Svendsen bellte so laut, als würde ein maskierter Mörder hinter der nächsten Ecke stehen, bereit, das Haus mit seiner AK47 zu zersieben.
Dicte sah durch das Fenster, wie Wagners schwarzer Passat in die Auffahrt bog. Er hielt neben der Hecke, die Bo hatte schneiden wollen – spätestens bis Sankt Johannistag, versprochen. Das war drei Monate her. Im Wagen saßen zwei Personen. Wagner und Lena Lund. Sie fand das zu früh, viel zu früh. Der Südostjütländischen Polizei konnte es unmöglich gelungen sein, die Verbindung zwischen My und ihr herzustellen und dann die Ostjütländischen Kollegen von der Mordkommission kontaktiert zu haben. Es musste etwas anderes sein, was die beiden zu ihrer Expedition aufs Land bewegt hatte.
Die stiegen aus und warfen die Türen zu. Ein schönes Paar, fand Dicte. Wagner in Salz-und-Pfeffer-Muster, kurze Haare, gebogene Nase, südländische Hautfarbe und seine obligatorische Tweedjacke. Und Lena Lund mit ihrem perfekt ovalen Gesicht und in einem perfekt sitzenden Hosenanzug. Svendsens Bellen hatte eine alarmierende Lautstärke erreicht. Sie schaffte es noch, die Treppe hochzurennen und an Roses Zimmertür anzuklopfen. Peter B lag auf dem Bett und las ein Buch.
»Du bleibst hier. Und kein Laut, hörst du?«
Er sah vom Buch auf. Es war David Copperfield von Charles Dickens.
»Steht die Kavallerie vor der Tür?«
Sie antwortete nicht, sie sah nur die brennende Esche vor sich. Vielleicht war er innerlich schon so verkohlt, dass er gar nicht mehr zu retten war.
»Mir fehlt nur noch eine einfache Antwort auf eine einfache Frage«, sagte sie. »Warum kannst du sie mir nicht geben? Damit ich ihnen mit etwas in der Hand begegnen kann.«
Sie wartete. Würde er jetzt seine Unschuld beteuern? Oder seine Schuld eingestehen? Sie gab ihm eine Sekunde, zwei. Aber seine Entgegnung bestand nur darin, dass er seine Nase im Buch vergrub und umblätterte. Bei Sekunde drei klingelte es an der Tür. Jetzt bellten zwei Hunde.
»Du machst es mir wirklich nicht leicht.«
Er sah nicht vom Buch auf, als er erwiderte: »Wer hat denn gesagt, dass es leicht sein würde?«
Sie schloss die Tür zu Roses Zimmer hinter sich und ging runter.
»Guten Tag. Wir dachten, wir schauen mal vorbei.«
Wagner war ungewöhnlich formell. Er wirkte unbeholfen, fast, als würde er sich entschuldigen, in ihre Privatsphäre eingedrungen zu sein.
»Sie haben sich doch bestimmt schon kennengelernt. Dicte Svendsen. Lena Lund, unser neues Mitglied im Ermittlerteam.«
Sie gaben sich die Hände, vollkommen absurd war das. Wie eine Brise aus Kaffeeduft und Zimtschnecken aus der Kantine strich die Erinnerung an die Zeiten über ihre Haut, als Wagner und sie sich in seinem Büro gegenübergesessen hatten. Schon oft hatten sie sich zur Aufklärung eines Falles zusammengetan und hatten in der etwas unglücklichen Allianz aus Polizei und Presse zusammengearbeitet. Aber dieses Mal nicht. Jetzt war alles anders.
»Dürfen wir reinkommen?«
Lena Lund hatte sich bis unter die Zähne mit ihrem Lächeln bewaffnet.
»Aber selbstverständlich.«
Dicte führte sie ins Wohnzimmer, das nur unwesentlich aufgeräumter war als bei Lunds letztem Besuch. Die zusammengelegte Wäsche stapelte sich auf dem Couchtisch. Ob ein erfahrener Detektiv sehen könnte, dass sie von zwei verschiedenen Menschen gefaltet worden war? Die Paranoia hatte sie fest im Griff, als sie sich im Raum nach Hinweisen umsah, die auf den neuen Gast des Hauses hindeuten konnten.
»Neuer Hund?«
Lena Lund streichelte Kajs Kopf. Er quittierte die Zuwendung, indem er an ihrer Hose schnüffelte, allerdings in ungebührlicher Höhe.
»Feriengast.«
»Ein ganz schöner Brocken, so größenmäßig. Aber das gibt einem wahrscheinlich Sicherheit.«
»Wenn ich Sicherheit wollte, würden wir jetzt hier nicht zusammensitzen. Ich will nicht unhöflich sein, aber ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit.«
Sie sah zu Wagner, der an der Terrassentür stand und durchs Fenster sah.
