KAPITEL 56

Der Hund stand fünf Meter vom Zelt entfernt und war an einem Baum festgebunden. Es war ein Schäferhund, der sie mit traurigem Blick betrachtete, als sie aus dem Zelt krabbelte. Dann begann er zu winseln.

»Hallo, du.«

Das Tier sah freundlich aus, deshalb wagte sie es, sich vor ihn hinzuhocken, damit er sie in aller Ruhe beschnuppern konnte. Vorsichtig wurde sie inspiziert, während die Millionen von Sensoren in seiner Nase lautstark unter Hochdruck arbeiteten. Schließlich schien er mit dem Ergebnis zufrieden zu sein und stupste sie mit seiner Schnauze an.

Dicte band die Leine vom Baum und strich ihm übers Fell. »Wenn du mal nicht der Kaj bist?«

Seine Ohren reagierten beim Laut des Namens.

»Wo mag denn dein Besitzer sein?«

Erst da bemerkte sie, was sie schon viel früher hätte sehen können. Sein Zelt war weg. Seine gesamte Ausrüstung war über Nacht verschwunden. Hatte er den Hund am Baum festgebunden? Warum hatte er ihn nicht einfach mitgenommen?

»Shit!«

Sie hätte sich am liebsten selbst getreten. Da hatte sie in ihrem Zelt gelegen und geschnarcht, erschöpft nach einem langen, anstrengenden Tag der Annäherung. Und sie hatte gedacht, dass sie begonnen hatten, einander besser zu verstehen. Aber er hatte sich doch für die Flucht entschieden.

Sie packte ihre Sachen zusammen. Das Feuer war kalt, es war nichts zurückgeblieben. Sie drehte eine kleine Runde, um ganz sicher zu sein. Das Einzige, was sie entdeckte, war der Ast, mit dem er im Feuer herumgestochert hatte. Vorsichtig hob sie ihn mit ihrem Schal auf und zeigte dem Hund das Ende, an dem Peter den Ast festgehalten hatte.

»Such, Kaj. Such!«

Einen Versuch war es wert. Und tatsächlich fing der Hund an zu winseln und zu wedeln, hob die Nase in die Luft, schnupperte und überprüfte dann die Stelle, an der sein Zelt gestanden hatte.

»Guter Hund. Brav so!«

Sie wendete alles an, was sie vor gefühlten hundert Jahren mit Svendsen in einem Hundetrainingskurs gelernt hatte. Dann schulterte sie den Rucksack und nahm die Leine in die Hand. Sie ließ Kaj die Richtung vorgeben, während sie gleichzeitig versuchte, den Gedanken zu unterdrücken, dass eventuell auch ein Fremder den Hund im Morgengrauen in der Nähe ihres Zeltes festgebunden haben könnte.

Und My? Wo war My? Während sie dem Hund durch den Wald folgte, keimte in ihr das Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe, als sie sich eingestand, was das alles bedeuten konnte. Wenn nicht Peter den Hund zurückgelassen hatte, musste derjenige gewusst haben, wo Peter zu finden war.

Sie schob die Befürchtungen beiseite und konzentrierte sich auf die Strecke und den Hund, der immer eifriger wurde und so stark an der Leine zerrte, dass ihre Handflächen brannten.

»Ruhig, ganz ruhig.«

Sie versuchte ihn zurückzuhalten, aber er zog sie weiter, der Weg führte sie zwischen den Bäumen hindurch, quer über Lichtungen und Anhöhen, entlang gewundener Waldpfade, wo einen Wurzeln und Äste leicht zu Fall bringen konnten. Sie war vollkommen erschöpft, als sie endlich den See erreicht hatten, wo sie sofort sein Zelt und eine neue Feuerstelle entdeckte, an der er scheinbar unbeschwert stand und in seinem Topf rührte. Dann ließ sie den Hund los, der auf sein Herrchen losstürzte. Dieser begrüßte ihn herzlich, hockte sich hin und streichelte ihn ausgiebig, bevor er hochsah und sie entdeckte.

»Wo hast du ihn gefunden?«

Keine überflüssigen Kommentare, keine Begrüßung. Sie hatte sich daran gewöhnt und erzählte ihm die Details, während der Hund um ihn herumsprang und an seinem Jackenärmel zerrte.

»Cato«, murmelte er und streichelte Kaj.

»Woher wusste er, wo du bist?«

Er zuckte mit den Schultern und setzte das Rühren im Topf fort. »Vielleicht von My. Aber er ist früher auch oft hier gewesen. All das hier …«

Er sah auf und machte eine weitschweifende Bewegung mit dem Arm, »… das gehörte einmal uns.«

Er sah sie an und schien mit sich auszuhandeln, wie sein nächster Zug aussehen sollte.

»Okay, eine Schale Haferbrei und dann verschwindest du. Ist das eine Abmachung? Ich kümmere mich um den Hund.«

»Ich nehme gerne ein bisschen Haferbrei, danke.«

Ihre Blicke bohrten sich ineinander. Die Worte lagen unter der Oberfläche wie Fischschwärme in dem glatten See, der sich vor ihnen erstreckte. Aber es war nicht der geeignete Moment für weitere Worte, also setzten sich beide auf ihre Rucksäcke und aßen ihren Brei.

»Zucker?«

Er reichte ihr ein paar Zuckerbriefchen, die er wahrscheinlich in einem Café hatte mitgehen lassen. Sie streute Zucker auf den Brei, den er in ihren Blechteller gefüllt hatte.

»Zimt und Butter sind im Augenblick leider aus.«

»Du bist also mit Cato in Ry zur Schule gegangen? Seid ihr zusammen aufgewachsen? Im Kinderheim?«

Sein Gesicht wirkte verschlossen.

»Und was ist mit My? Wann kam sie mit ins Bild? Und Miriam? Hast du sie erst später kennengelernt?«

Sie nahm einen Löffel Brei.

»Jetzt komm schon, Peter. Du kannst das doch nicht alles ewig für dich behalten? Adda! Was ist mit ihr? Woher kennst du sie? Denn du hast sie gekannt, oder?«

Plötzlich warf er den Kopf in den Nacken und lachte laut auf.

»Das ist so krass. Bist du immer so? Hältst du nie die Luft an?« Er nickte in Richtung des Tellers auf ihrem Schoß.

»Jetzt iss endlich auf, verdammt. Und danach machst du dich vom Acker. Das ist ein Befehl, Mutter

»Und was ist, wenn ich keine Befehle annehme?«

»Dann bekommst du die Hosen voll.«

Für einen kurzen Moment sah sie den Humor in seinen Augen, der sein ganzes Wesen veränderte. Sie bekamen einen milden Glanz, die Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. Dann winselte der Hund, und sein Gesichtsausdruck wurde wieder ernst.

»Der will etwas«, sagte er.

Er aß den Rest seines Breis, stellte den Teller auf den Boden und erhob sich.

»My«, sagte er zum Hund. »Such My.«

Er griff sich an den Kopf und zog Mys Strickmütze aus. Dann hielt er sie Kaj hin, der ausgiebig daran schnüffelte. Aufgeregt begann er mit dem Schwanz zu wedeln.

Peter seufzte. Dicte konnte an seiner Körpersprache ablesen, dass er nicht davon ausging, dass diese Geschichte glücklich enden würde.

»Okay«, sagte er zum Hund. »Dann lass uns losgehen und sie suchen.«

Er packte alles zusammen und ging ohne ein weiteres Wort oder einen Blick. Dicte schlang den letzten Bissen herunter, warf sich den Rucksack über die Schulter und folgte ihnen.