Am Montagmorgen parkte Wagner seinen Wagen vor dem neuen Gebäude des Instituts für Rechtsmedizin, das dem Skejby-Krankenhaus angegliedert war. Unter anderen Umständen hätte sich Wagner über das neue, geräumige Backsteingebäude freuen können, in dem jetzt auch im obersten Stockwerk genug Platz für die Rechtschemiker war und die großen Obduktionssäle und das neue Lüftungssystem es sehr viel erträglicher machten, seinem lieben Freund Paul Gormsen dabei zuzusehen, wie er die Toten zum Sprechen brachte.
»Lass uns reingehen und sehen was er hat.«
Sein Kollege, Kriminalkommissar Jan Hansen, nickte, erwiderte aber nichts. Er hatte auch nicht zu bedenken gegeben, dass Wagner vielleicht lieber der Demonstration von Gormsens Handwerk fernbleiben sollte, obwohl er das Wochenende gehabt hatte, um sich von dem Schock der Explosion zu erholen. Der gutmütige, muskelbepackte Hansen war grundsätzlich kein Mann, der sich einer Anweisung widersetzte. Das bedeutete allerdings nicht, dass er immer einverstanden war.
Sie stiegen aus, schlugen die Türen zu und gingen zum Haupteingang. Wagner registrierte, dass sich seine Beine noch immer wie Gelee anfühlten. Vielleicht hätte er doch vor der Obduktion etwas essen sollen, aber sein Magen hatte gestreikt, als er versucht hatte, sich eins der belegten Brötchen aus der Kantine reinzuzwingen. Nicht einmal eine Zimtschnecke hatte er herunterwürgen können. Es war, als wäre sein gesamtes System bezwungen worden, und tief im Inneren wusste er, dass er diese Aufgabe jemand anderem hätte überlassen sollen. Aber es war doch alles gutgegangen, dieses Ereignis, das auch so schrecklich hätte enden können und das für einen langen, unerträglichen Augenblick sein Leben bedroht hatte und zu einem totalen Kollaps geführt hätte. Ida Marie war unverletzt. Sie hatte sich zum Glück von dem Impuls leiten lassen, eine kleine Shoppingtour durch das Kaufhaus Bruuns Galleri zu machen, und hatte darauf spekuliert, auch später noch eine freie Bank im Solarium zu bekommen. Aber vielleicht hatte er den weitaus größeren Schock bekommen, als sie ihm bei einem Glas Wasser im Polizeipräsidium die Ausbeute ihrer Shoppingtour gezeigt hatte. Während er sich der Eingangstür des Rechtsmedizinischen Institutes näherte, sah er den Haufen vor sich auf seinem Schreibtisch. Babysachen. Ein großer Haufen Babykleidung.
»Hat eine Freundin von dir ein Baby bekommen?«, fragte er, begriffsstutzig, wie er war, während sie ein Outfit nach dem anderen in die Luft hob. Er musste daran denken, wie selbstverständlich für ihn früher das Wickeln eines Babys gewesen war und wie schnell man solche Dinge wieder vergaß.
Ida Marie hatte energisch den Kopf geschüttelt. Ihre Augen waren voller Erwartung und Freude, aber auch Nervosität. Doch auch da hatte er noch immer nichts begriffen.
»Na gut!«, sagte er, während der Schrecken bereits in den Hintergrund gedrängt wurde und der neue Fall mit den zwei Detonationen und der Toten aus dem ersten Stock in seinem Kopf zu arbeiten begann. Wie hing das alles zusammen?
»Du wirst Vater!«
»Wie bitte?«
Die Worte verschmolzen mit seinen Gedanken und vermischten sich in seinem Körper mit dem Schock. Es war unmöglich, das zu verarbeiten, und er versuchte es auch gar nicht erst. Wie sollte es ihm auch gelingen. In der einen Sekunde war sie ihm entrissen worden, und in der nächsten teilte sie sich in zwei Wesen. Sie hätte ihm genauso gut erzählen können, dass sie von einem anderen Planeten stammte und darauf programmiert wurde, sich selbst zu zerstören.
Sie bemerkte seine Ohnmacht und erklärte es ihm schonend, bis er es endlich begriffen hatte.