»Was kann ich für euch tun?«
Er drehte sich zu ihr um. Müde sah er aus, aber sie kannte ihn besser. Seine Augen führten einen in die Irre, weil er schwere Lider hatte und dadurch immer etwas schläfrig wirkte.
»Ich habe mitbekommen, dass du den gesuchten Peter Boutrup kennst?«
Sie hatte keine Zeit, nachzudenken.
»Ja.«
»Warum hast du uns das nicht früher erzählt?«
»Ich kann euch nichts von Belang dazu sagen«, log sie. »Meine Verbindung zu ihm ist unbedeutend.«
»Aber eng genug, um ihn letztes Jahr häufiger im Krankenhaus besucht zu haben.«
Lena Lund hatte sich in den Sessel gesetzt und ihre Beine fest zusammengepresst. Wahrscheinlich, um Kaj nicht einzuladen. Wagner sah Dicte an und wartete offenkundig auf eine Antwort von ihr.
»Ich kenne ihn, wie ich schon sagte, oberflächlich. Ich wollte seine Geschichte für eine Reportage über Gefängnisinsassen und über die Debatte um Organtransplantationen verwenden. Er wartete dort auf eine neue Niere.«
Die Unwahrheiten purzelten ihr ohne Mühe aus dem Mund. Lena Lund sah skeptisch aus. Wagner hatte sich wieder zum Fenster gedreht, ihm war die Situation sehr unangenehm. Dictes Gedanken überschlugen sich. Lena Lund hatte offenbar in ihrer niemals endenden Jagd herausbekommen, dass sie letzten Sommer ein paarmal im Krankenhaus gewesen war. Und als sie Wagner diese Information vorgelegt hatte, hatte er keine andere Wahl gehabt, als dem nachzugehen. Das war eine herbe Niederlage. Sie hätte nicht gedacht, dass sie in diese Richtung recherchieren und sogar etwas herausfinden würden. Es gab doch so etwas wie Schweigepflicht. Aber offensichtlich hatten sie nichts über ihr Familienverhältnis erfahren.
»Du hast ihn also in letzter Zeit nicht gesehen?«, fragte Wagner.
Sie zögerte eine Sekunde zu lang. In diesem Augenblick schlug Lena Lund zu.
»Ist er hier? Verstecken Sie ihn?«
»Warum um alles in der Welt sollte ich ihn verstecken? Ich kenne ihn doch kaum?«
Lena Lund sprang auf.
»Er ist hier. Ich weiß, dass er hier ist.«
»Lund!«
Wagner legte eine Hand auf den Arm der Kollegin. In diesem Moment brachen in Dicte alle Dämme.
»Was zum Teufel ist eigentlich los mit Ihnen? Versuchen Sie, Ihr eigenes Fiasko auf mich zu übertragen? Von damals, als sie einen Vergewaltiger gedeckt haben und am Ende Ihre Schwester in seine Fänge geriet?«
Lena Lund schnappte hörbar nach Luft, sagte jedoch nichts. Die Stille war so gewaltig, als hätte Dicte den Stift aus einer Handgranate gezogen und diese unter das Sofa rollen lassen. Sie wusste genau, dass sie sich zusammenreißen musste, aber sie konnte sich nicht halten.
»Ihre beste Freundin hat Mike als den Täter identifiziert. Aber Sie waren so verblendet, dass Sie die Wahrheit nicht akzeptieren konnten. Sie haben ihn gedeckt, und am Ende war Sally die Leidtragende.«
Sie trat ganz dicht vor Lena Lund und starrte ihr in die Augen, die weit aufgerissen waren, wie bei einer Puppe, eingefroren in einem Moment großer Fassungslosigkeit.
»Wer weiß, ob Sie es hier nicht genauso machen? Und die Aufmerksamkeit von den eigentlich wichtigen Dingen ablenken? Ich habe nämlich niemanden totgeschlagen oder Bomben in einem Solarium und einem Auto gezündet. Und ich habe verdammt noch mal auch kein Sperma irgendwo hinterlassen, oder was Sie da sonst noch für Spuren entdeckt haben.«
Dicte holte schnell Luft, um niemandem die Möglichkeit zu geben, sie zu unterbrechen. Das fühlte sich einfach zu gut an. Die Kränkungen der letzten Tage mit weißen Autos dicht an ihrer Stoßstange und Lena Lunds unverhohlener Verdächtigung bahnten sich ihren Weg in einer Kaskade aus Worten.
»Wann begreifen Sie endlich, dass Sie in einer Sackgasse stehen? So wie damals. Oder was ist Ihr eigentliches Ziel? Müssen Sie irgendeinem Vorgesetzten gegenüber beweisen, dass Sie diese unkontrollierbare Tante Dicte Svendsen unter Kontrolle haben? Während Sie eigentlich gleichzeitig nur eine neue Ausgabe von Mike Vindelev-Holst decken wollen?«
Svendsen begann wieder lauthals zu bellen, Kaj knurrte. Sie wusste, dass sie gebrüllt hatte. Sie wusste auch, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegte. Jetzt war es ihre Schulter, auf die sich Wagners Hand legte.
