KAPITEL 38

Es war Samstagmorgen um halb acht, und die Kirche war menschenleer.

Francesca ging langsam durch den Mittelgang auf den Altar zu. Ihr Haar war mit einem Tuch bedeckt, den Kopf hielt sie gesenkt. Sie trug einen langen schwarzen Mantel, der bis zum Boden reichte. Ihre Beine fühlten sich schwer an, wie Fremdkörper schleppte sie sie hinter sich her. Auch ihr Herz war schwer.

Sie war früh am Morgen von Telefonklingeln geweckt worden. Ein Journalist, Karl Henriksen, hatte sie um einen Kommentar zu einer Geschichte gebeten, die in der Sonntagsausgabe seiner Zeitung, der NyhedsPosten, erscheinen sollte. Sie wusste sofort, dass er nur ein Handlanger von diesem Jimmi Brandt war, der die Story über die schwarzarbeitende Putzfrau veröffentlicht hatte.

»Was denn für eine Geschichte?«

Sie hätte niemals das Gespräch annehmen sollen, hatte sie noch gedacht, während sie sich aus Asbjørns Umarmung löste und dabei dem Blick des Mannes begegnete, der über ihrem Bett am Kreuz hing. Ein Stich hatte sie durchfahren und einen Ort tief in ihrem Inneren berührt, wo die Lehrsätze und Gebete aus ihrer Kindheit für alle Zeit verwahrt waren. Hatte sie diese Gebote alle verraten? Wann war sie das letzte Mal in der Kirche und bei der Beichte gewesen?

»Können Sie bestätigen, dass Sie sich in mehreren Fällen Sex mit jungen Männern erkauft haben?«, fragte Karl Henriksen.

»Wie bitte?«

»Einer unserer Journalisten ist im Besitz eines Interviews mit einem Mann namens Klaus Bonderup, zweiundzwanzig Jahre alt, der damals als Callboy in einer Escortfirma gearbeitet hat. ›AlloverEscort-Service.com‹ heißt sie und vermittelt im Internet entsprechende Dienste.«

»Das kann ich mit Bestimmtheit dementieren. Ich habe noch nie zuvor von dieser Firma gehört«, log sie ganz automatisch.

»Auch nicht von ›AlwaysCompleteDiscretion.com‹, die ein Ableger davon ist?«

»Nein, das hat nichts mit mir zu tun.«

Sie saß aufrecht im Bett, hatte Asbjørn den Rücken zugewandt. Jede Faser ihres Körpers war in Alarmbereitschaft.

»Worauf zum Teufel wollen Sie hinaus? Warum sollte ich damit zu tun haben?«

Der Journalist erklärte ihr die Umstände ausführlich und sehr geduldig.

»Ich mache hier auch nur meinen Job. Ich wurde gebeten, Sie anzurufen, um Ihnen bezüglich des Artikels einige Fragen zu stellen und Ihnen die Möglichkeit einer Stellungnahme einzuräumen.«

»Na, dann grüßen Sie bitte Jimmi Brandt von mir und richten Sie ihm aus, wenn Sie auch nur eine Zeile davon drucken, werden Sie wegen Verleumdung verklagt. So schnell können Sie keine neue Auflage drucken.«

»Wir verfügen allerdings über zwei unabhängige Quellen, die unsere Geschichte bestätigen.«

»Und wie viel haben Sie denen bezahlt?«

Darauf erwiderte er nichts. Ihr Gehirn stand kurz vor einer Implosion. Sie musste Zeit schinden, um nachdenken zu können.

»Hören Sie. Sie werden einen Kommentar bekommen, aber nicht jetzt in diesem Moment.«

»Wann dann?«

Die Gedanken wirbelten wie Pfeilspitzen durch ihren Kopf und verursachten stechende Kopfschmerzen. Sie drehte sich zu Asbjørn um, der nackt auf dem Bett lag, das Laken bedeckte seinen Schritt, seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Aber in seinen Augen sah sie aufrichtige Sorge.

»Später«, sagte sie. »Heute Nachmittag. Ich rufe Sie an.«

»Zeitpunkt?«

»Um 15 Uhr.«

 

Sie ging das Telefonat in Gedanken durch, wie ein Gespräch mit dem Bösen höchstpersönlich, während sie vor dem Altar niederkniete und sich bekreuzigte. Gab es den Teufel wirklich? Sollte man sich die Hölle tatsächlich als einen Ort vorstellen, wo die Seele buchstäblich verbrannte? Ihr Glaube war bisher immer sehr, wie sie es nannte, vernunftbetont gewesen. Sie hatte sich an die Gebote gehalten, aber hatte die Vorstellung eines zwar strengen, aber barmherzigen Gottes gehabt. Die Hölle gab es nicht, zumindest nicht im wortwörtlichen Sinn. Und den Teufel gab es auch nicht, oder etwa doch? Wenn ja, da war sie sich sicher, wandelte er in Gestalt eines Menschen auf der Erde.

