KAPITEL 34

Sein Gesicht war überall zu sehen, im Fernsehen, in den Zeitungen und Zeitschriften. Man konnte ihm nicht entkommen. Seine Augen – und dieser intensive Blick, der ihrem so glich – starrten sie von allen Seiten an und erinnerten sie an die wenigen Gespräche, die sie von Angesicht zu Angesicht gehabt hatten. Sie erinnerten sie an die kurzen Momente, in denen sich sein innerer Vorhang ein Stück gelüftet und sie die Hoffnung gehabt hatte, zu ihm durchzudringen. Um dann nur wieder erneut abgewiesen zu werden.

Dicte parkte ihren Fiat und ging auf das Gebäude zu, in dem sich eine Holzhandlung befand. Wenigstens war sie in der Lage, die ganze Geschichte beiseitezuschieben, indem sie etwas unternahm. Sie war immer gut darin gewesen, Taten sprechen zu lassen. Ihre Taten waren zwar nicht immer sachdienlich, aber lieber so, als in einer Starre gefangen zu sein, in der sich nichts mehr bewegte, nicht einmal in die falsche Richtung.

In der Auffahrt stand ein Lieferwagen mit der Aufschrift »Grenå Holzhandlung« in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund. Die Holzhandlung bestand aus einem Wohngebäude, einer Halle und einer Garage. Die Halle schien menschenleer zu sein, dafür war sie voller Stapel von Holz, Spanplatten, Latten und Brettern, die den Raum mit dem Geruch von Wald erfüllten. Obwohl sie niemanden sah, betrat sie die Halle und bemerkte gleich, dass es im Schatten wesentlich kühler war als draußen in der Sonne. Auf Zehenspitzen schlich sie durch das Warenlager und sah sich suchend um, als plötzlich der ohrenbetäubende Lärm einer Motorsäge durch den Raum dröhnte. Er kam aus dem hintersten Teil der Halle, wo ein Mann mit einem Visier vor dem Gesicht Holzbretter zerteilte, dass die Späne nur so flogen. Das Sägemehl fiel neben seinen Füßen zu Boden wie frischgefallener Schnee.

Er sah auf, als er nach einem neuen Stück Holz greifen wollte, und entdeckte sie. Er schaltete die Säge aus und klappte das Visier hoch.

»Ja, bitte? Suchen Sie jemanden?«

Sie stellte sich vor und zeigte ihm das Foto.

»Ist das nicht dieser Mörder, nach dem sie fahnden? Sind Sie von der Polizei?«

»Ich bin Journalistin. Und ich habe gehört, dass er früher in der Nähe von Grenå gewohnt und als Zimmerer gearbeitet haben soll.«

Der Mann betrachtete das Foto eingehend, dann schüttelte er den Kopf.

»Ich kenne ihn nicht. Aber ich wohne auch noch nicht so lange hier. Sie sollten den Meister fragen, aber der ist unterwegs.«

»Wann kommt er denn zurück?«

»Ich rechne gegen Mittag mit ihm. Aber glauben Sie nicht, dass er mal was gesagt hätte, wenn er ihn kennt? Wir haben ihn ja alle im Fernsehen gesehen?«

»Wo könnte ich noch fragen? Für wen kann er noch gearbeitet haben?«

Der Mann griff nach einem Stück Holz und legte es auf seinen Sägebock. Dann schaltete er die Motorsäge wieder ein und rief ihr durch den Lärm zu:

»Das kann ich nicht sagen. Für eine kleinere Firma vielleicht. Oder selbständig. Das tun viele, wenn sie fertiggelernt haben. Dann hat man keine Lust mehr, für andere zu arbeiten, und die Zeiten waren ja günstig dafür. Sind es immer noch.«

