KAPITEL 80

Der Schuss hallte in Dictes Kopf nach, und von der Decke rieselte der Putz, weil Cato in letzter Sekunde den Lauf hochgerissen hatte. Sie hatten Glück, dass das Projektil beim Rückschlag niemanden von ihnen getroffen hatte. Auch Cato hätte so in die Schusslinie geraten können oder eben der geknebelte Mann auf dem Boden, der leise vor sich hinwimmerte. Cato hatte sofort das Gewehr mit Patronen von dem Beistelltisch nachgeladen, wo die Waffen alle in Reih und Glied lagen. Dicte zweifelte keine Sekunde daran, dass sie alle geladen waren.

Peter B stand vollkommen still da, so gefasst und ruhig, als hätte er diese Situation schon tausendmal durchgespielt.

»Du hast My erschlagen. Was hat sie dir getan?«

Cato hatte das Gewehr auf sie gerichtet. Sein Körper wurde von einem Zucken erfasst, er warf den Kopf zur Seite, dann krümmte sich der Rest. Von Ekel bis Unterwerfung konnte diese Geste alles bedeuten.

»Das war ein Unfall. Natürlich wollte ich sie nicht umbringen.«

Er klang sachlich, wie ein Anwalt im Gerichtssaal, der seinen Mandanten verteidigt. Allerdings war dieser Anwalt bis unter die Zähne bewaffnet. Panische Angst ließ Dicte erschauern.

»My ist einfach eines Tages im Haus an der Klippe aufgetaucht, als ich ein ziemlich wichtiges Meeting hatte. Diese Einwanderertypen haben ja keinen Respekt vor Frauen, der wurde ganz nervös und sagte, sie solle abhauen. Und den Hund fand er auch nicht so scharf …«

Cato sah aus, als hätte er diesen Wunsch angemessen gefunden. Erneut ging ein Zucken durch seinen Körper. Offenbar litt er an einem nervösen Tic.

»Du weißt doch selbst, wie sie sein kann«, fuhr er fort. »Wie eine Klette. Sie klammerte sich an mich und schrie, dass ich mit ihr kommen soll und dass du mich suchst. Und dieser Scheißköter hat meinen Kontaktmann die ganze Zeit angeknurrt …«

Er riss das Gewehr herum und zielte erneut auf den Mann am Boden. »Du bleibst GANZ still liegen, sonst puste ich dir die Birne weg, du verdammtes Arschloch …«

William hatte versucht, sich auf die Knie zu wuchten. Stumm ließ er sich umfallen, es klatschte, als sein nackter Körper auf dem Zementboden aufkam.

»Ich habe sie nur weggeschubst«, verteidigte sich Cato. »Vielleicht ein bisschen doller, als ich wollte. Sie ist hintenübergekippt und mit dem Kopf gegen die Tischkante gefallen. Klonk.«

Er begleitete das Geräusch mit der passenden schmerzverzerrten Grimasse.

»Sie ist ohnmächtig geworden. Ich habe versucht, sie wach zu machen, aber das ging nicht. Sie ist gestorben, und da habe ich beschlossen, sie als ein Zeichen zu benutzen.«

»Ein Zeichen wofür?«, fragte Peter B.

Cato verrenkte ein weiteres Mal den Hals, hielt dabei aber das Gewehr überraschend sicher in den Händen.

»Du solltest sehen, wozu ich in der Lage bin. Du solltest wissen …«

Er kam einen Schritt näher und presste das Gewehr auf Peter Bs Brust. »… dass du nicht hättest ablehnen sollen. Dass du dich an unseren Pakt hättest halten sollen.«

Peter Bs Gesichtsausdruck strahlte eine unheilverkündende Ruhe aus.

