KAPITEL 13

»Hier sieht man ihn im Bahnhof. Und dort am Kiosk.«

Wagner konzentrierte sich auf den körnigen Filmausschnitt. Ein junger Mann mit kurzen, schwarzen Haaren und einem halblangen Bart lief zielsicher durch die Bahnhofshalle. Er trug einen schwarzen Jogginganzug und einen großen Rucksack, der schwer beladen aussah. In der nächsten Bildsequenz sah man ihn etwas im Kiosk kaufen. Dann wandte er der Kamera den Rücken zu und verließ das Geschäft wieder.

»Mehrere Zeugen haben ihn durch die Fußgängerzone und die Østergade hochlaufen sehen. Und er ist auch auf dieser Aufnahme hier zu finden«, sagte Alfred Thørgensen von der IT-Abteilung.

Eine weitere Bildsequenz tauchte auf dem Computerbildschirm auf. Man sah denselben Mann erneut, diesmal auf dem Bürgersteig vor dem Solarium. Sie hatten das Material aus der Überwachungskamera gewonnen. Der Mann verschwand für etwa eine halbe Minute aus dem Sichtfeld, dann kam er wieder heraus.

Der Techniker fror das Bild ein.

»Jetzt achte genau auf seinen Rucksack, wie er sich jetzt bewegt.«

Wagner lehnte sich vor.

»Der ist viel leichter«, sagte er. »Er geht, als hätte er weniger Gewicht auf den Schultern.«

Thørgensen schloss das Fenster.

»Und was ist mit dem Auto im Parkhaus vom Magasin?«, fragte Wagner. »Habt ihr da etwas Entsprechendes? Es müssen ja zwei Täter gewesen sein.«

Thørgensen nickte.

»Die Vorgehensweise ähnelt sich. Es handelt sich ebenfalls um einen noch nicht identifizierten jungen Mann, der auch ein Migrant der zweiten Generation sein könnte.«

Er klickte ein Foto an, das allerdings wesentlich unschärfer war als die anderen Aufnahmen. Man konnte auch hier einen jungen Mann mit Rucksack erkennen, der aber angesichts der Körnigkeit wahrscheinlich noch schwerer zu identifizieren war, dachte Wagner.

»Das passt doch alles zusammen«, sagte Thørgensen. »Solarium, Rocker, Drogen, Geldwäsche, so was eben …«

Wagner nickte. Das passte alles perfekt zusammen. Der Krieg um das Drogengeschäft tobte zwischen diesen beiden Gruppen. Besonders in Kopenhagen hatte er bedrohliche Dimensionen angenommen, mit Schusswechseln auf offener Straße, einem Angriff mit Handgranaten auf das Hauptquartier der Hells Angels in Risskov, wobei ein bewaffneter Mann vor dem Haus festgenommen wurde. Ja, das Attentat auf das Solarium passte sehr gut in dieses Bild. Aber dann waren da noch das Auto und die Bürgermeisterkandidatin. Was in Gottes Namen hatte sie mit einer Auseinandersetzung zwischen Migranten und Rockern zu tun?

 

»Die Brandtechniker arbeiten mit Hochdruck an dem Fall, aber sie können bisher noch nicht bestätigen, dass beide Explosionen auf dieselbe Art und Weise stattfanden«, sagte Wagner auf der Morgenkonferenz, zu der sich seine Abteilung bei Kaffee und belegten Broten versammelt hatte. »Bis auf weiteres aber gehen wir davon aus, dass sie in Beziehung zueinander stehen. Alles andere ist eher unwahrscheinlich. Wir arbeiten vorläufig mit der Theorie, dass es sich um einen Bandenkrieg handelt. Möglicherweise ein Racheakt für den 4. August. So etwas wird in diesem Milieu gerne mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt.«

Er wusste, dass seine Kollegen über die Vorgänge im Bilde waren, die sich in der letzten Zeit immer mehr zuspitzten. Die Polizei versuchte verzweifelt und mit viel zu wenigen Ressourcen, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Aber es waren zu viele Waffen im Umlauf, und die Banden bekämpften sich mit immer brutaleren Methoden. Die Hells-Angels-Mitglieder hatten ihre Familien aus der Stadt evakuiert, und vor kurzem war die Polizei darüber informiert worden, dass die Rocker die Liquidierung drei namhafter Mitglieder der Hasle-Bande planten. Offensichtlich war dies bereits versucht worden, als im August ein maskierter Mann ein Auto beschossen hatte, in dem ein führendes Bandenmitglied gesessen haben soll.