»Komm, beruhig dich, setz dich hin!«
Sie blieb stehen, wie ein trotziges Kind. Das war immer noch ihr Haus, und wenn er sich von einer kleinen Tussi mit perfekten Zähnen an der Nase herumführen ließ, war das seine Sache.
»Deine sogenannte tüchtige Kollegin war vielleicht ein bisschen zu tüchtig. Sie hat mir indirekt gedroht. Sie hat mich verfolgt. In ihren Augen bin ich eine Bedrohung der Rechtsordnung, so, wie sie es damals vor sechzehn Jahren gewesen ist.«
Mit einem Kopfnicken wandte sie sich wieder Lena Lund zu.
»Und, habe ich recht? Sally musste in die Klapse und wurde drogenabhängig. Sie haben große Schuldgefühle. Jeden verdammten Tag nagt es an Ihnen, und Sie lassen es an anderen aus.«
Sie zeigte mit dem Finger auf die Polizistin, die mit ausdrucksloser Miene vor ihr stand.
»Er ist hier«, sagte Lena Lund mechanisch. Als ob sie Dicte gar nicht zugehört hätte. »Ich weiß, dass Sie ihn verstecken.«
»Sie hatten es von Anfang an auf mich abgesehen. Vielleicht sogar schon bevor sie nach Århus kamen. Sie kamen mit der Mission, mich fertigzumachen und mich dafür dranzukriegen, wofür Sie eigentlich hätten verurteilt werden müssen: dass Sie einen Täter gedeckt haben.«
»Dicte, es reicht.«
Sie sah Wagner an und schüttelte den Kopf.
»Ihr müsst euch einen richterlichen Beschluss holen, wenn ihr mein Haus durchsuchen wollt.«
Das klang trotzig und roch verdächtig nach einem Schuldeingeständnis. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Augenblick ertönte Svendsen fröhliches Bellen, als Bos Wagen in der Auffahrt erschien und ihr kleines Kammerspiel unterbrach. Wagner schien erleichtert aufzuatmen.
»Oh, welchem Umstand verdanken wir die Ehre?«, fragte Bo überrascht, als er durch die Haustür trat. Er war die Fröhlichkeit in Person. »Braucht ihr Hilfe bei einem Fall? Dann seid ihr bei uns genau richtig. Das Haus ist voller Verdächtiger, in der Garage liegen Bomben, und auf dem Dachboden leben Ratten.«
In diesem Augenblick hörten sie einen dumpfen Knall im ersten Stock.
»Seht ihr?«, sagte er gut gelaunt. »Wir haben hier einfach keine Ruhe.«
Lena Lund sah zu Wagner. Sie hatte den Schock verwunden, und die Ermittlerin in ihr war wieder erwacht.
»Da ist jemand oben. Die verstecken ihn, ich weiß es.«
Bo warf die Arme in die Luft.
»Natürlich verstecken wir ihn. Ich bitte Sie!«
Wagner bedeutete seiner Kollegin mit einem Kopfnicken, dass sie jetzt gehen würden. Lund sah aus, als wollte sie protestieren, aber Bos breites Lächeln und die Körpersprache ihres Vorgesetzten schienen sie davon abzuhalten. Sie verließ das Haus, ohne Dicte eines Blickes zu würdigen. Aber der Ausdruck in ihrem Gesicht schwor Rache.
Wagner blieb in der Tür stehen, während Lena Lund zum Wagen ging.
»Ich hoffe, du weißt, was du tust, Dicte.«
»Das hoffe ich auch.«
Sie sahen einander an. Erinnerte er sich auch an die Male, in denen ein Treffen in seinem Büro sie beide zu Verbündeten auf Verbrecherjagd gemacht hatte? Bei denen sie ihn in Geheimnisse einweihte, die sie aufgespürt hatte, und er im Gegenzug ihr als Vertreterin der Presse ein bisschen mehr Informationen hatte zukommen lassen, als es professionell vertretbar gewesen war? Nicht ganz nach Vorschrift. Nicht im Stil von Lena Lund. Aber es hatte funktioniert, oder etwa nicht? Sie hatten Wege genommen, die vor ihnen keiner gegangen war.
»Passt auf euch auf. Wir sind hier noch nicht ganz fertig.«
Sie schloss die Tür hinter ihm, das Bellen der Hunde in den Ohren und Bos Hand auf ihrer Schulter. Die Berührung gab ihr das Gefühl von Sicherheit und versprach damit mehr, als er vermutlich halten konnte.