KAPITEL 69

Asbjørn machte mit einer SMS Schluss. Ihm gehe es schlecht, schrieb er. Er sei gezwungen, sein Leben zu überdenken. Er bat um Verständnis, die Umstände hätten das bewirkt. Zwischen den wenigen Zeilen las Francesca heraus, dass seine Entscheidung mit seiner Familie zu tun hatte. Seine Eltern hatten nichts von ihrem Verhältnis gewusst, und sie verstand sehr wohl, dass es für sie ein Schock gewesen sein musste, ihren Sohn in eine Affäre mit einer machthungrigen Frau in den Wechseljahren verstrickt zu sehen. »Klimakteriumszicken« wurden solche wie sie genannt, oder? Natürlich konnte sie ihn verstehen. Aber die Enttäuschung hinterließ dennoch einen schalen Geschmack im Mund.

Selten hatte sie sich so leer gefühlt. Sie hatte die Fraktionssitzung im Rathaus verlassen und war mit dem Auto durch sein Stadtviertel gefahren. Dann hatte sie vor seinem Haus geparkt und aus dem Fenster gestarrt. Bei ihm war Licht. Ab und zu meinte sie sogar seine Silhouette im Küchenfenster zu erkennen, schmale Taille und die schönen, breiten Schultern, auf denen jedes Hemd stramm saß; der muskulöse Hals und sein klassisches Profil. Wenn er es wollte, wenn er überhaupt aus dem Fenster nach unten sehen würde, könnte er ihren Wagen auf dem Parkplatz stehen sehen. Wenn er es wollte, hätte er Kontakt mit ihr aufnehmen können, sie auf dem Handy anrufen und sie hochbitten können. Aber das tat er nicht. Weil er es nicht wollte.

»Oh, Asbjørn, mio caro. Asbjørn, Asbjørn, mein Geliebter.« Sie nahm Abschied. Die Erinnerungen an ihn und an die

Berührungen seines Körpers schwebten aus dem geöffneten Fenster und mischten sich mit der Abendluft. Sie wendete den Wagen und fuhr aus seinem Leben.

Es war schon dunkel, als sie endlich in die lange Straße in Skåde einbog, wo bläuliche Lichtschimmer in den Fenstern der Häuser hinter den Hecken von den Leben vor den Fernsehern erzählten. Sie fuhr in die Garage und stieg aus. Mit einem Knall warf sie die Fahrertür zu, dass es nur so schepperte, sie vergaß aber, das Licht in der Garage anzuschalten, bevor die Innenbeleuchtung ausging. Neben der Tür, die in die Waschküche führte, tastete sie nach dem Schalter, aber als sie ihn endlich gefunden hatte, rührte sich nichts. Sie musste also wohl oder übel im Dunkeln nach ihrem Schlüssel wühlen, während sie sich vornahm, die Birne auszuwechseln. Plötzlich hielt sie inne, weil sie meinte, ein Geräusch gehört zu haben. Ein Rascheln aus einer Ecke der Garage.

»Miez, miez«, rief sie.

Die Nachbarskatze kam häufiger mal zu Besuch. Sie hatte sich offensichtlich in Francescas selbstgemachten Thunfischsalat verliebt. Ihr war an diesem Abend ein bisschen Gesellschaft sehr willkommen. Ihr gefiel die Vorstellung eines weichen pelzigen Tieres auf dem Schoß im Sofa beim Zappen und einem Glas Whiskey.

»Miez, miez. Na komm. Wir sehen mal nach, was ich für dich habe.«

Endlich fand sie das Schloss und drehte den Schlüssel um. Da spürte sie, dass etwas an der Türklinke hing, ein geknotetes Seil. Sie wusste intuitiv, dass sie es sein lassen sollte, trotzdem tasteten sich ihre Finger am Seil herunter, bis sie einen weichen Pelz an einem steifen kalten Körper berührten. Sie wollte laut aufschreien, aber es kam nur ein hilfloser, erstickter Laut heraus. In diesem Moment wurde sie hart von hinten gestoßen und ins Haus geschoben. Nach Zigaretten stinkende Finger drückten ihr den Mund zu, und etwas Spitzes wurde ihr in den Rücken gedrückt.

»Miau, Francesca. Hier ist dein kleines Kätzchen. Erinnerst du dich an mich?«

Seine Stimme war vollkommen entstellt in der Nachahmung eines Schnurrens. In ihrem Kopf herrschte ein wildes Chaos, und ihr Herz schlug im Takt dazu. War das ihr Ende? Würde es so enden? Ein Teil von ihr wollte einer übermächtigen Müdigkeit Platz machen und sich ergeben, aber ihr Körper wollte etwas anderes. Der wehrte sich gegen den Griff, sie trat mit den Beinen um sich, traf aber nur ins Leere. Der Mann lachte ihr ins Ohr, sie spürte seinen Bart gegen ihre Haut kratzen.

