»Er kann doch auch unschuldig sein.«
Dicte pulte am Etikett der Wasserflasche. Bo starrte sie mit einem Gesichtsausdruck an, den sie als ungläubig deutete.
»Also, theoretisch gesehen«, fügte sie hinzu. »Es gibt doch keine Zeugen. Und man ist schließlich so lange unschuldig, bis einem das Gegenteil bewiesen werden kann.«
Bo schwieg und studierte sehr interessiert die Speisekarte. Sie waren im Café Viggo an der Flusspromenade vom Århus Å. Die Pressekonferenz war erst zwanzig Minuten her, und Dicte fühlte sich, als wäre sie von einem großen schwarzen Loch verschluckt worden.
»Ich habe nicht gesagt, dass du ihn anzeigen sollst«, verteidigte sich Bo, nachdem sie zwei belegte Sandwichs bestellt hatten, obwohl Dicte genau wusste, dass sie keinen Bissen herunterbekommen würde. »Aber du solltest dir darüber im Klaren sein, was es bedeuten könnte, wenn du schweigst.«
»Bedeuten?«
Sie wusste genau, was er damit meinte, aber die Gedanken an mögliche Konsequenzen schob sie weit von sich. Sie hatte ja nichts getan. Und hatte auch keine Kenntnisse darüber, dass ihr Sohn etwas getan hatte – außer sich mit seiner Schwester via Facebook zu verabreden, und das war nicht strafbar. Es war ebenfalls nicht strafbar, seine Mutter zu sein. Und diese Tatsache war keine Information, zu deren Bekanntgabe sie verpflichtet war.
»Wenn du Informationen zurückhältst, die zur Aufklärung eines Mordes beitragen können, ist das wahrscheinlich irgendeine Straftat. Aber was weiß ich schon?«
Plötzlich sah er sie mit müdem Blick an.
»Du bist doch die Kriminalreporterin von uns beiden.«
»Aber was soll es ihnen nützen, wenn ich erzähle, dass er mein Sohn ist? Ich kenne ihn doch gar nicht. Ich habe ihn nur ein paarmal gesehen.«
Sie hörte die Sturheit in ihrer Stimme und verfluchte diese Situation. Aber sie musste an dem festhalten, was sich für sie richtig anfühlte. Sie musste an Lena Lund und ihre Methode der autoritären Machtausübung mit unterschwelligen Drohungen denken. Sie hasste so etwas. Wagner war in Ordnung, aber was hätte er eigentlich noch sagen müssen? Ihr Gefühl sagte ihr, dass Lena Lund wie eine hungrige Löwin im Hintergrund lauerte und darauf wartete, dass der Löwe keinen Hunger mehr hatte, um sich dann endlich aufs Fleisch stürzen zu können. Niemals würde sie ihren Sohn dieser kleinen selbstgerechten Person vor die Füße werfen, mit ihren perfekten Zähnen und egoistischen Zielen.
»Was würdest du tun an meiner Stelle?«
Bo hob die Augenbrauen und trank einen Schluck von seinem Kaffee, schwarz, ohne Zucker.
»Wenn zum Beispiel Tobias wegen eines schweren Verbrechens gesucht werden würde?«, spielte sie auf Bos Sohn an, der schon Teenager war. »Würdest du dich vorher nicht erst einmal selbst mit ihm unterhalten wollen?«
»Bevor ich was?«
»Na, bevor du zur Polizei gehen würdest.«
Bo lächelte ihr über den Rand seines Kaffeebechers zu.
»Ich würde nicht im Traum daran denken, wegen einer Sache, die mein Sohn gemacht haben soll, zur Polizei zu gehen.«
»Und wenn er verschwunden ist?«
»Dann würde ich ihn suchen und finden. Und die Wahrheit herausbekommen.«
»Und wenn er schuldig ist?«
Jetzt hatte sie ihn. Sein Blick begab sich auf Wanderschaft durch das Restaurant, und sie spürte mit großer Zufriedenheit, wie das Band zwischen ihnen dadurch an Stärke gewann.
»Kann man nicht in unterschiedlichem Maße schuldig sein?«, Bo wand sich. »Ich würde auf jeden Fall alles tun, um einen Teil seiner Schuld von ihm zu nehmen. Ich glaube, das ist so ein Naturgesetz.«
Ihre Sandwichs wurden serviert. Bo stürzte sich gierig auf seins.
