des AGF in der Superliga vertieft gewesen. Er erhob sich sofort, kam zu ihr an den Schreibtisch und setzte sich auf den Rand.
»Was gibt es, meine Schöne?«
Sie zeigte ihm die E-Mail mit dem Absender [email protected], eine Mailadresse, die garantiert nur für diesen Zweck in irgendeinem Internetcafé eingerichtet worden war.
»Ich hätte sie gar nicht erst öffnen sollen.«
Aber so etwas war schwer. In der Betreffzeile hatte Solarium gestanden, und deshalb war sie davon ausgegangen, einen Tipp zu erhalten. Bo pfiff eine Melodie. Aber der Ernst der Lage war trotz Jumping Jack Flash zu hören.
»Du bist eine gefragte Lady. Alle wollen ein kleines Stück von dir.«
»Was zum Teufel geht hier vor sich?«
Er räusperte sich und stellte einen Fuß mit Cowboystiefel auf den Heizkörper. In dieser Sekunde erinnerte sie sich an das allererste Mal, als er an exakt derselben Stelle gesessen hatte, vor etwa einer Million Jahren, und sie empfand fast so etwas wie Eifersucht auf sich selbst.
»Wer wusste denn, dass du ins Solarium wolltest?«
»Ida Marie.«
»Und wer noch?«
»Du. Alle in der Redaktion. Wagner wusste es von Ida Marie. Das ist ja auch kein Geheimnis, aber ich habe keine Annonce in die Zeitung gesetzt.«
»Muss man da eine Zeit buchen?«
»Nee. Du gehst einfach rein und steckst Geld in einen Automaten, wenn eine Sonnenbank frei ist.«
»Kommst du?«
Davidsen hatte sich den Reißverschluss seines Anoraks bis unter die Nase zugezogen und stand wartend an der Tür. Er war anlässlich der aktuellen weltweiten Finanzkrise an die Wirtschaftsredaktion ausgeliehen worden und sollte mit Bo zu einem Interview mit einer Wohltätigkeitsorganisation fahren, die viel Geld verloren hatte, das freundliche Menschen bei der letzten großen Spendenaktion gegeben hatten. Dicte verstand dieses Verhalten ihres Chefredakteurs nicht, aber es schien Otto Kaiser nicht im mindesten zu irritieren, dass Davidsen kaum den Unterschied zwischen Aktien, Obligationen, Debit und Kredit kannte.
Bo sagte mit einem Nicken zur Seite:
»Die Arbeit ruft.«
Er erhob sich und deutet mit dem Finger auf ihren Bildschirm.
»Vielleicht solltest du mal Ida Marie fragen, ob sie irgendwo ein Plakat angebracht hat.«
Dicte sah den beiden hinterher, wie sie über den Parkplatz gingen und in Bos Auto einstiegen, das wie üblich mit Fotoausrüstungen vollgestopft war, so dass Davidsen sich zuerst einen Sitzplatz freischaufeln musste. Zwei große Männer, der eine ohne Körperspannung und blass in Hochwasserhosen und mit dem Koordinationsvermögen einer angeschossenen Krähe; der andere mit geschmeidigen, schnellen Bewegungen ohne überflüssiges Gezappel, als gäbe es keine Garantie für den morgigen Tag. Bo. Sie hatte in den vergangenen Monaten so vieles, was sie verband, verkümmern lassen. Nähe und Lust waren eingekapselt und auf Stand-by gesetzt worden. Jetzt war in so kurzer Zeit so viel passiert: die Explosion im Solarium mit einer Toten; ihre und Ida Maries Beinahebegegnung mit dem Tod, die Drohmails und die Gedanken an den freigelassenen Sohn, der irgendwo dort draußen war. Und nicht zuletzt auch die Entdeckung, die Bo und sie gemacht hatten, dass sich ihre Glut noch entfachen ließ. Vielleicht sollte sie sich schämen, vielleicht müsste sie Angst haben. Sie empfand beides, Scham und Angst, aber das stärkste Gefühl war, dass sie sich lebendig fühlte.
Sie begann diesen Arbeitstag mit einem Anruf bei der Polizei, um sich zu erkundigen, ob es Neuigkeiten über die Bomben gab, ihre Beschaffenheit und wie das alles zusammenhing. Aber Wagner war unterwegs und ging nicht an sein Handy, und außer ihm war niemand autorisiert, mit der Presse zu sprechen. Da versuchte sie, sich durch eine andere Tür Zugang zu Informationen zu verschaffen. Die Polizei hatte zwei Aufnahmen von Männern mit Rucksäcken veröffentlicht. Sie hatte den einen Mann als jenen Fußgänger wiedererkannt, der durch die Fußgängerzone geeilt war, während sie mit Ida Marie im Café bei Sallings gesessen hatte. Sie rief erneut bei der Polizei an und hatte dieses Mal Jan Hansen aus Wagners Abteilung am Apparat. Ihm gab sie ihren Zeugenbericht zu Protokoll und vereinbarte, dass sie vorbeikommen sollte, um es zu unterschreiben. Allerdings hörte sie aus Hansens Antworten heraus, dass viele Bürger den Mann in der Fußgängerzone gesehen hatten und ihre Aussage von nicht besonders großer Bedeutung war.