»Diese Idioten«, murmelte Ivar K, der auch Motorrad fuhr, aber eher zu den Easy-Rider-Typen gehörte, mit mittlerweile langen Haaren und einem ziemlich unattraktiven Schnurrbart wie die Zotteln am Lenker seiner Harley. Er besaß auch nicht gerade die physischen Voraussetzungen für einen harten Rocker mit seinem schlaksigen Körper, den langen Storchenbeinen und einem flachen Hintern in einer Jeans, die kein Modedesigner erfunden hatte.

»Da ist viel Geld im Spiel«, sagte Hansen, als erkläre das alles.

Jan Hansen war zwar die Rechtschaffenheit in Person, aber mit vier kleinen Kindern war er immer knapp bei Kasse, und wenn einer der Versuchung erliegen könnte, einen kleinen Nebenverdienst einzustreichen, dann bestimmt er, dachte Wagner. Außerdem benötigt man ein dickes Fell, wenn man mit einer strengen Krankenschwester verheiratet ist, und Hansens Fell ist dick, aber wer weiß. Die anderen hatten ein wesentlich einfacheres Leben, zumindest die Kollegen mittleren Alters, so wie Eriksen und er. Und dann war da noch der Neuzugang Lena Lund, die als Teil einer Rochade von Ålborg zu ihnen versetzt worden war und jetzt zum ersten Mal an einem Kriminalfall in Århus arbeiten würde.

»Lasst uns noch mal alles zusammenfassen«, sagte Wagner. »Lena, übernimmst du das?«

Sie war nicht ganz sein Typ, aber er musste zugeben, dass sie eine gutaussehende Frau war, wenn man diesen etwas schroffen Schlag Mensch mochte. Lena Lund war klein, aber das bemerkte man kaum. Ihre leuchtenden und sehr hellblauen Augen fixierten ihr Gegenüber so, dass dieser keine Gelegenheit hatte, sich über Größe und Form Gedanken zu machen. Er sah, dass sie sich mental auf ihren Vortrag vorbereitete und ihre Aufzeichnungen sorgfältig durchging, und er fragte sich, was sie wohl über ihre neuen Kollegen dachte.

Er hatte sich schon lange eine Frau in seiner Abteilung gewünscht, aber zu Lena Lund war er nicht befragt worden. Sie war Hartvigsens Idee gewesen, er selbst hätte durchaus ein paar Namen, eher lokale Größen, nennen können, die er als geeignet und naheliegender ansah. Aber sein Chef hatte offenbar andere Pläne. Lena Lund eilte der Ruf einer knallharten Paragraphenreiterin voraus, und Wagner hatte das Gefühl, dass sie bewusst ausgewählt worden war, um zu verhindern, dass sich ein weiteres Mal Zivilpersonen in die laufenden Ermittlungen einmischen konnten. Zumindest schien Hartvigsen es so zu sehen. Das bezog sich vor allem auf einen Fall im vergangenen Jahr, bei dem Dicte Svendsen einfach zu weit gegangen und alles außer Kontrolle geraten war. Diese Sache hatte – obwohl Svendsen maßgeblich zur Aufklärung des Falles beigetragen hatte – ein schlechtes Licht auf die Polizeiarbeit geworfen und Hartvigsen sehr wütend gestimmt. Polizei und Selbstjustiz waren zwei Begriffe, die sich schwer vereinbaren ließen, und Wagner hatte die Auflage erhalten, in Zukunft deutlichere Grenzen zu ziehen.

»Zuhören!«, sagte Lena Lund mit einem ausgeprägten Ålborger Dialekt und einer Tonlage, die das Gespräch von Ivar K und Christian Hvidt augenblicklich verstummen ließ.