»Aber hattest du nicht von Anfang den Verdacht, er könnte was mit der Bombe im Solarium zu tun haben? Wegen Facebook und alldem. Das heißt, das Ergebnis dieser DNA-Analyse …«, er vermied das Wort »Sperma« und dafür war sie ihm sehr dankbar, »… ist eher die Bestätigung deines Verdachts.«
»Ich habe ihn nicht der Vergewaltigung und des Mordes verdächtigt!«
»Nein, aber du hast ihn verdächtigt, die Bombe installiert zu haben, und hast sogar vermutet, dass er dich in die Luft sprengen wollte, obwohl mir da noch immer das Motiv fehlt.«
Sie klappte ihr Sandwich auf und inspizierte die Schichten aus Schinken, Käse und Salat. Aber ihr Mund öffnete sich nicht, um hineinzubeißen, sondern lediglich, um jenes Kind zu verteidigen, das sie vor Jahren im Stich gelassen hatte.
»Er hat genügend Gründe, wütend auf mich zu sein. Ich bin seine Mutter und habe ihn weggegeben. Ich wollte ihn nicht haben.«
»Du konntest ihn nicht behalten«, korrigierte sie Bo. »Das ist ein wesentlicher Unterschied. Hör bitte auf mit deinen Selbstvorwürfen.«
»Ich versuche, mich nur in ihn hineinzuversetzen.«
Rein theoretisch wusste sie, dass sie nicht die Schuld für sein missglücktes Leben übernehmen konnte. Sie wünschte sich, dass sie sich selbst eines Tages dazu überreden könnte, das auch tatsächlich zu glauben. Gleichzeitig wusste sie, dass auch er seine Vorwürfe gegen irgendjemanden richten musste. Und dass er in seinem Weltbild, ohne zu zögern, seine eigene Mutter erschießen konnte, die ihn als Säugling weggegeben hatte.
Bo streckte seine Hand aus und griff nach ihrer.
»Wie ich schon sagte, eines ist jetzt wichtiger denn je: Du musst ihn finden, unbedingt.«
Sie dachte an das Foto, das ab jetzt allen zur Verfügung stand. Es war keine gute Aufnahme, aber man konnte sein kantiges Gesicht, die hohen Wangenknochen und das schulterlange, fast weiße Haar erkennen. Bo hatte recht. Auch wenn der eigene Sohn das größte Verbrechen begangen hatte, würde man immer den Wunsch haben, seine Version der Geschichte zu hören. Und das traf offensichtlich auch zu, wenn dieser Sohn als Baby zur Adoption freigegeben wurde und schon längst die dreißig überschritten hatte. Sie hatte keine große Lust, Peter Boutrups Geschichte zu hören, wenn sie tatsächlich von Vergewaltigung und Mord handelte, zusätzlich zu der Tat, für die er im Gefängnis gesessen hatte. Aber sie musste das tun. Sie hatte auch keine Lust auf eine Konfrontation mit ihm. Sie wollte ihm nicht gegenübersitzen und als schlechte und unzuverlässige Mutter beschimpft werden, die ihr Kind im Stich gelassen hat. Sie wollte nicht in den Sumpf seines erbärmlichen Lebens gezogen werden und seiner Hartherzigkeit und seinem eiskalten Blick ausgesetzt sein. Aber sie musste das tun. Sie musste ihn unbedingt finden.
Sie legte ihr Sandwich auf Bos Teller und stand auf.
»Gehst du?«
Sie griff nach ihrer Jacke, warf sich die Tasche über die Schulter und nickte.
»Bon appetit.«
Zurück in der Redaktion druckte sie Boutrups Foto aus und schrieb mithilfe der Angaben auf der Homepage der Polizei, so kurz und knapp es ging, ein paar Notizen über die Person des Gesuchten auf.
Davidsen kam näher und sah ihr über die Schulter.
»Also, so sieht dieser Penner aus. Wie doof kann man eigentlich sein? Kaum aus dem Knast raus und gleich das nächste Ding gedreht. Hat man so was schon mal gehört?«
Eine sarkastische, verletzende Antwort lag ihr auf der Zunge, aber Dicte schluckte sie hinunter.
»Schon komisch, man kann es ihm nicht ansehen!«
Cecilies Neugier hatte sie einmal quer durch den Raum zu Dictes Schreibtisch getrieben.
»Was ansehen?«, fragte Dicte.
»Na, dass er pervers ist«, erklärte Cecilie, »und Spaß daran hat, eine wehrlose Frau zu vergewaltigen und sie hinterher auch noch zu töten. Das ist doch wohl pervers!«
Dicte las ein letztes Mal ihren Artikel durch, drückte dann auf »Senden«, und steckte das Foto in ihre Tasche. Dann setzte sie sich ins Auto und machte sich auf den Weg nach Ry.