Darum aber zitterten seine Beine. Denn die Wahrheit war, dass sich in ihm eine tiefe, warme Freude mit einer fast lähmenden Angst paarte. Er hatte bereits zwei Kinder aus seiner ersten Ehe, und Ida Maries Sohn Martin war gerade sechs geworden. Alles war bisher ganz glimpflich verlaufen, allerdings hatte er oft das Gefühl, auf Messers Schneide zu balancieren. Und er hatte die Sorge, aufgrund seines Alters und des Drucks im Job über kurz oder lang die Diagnose: Als Vater ungeeignet, gestellt zu bekommen. Und jetzt stand ihm das alles erneut bevor: das Gefühl, nicht zu genügen, die tief empfundene Liebe für ein Kind, die sich mit einer ebenso tief empfundenen Sorge und Ohnmacht abwechselte. Er war sich nicht sicher, ob er dazu in der Lage war.
Hansen tippte den Code ein und drückte die Tür zum Institut auf. Sie traten ein, während in Wagner ein Chor aus Stimmen brüllte, dass sie draußen bleiben wollten.
»Kein schönes Erlebnis, so was!«
Eine Hand auf der Schulter; ein freundlicher Blick, der alles sagte, was noch gesagt werden konnte. Paul Gormsen und er kannten sich schon seit vielen Jahren, als Kollegen und Freunde. Allein seine Anwesenheit machte es erträglicher, als er den Obduktionssaal betrat.
Wagner nickte wortlos und folgte der Bahre mit Blicken, auf der die Leiche in den Raum gerollt wurde. Gormsen begrüßte mit einem Brummeln die übrigen Anwesenden: Jan Hansen sowie Erik Haunstrup, den Leiter der Kriminaltechnischen Abteilung, der in dieser Sekunde hereingestürmt kam, schwer atmend hinter seiner Gazemaske, die roten Haare in wilder Unordnung.
»Ich muss Sie alle darauf vorbereiten, dass es kein schöner Anblick ist«, sagte Gormsen. »Was wissen wir über sie?«
»Sie heißt Adda Boel«, antwortete Jan Hansen. »Sie wohnte in der Wohnung über dem Solarium. Frührentnerin, neunundzwanzig Jahre alt. Ging nicht oft vor die Tür, haben die Nachbarn gesagt.«
Gormsen nickte, hob das Tuch an und zog es von dem noch bekleideten Körper der Leiche. Gesicht und Hals waren eine blutige Masse.
»Sie ist sehr mager«, stellte er fest. »War da nicht etwas mit einem chronischen Leiden?«
»Sie hatte eine Lungenkrankheit«, bestätigte Hansen.
Wagner versuchte sich vorzustellen, wie es war, von Hilfsmitteln und Helfern abhängig zu sein. Wie ohnmächtig mochte sie sich gefühlt haben, gefangen in ihrer kleinen Wohnung, während die Welt um sie herum in die Luft flog. Wenn sie überhaupt Zeit gehabt hatte, irgendetwas zu denken, was er nicht hoffte.
Gormsen betrachtete den mitgenommenen Leichnam eingehend, dessen Kopf am Rumpf nur noch mit Fleischfasern und Sehnen verbunden war. Der Rest hing in Fetzen und entblößte Speiseröhre und Knochen. Gormsen nickte Erik Haunstrup zu, und gemeinsam begannen sie, Adda Boel zu entkleiden, jedes Kleidungsstück zu registrieren, um es danach in Papiertüten zu versiegeln, die dann ins Polizeipräsidium gebracht werden würden, wo man sie nach eventuellen Spuren untersuchte. Einige Teile der Kleidung mussten herausgeschnitten werden, weil sie mit der Haut verschmolzen waren.
»Das ist vielleicht eine Bescherung«, murmelte Haunstrup, und Wagner hörte seinen vergeblichen Versuch, aufmunternd zu klingen.
»Bescherung, ja, das ist richtig«, erwiderte Gormsen und warf einen Blick in die Runde. »Das wird auch eine ganze Weile dauern. Das kann ich Ihnen versprechen.«
Wagner stand reglos mit seiner Gazemaske daneben und blinzelte lediglich mit den Augen. Er hatte ausreichend Obduktionen beigewohnt, um zu wissen, dass diese sowohl kompliziert als auch hart für alle Beteiligten werden würde. Sogar er konnte auf den ersten Blick erkennen, dass sich der Leichnam in einem schrecklichen Zustand befand und es schwierig werden könnte, die eigentliche Todesursache festzustellen. Anderen, weitaus unerfahreneren Rechtsmedizinern hätten wahrscheinlich die Hände gezittert, aber Gormsen hatte viele Reisen zu den Unruheherden der Welt hinter sich und war etliche Male mit Explosionsopfern und Massengräbern konfrontiert worden.
