Was war das Leben eines Menschen wert? Und wer setzte dessen Wert fest?
Dicte schlug in den frühen Morgenstunden die Augen auf. An der Oberfläche herrschte Idylle. Bo lag eng an sie geschmiegt und schlief. Die Welt draußen war von Nebel verhüllt, aber die Herbstsonne hatte bereits den Kampf aufgenommen, um ihn zu vertreiben.
Es wurde langsam heller, dennoch lag eine Last auf ihr, als würde sie unendlich in die Tiefe stürzen. Bald würden sie vor ihrer Tür stehen: die Behörden – in Person von Wagner –, die mit dem Durchsuchungsbeschluss herumwedelten. Auf der Jagd nach einem Menschen, dessen Wert proportional zu seiner Bedeutung für sie war: Wenn sie Peter B fanden, erleichterte das ihre Arbeit. Sie hätten einen Verdächtigen vorzuzeigen und könnten ihren Vorgesetzten und der Öffentlichkeit gegenüber beweisen, dass sie ihre Arbeit gut gemacht hatten. Alle Indizien führten zu ihm. Und Lena Lund führte die Truppe als Polizeihund an, die Schnauze tief in der Spur vergraben. Sie konzentrierten sich gerade auf ihre Beute und vergaßen in ihrem Blutrausch, nach links und nach rechts zu sehen.
Sie betrachtete Bo, der tief schlief, Haarsträhnen klebten auf seiner Stirn, und er sah selig und unbekümmert aus. Sie beneidete ihn darum. Denn eigentlich hätte auch er Grund, sich zu sorgen. Er hatte sich für eine Seite entschieden, hatte sich für sie entschieden und riskierte dadurch, einen hohen Preis zu zahlen, weil er einem Flüchtigen seine Wohnung zur Verfügung stellte. Das war strafbar, wie so vieles andere, was sie in den letzten Tagen unternommen hatte.
Alles hatte seinen Preis. Wie hoch war der Preis für einen Menschen, und wer setzte diesen Preis fest? Die Gesellschaft? Taten das die Sozialbehörden, die Verantwortung übernahmen, wenn die Familien nicht mehr funktionierten, aber am Ende gedemütigte Kinder und Jugendliche ausspuckten? Menschen wie My oder Cato oder Adda, denen nicht derselbe Wert zugesprochen wurde wie denen auf der anderen Seite des Bürotischs? Oder war es das Gesundheitssystem, das Diagnosen aussprach und auf diese Weise den Menschen Preisschilder auf den Rücken klebte, die Preise für Behandlungen und Medizin? Oder waren es am Ende wir selbst, die unseren Wert bestimmten? War es an uns, an jedem Einzelnen, zu sagen: Ich bin etwas wert? Es kann schon sein, dass ich krank bin oder am Rande der Gesellschaft lebe, aber ich kann etwas, und ich will etwas: Ihr werdet schon sehen!
Sie strich Bo eine Strähne aus der Stirn. Er schnaufte im Schlaf, und sie kuschelte sich eng an ihn und genoss die Wärme seines Körpers.
Sie hatte immer Stärke bewiesen und war ihrer Methode treu geblieben. Sie war davon überzeugt, dass sie selbst die Zügel in der Hand behalten musste. Wenn sie hart arbeitete und Resultate vorweisen konnte, dann war sie etwas wert, in erster Linie für sich selbst, aber auch für andere: für die Zeitung, für Bo, für das Finanzamt und für die Gesellschaft. Nur dann konnte sie sich in die Augen sehen und sich beglückwünschen: Gut gemacht, Dicte!
Aber in letzter Zeit schien dieses Weltbild auf den Kopf gestellt. Es gab Menschen, die sich von den vielen verschiedenen Preisschildern, die an ihnen befestigt worden waren, nicht freimachen konnten. Menschen, die ihr ganzes Leben mit Bewertungen leben mussten, die andere über sie ausgesprochen hatten und die deshalb niemals ganz werden konnten. Niemals. Menschen, die nur halb oder noch weniger waren, reduziert vom Leben, Erlebnissen und ihrer Herkunft – Koordinaten, die sie nicht ändern konnten. Ihr Sohn war einer von ihnen. Ihr gefiel das zwar nicht, aber sie musste sich eingestehen, dass sie ihn in diese Situation gebracht hatte. Und so ging es immer weiter. Wir platzieren einander auf der Preisskala des Lebens. Einige sind im Sonderangebot, andere nur für künstlich in die Höhe getriebene Preise zu erhalten. Es war eine Schande. Es war Sünde. Und es war ungerecht. Aber es war, wie es war, und selbst wenn sie es gewollt hätte, konnte sie es nicht mehr ändern.