»Diesen Pakt haben wir geschlossen, als wir fünfzehn waren! Ja, wir haben damals beschlossen, dass wir ihn eines Tages töten werden. Und seine Mithelfer. Aber wir waren Kinder. Jetzt sind wir erwachsen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Begreifst du nicht, dass es nichts nützt, sich zu rächen? Das verbaut dir deine Zukunft. Wenn du Lust hast, den Rest deines Lebens hinter Gittern zu verbringen, bitte sehr.«

Er nickte zu William. »Der ist es nicht wert, kapierst du das nicht? Übergib ihn der Rechtsprechung, die werden ihn bestrafen. Das kann dir egal sein, mach dich frei von dem Scheiß!«

Cato lachte höhnisch. »Und das von dir? Was würdest du tun, wenn ich dir wirklich das Gewehr geben würde und du die Macht hast, zu töten? Mich und das Schwein da unten. Was würdest du tun?«

Während er das sagte, stieß er die Gewehrmündung wieder in Williams Brust.

»Er hat uns verkrüppelt. Er hat an den Knöpfen in unseren Köpfen gedreht und uns entwertet. Das Arschloch hat selbst daran geglaubt, dass uns der Scheiß stärker machen würde, das muss man ihm lassen. Aber sieh uns doch an: ein Mörder und eine Psychopathin, ein Junkie und eine Hure. Wir schwimmen seinetwegen im Dreck.«

»Du kapierst gar nichts, Cato! Du entscheidest doch selbst, wer du sein willst.«

Aber Cato war unerschütterlich. Zwar schwankte er jedes Mal hin und her, wenn er Peter B das Gewehr erneut auf die Brust drückte, aber er stellte sich breitbeinig vor ihn, um nicht umzufallen.

»Ich kapiere mehr, als du glaubst. Hatte My denn jemals was zu melden gehabt? Oder Adda? … Und du bleibst schön, wo du bist.«

Dicte sah direkt in die Mündung des Gewehrs. Sie hatte gewagt, einen kleinen Schritt zu machen, wich aber sofort wieder zurück. Ihr Kopf arbeitete auf Hochtouren und bekämpfte gleichzeitig ihre Angst. Ihre Beine wurden weich. Was hatte Cato für einen Plan, wenn er denn überhaupt einen hatte? Niemand wusste, dass sie hier waren. Würde er bereit sein, sie zu opfern, um seine Verbrechen zu verbergen? Sie im Keller zurücklassen – Mutter und Sohn – mit einer Kugel im Kopf?

»Okay, aber da ihr nun schon mal da seid, könnt ihr mir genauso gut helfen«, beschloss Cato. »Packt ihn und dann rein da mit dem Schwein.«

Er nickte in Richtung des dunklen Lochs in der Mauer, das nur halb so groß wie eine Türöffnung war.

Sie hatten keine Wahl. Sie packten den wimmernden Mann unter den Armen und schleppten ihn durch die Maueröffnung. Dictes Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie befanden sich in einem fensterlosen Raum. Langsam erkannte sie Gegenstände, wie Berge, die aus dem Nebel auftauchten. Sie blinzelte. Und blinzelte erneut. Und dann wurde sie von einem Grauen überwältigt, als sie begriff, an was für einem Ort sie da standen. Auf den ersten Blick sah es aus wie ein kleiner Turnsaal, es gab Ringe, einen Bock, einen Kasten, Bänke und andere Geräte. Aber das waren keine Turngeräte. Es war, als würde man in das Heiligtum eines Henkers sehen. Das waren Folterinstrumente.

»Und an die ›Ringe‹ mit ihm!«

Peter B übernahm die Führung. Er wusste genau, wie Arme und Beine an den Drahtseilen und mit den Karabinerhaken befestigt werden mussten, die schon ganz rostig geworden waren. Sprachlos sah sie ihm dabei zu, wie der gefesselte Mann an den Ringen hochgezogen wurde. Er hing kopfüber, die Arme auf den Rücken gedreht, außerstande, sich zu bewegen, ohne sich dadurch in Schwingungen zu versetzen, was zu noch größeren Schmerzen und unter Umständen zu einer gebrochenen Schulter führen konnte.