»Und die Bombe? Hatte er die im Rucksack?«
Wenn sie schon einen Polizisten am Apparat hatte, konnte sie auch gleich versuchen, etwas aus ihm herauszulocken.
»Das wissen wir nicht genau«, erwiderte der immer zuvorkommende Hansen, wusste aber ganz eindeutig auch nicht mehr als sie.
»Bandenkrieg?«
»Auch darüber kann man im Augenblick nur spekulieren.«
Sie beendete das Gespräch. Dieser Rucksackmann war wahrscheinlich sowieso nur eine Art Soldat gewesen, und der General saß an einem anderen Ort. Aber er war der wesentlich Interessantere. Die Frage war, wer das Ganze inszeniert und gesteuert hatte. Wenn Jan Hansen einen Verdacht gehabt haben sollte, würde er diesen garantiert nicht der Presse mitteilen.
Dann nahm sie ihre Jacke vom Stuhl, richtete eine Rufumleitung auf ihr Handy ein und verließ die Redaktion. Sie musste nicht weit gehen, am Store Torv lag Ida Maries Reisebüro Ostjütländische Reisen. Es waren ein paar Kunden da, die von den Angestellten mit ihren Headsets eifrig bedient wurden. Es schien, als hätte die Finanzkrise Jütland noch nicht erreicht.
»Ist sie da?«
Jane, Ida Maries Firmenpartnerin, sah hoch, lächelte und wies mit dem Finger die Treppe hinunter. Ida Marie saß im Büro und war mit der Post beschäftigt.
»Lob? Beschwerden?«
»Das hier ist echt unglaublich. Da beschwert sich eine Familie darüber, dass sie von ihrem Hotelzimmer aus die Wellen am Strand gehört haben. Sie behaupten, dass sie deswegen nicht schlafen konnten.«
Dicte nahm unaufgefordert Platz.
»Das ist ja auch unerhört! Wie geht es dir?«
Ida Maries Lächeln hätte als Antwort eigentlich genügt, aber es wurde begleitet von einer längeren Ausführung über Scanningtermine, Wartezeiten und den Einkauf von Babysachen.
»Bitte erschrick jetzt nicht«, sagte Dicte schließlich und konnte sofort die Angst in Ida Maries Blick wachsen sehen. Deshalb fuhr sie schnell fort. »An diesem Tag, am Donnerstag, wer wusste noch, dass wir uns verabredet hatten, um 15 Uhr ins Solarium zu gehen?«
Es war deutlich zu sehen, dass Ida Marie dieser Gedanke bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in den Sinn gekommen war. Eine kleine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn.
»Du glaubst doch nicht etwa, dass es etwas mit uns zu tun hat?«
»Nicht mit dir.«
»Aber mit dir?«
»Mir ist der Gedanke gekommen, ja. Wer, meinst du, wusste noch von unserem Treffen?«
Ida Marie schüttelte den Kopf.
»Ich habe es der Familie Donnerstagmorgen am Frühstückstisch erzählt. Und Jane habe ich es gesagt.«
»Sonst niemandem?«
Ida Marie wollte gerade mit Nachdruck das Kopfschütteln wiederholen, als sie mitten in der Bewegung innehielt.
»Ich habe es auf Facebook gepostet, als Statusmeldung.«
»Was hast du?«
In Dictes Blick war ein Vorwurf zu sehen, obwohl nichts Unrechtes geschehen war.
»Facebook, du weißt schon. Ich habe dich auch schon versucht zu überreden.«
»Willst du damit sagen, dass die ganze Welt davon wusste?«
»Nur meine Freunde.«
»Und wie viele Freunde hast du so?«
Ihr Tonfall war hart, das wusste Dicte genau. Ida Marie sah sie schuldbewusst an.
»Hundertzweiundzwanzig.«
»HUNDERTzweiundzwanzig? Richtige Freunde?«
Natürlich hatte sie von Facebook gehört, sich aber nie die Mühe gemacht, mehr darüber zu erfahren. Sie kannte nur ihre eigene Unlust, daran teilzunehmen. So wie ihr Leben war, verbrachte sie ausreichend Zeit im Netz.
»Keine richtigen Freunde. Zumindest nicht alle von ihnen. Willst du es mal ansehen?«
»Ja, danke.«
Dicte zwang sich, ihren Tonfall ein wenig umgänglicher klingen zu lassen. Sie sollte sich unbedingt mehr mit den existenten sozialen Netzwerken auseinandersetzen, an denen so viele teilnahmen. Vor allem hätte eigentlich sie Ida Marie Facebook vorstellen sollen und nicht andersherum.
