KAPITEL 8

»Ist die Tat politisch motiviert?«

Der Journalist von Jyllands-Posten kam Dicte zuvor und stellte die Frage, auf die alle eine Antwort haben wollten. Die Kameras klickten, und es blitzte in einem fort, die roten Aufnahmelichter der Fernsehkameras leuchteten auf den Schultern der Kameramänner.

Sie ließ John Wagner und Kriminalhauptkommissar Hartvigsen auf der Pressekonferenz im Konferenzsaal des Polizeipräsidiums nicht aus den Augen. Auf den Tisch, an dem sie saßen, hatte sie, wie die anderen Journalisten auch, ihr Aufnahmegerät gestellt, als handle es sich hier um eine Pressekonferenz des Staatsministers in Christiansborg. Der Fall war groß und bedeutend. Zwei Detonationen hintereinander in der Innenstadt rochen sehr nach Terrorismus. Alle waren erschienen, alle Regionalzeitungen bis hin zum überregionalen Fernsehen.

Bo lehnte mit der Schulter an der Wand.

»Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein CNN-Reporter, der die Tür aufreißt.«

Sie fand das nicht total undenkbar, der Symbolgehalt für die Ereignisse des 11. Septembers war nicht zu übersehen.

»Solltest du hier nicht was arbeiten?«

Er gähnte und streckte sich auf dem unbequemen Stuhl aus. Seine Cowboystiefel berührten dabei zufällig die Beine der jungen Kollegin Renate Guldberg in der Reihe vor ihm, die gerade in die feste Mannschaft der Krimiredaktion der Zeitung Stiften aufgenommen worden war.

»’tschuldigung«, murmelte Bo, als die Journalistin sich zu ihm umdrehte. Aber er zog seine Beine nicht zurück.

»Ach, wir haben im Archiv Aufnahmen von den beiden, von allen Seiten. Und so aufregend sind sie nun auch nicht. Die erinnern mich an Batman und Robin«, sagte er mit einem Kopfnicken zu Wagner und Hartvigsen.

Dicte stieß ihm den Ellbogen in die Seite.

»Jetzt komm schon. Wir können keine veralteten Fotos drucken, das weißt du genau.«

Er richtete sich mühsam im Stuhl auf.

»Wenn es sein muss.«

Er kratzte mit dem Dreitagebart über ihre Wange mit einem angedeuteten Kuss und warf der Madame vom Stiften ein freches Lächeln zu, als er sich endlich mit seiner Kamera erhob. Dicte folgte Renate Guldbergs Blick, als Bo sich entfernte, und verstand sehr wohl das Interesse an diesem langen, sehnigen Körper. Hier sendeten Jeans, T-Shirt und zerzaustes Haar eindeutige, aber effektive Signale, die an Bohnen am Lagerfeuer und Sex unterm Sternenhimmel denken ließen.

Der Zustand der Träumerei und das überwältigende Kribbeln im Körper hielten etwa zwei Sekunden an, dann konzentrierte sie sich wieder auf den Fall. Natürlich hatte Bo recht. Fotos von einer Pressekonferenz waren tatsächlich kein aufreizendes Bildmaterial, und nicht zu selten endete es damit, dass sie sich für Archivbilder oder ein Foto vom abgesperrten Tatort entschieden. Aber Fotos musste er machen, da ging kein Weg dran vorbei. Genauso erging es auch Wagner und Hartvigsen, die ihr Bestes taten, um der anwesenden Presse ein paar Häppchen zu servieren, ohne aber zu viel zu verraten.

»Es könnte sich um eine Verknüpfung von Zufällen handeln!«, antwortete Wagner auf die Frage nach den politischen Motiven.

»Zufälle?«, wiederholte der erfahrene Kollege von der Jyllands-Posten. »Es soll also ein Zufall sein, dass das Auto der Bürgermeisterkandidatin so kurz vor der Wahl in Brand gesteckt und gleichzeitig eine Bombe in einem Solarium gezündet wird und eine körperbehinderte Frau dabei umkommt?«

»Technisch sind die beiden Explosionen noch nicht miteinander in Verbindung gebracht worden«, warf Hartvigsen ein.

»Aber Sie haben doch die Vermutung, dass es sich um ein und denselben Täter handelt?«, meinte der Kollege von Politiken. »Deutet der Tathergang nicht auf al-Qaida hin?«

Wagner zuckte mit den Schultern. Es war unverkennbar, dass er die Pressekonferenz so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte, um mit den Ermittlungen fortzufahren.