Bevor sie von zu Hause losgefahren war, hatte sie mithilfe des Branchenverzeichnisses eine Liste möglicher Arbeitgeber zusammengestellt. Als sie wieder im Wagen saß, überflog sie die Namen und tippte die zweite Adresse ins Navi: Vagn’s Schreiner- und Handwerkerbedarf in Gjerrild. Sie fuhr den Mellemstrupvej entlang, vorbei an einem Reiterhof und durch eine Stadt mit Namen Veggerslev. Drei Kilometer vor Gjerrild passierte sie ein Wäldchen, das den Ort umgab. Das Nonnenkloster Maria Hjerte stand gleich am Ortseingang, unmittelbar hinter dem Schild »Willkommen in Gjerrild«. Dahinter wand sich die Stadt wie eine lange Schlange zwischen der Kirche und dem Ortsausgang, an dem sich ein Supermarkt befand. Sie folgte den Anweisungen der freundlichen Frauenstimme ihres Navigationsgeräts, bis ihr mitgeteilt wurde, dass sie ihr Ziel auf der rechten Seite erreicht habe. Das Problem war nur, dass sich auf der rechten Seite ein endloser Acker erstreckte. Vagn’s Handwerkerbedarf existierte offensichtlich nicht mehr oder war umgezogen.

Sie entschied sich für einen dritten Namen auf der Liste und fütterte die Navi-Madame mit neuem Material. Rimsø lag vier Kilometer von Gjerrild entfernt. Das Land wurde hier für den Ackerbau genutzt, die Erde sah fruchtbar und fett aus. An einigen Stellen waren die Äcker schon gepflügt worden, an anderen standen noch die Stoppeln vom Vorjahr.

Der kleine Holzhandel lag am Rand der Ortschaft. Er hatte eine eigene kleine Windmühle und war in einem ehemaligen, freiliegenden Gutshof untergebracht. Die etwas ramponierte Kletterrosenidylle bestand aus einem Fachwerkhäuschen, inklusive abgeblätterten Sprossenfenstern und einem Mauerwerk, das nach neuem Kalk schrie. In der Auffahrt auf einem kleinen Parkplatz standen ein PKW und ein Lieferwagen, beides ältere Modelle. Der PKW hatte zwei Kindersitze. Der nächste Nachbar schien mehrere Kilometer entfernt zu sein. Sie fuhr einen großen Bogen, um zu wenden, und passierte einen großen Haufen Rindenmulch, hinter dem sich ein Stapel unbehandelter Bauhölzer erhob, aller Wahrscheinlichkeit nach Kiefer.

Dicte hielt auf der Auffahrt und ging zum Haupthaus, um zu klingeln. Sie hatte sich umgesehen, aber außer einer graugestreiften Katze kein Lebewesen entdecken können. Ein Hund bellte, als sie ihren Finger auf die Klingel drückte, und kurz darauf erschien eine Frau in der Tür. Sie war jung, höchstens Ende zwanzig und praktisch farblos. Fahle Haut, bleiches Haar und bleiche Lippen in einem schmalen Gesicht. Sogar die Augen hatten ein sehr helles Blau, wie eine zu stark verdünnte Wassermalfarbe. Hinter ihr im Flur türmten sich Schuhe und Spielsachen.

»Ist der Zimmermeister zu Hause?«

Die Frau beugte sich nach unten und nahm ein kleines Mädchen auf den Arm, das höchstens ein Jahr alt war. Dem Kind lief der Rotz aus der Nase, und ihre Mutter fischte automatisch ein Taschentuch aus der Hose und wischte ihn ab. Ganz zärtlich und vorsichtig waren ihre Bewegungen.

»Nein, er ist unterwegs.«

»Vielleicht können Sie mir ja helfen.«

Dicte holte das Foto aus der Tasche. Die Frau betrachtete es lange.

»Peter«, sagte sie. »Nach ihm wird doch gefahndet. Wer sind Sie?«

»Familie.«

Journalistin wäre jetzt fehl am Platz gewesen, sagte ihre Intuition. Hier draußen auf dem Land machten alle zu, wenn sie das hörten. Das Gesicht der Frau veränderte sich, es sah aus wie Glas, fast durchsichtig. Sie rückte das Kind auf ihrer Hüfte zurecht und sagte:

»Ich dachte, er hat keine Familie.«

»Doch, das hat er. Und ich suche ihn, um ihm zu helfen.«

Mit diesen Worten überzeugte sie sich auch selbst.

»Ich glaube, dass er unschuldig ist. Ich glaube nicht, dass er diese Frau umgebracht hat. Hat er hier bei Ihnen gearbeitet?«

Die andere nickte. In diesem Augenblick schoss der Hund aus dem Haus und jagte hinter dem Kater her, der mit aufgestelltem Schwanz über den Hofplatz floh. Das kleine Mädchen begann zu quengeln. Die Frau wiegte es in ihrem Arm hin und her.

