»Down-Syndrom?«
Die Krankenschwester nickte. Ida Marie war neben ihm zu Eis erstarrt. Er spürte die Kälte, die sie ausstrahlte und die sich wie Raureif überall im Zimmer ausbreitete.
»Es tut mir sehr leid. Aber es gibt keinen Zweifel. Beim Screening wurde ja bei der Nackenfaltenmessung eine Abweichung festgestellt, die sich bei der Fruchtwasseruntersuchung bestätigt hat.«
Sie sprach professionell und freundlich mit ihnen. Wagner war ihr trotz der schrecklichen Situation dankbar dafür. Er benötigte diese Professionalität. Kein falsches Mitgefühl oder sinnlose Solidarität. Nicht die Krankenschwester, sondern sie hatten das Problem.
»Und was machen wir jetzt?« Aus seinem Mund kamen diese Worte, obwohl er ihn nicht bewusst geöffnet hatte. Aber er spürte, dass die Frage nach mehr Auskunft und Information in der Luft lag.
»Die meisten Betroffenen entscheiden sich für einen Abort«, antwortete die Krankenschwester. »Heutzutage werden wenige Kinder mit Down-Syndrom zur Welt gebracht.«
Ida Marie wimmerte leise. Er nahm ihre Hand, die war kalt und weich. Sie saßen im Sprechzimmer der Geburtsstation des Skejby-Krankenhauses. Vor ihnen lagen die Aufnahmen vom Screening ihres gemeinsamen Kindes. Die sagten ihm nicht so viel, anders als Ida Maries schnelle Atemzüge und die krampfartigen Zuckungen, die durch ihren Körper gingen. Wie absurd war dieses Leben. Ihnen wurden gerade Neuigkeiten über das Leben mitgeteilt, das sie gezeugt hatten, und er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens mit dem Tod. Vielleicht war es Zeit für eine Veränderung. Er rieb ihre Hand und räusperte sich.
»Und was ist dieses Down-Syndrom genau? Ist das so ähnlich wie Mongolismus?«
Die Krankenschwester setzte sich auf den Stuhl ihnen gegenüber. Das Rascheln ihres Kittels fand er angenehm. Sie verkörperte genau die Autorität, nach der er im Moment verlangte, und darum war er paradoxerweise froh, dass sie eine Uniform trug.
»Dabei handelt es sich um einen Fehler am Chromosom 21. Diese Kinder zeichnen sich in der Regel durch eine geistige Behinderung aus. Sie entwickeln sich sehr viel langsamer als gleichaltrige Kinder.«
Die Worte waren sorgfältig gewählt und wurden schonend vorgetragen. Aber Wagner sah es vor sich. Ein Kind, das weder lesen noch schreiben lernte und nicht begreifen lernte wie andere. Ein Kind, das niemals erwachsen und selbständig werden, sondern immer abhängig von der Hilfe anderer sein würde. Ein Bürger der Gesellschaft, der in bestimmten Kreisen als nachrangig betrachtet wurde, als jemand ohne Daseinsberechtigung, gerade weil die moderne Wissenschaft es ermöglichte, die Geburt eines solchen Kindes zu verhindern. Ein Kind, das nicht in das Bild des Normalen und Geduldeten passte.
»Und das Aussehen?«, fragte er.
»Früher nannte man es Mongolismus wegen der physiognomischen Merkmale der schräg gestellten Augen und des breiten Gesichts. Die Nackenfalte ist ein Kriterium, natürlich, aber es gibt eine Reihe von anderen Merkmalen, die von Kind zu Kind verschieden sein können.«
»Wie lange haben wir Zeit?«
Wagner war sich durchaus bewusst, dass er die Unterhaltung allein führte und Ida Marie vollkommen verstummt war. Er empfand es als seine Pflicht, so viel Klarheit wie möglich zu schaffen.
»Sie haben etwa eine Woche Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Der Abort muss dann innerhalb einer Woche erfolgen.«
»Es muss weggemacht werden.«
Es wurde ganz still im Raum. Ida Marie wiederholte die Worte mit einem Nachdruck, der Wagner überrumpelte.
»Es muss weggemacht werden. Wir können das Leben mit einem behinderten Kind nicht bewältigen.«
Sie sah ihn mit trockenen, müden Augen an. »Wir können das Martin gegenüber nicht verantworten. Und schon gar nicht Alexander.«
Der Tag zog sich schleppend dahin. Ida Marie insistierte darauf, zur Arbeit zu gehen, und benahm sich auf einmal so normal, dass er ganz misstrauisch wurde. Auch er war genötigt, zu einem Termin zu erscheinen, fühlte sich aber mehr tot als lebendig, als er mit Ivar K in die Auffahrt der Villa in Skødstrup fuhr, wo der Vizevorsitzende des Dachverbands »Seltene Krankheiten« wohnte. Er hatte die Liste der Krankheiten überflogen, die vom Verband betreut wurden, und fühlte sich plötzlich wie ein Mitglied der Zielgruppe. Allerdings zählte das Down-Syndrom nicht dazu, wahrscheinlich galt das nicht einmal als eine Krankheit im klassischen Sinne.