Sie wartete, bis die Stille unangenehm zu werden drohte. Aber immerhin gelang es ihr so, die vollkommene Aufmerksamkeit ihrer Kollegen zu bekommen, obwohl Wagner genau registrierte, dass weder Christian noch Ivar K besonders begeistert davon waren. Die Mitglieder seiner Abteilung hatten offenbar das Gefühl, dass Lena Lund eine Zwangsbekanntschaft war, und er hatte sich fest vorgenommen, den etwas ablehnenden Empfang der Neuen zu entschärfen. Sie schuldeten ihr eine faire Behandlung trotz der unglücklichen Umstände. Hartvigsens merkwürdige Rochade sollte sie nicht ausbaden müssen.

»Um fünfzehn null fünf Ortszeit am Donnerstag, den 11. September, ereignet sich im Solarium in der Østergade eine Explosion. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich glücklicherweise niemand in den Räumen des Solariums, das vollkommen zerstört wird. Die Detonation zieht aber auch die Wohnung im ersten Stock in Mitleidenschaft, in der unser Opfer wohnt, die neunundzwanzigjährige Adda Boel. Sie ist Frührentnerin und leidet an einer Lungenkrankheit.« Lena Lund blätterte in ihren Aufzeichnungen. »Es handelt sich um einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel [oder das Laurell-Eriksson-Syndrom], der sie von der Versorgung durch einen Sauerstoffapparat abhängig gemacht hat. Wir warten noch auf die Laborergebnisse der rechtsmedizinischen Abteilung, aber alles deutet darauf hin, dass sie bei den aufeinanderfolgenden Explosionen ums Leben kam. Zuerst die im Solarium und dann die dadurch ausgelöste Detonation ihrer Sauerstoffflasche. Da in ihren Lungen kein Ruß gefunden wurde, gehen wir davon aus, dass der Schlauch ihrer Sauerstoffflasche undicht war und sie deshalb in unmittelbarer Nähe explodiert ist. Sie war also nicht, wie zuerst angenommen, an die Flasche angeschlossen.«

Wagner registrierte die fehlende Pause in Lunds Vortrag. Sie fuhr einfach fort mit nüchternem Blick und einer Stimme, die durch Mark und Bein ging.

»Exakt zehn Minuten später, um fünfzehn fünfzehn, ereignet sich die zweite Bombenexplosion, ein Auto im Parkhaus des Magasin-Kaufhauses. Der Wagen gehört der Bürgermeisterkandidatin der Opposition, Francesca Olsen, die am frühen Vormittag von einer Reise zurückgekehrt war und einen Einbruch meldet. Das Einzige, was die Täter entwendet haben, ist ihr Wagen.« Lena Lund machte eine Kunstpause und nahm einen Schluck Kaffee, bevor sie fortfuhr. »Das Haus sowie das Solarium gehören einem Matti Jørgensen, dem zwar Verbindungen zum Rockermilieu nachgewiesen werden können, der aber noch nie angezeigt oder verurteilt worden ist. Die gegenwärtige Annahme lautet, dass es sich um einen Bandenkrieg handelt, allerdings fehlt uns die Verbindung zur Bürgermeisterkandidatin.«

»Was sagt denn Francesca Olsen dazu?«, fragte Wagner.

Lena Lund antwortete, ohne zu zögern.

»Christian und ich haben gestern etwa eine Stunde mit ihr gesprochen, sie bestreitet, jemals von Matti Jørgensen oder Adda Boel gehört zu haben. Sie ist sich bewusst, dass sie als Politikerin zur Zielscheibe werden kann, aber hat nach eigener Aussage keine persönlichen Feinde, weder im Rockermilieu noch unter den Migranten.«

»Abgesehen davon, dass sie alle am liebsten in den erstbesten Flieger nach Afghanistan setzen und ohne Fallschirm über Kabul rauswerfen würde«, warf Ivar K ein.

»Hat sie das so gesagt?«, fragte Hansen.

»Vielleicht nicht wortwörtlich, aber sie ist doch bekannt für ihre harte Linie in Sachen Kriminalität. Ist das nicht in Wirklichkeit der Hauptbestandteil ihrer Kandidatur? Neben dem üblichen sozialen Mist über die Schwachen und was weiß ich denn.«

Ivar K untersuchte ausgiebig seine Nägel, die in letzter Zeit immer schwarze Ränder hatten, seit er an seiner Harley bastelte. Lena Lunds Gesichtsausdruck blieb sachlich und kühl.