Sie wartete, während ihre Freundin ihr Facebook-Profil aufrief. Plötzlich war der Bildschirm voller Informationen über Menschen, von denen sie einige wenige kannte, während sie von den meisten neuen Freunden Ida Maries noch nie zuvor gehört hatte. Man sah sofort, wer besonders erpicht darauf war, sich mitzuteilen. Einige hatten vor drei bis sieben Minuten eine Nachricht geschrieben, andere hatten sich schon seit Tagen nicht mehr gemeldet. Sie stutzte, als sie folgende Statusmeldung las: »Anne legt die Füße hoch und gönnt sich ein Glas Rotwein nach einem harten Tag im Kreißsaal.«
Dann war Anne also auch mit von der Facebook-Partie. Eine weitere Welle der Erkenntnis erfasste sie, als sie den Namen ihrer Tochter entdeckte: »Rose trifft sich mit Dorn. Juchhu.«
»Du bist mit Rose befreundet?«
Das klang vorwurfsvoll.
»Sie hat mich angefragt. Deswegen nennt man es ja auch Netzwerk. Wir sind durch andere miteinander in Verbindung gebracht worden, einer, der wieder jemand anderen kennt und so weiter. Für mich ist das total nützlich gewesen.«
»Und was ist mit Roses Freunden? Konnten die auch lesen, dass wir beide ins Solarium gehen wollten?«
»Im Prinzip schon.«
»Im Prinzip?«
»Ja, wenn Rose einen Kommentar geschrieben hat, und das hat sie, soweit ich mich erinnere, getan.«
Ida Marie klickte Roses Namen an und öffnete damit ihr Profil mit Angaben zu ihrem Geburtsdatum, zu ihrem Jurastudium in Kopenhagen, zu ihren Interessen an Literatur, fremden Kulturen und so weiter. Und man erfuhr auch, dass sie gerade mit Aziz zusammen war.
Rose hatte fünfundsiebzig Freunde.
»Können wir die Liste durchgehen?«
Ida Marie nickte und klickte auf die Freundesliste. Dicte erkannte die Namen von Roses Schulkameraden, alten Flammen und anderen. Die meisten hatten Fotos hochgeladen, aber einige versteckten sich auch hinter dem gezeichneten Umriss eines Einheitsprofils.
»Warum haben die kein Foto?«
Sie zeigte auf die Silhouette einer Person mit dem Namen Sabine Berg.
»Entweder hat sie noch kein Foto gemacht oder sich noch nicht die Zeit genommen, es hochzuladen. So sah mein Profil am Anfang auch aus.«
Dictes Blick blieb an einem weiteren gesichtslosen Schattenbild hängen. Peter Andreas Dorn. Es gab keine weiteren Angaben, weder Geburtsdatum, Familienstand noch Beruf. Peter Andreas Dorn hatte eine Nachricht an Roses Pinnwand angebracht. Dicte las: »Freue mich.«
Sie spürte, wie der Boden unter ihr nachgab, der Raum drehte sich. Sie hatte nicht einmal genug Kraft, um darüber dankbar zu sein, dass sie auf einem Stuhl saß.
Peter Dorn. Rose trifft sich mit Dorn. Dornröschen. Es konnte nicht eindeutiger sein.
»Dicte? Was ist los mit dir?«
»Diese Meldung über uns, ist die noch da?«
Ida Marie klickte sich durch die Seite. Die Falte auf ihrer Stirn wurde tiefer und tiefer.
»Was soll das alles bedeuten?«
Dicte schüttelte den Kopf, während die einzelnen Bruchstücke an Informationen sich zu einem großen Ganzen und dann zur Gewissheit formten. Peter Boutrup hatte schon vor langer Zeit zu Rose Kontakt aufgenommen, das hatte er ihr bei einer ihrer ersten Begegnungen gesagt. Das hatte sie tief getroffen, sie wollte unbedingt verhindern, dass ihre erwachsene Tochter ihren Halbbruder fand und erfuhr, dass der wegen Totschlags im Gefängnis saß. Sie hatte Rose damals dazu befragt, aber sie hatte behauptet, keinen Peter Boutrup zu kennen, und sich sehr schnell abgewandt. Viel zu schnell.
Dorn. Keine Rose ohne Dornen. Das klang wie aus einem Chiffrierbuch für Dreijährige. Das war also der Weg, den sich ihre beiden Kinder ausgewählt hatten, um miteinander zu kommunizieren. Und jetzt würden sie sich auch noch treffen.
»Hier ist sie.«
Die Statusmeldung stand ganz am Ende der Liste und war schon längst von aktuelleren Meldungen zur Seite geschoben worden. Aber es gab sie noch: »Bereite schon mal die Herbstferien vor und gehe morgen um 15 Uhr mit Dicte ins Solarium in der Østergade. Will jemand mitkommen?« Etliche hatten den Eintrag kommentiert. Rose war eine davon: »Seid ihr noch ganz dicht? Man könnte glauben, ihr seid Teenager … Habt ihr noch nie von Hautkrebs gehört?«
»Ich habe das nur zum Spaß reingestellt«, entschuldigte sich Ida Marie. »Das war nur, weil ich mich so darauf gefreut habe.«
»Das verstehe ich ja. Es ist auch überhaupt nicht sicher, dass es etwas zu bedeuten hat.«
Dicte stand auf und verabschiedete sich, aber sie wusste, dass sowohl ihre Stimme als auch ihre Bewegungen das genaue Gegenteil von dem ausdrückten, was sie soeben gesagt hatte.