»So mussten wir hängen«, erklärte ihr Cato. »Stundenlang. Gemütlich, was? Und wenn das nicht reichte – und das tat es nie – ging es in die ›Kiste‹ hier.«

Er klopfte auf die Holzkiste mit dem Vorhängeschloss.

»Und es gab natürlich noch das ›Pferd‹. Ein paar Stunden darauf, und es fühlte sich an, als hätte dir jemand eine Feuerwerksrakete durch die Eier geschossen.«

Er trat nach dem Mann an den Ringen, der hin und her baumelte und aufheulte.

»Das tat uns gut. Das tat uns richtig gut, was William? Das hat uns zu starken Individuen geformt. Uns Rüstzeug für die barsche Wirklichkeit gegeben. Stimmt doch, oder?«

Ein weiterer Tritt, härter als der erste. Das Heulen wurde durch Zuckungen abgelöst. Die Schulter des Mannes brach mit einem lauten Knacken.

»Er hyperventiliert, Sie müssen ihm den Knebel aus dem Mund nehmen«, sagte Dicte.

»Niemand bewegt sich. Lasst ihn in Ruhe!«

Cato hatte sich Dicte zugewandt, und Peter B nutzte diesen kurzen Augenblick der Unachtsamkeit und warf sich auf ihn. Die Männer wälzten sich auf dem Boden. Der Mann an den Ringen würgte und drohte zu ersticken. Dicte kniete sich hin und nahm ihm den Knebel aus dem Mund. Er hustete und kotzte, dann wurde er ohnmächtig. Sie sah sich um. Die beiden kämpften, das Gewehr war auf den Boden gefallen. Sie nahm es, packte es am Lauf und schlug mit dem Kolben auf Catos Hinterkopf. Sie traf nicht besonders gut, aber es genügte. Für eine Sekunde ließ er seinen Gegner los, Peter B riss das Gewehr an sich und zielte auf Cato.

»Du Riesenidiot. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht? Wie wolltest du aus der Sache rauskommen?«

Cato wischte sich das Blut vom Mund.

»Für solche wie uns gibt es kein Rauskommen. Wann begreifst du das endlich, Petrus? Für uns gibt es keine Zukunft!«

»Du bist doch total gestört, Mann.«

Peter B presste das Gewehr an Catos Hals. Der grinste ihn nur an.

»Prima«, er spuckte aus. »Bring mich ruhig um und lass dieses Arschloch am Leben. Er bekommt höchstens drei Jahre und ist nach anderthalb wieder draußen.«

»Du hast My getötet. Sie war dir vollkommen egal. Du hättest wenigstens einen Notarzt rufen können.«

Seine Körpersprache, das Gewehr im Anschlag, die Stimme heiser und brüchig, verrieten seine Wut. Gleich macht er es, dachte Dicte. Gleich nimmt er Rache, nicht für seine schrecklichen Jahre, sondern für Mys Tod. Sie musste verhindern, dass ein weiteres Leben vergeudet wurde und dass er ein weiteres Mal alles über Bord warf.

»Erinnere dich bitte an deine eigenen Worte«, sagte sie. »Das ist es nicht wert. Lass die Polizei das übernehmen.«

»Die Polizei!«

Peter B knurrte das Wort fast, als er es aussprach. »Wann haben die jemals für Gerechtigkeit gesorgt?«

»Dann schieß mir doch die Rübe weg, komm schon«, provozierte ihn Cato und streckte ihm seinen Hals entgegen. »Bring’s hinter dich. Aber wahrscheinlich hast du nicht die Eier dazu, was Petrus? Die sind dir in den Stunden auf dem ›Pferd‹ weggeschrumpelt. Immer musst du noch einmal drüber nachdenken. Und dann ist es zu spät zum Handeln.«

Peter B krümmte den Finger um den Abzug. In Dictes Kopf herrschte Chaos, ihre Stimme klang gebrochen und unsicher.