Sie holte den Rosenkranz aus der Manteltasche und ließ die Perlen durch ihre Finger gleiten, während sie das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser vor sich hinmurmelte. Fest hielt sie die Augen geschlossen und versuchte sich auf die Rosenkranzgebete zu konzentrieren. Sie fuhr fort mit drei »Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade für Glauben, Hoffnung und Liebe«, dann folgten ein »Ehre sei dem Vater« sowie mehrere Perlen des schmerzhaften Rosenkranzes. Sie sprach den Text zu Jesu Leiden am Ölberg in Gethsemane; Jesu Geißelung; Jesu Krönung mit Dornen; Jesu Tragen des Kreuzes und Jesu Kreuzigung.

»Nach dem letzten Abendmahl geht Jesus mit seinen Jüngern in den Garten Gethsemane: Jesus weiß, er wird bald sterben, und er bittet seine Jünger zu wachen und mit ihm zu beten. Aber sie schliefen ein, und Jesus war allein in seiner Todesangst: ›Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!‹«

Die letzten Worte wiederholte sie dreimal: »Doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!«

Was war Gottes Wille mit ihr? Was wollte er ihr mit den Ereignissen, die ihr gerade widerfuhren, sagen? War es ein Test? Hatte er ihr am Ende doch nicht vergeben? Oder hatte er das, wollte aber sichergehen, dass sie sich vergab?

Zwei Stunden lang saß sie und betete und spürte, wie sie ihre alte Kraft wiedererlangte, und ihre Konzentration auf die Gebete wurde größer und größer. Da tauchten Erinnerungen auf, die Rituale und Stimmungen aus ihrer Kindheit. Die Tage in Italien, in der kühlen Kirche, an der Hand der Großmutter. Die Messen in Dänemark, die sie mit Vater und Mutter besucht hatte, die zur Hochzeit konvertiert war. Sie erinnerte sich an ihre eigene Hochzeit mit William in England. An die Beerdigung ihres Vaters in Italien und die lange Prozession seines Sarges durch den Ort. Eine Perlenkette an Ereignissen, wie der Rosenkranz durch eine dünne, aber feste Schnur miteinander verbunden, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zog.

Sie beendete ihr Rosenkranzgebet mit dem Mariengebet: »Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, O heilige Gottesgebärerin; verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren, O du glorreiche und gebenedeite Jungfrau. Amen.«

Die Schnur konnte jederzeit reißen. Nur die Gebete und der Rosenkranz hielten im Moment die Welt und den unausweichlichen Zusammenbruch auf Distanz. Nur die Gebete konnten ihr die Kraft geben, weiterzumachen und den Teufel in die hinterste, dunkle Ecke des Aberglaubens zu verbannen.

Als sie sich erhob, wusste sie genau, was sie zu tun hatte.

 

Kaum hatte sie ihre Haustür aufgeschlossen, griff sie zum Telefon, rief den Fraktionsvorsitzenden an und erzählte ihm die ganze Geschichte und wie sie vorzugehen gedachte.

Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, sagte er: »Du spielst ein gefährliches Spiel. Das könnte zu einem herben Rückschlag bei der Sympathie der Wähler führen.«

Das war möglich, darüber war sie sich im Klaren. Aber es gab noch eine andere Möglichkeit, und daran klammerte sie sich.

»Ich glaube, dass es in die andere Richtung geht. Ich habe viele weibliche Wähler. Die werden mich verstehen und unterstützen, wenn ich die Sache so schildere, wie ich es vorhabe.«

Am anderen Ende der Leitung wurde schwer geatmet.

»Mir gefällt das gar nicht«, sagte er.

»Aber die Alternative ist um ein Vielfaches schlimmer. Eine Lüge kommt früher oder später immer ans Licht der Wahrheit.«

Er hatte große Zweifel, aber am Ende gab er ihr recht.

»Ja, vielleicht gibt es im Moment tatsächlich keinen anderen Weg.«

»Ich weiß, was ich tue«, sagte sie. »Es ist zeitgemäß, dass auch Frauen sich auf diesem Gebiet so verhalten.«

Exakt um 15 Uhr rief sie in der Redaktion der NyhedsPosten an und bestätigte die Story, verweigerte allerdings jeden Kommentar. Danach kontaktierte sie Hans Erik Lemvig von der Zeitung Stiftens, der ihr immer wohlgesonnen gewesen war, und bat um ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen.