»Du weißt genau, dass ich das nicht kann. Das sind sensible Informationen.«
Dictes Kontakt in der Sozialbehörde war nicht so entgegenkommend, wie sie gehofft hatte.
»Es geht nicht um einen Artikel. Das wird niemals an die Öffentlichkeit gelangen.«
Mia Nellemann schnaubte in den Hörer. Es ließ sich nicht sagen, ob es an ihrer Erkältung lag oder ob sie abweisend klingen wollte.
»Das ist ja noch schlimmer. Ich kann doch keine geheimen Daten für den Privatgebrauch herausgeben.«
»Darfst!«, korrigierte sie Dicte. »Du darfst nicht, aber du kannst schon!«
»Silbenstecher!«
»Sturkopf!«
Mia musste lachen. Dicte nutzte die Chance.
»Ich komme gleich mit Kuchen vorbei, kannst du Kaffee bereitstellen?«
»Kaffee kann ich bereitstellen, aber das ist auch das Einzige!«
»Vergiss den Namen nicht, Cato Nielsen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr ihn in der Kartei habt. Bis gleich!«
Sie dachte nicht mehr so oft daran zurück. Aber die Sozialbehörde hatte sie auch schon einmal unter ihre Fittiche genommen. Damals war sie jung und dumm gewesen und hatte Dinge gemacht, die sie später bereute. Mia Nellemann war einer ihrer Anker gewesen, Mia hatte an sie geglaubt. Sie hatte ihr zugetraut, sich ein Leben außerhalb der Zeugen Jehovas aufzubauen, eine Ausbildung zu machen und klarzukommen, ohne die Familie, die sie verstoßen hatte. Mia hatte damals als Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt in Åbyhøj gearbeitet.
Die Erinnerungen meldeten sich zu Wort, während sie die Guldsmedgade hinunterging, um in der Konditorei »Emmerys« den besten Kuchen der Stadt zu kaufen. Es war eine Zeit in ihrem Leben, die sie am liebsten verdrängte. Trotzdem holte sie die alten Bilder manchmal hervor und betrachtete sie eingehend, um sie dann wieder wegzupacken. Sie erinnerte sich nicht so sehr an Details, vielmehr an den inneren Schmerz, die Verwirrung und die Angst vor dem Ewigen Blutbad, bei dem die Lämmer von den Böcken getrennt wurden und die Auserwählten ins Tausendjährige Reich ziehen durften.
Und sie gehörte schon lange nicht mehr zu den Auserwählten. Sie war eine Abtrünnige. Sie hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht und außerdem ein Verbrechen begangen. Sie hatte die Auflage bekommen, sich regelmäßiger ambulanter psychiatrischer Betreuung zu unterziehen. Sechzehn Jahre alt war sie gewesen, aber nicht der Psychiater hatte sie wieder auf die Beine gebracht, sondern Mia Nellemann. Mia, die sich immer Zeit für sie nahm, Mia, die in ihr die eigene, verlorene Tochter sah. Aber das begriff Dicte erst viel später.
Die kleinen Gesten machten den Unterschied. Eine Tasse Kaffee und zehn Minuten extra, um über dies und das zu quatschen. Mal ein Sandwich, das sie sich teilten. Im Sommer nebeneinander auf der Bank vor dem Gebäude in der Sonne sitzen. Eine aufmunternde Umarmung. Lob, wenn sie gute Noten am Abendgymnasium bekommen hatte.
Natürlich war es nicht dasselbe wie mit Anne. Mia war keine beste Freundin, sondern eher wie Familie. Den Einfluss, den Mia auf sie gehabt hatte, wusste sie erst viel später zu schätzen. Und jetzt war sie auf dem besten Weg, ihre Retterin von damals zu korrumpieren. Zu der sie mit Kuchen angeschlichen kam, um etwas von ihr zu bekommen. Das wusste Mia, und Dicte wusste es natürlich auch.
Sie entschied sich für je zwei unwiderstehliche Schokoladenkuchen und Nusstörtchen und lief einmal quer durch die Stadt zum Rathaus, wo Mia ihr Büro in der Abteilung »Kinder und Jugendliche« hatte.