»Okay!«, sagte Wagner. »Und, haben wir ein Motiv?«

»So wie ich es sehe, haben wir zu viele Motive«, erwiderte Lund. »Migranten, die keine Veränderungen wollen, auf der einen Seite und eine neue, strenge Bürgermeisterkandidatin auf der anderen. Und der Kampf um den Drogenmarkt und die gegenseitigen Rachefeldzüge.«

»Aber trotzdem: Was haben die beiden Fälle miteinander zu tun?«, hakte Wagner nach.

Es war für einen Moment sehr still. Wagner fingerte an den Tageszeitungen herum, die aufgeschlagen auf dem Tisch lagen. Die Explosion war Titelgeschichte bei Stiftens, in der Jyllands-Posten hingegen war sie schon auf die hinteren Seiten verdrängt worden, die sich für die internationale Finanzkrise als Leitartikel entschieden hatte. Er kam ins Schwitzen beim bloßen Gedanken daran, was in Anbetracht des kollabierenden Aktienmarktes von seinem Geld noch übrig war, das er nach Ninas Tod angelegt hatte. Vielleicht würde es doch darauf hinauslaufen, dass er bis siebzig arbeiten musste.

»Wir brauchen mehr Informationen«, sagte Christian Hvidt schließlich. »Technische Beweise und Anhaltspunkte dafür, dass es sich um identische Bomben gehandelt hat. Die beiden Rucksacktypen werden doch bestimmt auch noch identifiziert?«

Wagner nickte, während er einen Entschluss fasste.

»Die Bilder gehen heute an die Presse raus.«

Dann nickte er Lena Lund anerkennend zu.

»Wir müssen uns hier durcharbeiten. Lena, wir beide fahren zu Matti Jørgensen und sprechen mit ihm. Ivar und Christian, ihr befragt die Nachbarn von Francesca Olsen in Skåde. Eriksen, du befragst die Händler in der Østergade und zeigst ihnen mal die Fotos von unseren Rucksacktypen. Und du, sag mal, hast du noch Kontakt zum Einwanderermilieu?«

Er hatte sich Jan Hansen zugewandt, der früher in Gjellerup Streife gefahren war und dessen Herz für Multikulti, Integration und Fußball schlug.

Hansen nickte.

»Ein bisschen. Zu den Clubs.«

»Okay. Kannst du dich mal umhören, was die Buschtrommeln gerade so erzählen?«

»Ich kann es versuchen. Aber es wird nicht einfach sein.«

Wagner seufzte, und das lag nicht am bodenlosen Fall der Aktienkurse. Er bemerkte, dass Lena Lund ihn beobachtete. Er sah einen Hunger in ihren Augen, den er als Ehrgeiz deutete. Sie war jung und wollte nach oben. Daran war nichts auszusetzen.

Er schob den Stuhl zurück.

»An die Arbeit.«

 

Lena Lund und er hatten sich gerade in seinen Wagen gesetzt, als das Handy klingelte. Ein Kollege von der Streife namens Ivan Henriksen war dran.

»Ja?«

»Ich stehe hier im Supermarkt, im Føtex im Viby Center, zusammen mit Ihrem Sohn Alexander.«

Wagner wurde ganz flau im Magen.

»Ja?«

»Er ist leider mit einem der Kaufhausdetektive in Kontakt gekommen.«

Wagner war nicht in der Lage, etwas zu erwidern, deshalb wartete er, bis der Kollege am anderen Ende der Leitung weitersprach.

»Es sieht so aus, als hätte er versucht, etwas an sich zu nehmen, das ihm nicht gehört … es handelt sich um ein paar Dosen Cola sowie ein paar Tüten Süßigkeiten und Chips.«

Cola, Süßigkeiten, Chips. Unschuldige Wörter, die Wagner jedoch Löcher in den Magen bohrten.

Endlich gelang es ihm, die einzigen Worte hervorzupressen, die es zu sagen gab.