»Du kannst dich so viel wehren, wie du willst. Es wird dir nichts nützen.«

Aus dem Augenwinkel sah sie die Pistole in seiner Hand. Er führte sie ins Wohnzimmer, machte Licht an. Mit der einen Hand hielt er sie fest, mit der anderen streifte er den Rucksack ab und legte ihn auf den Küchentisch. Es gelang ihm, ihn mit einer Hand aufzumachen und eine Rolle Gaffer Tape und eine Schere herauszufischen, die Pistole blieb die ganze Zeit auf sie gerichtet.

Dann schob er die Waffe in seinen Hosenbund und band ihre Hände mit dem Tape auf dem Rücken zusammen. Er wählte einen soliden Stuhl und stieß sie darauf. Als er ihr rechtes Bein am Stuhl festbinden wollte, trat sie nach ihm, hörte seinen Kiefer knacken und sah Blut von seiner Lippe tropfen.

»Sitz still, du blöde Kuh.«

Der Faustschlag in den Magen nahm ihr die Luft. Aber er reichte nicht aus, um sie außer Gefecht zu setzen, und einen weiteren Tritt zu verhindern. Sie hörte, wie die Pistole über die Terracottafliesen schlitterte. Sie hob ihr Knie und stieß es ihm in den Schritt, um ihn gleich darauf mit ihren Beinen in den Schwitzkasten zu nehmen. Sie fielen hintenüber, und ein stechender Schmerz schoss durch ihren Hinterkopf, als sie hart auf dem Boden aufschlug. Es wurde dunkel um sie herum, obwohl sie versuchte, dagegen anzukämpfen. In den Sekunden ihrer Ohnmacht gelang es ihm, ihre Beine an den Stuhl zu fesseln und sie aufrecht hinzusetzen. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie. Dann wischte er sich mit dem Ärmel Speichel und Blut vom Mund, hob die Pistole auf und zielte auf sie. Erst jetzt sah sie ihn zum ersten Mal richtig an. Die dunklen Augen, aus denen die Tränen wie aus Fontänen schießen konnten, die langen Arme, der magere Körper, der jetzt einem erwachsenen Mann gehörte. Ein Zucken ließ seinen Körper erschüttern, wie ein Hund, der eine Fliege aus seinem Fell verscheuchen wollte. Sie kannte dieses Zucken. Er hatte es immer schon gehabt.

»Du?«

Er grinste. Er hatte Blut im Mund, und sie war zufrieden mit sich, dass sie ihn wenigstens ordentlich getroffen hatte.

»Hast du nicht all die Jahre auf mich gewartet? Hast du nicht immer gewusst, das wir uns eines Tages wiedersehen würden?«

Sie wollte den Kopf schütteln, während die einzelnen Puzzlestücke auf ihren Platz fielen. Aber er tat zu sehr weh, darum hielt sie ihn still, heftete aber ihren Blick auf ihn, um deutlich zu machen, dass sie keine Angst hatte.

»Was willst du?«

Er spuckte Blut auf ihren Boden.

»Keine Sorge, von dir will ich nichts. Ich habe von deinen jugendlichen Liebhabern gehört. Lächerlich. Eine alte Tante wie du!«

»Na ja, Jugend allein genügt mir nicht. Nein, ein appetitlicher, muskulöser Körper, darum geht es mir.«

Sie ließ ihren Blick abschätzend über seinen Körper gleiten. Er hatte sich kaum verändert, sah aus wie ein Kind. Arme und Beine so dünn wie Streichhölzer und ein schmales, langes und trauriges Gesicht.

»Na prima, danke. Ich begrüße dein mangelndes Interesse.«

Er kam einen Schritt auf sie zu, packte ihre Haare und riss ihren Kopf mit einem Ruck in den Nacken. Die Mündung der Pistole drückte er unter ihr Kinn.

»Wo ist er?«

Tropfen seines blutigen Speichels regneten auf sie herab.

»Wer?«

»Das weißt du ganz genau. Die Zeit ist reif. Jetzt wird abgerechnet. Wo ist er?«

Das klang zwar melodramatisch, aber sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass er es ernst meinte. Eigentlich hatte sie keine Probleme damit, ihm den Weg zu der gewünschten Person zu zeigen, aber auf einige Fragen benötigte sie erst noch Antworten.

»Diese E-Mails, waren die von dir?«

»Natürlich waren die von mir. Von wem hätten sie sonst sein sollen? Wer hätte das noch alles wissen können?«

»Und diese Informationen hast du in den vielen Jahren mit dir herumgeschleppt? Warum? Armer Cato. Armer, armer Cato.«

Sie ließ ihre Stimme ganz weich klingen, wie damals, als sie ihn im Arm gehalten und gewiegt hatte, wenn er bei ihr Trost gegen die vielen Schläge gesucht hatte, die ihm das Leben versetzt hatte. Seine Reaktion war unmittelbar und sofort sichtbar. Seine Züge lösten sich auf, seine Lippen zitterten, aus der Nase lief Rotz. Erneut erschütterte ein Zucken seinen Körper, aber er kämpfte dagegen an und gewann die Kontrolle. Das machte ihn noch verbissener.