Sie legte sich auf den Rücken, das Kissen unter den Kopf gestopft, und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Tief hinein in philosophische Fragen hatte sie sich begeben, als Bo plötzlich neben ihr etwas Unverständliches murmelte, sich umdrehte und wie zufällig den Arm um sie legte. Sie wartete darauf, dass seine Atemzüge wieder gleichmäßiger wurden, aber stattdessen öffnete er ein Auge und sah sie prüfend an.
»Womit quälst du dich?«
»Gar nichts.«
»Dieses ›gar nichts‹ sieht ziemlich ernst aus.«
Er drehte den ganzen Kopf zu ihr, so dass ihre Nasen sich berührten. Sie tauchte in das Grau seiner Augen ein, suchte Halt in seinem Lächeln.
»Glaubst du, ich tue das Richtige?«
Sein Lächeln breitete sich über das ganze Gesicht aus.
»Du tust immer das Richtige. Nur manchmal auf die falsche Art und Weise.«
Sie war nicht in der Lage, sein Lächeln zu erwidern.
»Die kommen bald, das weißt du, oder?«
»Natürlich. Soll ich schon mal runtergehen und ein paar belegte Brötchen vorbereiten? Einen Kaffee können die doch bestimmt auch gebrauchen?«
Seinen Vorschlag unterstrich er mit seiner Hand, die er unter die Decke und auf ihren Oberschenkel schob.
»Hmm. Dick Butter. Salz und Pfeffer. Käse. Ein paar süße Teilchen.«
»Wie kann dich das alles so unberührt lassen?«
Er näherte sich der Innenseite ihres Oberschenkels. Warme Lippen küssten ihre Wangen und Nase.
»Unberührt ist mein zweiter Vorname. Die reine Jungfräulichkeit, wenn du mich fragst.«
Seine Zunge spielte an ihren Lippen herum, sie erwiderte den Kuss und spürte, wie ihr geteiltes Ich sich zusammenfügte und in diesen Kuss legte.
»Ich habe dich ganz offensichtlich vermisst.«
Er nahm ihre Hand und führte sie zum Beweis zwischen seine Beine. Sie wurde von der Wärme und dem Lachen aus den Tiefen ihres Inneren überrumpelt.
»Sag bloß, du stehst auf so was hier?«
»So was? Du meinst dich?«
Er zog sie näher an sich heran und glitt zwischen ihre Beine. Ohne sie um Erlaubnis zu fragen, drang er in sie ein, dann blieb er reglos liegen und sah sie an, mit diesem Lächeln von vorhin.
»Bo, zum Teufel. Was hast du vor? Die können jederzeit die Tür einschlagen.«
Er tat so, als würde er angestrengt nachdenken, während er sich vorsichtig zu bewegen begann. Dann platzte er mit seinem Vorschlag raus.
»Was ich vorhabe? Bum, bum, bum … Ein paar Orgasmen, vielleicht? Die letzten, bevor wir in unsere Einzelzellen geworfen werden.«
Sie waren wieder eingeschlafen, als es an der Tür klingelte und der Hund klang, als würde eine Armada von Postboten draußen stehen.
»Verdammt.«
Sie löste sich aus Bos Umarmung und schob die Decke zur Seite, die sich um sie gewickelt hatte. Wie um alles in der Welt hatte sie wieder einschlafen können?
»Lass mich das machen!«
Er sprang sehr schnell aus dem Bett, überraschend energisch und warf sich Kleidung über. Sie hörte sein lautes Trampeln bis nach unten. Sie sah aus dem Dachfenster. Wagners schwarzer Passat stand vor der Tür. Und ob das nicht schon genug Demonstration der Macht war, parkte auch ein Streifenwagen mit Blaulicht daneben. Ein gefundenes Fressen für die Nachbarn.
Sie zog sich ebenfalls an und ging nach unten. Bo hatte Wagner und zwei Beamte ins Wohnzimmer gebeten. Wagner reichte ihr einen Umschlag.
»Wir haben einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss.« Es fiel ihm schwer, ihr dabei ins Gesicht zu sehen, das spürte sie ganz deutlich, und es machte sie traurig.