»Es könnte so vieles sein«, wiegelte er ab. »Wahrscheinlich hat man eher al-Qaida kopieren wollen. Aber noch ist es zu früh für Mutmaßungen.«

Die Informationen, die nach draußen drangen, waren bisher mehr als spärlich gewesen, vermutlich, weil es nicht so viel zu erzählen gab, aber auch – und das wussten alle –, weil die Polizei die meisten Details geheim hielt. Der Name der Autobesitzerin hatte ja schon eingeschlagen wie eine weitere Bombe, vor allem als publik wurde, dass am selben Tag im Haus von Francesca Olsen eingebrochen worden war. Aber wie das alles mit al-Qaida in Verbindung gebracht werden sollte, konnte Dicte auch nicht sehen. Die zweifache Bombenexplosion war richtigerweise das Markenzeichen der islamistischen Terrororganisation, aber was für ein Interesse sollte al-Qaida haben, sich in einen Wahlkampf in Århus einzumischen? Der Heilige Krieg am Schweinebrunnen auf dem Rathausplatz? Ihr fiel es schwer, diese Theorie ernst zu nehmen.

Eine Unruhe machte sich in ihr breit, während sie Bo beobachtete, der mit seiner Kamera vor den beiden Protagonisten herumtänzelte. Einen Zufall hatte Wagner das genannt, aber ganz offensichtlich selbst nicht dran geglaubt. War es dann auch ein Zufall, dass ausgerechnet das Solarium in die Luft flog, in dem sie sich zusammen mit Ida Marie hatte braten lassen wollen? War es ein Zufall, dass bei der Person eingebrochen wurde, mit der sie einen Interviewtermin hatte und zu der sie nach dem Aufenthalt im Solarium gefahren wäre?

Sie kritzelte ein paar Notizen auf ihren Block, während die beiden Männer die Fragen der Journalisten beantworteten. Zwischendurch warf sie selbst ein paar Fragen ein. Parallel aber arbeitete es in ihrem Kopf an einem Motiv, das sehr wenig mit al-Qaida, aber umso mehr mit ihr zu tun hatte. Sie war keine Unbekannte in der Stadt, und sie war in letzter Zeit ziemlich exponiert gewesen, war schon so oft in der Zeitung genannt und gezeigt worden, dass sie das Zählen aufgegeben hatte. Sie hatte sich in Dinge eingemischt, in die man vielleicht nicht ungestraft seine Nase steckte, und ihre Person schien die Stadt in drei Lager gespalten zu haben. Da war ihre Fangemeinde, die ihr den Status einer Superheldin aus Århus verlieh, mit der Lizenz zum Töten oder zumindest mit dem Recht ausgestattet, in alle möglichen Fettnäpfchen zu treten, solange dadurch die Verbrecher gefasst wurden. Dann gab es die Kritiker, deren Leserbriefe und Mails sie auf die Palme bringen konnten. Und dann gab es diejenigen, die Drohbriefe schrieben. Mails, Briefe und Kurznachrichten, die sie immer gleich löschte, mit denen sie aber eigentlich zur Polizei gehen müsste. Es waren Drohungen, dass sie sich nicht in Sicherheit wähnen sollte. Informationen, dass sie beobachtet werden würde und ihr Wohnort bekannt sei. Morddrohungen … Sie hatte es bisher nie wirklich ernst genommen. Bis jetzt. Ein einziges Mal war die Polizei einem Drohschreiben nachgegangen und hatte einen verwahrlosten, verwirrten Mann aufgespürt. Danach hatte sie aufgehört, die Polizei zu benachrichtigen. Aber vielleicht hatten sich die Umstände mittlerweile grundlegend geändert?

»Und die Obduktion?«, fragte der Kollege von Jyllands-Posten in diesem Augenblick. »Hat die was Neues ergeben?«

Wagner zögerte offensichtlich mit der Antwort.

»Nicht an und für sich«, erwiderte er dann. »Die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass der Tod zeitgleich mit der Explosion erfolgte.«

»Aber sie wohnte doch im ersten Stock, und die beiden Etagen trennte eine massive Deckenkonstruktion. Was für eine Bombe kann so einen großen Schaden anrichten?«, bohrte der Journalist weiter.

»Wahrscheinlich hat nicht die Bombe allein die Explosion erzeugt«, sagte Wagner. »Adda Boel benutzte ein Sauerstoffgerät, das bei der Detonation der Bombe im Solarium durch den Druck und die Flammen ebenfalls explodierte. Und dann hat der Sauerstoff die Brandentwicklung beschleunigt.«

Die Reporter saßen einen kurzen Augenblick schweigend da. Dicte erinnerte sich an den Anblick des brennenden, verrußten Gebäudes, und auf einmal tauchten unglaubliche Details vor ihrem inneren Auge auf, die sie abgespeichert, aber nicht wieder aktiviert hatte: ein komplettes sechssprossiges Fenster inklusive Rahmen, das in einer gigantischen Löschwasserpfütze schwamm. Eine Frau mit blutverschmierten Schnittwunden im Gesicht von den Glassplittern, die wie Pfeile durch die Luft geschossen waren. Rote Dachziegel, die sich gelöst hatten und zerschmettert auf dem Bürgersteig lagen.