»Ich bin sofort da.«

Da erst wurde ihm bewusst, dass Lena Lund mit im Auto saß.

»Ist was passiert?«

Am liebsten hätte er sie irgendwo abgesetzt.

»Wir sind leider gezwungen, einen Abstecher ins Viby Center zu machen.«

Er erklärte ihr, warum. Glücklicherweise kommentierte sie den Vorfall nicht, sondern blieb schweigend neben ihm sitzen, während er seinen Passat durch die Stadt manövrierte. Als sie nach einer Weile zu reden anfing, musste er sich wahnsinnig auf ihre Worte konzentrieren. Der Gedanke an Alexander zerfraß ihn innerlich.

»Ihre Frau und diese Journalistin Svendsen … soweit ich informiert bin, hatten sie vorgehabt, zu besagter Uhrzeit im Solarium zu sein …«

»Hmm, ja. Das stimmt.«

»Könnte es da einen Zusammenhang geben?«

»Mit den Explosionen? Das glaube ich nicht.«

Er folgte der Hauptstraße, war aber in Gedanken in dem Supermarkt, wo sein Sohn durch die Gänge strich und Sachen aus den Regalen klaute, während ihn der Detektiv über die Überwachungskamera dabei beobachtete.

»Ich dachte nur, vielleicht wollte jemand Sie treffen, indem er Ihre Frau angreift. Oder, vielleicht sogar noch wahrscheinlicher, diese Journalistin … Sie ist ja nicht in allen Lagern gleich beliebt, soweit ich das verstanden habe.«

»Nein?«

Er wusste genau, wie abwesend er klang, und musste sich anstrengen, für die Unterhaltung mehr Engagement aufzubringen.

»Jemand könnte versucht haben, diese Svendsen aus dem Weg zu räumen«, sagte seine Beifahrerin. »Würde gerne wissen, ob sie Drohungen oder so etwas erhalten hat, wissen Sie was davon?«

»Wir wohnen doch nicht in Chicago!«

Er war schon ein ganzes Stück gefahren, ehe Lena Lund wieder den Mund aufmachte.

»Vielleicht könnte man sie mal fragen?«

»Das könnte man bestimmt.«

Für einen kurzen Moment gelang es ihm, den Gedanken an Alexander beiseitezulegen. Dicte Svendsen hatte mit Bo Skytte vor dem zerstörten Solarium zusammengestanden. Sie hatte den Kopf abgewandt, als Ida und er sich umarmt hatten, daran konnte er sich jetzt gut erinnern. Aber warum hatte sie das getan? Wusste sie etwas? Gab es etwas, was sie ihm nicht erzählt hatte?

Er schluckte und bog auf den Parkplatz vor dem Viby Center ein. Es gab immer etwas, was Dicte für sich behielt.

Er sah das Schild der Supermarktkette Føtex. Wo war sein Sohn gerade? Wie ging es ihm?

»Also, wenn Sie damit einverstanden sind, würde ich mich gern mit ihr unterhalten«, sagte Lena Lund.

Er hatte ihr nicht mehr zugehört, sondern nickte nur, während sie ausstiegen und mit der Rolltreppe in das Center fuhren. Wie ein Zombie lief er durch die Masse der Kaufwilligen, bis sie den Supermarkt gefunden hatten. Er bat Lena Lund, draußen auf ihn zu warten, als er in eines der Hinterzimmer geführt wurde, wo Alexander mit seinem schwarzen Kapuzenpullover, einem Haufen Pickel im Gesicht und seinen verdammten Nasenringen auf einem Stuhl hockte. Der Blick, den er auf Wagner richtete, war voller Verachtung. Eine kleine Welle der Erschütterung durchfuhr ihn, als ihm klar wurde, dass er seinen eigenen Sohn nicht mehr kannte. Und diese Welle ergriff seinen gesamten Körper, als er sich eingestand, dass er den ganzen Tag weder an Alexander noch an Ida Maries Zustand gedacht hatte.

»Alexander. Was bitte ist hier los?«

Seine Stimme wollte ihm nicht gehorchen, sie klang brüchig.

»Was ist hier passiert?«

Der Junge starrte ins Leere und antwortete nicht.