Nachdem die Kleidung entfernt worden war, begann der Rechtsmediziner mit der äußeren Untersuchung der Leiche. Er sprach in ein Diktaphon, das er in der einen Hand hielt, während er mit der anderen die Frau auf dem Seziertisch untersuchte.
»Die Haut ist stellenweise stark verbrannt, der Körper ist aufgequollen, was darauf hindeutet, dass er großer Hitze ausgesetzt war.«
Er sprach weiter, während er sorgfältig die Überreste des Halsbereiches untersuchte. Seine Finger in den Latexhandschuhen tasteten über die Hautfetzen und zogen kleine Splitter hervor. Diese versiegelte er in einem Plastikbehälter.
»Bei der Explosion sind Fremdkörper, wahrscheinlich Teile des Mauerwerks, durch die Luft gewirbelt worden und haben sekundäre blast injuries verursacht.
Einblutungen in den Schleimhäuten der Augen sind aller Voraussicht nach durch die Explosion verursacht worden. Der Bereich um Kehlkopf und Zungenbein ist vollkommen zerstört.«
Er sah hinab auf den mageren Körper.
»Sie wiegt ja praktisch nichts. 48,5 Kilo bei einer Körpergröße von 1,70 m. Wenig Widerstandskraft. Die Todesursache kann die schwere Halsläsion in Kombination mit den Folgen der Druckwellen gewesen sein. Aber wir werden uns auch die Organe genauer ansehen.«
Das Letzte sagte er, als würde er mit der Leiche sprechen. Wagner und Jan Hansens Blicke trafen sich über dem Seziertisch. Offenbar wurde dem Kriminalkommissar bewusst, dass der Körper auf dem Tisch das genaue Gegenteil von seiner eigenen Muskelpracht war. Zumindest senkte er sehr schnell den Blick, hatte aber Probleme, sich auf Adda Boels Arme und Beine zu konzentrieren, die nie besonders zum Einsatz gekommen waren. Es waren nahezu keine Muskeln vorhanden, die Glieder waren so dünn wie die eines Kindes.
»Wir müssen uns die Lungen ansehen, wenn wir die Organe entnommen haben. Aber es kann schwierig werden, wenn sie schon von vornherein von einer Krankheit in Mitleidenschaft gezogen waren.«
Wagner betrachtete die Leiche. Das Gesicht war so zerstört, dass es schwerfiel, sich ein Bild von Adda Boel zu machen. Noch vor ein paar Tagen war sie am Leben gewesen, er hatte ein Foto von ihr gesehen, eine schöne Frau mit glänzenden, goldblonden Haaren und einem zarten, fast geheimnisvollen Lächeln. Sie war ein Familienmitglied von jemandem gewesen; die Nachbarin von jemandem; die Freundin von jemandem. Vielleicht hatte sie auch jemanden geliebt? Ob sie, trotz ihrer Krankheit und ihrer Lebenssituation, wohl jemals so etwas wie Liebe und Nähe erlebt hatte?
Plötzlich spürte er das schlechte Gewissen, das hinter seinen Augen stach. Auf diesem Tisch hätte auch Ida Marie liegen können. Sie hätte es sein können, deren Hals in Stücke gerissen war, deren Haare nur noch in vereinzelten Büscheln am Kopf saßen und deren Haut mit Splittern übersät war, so dass sie aussah, als hätte jemand eine Puppe mit Nadeln gespickt. Aber es war nicht Ida Marie. Ida Marie hatte Glück gehabt und er auch. Eine andere hatte ihren Platz eingenommen.
Gormsens nüchterner Tonfall riss ihn aus seinen Gedanken.
»Hmm. Wir müssen uns auch unbedingt das Trommelfell ansehen. Das Ohr ist das empfindlichste Organ, wenn wir über Druckwirkungen sprechen.«
Je weiter die Obduktion voranschritt, desto mehr hörte es sich an, als würde der Rechtsmediziner seine ganz eigene Unterhaltung mit der Toten führen, wenn er seine Überlegungen und Einwände formulierte. Da klingelte Wagners Telefon, er ging in eine Ecke des Saales, wandte den anderen den Rücken zu und ging ran.
