»Wenn Sie Hilfe brauchen, bitte zögern Sie nicht, es mir zu sagen«, sagte der Vorsitzende des Kulturausschusses und klopfte ihr auf die Schulter.
»Wenn es irgendetwas gibt, was ich für Sie tun kann, dann wissen Sie, wo Sie mich finden können«, sagte der amtierende Bürgermeister.
»Wie geht es Ihnen? Sie sehen müde aus«, sagte der Vorsitzende des Sozialausschusses auf dem Weg zu seinem Platz und ohne auf eine Antwort zu warten.
Es nahm kein Ende. Unterstützungsbekundungen und Absichtserklärungen flogen durch die Luft wie die ersten Herbstblätter, die sie noch vor wenigen Minuten auf dem Weg zur Stadtverordnetenversammlung ziellos auf dem Rathausplatz hatte herumwirbeln sehen. Sie alle klangen freundlich und waren nett gemeint, aber sie wusste, wie wenig Substanz dahinter war. Es waren Höflichkeitsfloskeln, nicht mehr und nicht weniger. Sie mussten sich so verhalten, und sie wiederum musste das Spiel mitmachen und sich dafür bedanken. Was sie auch tat – aber es schnürte ihr den Hals zu. Wer war ihr Freund und wer ihr Feind? Früher hatten sie diese Kategorien nicht interessiert, aber jetzt bedeuteten sie auf einmal alles.
Francesca setzte sich auf ihren Platz im Ratssaal. Das war eine wichtige Sitzung, der Haushalt sollte verabschiedet werden. Auch auf der Zuschauertribüne saßen schon ein paar interessierte Bürger. Sie wollte es nicht, konnte aber nicht verhindern, dass ihr Blick über die Stuhlreihen glitt. Saß er dort oben? Oder war Er eine Sie? Wer trachtete ihr nach dem Leben?
Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter und zuckte zusammen.
»Überlebst du das hier?«
Sie drehte sich um und setzte ein Lächeln für ihren Parteirivalen Erik Balleby auf. Ginge es nach ihm, wäre er der Bürgermeisterkandidat der Opposition, während sie auf eine der hintersten Reihen verwiesen werden würde. Das wusste sie genau. Als Anders Fink sich aus gesundheitlichen Gründen vom Posten des Oppositionsführers zurückzog, hatte er sich sehr für sie eingesetzt, was allerdings aus der Sicht vieler eine Fehlentscheidung gewesen war. Sie galt als eine umstrittene Politikerin, und viele Parteikollegen fühlten sich bei Ballebys eher kompromissbereiter Linie und seiner maskulinen, ein bisschen altväterlichen Ausstrahlung besser aufgehoben. Allerdings verbarg sich dahinter ihrer Meinung nach – und die hatte sie auch nie verhehlt – nur mangelndes Talent und politische Unsicherheit.
Sie folgte Balleby auf dem Weg zu seinem Platz mit Blicken.
Die Journalistin Svendsen hatte natürlich recht mit ihrer Frage gehabt. Die Geschichte mit dem Vergewaltigungsversuch hatte ihre Popularität enorm vergrößert, sowohl in der Bevölkerung als auch innerhalb der Partei, und Finks Einsatz für sie hatte sich als ein Jackpot erwiesen, als sie bei der Generalversammlung einen erdrutschartigen Sieg errang. Und das obwohl der Ortsverband Risskov Fink mit der Aufstellung des Gegenkandidaten Balleby eine Kampfansage gemacht hatte.
Sie wusste genau, dass sie versucht hatten, die anderen Parteimitglieder zu überreden, ihre Stimme Balleby zu geben. Die Presse war zunächst noch auf ihrer Seite, aber die Nacht in Hasle entwickelte sich zu einer zweischneidigen Angelegenheit. Die Journalisten waren nach der ersten Euphorie und dem Pflegen ihres Heldenstatus dazu übergegangen, kritische Fragen zu stellen. So wie diese Dicte Svendsen, die sie mit ihren Spekulationen stark irritiert hatte.
Sie beobachtete Erik Balleby, der in ein Gespräch mit einem Parteikollegen vertieft war. War er es doch, der versuchte, ihr Fundament ins Schwanken zu bringen? War er so verbittert, dass er ihr um jeden Preis nach dem Leben trachtete?
