KAPITEL 52

Der Polizeibericht war sechs Jahre alt und von der Direktion aus Grenå verfasst worden, die mittlerweile als neue Sektion in der Polizei Ostjütland aufgegangen war. Der Stil entsprach der charakteristischen Bullensprache mit verschnörkelten Ausdrücken und steifen Wendungen, garniert mit einigen orthographischen Fehlern, die das Dokument für eine Bewerbung auf dem freien Markt disqualifizieren würden.

Aber der Inhalt war interessant, und Wagner las den Bericht eingehend, bevor er zum Hörer griff und seinen Namensvetter John Petersen anrief, der als Verfasser angegeben und als einer der ersten Beamten am Tatort eingetroffen war. Es erforderte mehrere Telefonate und Warteschleifen, bis endlich eine tiefe Bassstimme in der Leitung erklang.

»John Petersen.«

»John Wagner hier, Polizei Ostjütland, Kriminaldezernat. Ich habe hier den Bericht von Ihnen über die Verhaftung des Peter Boutrup am 7. September 2004 in Gjerrild vorliegen.«

»Ja, der Fall ist ja wieder aktuell geworden. Haben Sie ihn gefunden?«

»Leider noch nicht.«

»Aber Sie haben natürlich den Tatort überprüft, nehme ich an? Draußen in Gjerrild?«

Einer der ersten Einsätze war selbstverständlich die Untersuchung von Boutrups Haus gewesen.

»Ja, klar. Wir waren da, aber ohne Ergebnis. Ich bin beim Lesen des Berichts über ein paar Kleinigkeiten gestolpert und wollte Sie dazu befragen. Könnten Sie mir da weiterhelfen?«

»Schießen Sie los!«

»Es geht aus dem Bericht nicht eindeutig hervor, wer Sie gerufen hat.«

»Ja, das war er selbst. Der Täter, Peter Boutrup. Er gab an, dass er einen Mann erschossen habe, der bei ihm eingebrochen sei. Da gab es kein Versteckspiel.«

John Petersen hatte eine reine Bassstimme. Wagner, der früher im Chor gesungen hatte, mochte diese weiche, tiefe Tonlage.

»Können Sie sich erinnern, wie er geklungen hat? War er aufgeregt? Hat er geweint?«

»Nein, nichts davon. Er war sehr sachlich und klang äußerst gefasst. Und als wir bei ihm ankamen – das war echt kein schöner Anblick, ein toter Hund und ein toter Mann –, war er sehr entgegenkommend und beantwortete alle Fragen. Nur aus dem Mädchen haben wir praktisch keinen Ton herausbekommen …«

John Petersen räusperte sich so laut, dass es dröhnte.

»Ich glaube, sie war Autistin oder so etwas Ähnliches. Sie wirkte auf mich sehr mitgenommen, wir haben keinen zusammenhängenden Satz aus ihr herausbekommen. Sie trauerte vor allem um den Hund, daran kann ich mich noch erinnern. Fast hysterisch.«

»Blieb Boutrup die ganze Zeit unverändert bei seiner Aussage? Dass zwei Männer bei ihm eingedrungen sind und seinen Hund erschossen haben, woraufhin er den einen der Männer erschossen hat und der zweite fliehen konnte?«

»Ja, ganz genau so.«

»Und was war mit dem Mädchen? Wo war sie während des Schusswechsels?«

Wagner hörte ein Rascheln, dann klang es so, als würde sich sein Gesprächspartner etwas in den Mund stecken.

»Im Schlafzimmer, wurde uns gesagt«, schmatzte er. »Verzeihen Sie, Nikotinkaugummi. Ich gewöhne mir gerade das Rauchen ab.«

Wagner drehte diskret die Augen zur Decke. Offenbar hatte jede Abteilung ihren Nikotinsüchtigen.

»Im Schlafzimmer? Waren die beiden ein Liebespaar, was meinen Sie? Darüber steht im Bericht nichts.«

»Das kann ich mir auch nur schwer vorstellen. Das waren Freunde, war eher mein Eindruck. Er hatte etwas sehr Beschützendes ihr gegenüber, der Arzt hat ihr kurz darauf ein Beruhigungsmittel gespritzt.«

»Und die Tatwaffe war Boutrups Jagdgewehr? Wo wurde das gefunden?«

»Das hat er uns ausgehändigt. Wir haben es der Ballistik übergegeben, und damit war alles erledigt. Es war eindeutig die Schusswaffe. Es war kurz zuvor damit geschossen worden, Boutrups Fingerabdrücke waren überall, und die Patronen entsprachen der Munition, mit der Hans Martin Krøll getötet worden war.«

»Aber es gab keine Schmauchspuren an Boutrups Körper, geht aus den Unterlagen hervor? Gibt es eine Erklärung dafür?«

»Soweit ich das verstanden habe, hatte es mit der Waffe an sich zu tun, die einfach kaum Schmauchspuren erzeugt.«

»Die Sache war also Ihrer Meinung nach klar? Kein Zweifel bezüglich Täter, Tatwaffe oder Motiv?«

»Null. Überhaupt kein Zweifel. Er nahm seine Strafe klaglos an, und auch bei der Verhandlung gab es keine Kursänderungen. Alles lief schnurgerade!«

»Ja, das ist genau, was ich meine«, sagte Wagner leise, wie zu sich selbst.