»Ja.«
»John Henriksen, vom Brandtechnischen Labor. Ich stehe hier in der Østergade, wir kümmern uns gerade um die Räumung des Tatorts.«
»Ja, mir wurde schon gesagt, dass es ein paar Tage dauern wird.«
Wagner hörte Hintergrundgeräusche. Autos und Stimmen und Laute, die sich so anhörten wie ein Räumungskommando.
»Das wird es auch. Aber ich wollte kurz Meldung geben, dass wir in der obersten Schicht Reste von etwas gefunden haben, die einer Sauerstoffflasche ähneln.«
»Und die stammen aus der Wohnung im ersten Stock?«
»Ganz genau.«
Wagner drehte sich zu der kleinen Gestalt auf dem Stahltisch um. Natürlich. Die Krankheit war offensichtlich schon so weit vorangeschritten, dass Adda Boel eine zusätzliche Sauerstoffzufuhr benötigte hatte.
»Das könnte zutreffen, wir werden das mit ihrem Arzt klären. Reste, haben Sie gesagt?«
In der Leitung war es still, man hörte nur die Geräusche der Stadt. Dann kam die Antwort des Brandexperten:
»Es gibt Hinweise darauf, dass die Sauerstoffflasche explodiert ist.«
»Aber Sauerstoff ist doch nicht entflammbar? … Einen Augenblick bitte …«
Wagner gab Gormsen und den anderen ein Zeichen und drückte die Tür zum Gang auf. Es verschaffte ihm auf der Stelle Erleichterung, dem Geruch von verbranntem Fleisch und verkohlter Haut zu entkommen.
»Gibt die Sauerstoffflasche einen Hinweis darauf, welche Art von Explosion stattgefunden hat?«
Er zog die Tür hinter sich zu und versuchte, mit gedämpfter Stimme zu sprechen. Ein Laborant in weißem Kittel schlich lautlos an ihm vorbei wie ein Gespenst.
»Könnte sein«, erwiderte John Henriksen. Wagner kannte ihn als einen sehr zuverlässigen Brandexperten, der keine zusätzliche Untersuchung scheute.
»Die Zufuhr von Sauerstoff steuert die Brandentwicklung. Eine Sauerstoffflasche kann nicht einfach explodieren, aber sie kann natürlich durch starke Druck- und Wärmebildung in die Luft fliegen. Das hätte eine enorme Wirkung. Und wenn es vorher gebrannt hat, kann der Sauerstoff die Verbrennung anderer Stoffe erheblich beschleunigen.«
»Das heißt, es hat schon gebrannt? Vor der Explosion?«
»So ist es.«
»Dann war es keine gewöhnliche Bombenexplosion? Es muss einen Brandbeschleuniger gegeben haben. Aber was? Benzin?«
»Das könnte gut sein. Wir untersuchen das, aber es wird noch ein paar Tage dauern, bis wir eine Antwort haben.«
Eine Stimme rief John Henriksen etwas zu, und er nahm sich Zeit, die Frage des Kollegen zu beantworten. Wagner hörte das Geräusch eines Wagens, der die Straße entlangfuhr, und eine Stimme, die etwas Unverständliches rief, dann war Henriksen wieder am Apparat. »Entschuldigen Sie. Wir arbeiten hier rund um die Uhr. Also: Diese Art von Sauerstoffflaschen hat kein Verschlussventil, das sich schließt, wenn der Schlauch defekt ist. Sie haben lediglich ein Reduktionsventil, das die Geschwindigkeit reduziert, mit der der Sauerstoff austritt.«
Wagner versuchte, die Bilder und Geräusche zu verdrängen, die in ihm durch den Geruch im Obduktionssaal ausgelöst worden waren. Aber sie hefteten sich an ihn, so wie sich die Kleider in den Körper der Toten gebrannt hatten.
»Wenn sie also im Augenblick der Explosion an die Sauerstoffflasche angeschlossen gewesen ist, wurde sie quasi in die Luft gesprengt«, fasste er zusammen und wartete einen Moment lang auf einen Widerspruch vom anderen Ende der Leitung. Aber der kam nicht.