»Du hast es doch eben selbst gesagt, Peter. Du entscheidest selbst, wer du sein willst. Du entscheidest, ob du ein Mörder sein willst.«

»Ich war das schon einmal«, erwiderte Peter B, ohne Cato aus den Augen zu lassen. »Vielleicht ist es das ja doch wert.«

Der Klang seiner Stimme passte nicht zur Situation. Ein hohler, dumpfer Unterton. Dicte sah ihren Sohn an, und plötzlich stand da ein anderer Mensch vor ihr als der, den sie bisher gesehen hatte, als hätte ihr jemand einen Schleier von den Augen genommen. Da begriff sie es. My. Das Gewehr. Mys panische Angst vor der »Kiste« und ihre Angst, eingesperrt zu werden. Seine Trauer über ihren Tod und sein Verhalten, als er sie vom Baum geschnitten und sie fast zärtlich auf den Boden am Fuß der Esche gelegt hatte.

»My hätte niemals einen Gefängnisaufenthalt überlebt«, sagte sie. »Du hast ihre Strafe abgesessen.«

Er zuckte zusammen, sah sie an. Betroffen sah er aus, fand sie.

»My hat damals diesen Mann erschossen«, fuhr sie fort. »Sie hat diesen Hans Martin Krøll erschossen, weil der Thor getötet hat, oder? Aber du hast sie gedeckt. Du wusstest, dass du es besser aushalten würdest als sie.«

Er erwiderte nichts. Wie versteinert stand er da. Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem Augenblick hörte sie Geräusche. Das Schlagen von Autotüren. Schritte auf steinigem Untergrund. Das Knacken in einem Funkgerät.

»Du kannst dir ein Leben aufbauen«, sagte sie. »Aber das wird dir nicht gelingen, wenn du abdrückst, das weißt du genau.«

Es dauerte eine Ewigkeit. Wie auf einem Bühnenbild, wo alle Figuren in ihren Rollen erstarrt sind. Es knirschte, als der Mann an den Ringen sich bewegte. Dicte kroch der Geruch von Schimmel, Erde und Feuchtigkeit in die Nase und unter die Haut. Da hörte sie Schritte im Haus, eine Stimme ertönte durch ein Megaphon.

»Hier spricht die Polizei. Das Haus ist umstellt. Kommen Sie mit erhobenen Händen raus. Ganz ruhig, dann passiert Ihnen nichts.«

»Verzeih mir, Cato.«

Peter B wedelte mit dem Gewehr. Cato sah ihn verwundert an.

»Mach sie auf.«

Er deutete mit dem Lauf auf die Holzkiste mit dem Hängeschloss. Cato grinste, während sein Gesicht von Schrecken erfüllt war.

»Du spinnst wohl. Das meinst du nicht ernst.«

»Nur kurz, versprochen. Aber ich meine es ernst.«

»Nein.«

»Doch.«

»Das mache ich nicht. Lieber sterbe ich.«

»So ein Quatsch, du Waschlappen. Los, hoch mit dir! Du kommst da gleich wieder raus.«

Cato zögerte.

»Du hast dich eben ja auch nicht getraut. Du würdest niemals abdrücken.«

»Versuch’s doch!«

Sekunden verstrichen. Cato starrte Peter B an. Dann folgte er seinen Anweisungen. Sein ganzer Körper zitterte dabei. Die Scharniere der Kiste quietschten.

»Rein da.«

»Du bist doch krank in der Birne!«

Seine Stimme war brüchig, ihm standen die Tränen in den Augen.

»Los, rein da. Oder soll ich dich abknallen?«

Cato gehorchte.

»Abschließen.«

Dieser Befehl ging an Dicte. Sie sah plötzlich Bilder von Kindern vor sich, die gezwungen wurden, tagelang in dieser Holzkiste zu verbringen, und alles in ihr weigerte sich.

»Tu es JETZT!«

Sie ließ das Vorhängeschloss zuschnappen. Aus der Kiste war ein herzzerreißendes Wimmern zu hören. Peter B senkte das Gewehr und lächelte.

»Danke. Und jetzt lass uns nach draußen gehen und die Ordnungsmacht begrüßen.«

Er hob den Arm.

»Nach dir, Mutter.«