»Wie bitte?«

»Ist das nicht ungewöhnlich?«

Er konnte fast hören, wie sein Kollege am anderen Ende der Leitung mit den Schultern zuckte, während er energisch weiterkaute. Ganz offensichtlich war es ihm ziemlich egal, aus welchen Gründen ein Täter sich für ein sofortiges Geständnis entschied.

Wagner bedankte sich und legte auf. Dann blätterte er die Akte erneut durch. Die beiden Einbrecher, Hans Martin Krøll und Poul Dahl, kannten ganz offensichtlich Peter Boutrup aus Jugendjahren, in denen dieser ein ziemlicher Radaubruder gewesen war und die Nähe zu anderen Jugendlichen gesucht hatte, die immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. Boutrup hatte sich zwar nicht explizit dazu geäußert, aber zwischen den Zeilen stand, dass die drei augenscheinlich noch eine Rechnung offen hatten. Zumindest waren wohl Krøll und Dahl dieser Meinung gewesen.

Er entschied sich dafür, dass sie als Nächstes überprüfen sollten, wo sich Dahl in der Zwischenzeit aufgehalten hatte.

Ein weiteres Mal blätterte er die Akte durch, irgendetwas stimmte da nicht. Das Ganze war viel zu einfach und glatt.

Er hatte diverse Anrufe getätigt und, so gut es ging, ein Profil von Boutrup zusammengestellt. Aber das Bild, das entstand, war sehr verwirrend. Auf dem Papier war er ein Mann mit ansehnlichem Strafregister. Ein paar kleinere Vergehen wie geringfügiger Diebstahl in der Jugend – da musste er unwillkürlich an Alexander denken –, Handgemenge und Mitwirken bei einem einfachen Autodiebstahl; danach folgten einige Jahre als Musterbürger, in denen er eine Ausbildung zum Zimmerer absolvierte, ein Haus kaufte und es renovierte und nach außen ein vollkommen normales Leben führte, mit Hund und Freunden und auch Freundinnen, die kamen und gingen. Diese guten Jahre waren durch den Mord an Krøll abrupt beendet worden, es folgten vier Jahre im Staatsgefängnis in Horsens. In dieser Zeit hatte er an den Folgen einer Nierenerkrankung gelitten und erst nach vielen Wochen im Krankenhaus und intensiver Dialysebehandlung die Niere eines Hirntoten transplantiert bekommen.

Er betrachtete die Fotos aus dem Archiv, in der Boutrup mit der Nummer 51–511 geführt wurde. Was ist dein Geheimnis?, fragte er sich.

Er war sich ganz sicher, dass sie diesen Mann bald finden würden. Aber er war bei weitem nicht sicher, ob sie jemals in die Nähe der Wahrheit gelangen würden.

Er musste an Lena Lund denken, die so überzeugt davon war, dass Dicte Svendsen in diesen Fall involviert war. Welche Rolle hatte Dicte, wenn es so war? Stimmte es wohlmöglich doch, dass Boutrup und sie sich kannten, aber wenn ja, woher?

Es klopfte an der Tür, und Erik Haunstrup von der KTU steckte seinen Kopf herein.

»Hast du Zeit?«

Wagner winkte ihn herein.

»Was gibt es Neues?«

Haunstrup setzte sich und legte einen Hefter auf den Tisch.

»Der Sohlenabdruck. Wir sind einen Schritt weitergekommen. Es hat sich herausgestellt, dass dieses Fabrikat im Zeitraum vom 3.5 bis 25.7 in allen Kvickly-Filialen als ›echte‹ Adidas-Schuhe verkauft wurde.«

»Gut. Sehr gut. Lass uns die Läden in Århus zuerst überprüfen, das erscheint mir am wahrscheinlichsten. Wenn wir nichts finden, können wir den Radius nachträglich erweitern.«

»Wir sind schon dabei. Wir erhalten alle Kredit- und EC-Belege aus dieser Periode, damit die Ermittler sie durchgehen können. Wir kennen bald alle beim Namen, die sich in dieser Zeit in Århus ein paar Adidas-Schuhe mit Karte gekauft haben. Es geht da um etwa zweihundert Paare. Schuhe, meine ich.«

»Das ist aber viel Arbeit.«

Haunstrup nickte.

»Aber nicht unmöglich.«

 

Nicht unmöglich. Er wiederholte die Worte, nachdem Haunstrup gegangen war, als er am Fenster stand. Er sah hinunter auf die Straße und auf den Parkplatz, auf dem die Dienstwagen hielten und in der kleinen Werkstatt repariert wurden. Das war ein komplizierter Fall, aufwendige Ermittlungen, und es gab viele verschiedene Bilder, die sich ergaben, verschiedene Szenarien, die zum Vorschein kamen. Es war problematisch, nicht zuletzt weil Omar Said stumm und Peter Boutrup verschwunden waren. Aber trotzdem gelang es ihnen, sich Schritt für Schritt vorwärtszukämpfen, und jetzt, nach so langer Zeit, spürte er zum ersten Mal so etwas wie Optimismus. Noch war kein Ziel in Sicht. Aber langsam fielen einzelne Puzzlestücke auf ihren Platz, so, als würde man ein kompliziertes Chorstück einstudieren wollen. Am Anfang kann man nicht hören, wie die einzelnen Stimmen zusammenklingen sollen. Aber nach und nach bekommt man ein Gespür dafür, wie schön es klingen wird, wenn alle zusammen mit dem Orchester singen.

So ging es ihm im Augenblick. Er hatte das Gefühl, dass es schwierig war. Aber eben nicht unmöglich.