»Sie hat Hunger. Ich muss jetzt mit ihr rein.«

»Wissen Sie, wo er gewohnt hat?«

»Nicht genau. Aber er kam immer mit dem Fahrrad, also kann es nicht ganz so weit weg sein. Manfred weiß es. Er hat Peter damals geholfen, irgendetwas an seinem Haus zu reparieren.«

»Wo finde ich diesen Manfred denn?«

Das Kind weinte mittlerweile lauthals.

»Er ist beim Dorfpolizisten. Ja, so nennen wir ihn … Da sollte ein neues Dach aufs Haus. In Gjerrild.«

Sie sprach den Ort Gerrild aus. Sie habe zwar die Adresse nicht, aber das Haus stünde in der Nähe der Kirche. Im Pfarrhof wüssten sie Bescheid. Ehe Dicte noch weitere Fragen stellen konnte, zog sie sich ins Haus zurück. Der Hund, ein pudelartiger Mischling mit zotteligem Fell, konnte noch so eben gerade durch den Spalt hineinschlüpfen, bevor die Tür ins Schloss fiel.

Dicte fuhr die Strecke zurück durch das kleine Wäldchen nach Gjerrild. Die Kirche war einfach zu finden. Weiß gekalkt und stolz stand sie auf der höchsten Erhebung der Stadt. Das Haus daneben war wahrscheinlich der Pfarrhof, vermutete sie. Ein großer, vierseitiger Hof mit schwarzem Fachwerk, der frisch gestrichen aussah. Sie klingelte, und ein gutaussehender Mann, nicht älter als fünfunddreißig, öffnete die Tür.

»Sind Sie der Pfarrer?«

»Meine Frau ist Pfarrerin. Kann ich Ihnen dennoch behilflich sein?«

»Ich bin auf der Suche nach dem Dorfpolizisten.«

Er sah aus wie aus einem Modemagazin für Männer entsprungen, für den eher rustikalen Geschmack. Er trug Cordhosen, Öljacke und kniehohe Gummistiefel. Es fehlte nur noch ein Jagdhund an seiner Seite.

»Jørgen Thomsen. Der wohnt dort drüben in dem roten Haus. Neben der Schule.«

Er streckte den Arm aus. Sie sah zwei Männer auf einem Hausdach. Sie bedankte sich, ließ den Wagen stehen und lief quer über den Kirchplatz auf das rote Haus zu.

Dort angekommen, drehte sie sich um und warf einen Blick auf die Kirche, den Pfarrhof und den Mann der Pfarrerin, der ihr nachgesehen hatte.

Sie blieb einen Augenblick still stehen, sog den Geruch des Herbstes ein und versuchte, den Ort zu erspüren. Auf der einen Seite befand sich das Licht, die Helligkeit, von der anderen Seite drängte die Dunkelheit. Hinter der Stadt erstreckte sich der Wald mit seinen Schatten und schien die Häuser förmlich vor sich her an die Küste zu schieben. Und plötzlich wusste sie, dass er hier gelebt hatte. An diesem Ort, gefangen zwischen Licht und Dunkelheit, dass er sich hier zu hause gefühlt hatte. Bis zu dem Tag, an dem etwas geschehen war, das sein ganzes Leben verändert hatte.

Auf dem Dach war ein Poltern zu hören. Einer der Männer saß rittlings auf dem First, der andere stand ganz oben auf einer Leiter und arbeitete ihm zu. Aber er bemerkte sie.

»Sind Sie Manfred?«

Der Mann nickte zu seinem Kollegen auf dem Dachfirst.

»Er sitzt da oben. So ist er näher bei Gott. MANfred«, schrie er, und Manfred sah nach unten. »Hier will jemand mit dir sprechen.«

Manfred hatte etwas im Mund und einen Hammer in der Hand, er gestikulierte wild und deutete an, dass er gleich kommen würde. Er war ein kleiner Mann; flink wie ein Eichhörnchen kletterte er vom First, fand die Sprossen der Leiter, und schon stand er vor ihr auf dem Boden.

