KAPITEL 73

»Natürlich kann ich mich an sie erinnern. Aber sie war nur eine Figur im Hintergrund, ich habe seitdem keinen Gedanken an sie verschwendet.«

Sie hielten gegenüber vom Bahnhof in Lystrup und stiegen aus. Peter B knallte die Tür mit Nachdruck zu.

»Cato war ständig bei ihr, aber wir anderen hatten nichts mit ihr zu tun.«

Dicte überprüfte die Hausnummern.

»Das ist da drüben, auf der anderen Straßenseite.«

Sie liefen quer über die Straße und gingen auf ein gelbes, zweistöckiges Backsteingebäude zu.

»Francesca Olsen hatte also nichts mit dem Betrieb im ›Titan‹ zu tun?«

Peter B blieb vor der Eingangstür stehen.

»Hier ist es. Sein Name muss hier irgendwo stehen … Nein, sie hatte damit überhaupt nichts zu tun.«

»Du musst das doch mitbekommen haben, dass sie für den Posten der Bürgermeisterin kandidiert? Du wusstest auch, dass ihr Auto in die Luft gesprengt wurde. Du musst doch eine Verbindung gesehen haben. Warum hast du nichts gesagt?«

Sie hörte den Vorwurf in ihrer Stimme. Er hatte ihr nur kleine Brocken seiner Wahrheit hingeworfen, aber genauso viel zurückgehalten. Wie sollte sie ihm vertrauen können? Aber er zuckte nur mit den Schultern.

»Was hätte das für einen Unterschied gemacht? Die Leute glauben nur das, was sie glauben wollen, und sie sehen auch nur das, was sie sehen wollen. Über mich war schon von vornherein ein Urteil gefällt worden, und das hat noch Bestand.«

Er fuhr mit dem Finger die Klingelschilder ab und drehte sich dann zu ihr um.

»Es gab Gerüchte, dass er sie geschlagen haben soll. Sie lief oft mit Sonnenbrillen rum. Aber sie war nur ein Schatten in unserem Leben, ohne jede Bedeutung für mich. Wollen wir klingeln?«

Dicte nickte.

Sie sah, wie er tief Luft holte. Die Leichtigkeit in seinem Tonfall klang aufgesetzt, aber da konnte sie sich nicht sicher sein. Vielleicht aber lag die Angst der Vergangenheit darunter und brodelte.

»Wahrscheinlich ist er einfach ein alter Mann«, sagte er.

Er klingelte. Keine Reaktion. Er klingelte ein zweites Mal, wieder keine Reaktion. Dann ließ er seinen Blick erneut über die Klingelschilder gleiten und betätigte einen anderen Knopf. Wenige Augenblicke später ertönte die Stimme einer älteren Frau durch die Gegensprechanlage.

»Wer ist das?«

»Hier ist die Post«, antwortete er. »Ich habe ein Päckchen für Villy Andersen. Wenn Sie so freundlich wären und mir aufmachten, dann spart er sich den Weg zur Post, um es abzuholen.«

»Darüber wird er sich aber freuen«, sagte die Frau. »Sie können es ihm ja einfach auf die Fußmatte legen.«

»Haben Sie vielen Dank!«

Der Türöffner summte, und er stieß die Tür auf. Sie gingen in den 2. Stock hoch, Dicte hatte die Befürchtung, dass die Frau jeden Augenblick aus lauter Neugier im Treppenhaus erscheinen würde, aber nichts dergleichen geschah. Bei Villy Andersen Wohnungstür angekommen, klingelten sie ein drittes Mal. Aber auch dieses Mal blieb alles still. Sie drückte die Türklinke herunter, die Tür ging auf. Sie betraten einen Ort des Chaos.

»Verdammte Scheiße!«

Das hier sah nicht aus wie in einem zerstörten Solarium. Hier war keine Bombe explodiert, und nirgendwo lagen Splitter und verkohltes Material. Trotzdem gab es die Zeichen von Verwüstung. Umgeworfene Möbel, Vasen, Kissen und Aschenbecher auf dem Boden verstreut. In einer Ecke lag die zerbrochene Bronzefigur einer Balletttänzerin. Dicte unterdrückte den Drang, die Bruchstücke aufzuheben. Sie rückte auch nicht das Bild an der Wand zurecht mit dem Jagdmotiv, das schief hing, als wäre jemand mit voller Wucht dagegengeschleudert worden. Eine Kaffeekanne lag umgekippt auf dem Couchtisch, der Kaffee war bereits eingetrocknet. In einem Käfig am Fenster saß ein Kanarienvogel.