Er würde unter normalen Umständen niemals den Bürgermeisterposten bekommen. Das wussten alle, auch er. Sie war die einzige Chance der Partei. Sie war der Terrier; sie war diejenige, die Dinge geradeheraus ansprach und auf den Punkt brachte. Die anderen waren viel zu große Angsthasen. Ins Gefängnis mit den Verbrechern, Drogenverkäufer und Alkoholiker weg von der Straße und bitte auch Wohltätigkeitsdealer, die im Namen der guten Sache die Bürger für dumm verkauften; Abriss der Ghettos und Vermischung der Bevölkerungsschichten; schnellerer Zugriff und Kindesentzug bei Reich und Arm – ohne Berührungsängste bei Familien mit Migrationshintergrund – schon beim geringsten Anzeichen von Vernachlässigung der Fürsorgepflicht. »Verantwortung und Konsequenz« lautete ihr Slogan, und sie meinte es wortwörtlich. Und um das umsetzen zu können, benötigte sie Macht. Sie hatte keine Angst davor, diese Macht einzusetzen, nur Angst, wenn die verkehrte Person an der Macht war. Sie löste den Blick von Balleby und sah sich im Saal um. Alle waren eingetroffen, und der Bürgermeister trat vor, um die Versammlung zu begrüßen. Die Abgeordneten saßen wie brave Schüler hinter ihren Tischen, während sich der Bürgermeister zehn Minuten über die historisch bedeutsame Einigung ausließ, zu der es gekommen war. Er bedankte sich sogar bei der Einheitsliste Rot-Grün für ihr Engagement, obwohl die sich aus den Verhandlungen zurückgezogen hatten. Er erzählte stolz von den Aktivitäten im Schulwesen und der Seniorenbetreuung, um verbesserte Wohnraumangebote für Menschen mit Behinderungen sowie von den Summen, die für die Belebung gefährdeter Stadtteile und sozialer Brennpunkte wie Rosenhøj und Søndervang bereitgestellt wurden. Das war alles gut und richtig – sie hatte an den Verhandlungen selbst teilgenommen –, aber so unglaublich langweilig.
Die Parteikollegen. Könnte einer von ihnen derjenige sein, der ihr nach dem Leben trachtete? Wenn nicht Balleby, wer dann? Jemand aus der Partei des Bürgermeisters? Vielleicht mehrere von ihnen? Aber wie konnten sie etwas erfahren haben? Wie konnte überhaupt jemand etwas erfahren haben?
Nach den einleitenden Worten des Bürgermeisters bekamen die Referenten das Wort erteilt. Sie sah einen nach dem anderen an, konnte sich aber nicht vorstellen, dass es einer von ihnen sein konnte. Sie waren zu geradlinig. Zu normal, was auch immer das bedeuten mochte.
Ihr Mobiltelefon meldete eine eingehende SMS. Verdammt. Sie hatte vergessen, es lautlos zu stellen. Diskret las sie die Nachricht und antwortete, ließ sich gerne ablenken, während auf dem Podium ein langweiliger Vortrag den nächsten ablöste. Diese Redner hatten alle keine Ausstrahlung, keine Ambitionen und Visionen. Wenn sie an der Reihe wäre, würde die Tatsache, ein Århusianer zu sein, eine vollkommen neue Bedeutung erhalten. Und damit wäre der Weg noch nicht beendet. Die Hauptstadt und Christiansborg würden in ein paar Jahren zum Greifen nah sein. Sie durfte doch wohl im Stillen von einem Ministerposten träumen. Oder anders gesagt: Das hatte sie früher gekonnt, aber nicht im Moment. Nicht nach dem, was geschehen war.
Sie sah sich im Saal um. Wer war es? Und wie viel wussten sie wirklich, wenn es ernst werden sollte?
»Francesca Olsen.«
Die Presse hatte sich versammelt, um die Stadtheinis in Empfang zu nehmen. Aber eine Morgenzeitung hatte offensichtlich ein Anliegen, das nichts mit dem Haushalt zu tun hatte. Einer der Journalisten, ein junger Mann mit bereits schütterem Haar, schob eine junge Frau mit Blumenstrauß im Arm vor sich her, während ein Fotograf Salven mit seiner Kamera abfeuerte.
»Hier ist jemand, der sich gern bei Ihnen bedanken möchte«, sagte der Reporter. »Sie haben sich ja schon seit Wochen nicht mehr gesehen.«
Francesca sah der jungen Frau ins Gesicht, sie errötete sofort. Sie war nicht viel älter als fünfundzwanzig, trug Leggings, Turnschuhe und ein langes Sweatshirt mit einem breiten Gürtel. Ihr Make-up war schwerer als kleidsam, aber das war meist das Problem der Jugend. Es dauerte Jahre, um seinen eigenen Stil zu finden.
»Ich will mich bedanken«, stammelte die junge Frau. Das klang einstudiert, und Francesca überlegte fieberhaft, wie sie der Situation entkommen konnte. Aber es gab keinen Ausweg, denn in diesem Augenblick bekam sie den Strauß in die Arme gedrückt, und sie konnte unmöglich die Frau vor den Kopf stoßen und ihn zurückgeben. Darum entschied sie sich in Sekundenschnelle für die mütterliche Variante.
»Ach, doch nicht dafür. Das habe ich gerne getan. Wie geht es Ihnen?«
Sie drückte die Hand der jungen Frau, die ohne Spannung und kraftlos wie ein alter Lappen war und auch so grau. Ein typisches Opfer. Kein Hauch von Selbstvertrauen.
»Danke, besser.«
Ihre Antwort war nicht mehr als ein Flüstern, und Francesca verfluchte die verantwortliche Zeitung.