Henrik Laurvig war Arzt. Der Vorsitzende wohnte in Kopenhagen, und Adda Boel hatte am meisten mit ihm zu tun gehabt.
Laurvigs Haus lag in einer ruhigen Wohnstraße in der Nähe einer Schule und diverser Einkaufsmöglichkeiten. Ein ganz durchschnittliches dänisches Einfamilienhaus mit Zweitwagen der Frau in der Garage und einem schwarzen Labrador, der sie wedelnd an der Seite seines Herrchens begrüßte, das wie sein Hund die Freundlichkeit in Person war.
Sie wurden zu Kaffee und Gebäck eingeladen und durften sich in weichen Möbeln im Kaminzimmer niederlassen, wo das Feuer um ein paar Scheite tanzte. Auf den Terrakottafliesen lagen gemusterte Teppiche, und die offene Küche ging in das Wohnzimmer über, so, wie es sich gehörte.
»Ja, das mit Adda ist eine schreckliche Geschichte. Wir waren schockiert, aber das versteht sich ja von selbst.«
Er war ein kleiner, kompakter Mann, seinem Hund nicht unähnlich, der sich auf einen der Teppiche am Kamin gelegt hatte. Sie hatten auch denselben Gesichtsausdruck: eine Mischung aus Traurigkeit und Fröhlichkeit, unter der eine gewisse Nervosität schwang. Wie immer, wenn Menschen Besuch von der Polizei bekamen.
»Aber Sie glauben doch nicht, dass Addas Tod etwas mit ihrer Krankheit zu tun hat? Soweit ich das verstanden habe, wurde sie von einem Einbrecher erwürgt.«
»Das ist reine Routine«, beschwichtigte Ivar K ihn und ließ seinen Körper in einen der tiefen Sessel sinken. »Wir versuchen eine Bestandsaufnahme ihres Lebens zu machen, und Sie sind ein kleines Puzzlestück in diesem großen Bild.«
Henrik Laurvig schien sich dank dieser Worten ein wenig zu entspannen.
»Vielleicht könnten Sie uns ein bisschen von Ihrem Verband erzählen?«, schlug Wagner vor, um den Mann auf vertrautes Terrain zu führen. »Wir sind in diesem Bereich ja vollkommen unbewandert.«
Sie bekamen eine, wie Wagner fand, kurze Version des Standardvortrags geboten. Der Dachverband bestehe aus über dreißig verschiedenen Unterorganisationen, die alle eine seltene Krankheit repräsentierten. Auf diese Weise war er Sprachrohr für Menschen, die an Krankheiten litten, die sonst wenig Beachtung fanden, weder vonseiten der Politik, der Gesellschaft noch des Gesundheitssystems. Ziel sei unter anderem, Druck zu erzeugen, damit die Kranken schneller eine Diagnose gestellt bekämen – immer wieder mussten sie aufgrund von Unwissenheit ungebührlich und nervenaufreibend lange warten –, ferner wolle man die Forschung im Bereich der selteneren Krankheiten vorantreiben und einen besseren Überblick im Patientenverlauf gewährleisten.
»Die meisten Betroffenen erleben die Sachbearbeiter der Gemeinden als unzulänglich«, sagte Laurvig. »Sie werden von Büro zu Büro geschickt, müssen sich immer wieder mit neuen Mitarbeitern auseinandersetzen, ohne dass einer von ihnen zum Beispiel eine Haushaltshilfe bewilligt oder ein zusätzliches Hilfsmittel wie einen Rollator oder ein Spezialpflegebett.« Laurvig hatte sich warmgeredet. »Besonders für die Eltern von Kindern, die an diesen Krankheiten leiden, sind das traumatische Erfahrungen. Denn sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten. Für einige kommt die Diagnose einem Todesurteil gleich. Es wurden Untersuchungen durchgeführt, die zeigen, dass die Angehörigen sich häufig im Zustand eines permanenten Posttraumatischen Stresssyndroms befinden. Unsere Aufgabe ist es, das Dasein dieser Menschen zu erleichtern: für die Erkrankten und die Angehörigen.«
Das allgemeine Bild war deprimierend. Es war schon ein großes Unglück, krank zu werden, aber gleich zweifach schrecklich, an einer seltenen Krankheit zu leiden, für die nur wenige Verständnis zeigten. Das erinnerte Wagner an seinen Gedanken mit der rosa Brustkrebsschleife: Einige Krankheiten waren populärer als andere. Einige hatten Prominente als Frontfiguren. Andere wiederum mussten die Basisarbeit allein bewältigen.