Dicte verlor keine Zeit und wiederholte ihre Anfrage von vorhin. Manfred stand einen Augenblick reglos da, als müsse er seine Antwort abwägen.

»Sehen Sie das da hinten?«

Er nickte in Richtung Küste und Licht. »Er hat an der Steilküste gewohnt, in einem alten Fischerhaus, das er billig gekauft hatte und das eine liebevolle Hand brauchte.«

Er sah sie an. »Und das hat es von ihm bekommen. Eine liebevolle Hand. Etwas, was er bestimmt selbst nie erfahren hatte.«

Dicte ignorierte den Stachel, der sich in ihr Herz bohrte.

»Und er hat also für Sie gearbeitet? Wann war das denn?«

»Ja, er hat ein paar Jahre für mich gearbeitet, ehe er in den Knast ging. Das muss 2002 gewesen sein, oder so. Er hatte gerade seine Ausbildung beendet, ein Jahr in einem Betrieb gearbeitet und sich was für eine Anzahlung zusammengespart.«

»War er dort allein?«

»Ab und zu habe ich ein Mädchen gesehen, ich kann mich aber nicht an ihren Namen erinnern. Ich glaube aber nicht, dass sie ein Liebespaar waren, sie wirkte auf mich eher, wie eine, die nicht alleine klarkam. Da stimmte irgendwas mit ihrem Bein nicht.«

»Inwiefern? Hat sie gehumpelt?«

Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Nein, eher so, als würde sie es nicht unter Kontrolle haben.«

»Wissen Sie, woher sie kam?«

»Nein. Sie hat auch nie viel gesagt, war ziemlich schüchtern. Ich habe sie seitdem auch nie wieder gesehen.«

Dicte war überrascht von den verschiedenen Zügen ihres Sohnes. Ein schüchternes Mädchen mit einem zuckenden Bein. Das klang, als hätte er sich um eine Hilfsbedürftige gekümmert. Oder war es in Wirklichkeit andersherum?

»Wer wohnt denn jetzt in dem Haus?«

Manfred zuckte mit den Schultern.

»Niemand, soweit ich weiß. Ich bin schon lange nicht mehr da gewesen. Es liegt auch ziemlich abseits der Straße.«

»Ein Fischerhaus, haben Sie gesagt?«

»Sie können es gar nicht verfehlen. Es liegt in zweiter Reihe, davor stehen zwei Fachwerkhäuser. Er hat sich eine Dachgaube gebaut, die ist grau gestrichen. Und das Haus ist gelb.«

Manfred kratzte sich mit dem Hammer am Kinn.

»Das ist echt ein hübsches Häuschen gewesen.«

 

Sie fuhr einfach auf das Licht und die Helligkeit zu, und plötzlich lag das Meer vor ihr, die Bucht unterhalb von Djursland im Nordosten, die Stadt und den Wald im Rücken. Das Wasser sah blass und glatt aus, aber sie konnte sich vorstellen, wie der Wind an seiner Oberfläche zupfte und die Schiffe sich durch die Wellen kämpften. Weit draußen sah sie einen Frachter, der auf Reede lag und auf den nächsten Auftrag wartete. Die Steilküste erhob sich direkt hinter dem Strand. Sie folgte einem schlammigen Feldweg, der die grünen Felder mit Präzision zerteilte. Die Wege hier hießen Lunkærvej, Noldervej und Resækvej und klangen so ganz anders als andere Straßennamen.

Auf einem Pfahl saß eine Möwe und schlief, als sie sich den gelben Fischerhäusern näherte, die an der Kante der Steilküste standen. Sie hob zuerst nur schläfrig den Kopf, und als sie an der steilen Wand vorbeifuhr, konnte Dicte sie im Rückspiegel in den Himmel ragen sehen, als wären Freiheit und Raum unendlich, als gäbe es keine Grenzen.

So muss er sich hier gefühlt haben, dachte sie, als sie den Motor ausschaltete. Die ultimative Freiheit: steil nach unten und hoch in die Luft und rechts und links nur Meer, Küste und Strand.