»Ich wusste die ganze Zeit, dass ich das eines Tages würde verwenden können. Mir ist die Sache, die ich an diesem Tag gesehen und gehört habe, egal, aber ich habe immer gewusst, dass ich es eines Tages verwenden kann.«

»Was ist mit dem Einbruch bei mir? Die Bombe in meinem Auto und im Solarium?«

Er zog einen Stuhl heran und setzte sich. Sie sah seine Hände zittern, als er die Camel-Packung herausholte und sich eine Zigarette zwischen die blutigen Lippen schob.

»Du bist die einzige Mutter, die ich je hatte. Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich geliebt habe.«

Die Sanftheit, die dadurch in ihr geweckt wurde, kam so unerwartet, wie eine ferne Erinnerung an Liebe. Seine Stimme war voller Trauer. Trauer und Vorwurf. Er hatte jeden Grund, ihr Vorwürfe zu machen. Sie hatte ihn geliebt, und plötzlich hatte sie einfach damit aufgehört. Sie hatte ihm den Teppich unter den Füßen weggezogen; ihm den einzigen Halt genommen, den er je gehabt hatte.

»Es tut mir so furchtbar leid, Cato. Ich hatte einfach keine Kraft mehr. Wenn das in irgendeiner Weise ein Trost für dich ist, kann ich dir sagen, dass ich danach aufgehört habe, mich selbst und andere zu lieben. Die Wahrheit ist vielleicht, dass ich nie in meinem Leben jemanden so sehr geliebt habe wie dich damals.«

Zum ersten Mal sah sie Anzeichen von Unsicherheit in seinem Gesicht.

»Ich habe dich verkauft. Für Reue ist es jetzt zu spät.«

»Mich verkauft?«

»Ich brauchte Geld. Diese ganzen Storys über dich in der Zeitung. Die habe ich denen verkauft, ich habe sie den Jungs von der Einwandererbande verkauft. Auch die letzte Geschichte, die dich fertigmachen wird.«

Seine Unsicherheit war jetzt wie weggeblasen.

»Mein ganzes Leben hat sich immer nur um eins gedreht: Rache. Ich will ihn finden und mich an ihm rächen, im Namen für alle, die er zugrundegerichtet hat. Und ich gehe auch über Leichen.«

»Adda Boel?«

Er schüttelte den Kopf.

»Die hat nichts damit zu tun. Nicht, wie du denkst. Also, los jetzt. Gib mir die Adresse. Einen Namen. Dann kannst du dich um die Überreste deines erbärmlichen Lebens kümmern.«

Ein Racheengel. Sie musste fast ein Lächeln unterdrücken. Wer hätte das gedacht, dass ihr kleines Äffchen sich eines Tages zu einem Desperado entwickeln würde? Von den vielen Kindern wäre er der Letzte gewesen, auf den sie gesetzt hätte.

Sie gab ihm die Informationen, die er haben wollte, ohne ein Zittern in der Stimme.

Er verließ das Haus durch die Garage ohne ein Wort des Dankes.

Sie benötigte eine halbe Stunde, um sich von den Fesseln zu befreien. Sie hatte sich auf die Seite fallenlassen und war mit dem Stuhl auf dem Rücken wie mit einem Schneckenhaus zum Küchenschrank gekrochen, wo es ihr schließlich gelang, das Tape mithilfe eines scharfkantigen Topfes aufzuschneiden.

Danach hatte sie sich mit einem Whiskey aufs Sofa gesetzt, den sie sich als Belohnung versprochen hatte. Sie wusste, dass es vorbei war. Der Teil ihres Lebens, den sie seit dem Ereignis so mühselig und unter großen Anstrengungen aufgebaut hatte, war definitiv vorbei. Ihr blieb nur noch eine Sache zu tun: Sie wollte diese Geschichte unter ihren Bedingungen erzählen dürfen, bevor es andere für sie taten.

Sie durchsuchte ihre innere Kartei nach Journalisten, aber keiner von ihnen hatte das richtige Format für diese Art von Story. Mut brauchte man dazu, aber auch Einfühlungsvermögen und die richtige Perspektive.

Am Ende blieb nur eine einzige Person übrig, die diese Geschichte für sie schreiben konnte. Sie hatte ihr nicht viel Bedeutung zugemessen, schließlich hatten sie sich auch gerade erst kennengelernt. Aber etwas an ihr flößte Vertrauen ein und nicht zuletzt Respekt. Außerdem war sie eine Kriminalreporterin, und darum ging es doch bei dieser Angelegenheit: Es ging um Verbrechen und Strafe.