»Wir müssen die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Untersuchung und die weiteren Laborwerte abwarten«, sagte Wagner mit Nachdruck und läutete damit das Ende der Pressekonferenz ein. »Wir werden Ihnen die Details vorlegen, sobald wir welche erhalten.«

»Prima, dann sag ich mal danke schön für heute!«

Christian Hartvigsens etwas rustikaler, jütländischer Duktus beendete die Konferenz. Bo knipste noch ein paarmal halbherzig, bevor er zu seinem Platz zurückgeschlendert kam. Die Journalistin vom Stiften stand in der Sekunde auf, als er an ihr vorbeiging, und warf sich ihre Tasche über die Schulter. Dabei traf sie Bo am Arm.

»Oh, Entschuldigung«, sagte die zarte, rothaarige Renate mit einem Lächeln, das Dicte zwar nicht sehen, aber hören konnte.

»Keine Ursache.«

Bo trat galant einen Schritt zur Seite. Dicte verdrehte die Augen zur Decke, spürte aber gleichzeitig ein Stechen in der Brust. Könnte er so etwas tun? Sie konnte es sich nicht vorstellen. Schon gar nicht jetzt, nach der Geschichte mit dem Solarium und ihrer Wiedervereinigung zwischen den Mauersteinen, denn wenn sie ehrlich war, hatte sie in letzter Zeit den Alltag und die Routine regieren lassen. Und wenn Bo eine Sache nicht leiden konnte, dann war es Routine. Dafür hatte er zu viel Feuer im Hintern, und das lag nicht nur daran, dass er achtunddreißig war und somit acht Jahre jünger als sie. So ist er nun einmal, dachte sie zum hundertundsiebzehnten Mal. Rastlos hoch drei. Aber eigentlich auch schon hoch zwei, musste sie sich eingestehen.

 

»Fleischklößchen auf Sellerie?«

»Warum nicht! Ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für ein gutes altes Gericht aus Omas Kochbuch?«

Bo war für das Abendessen zuständig. Dicte schnupperte und wurde in die Vergangenheit getragen, aber nicht zu ihrer Großmutter, sondern in ihr Elternhaus und zu ihrer Schwester. Doch die Erinnerungen waren nicht glücklich, deshalb schob sie sie beiseite.

»Was ist an Pizza falsch?«

»Gar nichts. Aber Sellerie ist gut fürs Sexleben.«

Er steckte sich ein rohes Stück von dem Gemüse in den Mund, packte ihre Taille und schob seine Zunge zwischen ihre Lippen.

»Da siehst du«, sagte er triumphierend, als er sie wieder losließ.

»Findest du sie eigentlich sexy?«

»Wen?«

»Du weißt genau, wen ich meine. Die kleine Renate!«

»Das kleine Rotkäppchen?«

Sie kicherte.

»Bist du dann der Böse Wolf?«

Er packte sie erneut, diesmal etwas fester.

»Findest du?«

»Hmm. Ein bisschen. Aber sie wird nicht in deine Nähe kommen.«

Sie standen dicht beieinander. Seine Antwort hatte sie nicht wirklich beruhigt, aber auch nicht beunruhigt.

»Glaubst du, das hat was mit mir zu tun?«, fragte sie und konnte endlich dem Gefühl Luft machen, das sie weitaus mehr beschäftigte als junge, attraktive rothaarige Journalistinnen.

Er schob sie von sich weg und sah sie so durchdringend an, dass sie den Blick senken musste. Er war hart mit ihr ins Gericht gegangen nach ihrem letzten unbedachten Versuch, die Welt zu retten. Er hatte ihr Selbstgerechtigkeit vorgeworfen und die Vermessenheit, sich unverletzbar zu fühlen. Ausdrücke wie: dümmer als die Polizei erlaubt und anderer Leute Leben in Gefahr bringen, waren auf sie niedergegangen.

Das hatte weh getan und Spuren hinterlassen. In der Regel konnte sie mit Kritik ganz gut umgehen. Aber nicht von Bo.

»Das hoffe ich nicht«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Das hoffe ich verdammt noch mal nicht.«

Er drehte sich um und begann, kleine Fleischbällchen mit einem Löffel zu formen und diese in das siedende Wasser zu werfen.

»Und dann auch noch an diesem Datum«, murmelte Dicte.

»Was hat denn der 11. September mit dir zu tun?«

»Das meine ich nicht. Die Entlassung. Am Mittwoch.«

Ihre Blicke trafen sich über dem dampfenden Kochtopf.

»Ich wusste nicht, dass du die Sache im Auge behalten hast. Hast du nicht gesagt, er sei dir egal?«

Sie starrte in den Kochtopf, in dem die Fleischklöße auf und ab hüpften. Hatte sie jemals wirklich selbst daran geglaubt?

»Aber das ist er ganz offensichtlich nicht?«

»Offenbar nicht.«

Er nahm ein Messer und schlachtete den Sellerie, der in zwei Hälften zerfiel.

»Weißt du, wo er jetzt ist?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Aber du hast vor, das herauszufinden? Du hast vor, ihn zu treffen?«

Sie wusste es selbst nicht, deshalb zuckte sie nur mit den Schultern, wusste aber, dass er sie viel besser kannte. Er kannte sie sogar besser als sie sich selbst.