»Und wie sieht es aus mit den Finanzen?«, fragte er. »Soweit ich weiß, bekommen Sie Mittel aus den verschiedenen Fonds und Sozialtöpfen. Aber haben Sie auch private Mittel? Und hatte Adda Boel damit zu tun?«
Laurvig nickte.
»Ab und zu erhalten wir eine Erbschaft oder eine private Spende.«
»Große Summen?«
Henrik Laurvig zögerte.
»Das kommt drauf an, was Sie mit groß meinen. Für uns groß, ja. Das kommt vor.«
»Wann war die letzte private Spende?«
Laurvig räusperte sich.
»Das war eine größere Erbschaft, vor etwa einem Jahr.«
»Von welcher Summe sprechen wir?«, meldete sich Ivar K aus den Tiefen seines Sessels zu Wort.
»Vier Millionen Kronen. Ein wohlhabender Geschäftsmann hatte uns in seinem Testament bedacht. Seine Tochter hatte unter einer Krankheit gelitten, die sich Spielmeyer-Vogt-Syndrom nennt.«
»Was ist das für eine Krankheit?«, fragte Ivar K.
»Unheilbar«, antwortete Laurvig. »Sie greift das zentrale Nervensystem an. Im Alter von fünf bis sieben Jahren beginnt sie mit dem Verlust der Sehkraft, darauf folgen Epilepsie und der Verlust motorischer Fähigkeiten. Die Kranken sterben in der Regel im Alter von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren. Oder eben auch früher, wenn es sich um verwandte Unterarten dieser Krankheit handelt.«
»Und davon wissen die Eltern von Anfang an?«
Laurvig nickte.
»Das ist schwer, mit so einer Diagnose weiterzuleben, sowohl für die Erkrankten als auch für die Angehörigen.«
Wagner versuchte es sich vorzustellen. Wie war es, ein Kind zu bekommen, von dem man wusste, dass es so jung sterben würde. Und schmerzvoll. Auf einmal erschien ihm das Down-Syndrom als ein überwindbares Hindernis, und er schämte sich. Diese Eltern konnten es sich nicht einfach anders überlegen und das Kind abtreiben lassen. Nicht, wenn die Krankheit erst im Vorschulalter auftrat.
»Was ist mit dem Geld geschehen?«, brachte sich Ivar K zur Abwechslung mal mit einer praktischen Frage ein. »Wie wurde es eingesetzt? Nur für die Kinder, die an derselben Krankheit leiden wie die Tochter des Spenders?«
»Hmm. In diesem Fall herrschte leider ein bisschen Verwirrung. Wir unterstützen nicht, dass eine Krankheit bevorzugt behandelt wird. Das Geld wurde dem Dachverband gespendet und nicht der Spielmeyer-Vogt-Vereinigung, die sehr klein und ohne Schlagkraft ist. Aber er hatte die Spende an den Wunsch geknüpft, explizit diese Krankheit zu berücksichtigen.«
»Und haben Sie das getan?«
Henrik Laurvig hielt ihnen den Teller mit den Keksen hin, nahm sich selbst einen und biss hinein.
»Wir haben uns dafür entschieden, es aufzuschieben, und haben den gesamten Betrag angelegt.«
Sein Gesicht sah mit einem Schlag schuldbeladen und traurig aus. »Leider lief das mit der Finanzierung nicht so erfolgreich.«
Er sah den Polizisten in die Augen. »Es ist eigentlich nicht erwünscht, dass diese Informationen an die Öffentlichkeit geraten. Aber Ihnen kann ich ja sagen, dass wir falsche Berater hatten. Ich befürchte, die Finanzkrise hat alles vernichtet.«
»Die ganze Summe?«, fragte Wagner.
»Alles. Wir hatten für das Geld Aktien in einem Geldinstitut gekauft, das später in Konkurs ging.«
»In der Århusianischen Bank? Weil Anders Jeppesen, der zweite Vorstandsvorsitzende in der Alpha-1-Vereinigung, dort Vizedirektor war?«
Laurvig nickte.
»Er hat gekonnt Werbung für sich gemacht. Adda hat den Vorschlag dann im Vorstand des Dachverbandes eingebracht. Sie war davon überzeugt und der Auffassung, dass das Geld sich vermehren sollte, um in die Zukunft und in die Forschung investiert werden zu können.«
»Und dann hat sich das alles in Luft aufgelöst«, sagte Ivar K lakonisch. »Da gab es doch garantiert welche, die davon nicht so begeistert waren?«