Dicte trat näher heran. Der Vogel hatte sowohl reichlich Wasser als auch Körner.

»Das muss hier in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert sein.«

Peter B fuhr mit einem Finger über den Kaffeefleck auf dem Tisch, ohne dadurch etwas zu verwischen.

»Ja, so in etwa.«

An einigen Stellen waren die Bücher aus dem Regal gefallen. Es sah nicht aus, als hätte jemand etwas Bestimmtes gesucht, sondern vielmehr so, als wäre ein Ellenbogen mit Absicht gegen eine Bücherstütze gekommen und hätte dadurch einen Wörterregen verursacht. Dicte beugte sich nach unten, während Peter B eine Runde durch die kleine Wohnung drehte.

»Finger weg«, sagte er. »Nichts anfassen.«

Sie entdeckte etwas zwischen den Büchern auf dem Boden und hob es hoch. Es war ein Fotoalbum. Sie hockte auf dem Teppich und blätterte es durch. Wenn man von der Kleidung ausging, waren das Aufnahmen der letzten zehn Jahre. Er sah weder eins von Francesca noch von einem ihr bekannten Gesicht. Lauter fremde Menschen starrten sie an. Peter B beugte sich über sie.

»Das ist er.«

Er zeigte auf das Foto eines Mannes in einem gelbblauen Trainingsanzug mit einem Ball unter dem Arm. Er war umringt von einer Gruppe von kleinen Jungen, die ebenfalls Trainingsanzüge mit gelben und blauen Streifen anhatten. Er war Ende fünfzig, mittelgroß und muskulös, mit kräftigen Beinen und kurzen Armen. Sein Haar trug er kurzgeschoren, wie beim Militär. Sein Nacken war feist, und es bildeten sich Falten, was man sehr gut sehen konnte, weil er sein Gesicht von der Kamera abgewandt hatte, um einem Jungen zuzulächeln. Er hatte etwas Onkelhaftes. Man erwartete fast, dass er gleich eine Tüte Bonbons auspacken und sie spendieren würde.

»Die sehen doch ganz fröhlich aus«, sagte sie.

»Die kennen ihn nicht.«

»Wo ist er jetzt? Wo hat Cato ihn hingeschleppt? Denn das hier war doch Cato, oder?«

Er schnupperte, als würde die Luft ihm eine Antwort geben können.

»Ja, Cato. Ich weiß vielleicht, wo er ist.«

»Schon wieder die Esche? Da, wo das Titan gewesen ist? Glaubst du wirklich, dass er so berechenbar ist?«

Er drehte die nächste Seite im Fotoalbum um. Viele fröhliche Menschen. »Die Frage ist, was notwendig, was unumgänglich ist.«

»Die Erfüllung seines Schicksals? Gerechtigkeit?«

Er nickte. »Zumindest das, was Cato als Gerechtigkeit empfindet. Und das, was auch die anderen als Gerechtigkeit empfinden würden. Das habe ich bis vor ein paar Jahren auch getan.«

»Aber dann hast du das aufgegeben?«

»Ich habe es aufgegeben, weil es keinen anderen Zweck hat, als weiteren Hass zu säen. Aber sosehr ich ihn auch gehasst habe, ich wollte endlich davon frei sein.«

Sie konnte ihn gut verstehen. Er wollte endlich seinen Frieden haben. In seinem Leben hatte genug Krieg geherrscht.

Sie warf einen letzten Blick ins Album. Er drehte die nächste Seite um, und darauf strahlten ihnen zwei Gesichter entgegen vor einem Strauß weißer Rosen und rosa Nelken.

Villy Andersen trug eine rosa Nelke im Knopfloch. »Århus 5. 5. 2000« stand unter dem Foto.

»Es scheint, dass er noch einmal geheiratet hat«, sagte Peter B.

Dicte sah von Braut zu Bräutigam. Von dem einen Lächeln zu dem anderen. Die Braut war sehr jung, vielleicht nur halb so alt wie ihr Zukünftiger. Sie hatte ein hübsches, ovales Gesicht, perfekte Zähne und perfekt sitzendes Haar. Irgendetwas an ihr kam Dicte bekannt vor.