Sie zog das Mädchen zur Seite, aber der Fotograf folgte ihnen.
»Machen Sie das Ding jetzt mal aus.«
Der Journalist mischte sich ein.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein, wir stehen doch hier in aller Öffentlichkeit.«
»Das kann schon sein. Aber sie ist noch nicht so weit, ihr Foto überall auf euren Aufstellern zu sehen. Das kann man nicht zulassen. Wie viel haben die Ihnen bezahlt?«
Die junge Frau senkte den Kopf und murmelte etwas Unhörbares.
»Wie viel, sagen Sie schon, meine Liebe?«
»Tausend Kronen.«
In diesem Augenblick war ihr alles egal. Sie hob eine Hand und hielt sie vor die Kameralinse, konnte aber hören, dass sie weiter Aufnahmen machte.
»Das hier könnt ihr vergessen, hier gibt es nichts mehr zu holen. Sie sind herzlich eingeladen, mit mir über Politik zu sprechen, aber für alles andere ist die Vorstellung hiermit beendet.«
»Meinetwegen, wie stehen Sie zu Schwarzarbeit, Frau Olsen?«, parierte der Journalist.
»Schwarzarbeit?«
Sie wusste, wie desorientiert sie klang. Sie spielten mit ihr, und sie war nicht darauf vorbereitet.
»Da bin ich natürlich dagegen.«
Ihr Gegenüber nickte und lächelte.
»Sind Sie da sicher? Wir verfügen über Informationen, dass Sie und Ihr damaliger Mann eine Zeitlang eine nicht gemeldete Reinigungskraft hatten.«
Das war sehr lange her, aber natürlich erinnerte sie sich noch daran.
»Mit wem haben Sie darüber gesprochen?«
Der Journalist blätterte in seinem Block.
»Mit einer Thailänderin, die angibt, dass sie damals für Sie gearbeitet hat.«
Die beste Verteidigung war in der Regel Offenheit und Aufrichtigkeit. Sie musste zusehen, dass diese Sache so schnell wie möglich aus der Welt geschafft wurde.
»Das stimmt. Wir waren jung, ich habe noch studiert und die politische Arbeit neben dem Studium gemacht. Das ist nicht einfach, alles unter einen Hut zu bekommen, vor allem, wenn man ein pflegebedürftiges Kind hat.«
»Das heißt, Sie haben also eine Schwarzarbeiterin beschäftigt? Obwohl Sie eigentlich dagegen sind?«
»Ja, sie hat bei uns ein halbes Jahr lang gearbeitet. Mai, unsere Putzfrau, mit der Sie gesprochen haben, wird Ihnen sicher bestätigen, dass sie uns damals eindringlich darum gebeten hat, das Geld schwarz auf die Hand zu bekommen. Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade nach Dänemark gekommen, hatte einen Dänen geheiratet, und ihm wären die Sozialhilfezahlungen gestrichen worden, wenn wir es angegeben hätten.«
»Das heißt, Sie haben aus reinem Mitgefühl gehandelt?«
Sie schüttelte den Kopf. Es war ihnen schon unglaublich schwergefallen, sich überhaupt einzugestehen, dass sie dringend Hilfe benötigten.
»Zu diesem Zeitpunkt schien es der richtige Weg für alle Beteiligten. Aber mit Abstand betrachtet war es natürlich ein Fehler. Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut und ich natürlich bereit bin, ein Bußgeld zu bezahlen.«
Hatte das genügt? Die totale Unterwerfung? Sie beobachtete den Journalisten, der nicht zufrieden aussah – ein bisschen wie Nachbars Katze, die in der Hoffnung vorbeikommt, eine Schale mit Thunfischsalat vorzufinden, und entdecken muss, dass diese leer ist.
Er klappte seinen Notizblock zu.
»Ja, dann bedanke ich mich recht herzlich. Zu Ihrer Information, wir bringen morgen ein Interview mit Mai Johansen, und natürlich werden Sie dann Gelegenheit bekommen, sich erneut zu diesem Fall zu äußern.«
Dieser Fall. Jetzt war es schon ein Fall. Kein großer Fall, wie sie fand, aber immerhin einer, um den sie sich kümmern musste.
Sie streckte sich und sah gerade noch, wie die junge Frau die Treppe hinunterhuschte. Zorn stieg in ihr auf. Es war verachtenswert, eine junge verletzliche Frau für die reißerischen Zwecke einer Zeitung auszunutzen. Es war verachtenswert, Mai zum Reden zu bringen und sie dadurch womöglich selbst zu kompromittieren, weil ihr unter Umständen eine Anzeige wegen Sozialbetrugs drohte. Aber die Presse war sich eben selbst am nächsten. Dieses Spiel kannte sie nur allzu gut. Zufrieden spürte sie, wie sich ihr alter Starrsinn und Kampfgeist zurückmeldeten. Wenn sie Krieg haben wollten, konnten sie ihn haben. Sie würde nicht kampflos untergehen.