»Bitte sehr. Legt los.«
Sie breitete die Arme aus und wirkte viel gönnerhafter als beabsichtigt.
»Kaffee?«, fragte Bo und sah die beiden Polizeibeamten an, die sehr verlegen aussahen. »Milch, Zucker, Sahne?«
Wagner nickte den Kollegen zu, die sich daraufhin im Haus verteilten.
»Jetzt setz dich doch endlich«, sagte Bo dröhnend aus der Küche, wo er den Kaffee vorbereitete.
»Keine Lena Lund heute?«
Wagner setzte sich und antwortete mit einer Gegenfrage.
»Wieder bei seinem Besitzer«, erwiderte Dicte.
»Peter Boutrup?«
Jetzt war sie an der Reihe, zu schweigen. Er beugte sich auf seinem Stuhl vor.
»Mir ist selbstverständlich klar, dass er sich nicht mehr im Haus aufhält. Aber er ist hier gewesen, das weiß ich jetzt. Wir können nach Spuren suchen. Wir können das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn du das willst. Aber du kannst uns natürlich auch einfach sagen, in welcher Verbindung du zu ihm stehst.«
Er lehnte sich wieder zurück. »Du bist nicht dumm, Dicte. Wir beide waren immer gut darin, uns der Wahrheit von zwei verschiedenen Richtungen anzunähern.«
Er warf eine Hand in die Luft, aber die Geste wirkte kraftlos. »Vielleicht könnten wir das wieder versuchen.«
»Und Lena Lund?«
»Lena Lund, tja.«
Er starrte eine ganze Weile in die Luft, dann sah er sie an, wie sie ihn kannte, mit festem Blick.
»Das ist sehr unglücklich gelaufen mit ihr, das muss ich zugeben. Vieles hätte anders laufen können, und ich verstehe gut, dass du wütend und frustriert warst.«
Ihm war es genauso ergangen, konnte sie in seinem Gesichtsausdruck ablesen, und eine Welle der Sympathie überflutete sie beide, während Bo draußen in der Küche mit dem Geschirr klapperte und vor sich hin pfiff.
»Nicht Boutrup müsst ihr suchen«, sagte sie. »Er hat nichts mit den Morden zu tun.«
Sie sah, dass er aufmerksam zuhörte, trotz der gesenkten, schläfrig wirkenden Lider. So gut kannte sie ihn immerhin. Aber auch so schlecht. Denn er zählte auf:
»Er ist am Tatort gewesen. Seine DNA-Spuren sind eindeutig. Du kennst alle Indizien, und im Prinzip sind das erdrückende Beweise. Außerdem konnten auch an My Johannesens Leiche DNA-Spuren in Form von Haaren und Sekreten sichergestellt werden. Die sind gerade im Labor.«
Sie nickte.
»Das ist ja gerade das Problem. Aber er ist nicht euer Mann.«
»Wer dann? Du musst mir was geben, Svendsen.«
Sie lächelte. War der Weg zurück doch nicht versperrt? So oft hatte sie ihm Geschenke überreicht, und er hatte sich über sie beschwert und sie dann trotzdem geöffnet.
»Cato Nielsen.«
»Wer ist das denn?«
Sie erzählte ihm das, was sie wusste, ohne Peter B und My zu erwähnen. Er nickte. Das schien mit einer Information übereinzustimmen, die er schon bekommen hatte. Ein Name offenbar, auf den sie im Laufe der Ermittlungen gestoßen waren.
»Und wo finde ich ihn?«
»Wenn ich das wüsste, hätte ich ihn euch längst vorbeigebracht. Aber er hat etwas Größeres vor.«
Wagner riss die Augen auf, auch die Augenlider hoben sich fast vollständig.
»Rache? Wo? Wie?«
Wenn sie es wüsste, hätte sie es ihm gesagt. Aber sie hatte keine Ahnung. Und auch Peter B hatte keine konkrete Idee gehabt.
Wagner stand auf. Die beiden Beamten kamen zurück und hatten die Handflächen nach oben gedreht. Er schickte sie raus, um im Streifenwagen auf ihn zu warten.
»Und er? Peter Boutrup?«
Wagner nahm den Becher Kaffee dankbar an, den Bo ihm wortlos reichte.
»Warum versteckst du ihn? Warum riskierst du so viel für ihn?«
Sie sah ihn an. Was für einen Wert maß sie sich selbst bei, wenn sie nicht aufhörte, die Wahrheit zu verleugnen?
»Weil er mein Sohn ist.«