Sie ließ die Schlüssel stecken, warf die Autotür zu und ging langsam zu dem Haus in der zweiten Reihe. Es war wie die anderen auch gelb und hatte eine graue Dachgaube, die sich über die gesamte Länge des Gebäudes erstreckte. Man konnte noch deutlich sehen, dass sich der Besitzer vor Jahren sehr um das Anwesen gekümmert hatte. Es war umgebaut und ausgebessert worden, aber jetzt stand es leer und verfiel, die gelbe Farbe blätterte ab, und Feuchtigkeit und Fäulnis machten den Holzbalken unter der grauen Farbe und den Fensterrahmen zu schaffen. Wohnte jemand da drin? Gehörte ihm das Haus nach wie vor? Manfred hatte gesagt, dass er nicht dort sei, aber vielleicht stimmte das nicht? Oder vielleicht war ein Zeichen von ihm da. Ein Hinweis, der sie auf seine Spur führen könnte.

Sie versuchte, durch die Fenster zu sehen, aber die Gardinen waren zugezogen, kein einziger Lichtstrahl drang hinein. Sie wollte eigentlich klingeln, wusste hinterher aber nicht mehr, warum sie stattdessen die Türklinke heruntergedrückt hatte.

Sie trat in einen kleinen Flur und von dort ins Wohnzimmer. Es war ein weißes und schlichtes Haus: weiße Wände, weißgestrichener Fußboden, eine Sofaecke mit weißem Bezug und weiße Bücherregale, in denen sich Berge von Büchern stapelten. Allerdings war das Weiß nicht mehr ganz so weiß. Die Möbel und der Fußboden waren schmutzig, die Gardinen graubraun. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass es früher sehr gemütlich und schön in diesem Zuhause gewesen war. Es stand kein Krimskrams herum, man hatte nur die Natur vor der Tür als Gesellschaft. Auch kein Fernseher, soweit sie das sehen konnte. Dafür hingen ungerahmte Bilder und Zeichnungen an den Wänden, ganz offensichtlich von ein und demselben Künstler. Ein Motiv zog sich durch alle Arbeiten: ein riesiger, brennender Baum. Sie trat ganz nah heran, um die Signatur zu lesen: PEB. Peter Boutrup?

Sie ging weiter in die Küche. Dort beschlich sie ein ungutes Gefühl. Auf dem Tisch stand benutztes Geschirr, in der Spüle stapelten sich Teller. Es roch nach Rauch! Ihr Herz begann wild zu schlagen. Hier wohnte jemand, im Haus ihres Sohnes. Sie hatte kein Recht, hier zu sein. Vielleicht war es der neue Eigentümer. Vielleicht …

»Hände hoch, sonst puste ich dir die Birne weg.«

Die Stimme war männlich, verlebt, brüchig und voller Hass. Langsam hob sie die Hände, während sich ihr Körper eigenständig dazu entschied, alle Muskeln anzuspannen und sich auf ein Projektil vorzubereiten, das unter Umständen gleich eindringen würde.

»Ich wusste nicht, dass hier jemand wohnt.«

Die Angst raubte ihr den Speichel, ihr Mund war trocken, die Zunge klebte am Gaumen. Das Herz hämmerte wie ein Motor ohne Öl. Ihre Augen brannten.

»Dreh dich um.«

Vorsichtig befolgte sie die Aufforderung. Der Mann hatte einen Schritt nach hinten gemacht. Er hatte halblanges, zerzaustes Haar, hohe Wangenknochen, die Augen glänzten. Er trug eine verdreckte Jogginghose und war obenrum nackt.

»Und jetzt geht es raus. Und marsch!«

Er wedelte mit dem Gewehr.

»Sonst bekommst du dieselbe Behandlung wie die letzten Gäste.«

Sie wollte fragen, wer er sei, aber die Angst schnürte ihr den Hals zu. Psychopath war ein Wort, das ihr sofort in den Sinn kam. Sie war mit einem Psychopathen in einem fremden Haus gefangen, und niemand wusste davon. Wenn sie nicht vorsichtig war, würde sie im Haus ihres Sohnes sterben.

Sie schob sich an dem Mann vorbei. Er stank nach Schweiß, ungewaschenen Haaren und Rauch. Während sie langsam durch Wohnzimmer und Flur das Haus verließ und sich auf ihren Wagen zubewegte, erwartete sie jeden Augenblick, eine Kugel in den Rücken zu bekommen.