Mia strahlte. Das hatte sie schon immer getan. Ein strahlendes Lächeln, das helle Haar, die leuchtenden Augen, die einen ganz besonderen Glanz besaßen. In ihrem Blick lag immer aufrichtiges Interesse, so auch an diesem Tag. Sie war eine waschechte Århusianerin und sprach mit einem so breiten Dialekt, dass er sogar für Dicte gewöhnungsbedürftig war. Aber unglaublich charmant. Sie war Ende fünfzig, doch das Alter stand ihr sehr gut. Feine Lachfalten umspielten ihre Augen, und silberne Fäden durchzogen die blonden Haare, die in einem wilden Knoten von einer Spange gehalten wurden.
»Du hast dich gar nicht verändert.«
»Lügnerin«, lächelte Mia geschmeichelt.
»Wer sagt denn, dass das ein Kompliment war? Wo ist mein Kaffee?«
Sie warf die Tüte mit dem Kuchen auf den Schreibtisch. Mia gehörte nicht zu den Schlanksten, und sie liebte Kuchen. Dicte hatte den Verdacht, dass sie sich ausschließlich davon ernährte. Mia erhob sich, um Kaffee und zwei weiße Porzellanbecher zu holen. Als sie wieder zurückkam, war das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden.
»Du hast ihn dir angesehen?«, fragte Dicte. »Ist es eine traurige Geschichte?«
Mia versuchte neutral auszusehen, während sie Kaffee eingoss. Dicte riss die Kuchentüte auf. Schweigend saßen sie sich gegenüber und genossen den Geschmack von Schokolade, der sich mit dem Aroma des Kaffees mischte.
»Ich weiß nicht, wozu du die Informationen benötigst, und ich will es auch gar nicht wissen.«
Mia legte ihr Kuchenstück fast andächtig auf die Tüte.
»Und du bekommst von mir nicht mehr als diesen Kaffee.«
Sie nahm einen Schluck.
»Aber ich darf Fragen stellen?«
»Du kannst fragen, und dann sehen wir, ob ich darauf antworten will.«
»Es gibt also eine Akte über ihn.«
»Ja, die gibt es.«
»Und wie weit reicht die zurück?«
»Bis zur Geburt.«
»Und die war?«
»1978.«
Das war das Jahr, in dem ihr Sohn zur Welt kam.
»Wurde er aus seinem Elternhaus entfernt?«
»Das geht dich nichts an.«
Mia biss vom Schokoladenkuchen ab und schien die Zurückweisung so sehr zu genießen wie den Geschmack der Süßspeise.
»Okay, dann rate ich. Er wuchs auf in einem Kinderheim in Ry oder auch bei Pflegeeltern dort. Er ging auf die Mølleskole. Und hatte Probleme. Rein in die Institutionen und wieder raus. Drogen. Kriminalität. Ein verlorenes Kind.«
»Ein sehr vielversprechendes Kind«, widersprach Mia, die Beschützerin der Schwachen. »Bis irgendetwas Schlimmes passierte, als er circa zehn Jahre alt war. Danach ging es nur noch bergab.«
»Wo wohnt er? Was macht er heute? Wovon lebt er?«
Mia leckte sich genüsslich alle Finger einzeln ab.
»Mann, war das ein leckerer Kuchen. Und teuer, was? Du musst wirklich verzweifelt sein!«
»Verzweifelt ist mein zweiter Vorname.«
Mia lächelte.
»Stimmt, das hatte ich vergessen. Aber nur für einen kurzen Moment!«
»Ich werde dir die Geschichte später genau erzählen, versprochen.«
Mia Nellemann seufzte.
»Die letzte bekannte Adresse ist in der Anholtsgade, Århus C. Aber bis Anfang September hat er sich in der Entzugsklinik Skråen in Odder aufgehalten.«
»Entzug!«
»Ja, so was in der Art. Aber mit Erfolg, soweit ich weiß. Vier Monate war er dort, ein Musterpatient. Hochmotiviert, wie es heißt.«