KAPITEL 11

»Kalt!«

Die Stimme kam aus dem Nichts. Er öffnete die Augen und lauschte, aber da waren nur der Wind und die Vögel, die sich mittlerweile an ihn gewöhnt hatten.

Er drehte sich auf die andere Seite, kroch noch tiefer in den Schlafsack und schlief weiter.

»Kalt!«

Das konnte nicht sein. Nicht hier. Nicht so schnell.

Er setzte sich auf und lauschte erneut. In unmittelbarer Nähe hörte er das Knacken eines Astes und das Fiepen eines Hundes.

Er öffnete den Reißverschluss des Zeltes und steckte den Kopf durch die Öffnung, wusste aber genau, was ihn da draußen erwartete und dass die Ruhe ab jetzt vorbei war.

»My?«

Der Hund zog sie an gespannter Leine hinter sich her, als wäre er der Besitzer.

My trug eine Strickmütze auf dem Kopf, ihre mausgrauen Haare flatterten darunter im Wind. Der Anorak sah aus wie aus einem Second-Hand-Army-Shop und war mindestens fünf Nummern zu groß für den schmächtigen Körper. Ihr linkes Bein zuckte wie immer, wenn sie lief, und ihr Mund formte Wörter, von denen die wenigsten jemals zu hören waren. Einige aber drangen über die Lippen und bezeugten, dass sie an diesem Morgen beschlossen hatte, jemanden ordentlich auszuschimpfen:

»Verdammt komisch … Kacke, Pisse … Bekloppter Busfahrer, meint, er ist sonst wer … Dumme Fragen … Kalt!«

Das Letzte war keine Neuigkeit. My fror immer. Wenn es ihr nicht gerade so warm war, dass sie sich alle Kleider vom Leib riss, ohne darauf zu achten, wer in ihrer Nähe war.

»Was zum Teufel tust du hier?«

Er stolperte aus dem Zelt und wäre fast auf dem Gras ausgerutscht, das ganz glatt vom Morgentau war.

»Wie hast du mich gefunden?«

Das war total absurd. Er konnte sich vor allen verbergen, er kannte alle Tricks und wusste, wie man seine Spuren verwischte und lebte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Alle Spürhunde hatte er abgehängt: seine Feinde, die Polizei, die Behörden, aber er hatte My und Kaj nicht auf der Rechnung gehabt. Damit war sein Robinson-Crusoe-Traum vorerst gestorben.

Er streichelte den Schäferhund am Kopf. Dann umarmte er den Militäranorak mit My darin.

»Du bist verrückt, Mädchen. Was willst du hier? Du frierst dich doch tot?«

Sie entspannte sich nicht in seinen Armen, weil sich My niemals entspannte. Sogar wenn sie schlief, zitterten ihre Augenbrauen, und man konnte förmlich den Film sehen, der auf ihrem inneren Augenlid lief, in dem sich Gut und Böse eine unerbittliche Jagd lieferten.

Sie wand sich aus seiner Umarmung.

»Cato«, sagte sie und formte ein paar weitere, lautlose Worte.

»Was ist mit ihm?«

Sie sah ihn an, in ihren Augen war Angst. Er hasste es, wenn sie Angst hatte. Er hasste es, dass er sie gefunden hatte.

»Weg«, stieß My hervor und sah wütend aus. »Mitten in der Nacht. Zigaretten holen.«

Das Letztere war natürlich als Witz gemeint, und sie verzog das Gesicht dabei.

»Und?«

Cato war schon länger weg, in vielerlei Hinsicht. Er hatte sich bis unter die Haarspitzen vollgepumpt mit Psychopharmaka, Schlaftabletten, Alkohol und Drogen.

»Weg«, wiederholte sie. »Nicht mehr gesehen.«

»Und Lulu und Miriam? Haben die ihn auch nicht gesehen?«

Sie schüttelte den Kopf, aber sie hätte auch nicken können, er konnte die Wahrheit in ihrem Gesicht ablesen. Cato war verschwunden. Der Tag, von dem er so oft gesprochen und mit dem er so oft gedroht hatte, war gekommen. Warum ausgerechnet jetzt!

My bestätigte seine bange Ahnung, als sie ihn bei jeder Silbe mit dem Zeigefinger in die Brust pikte.

»Ca-to will Ra-che. Ra-che. Ra-che.«

Rache. Das Wort war ihm sehr geläufig, hatte sich aber im Laufe der Jahre abgenutzt. Aber nicht für Cato, das wussten alle, auch My. Cato konnte alles Mögliche anstellen. Er drehte My den Rücken zu und schlug immer wieder die Arme vor der Brust zusammen und beschwor so jene Gedanken, die er eigentlich am liebsten vertreiben würde.

My gehörte nicht zu ihm, aber er konnte sie auch nicht wegschicken, denn dann würde er garantiert entdeckt werden. Sie mussten das Beste aus der Situation machen. Außerdem hatte sie den Hund dabei. Kaj war ein guter Wachhund, und das könnte ein großer Gewinn sein. Aber ein Hund musste auch gefüttert werden, und die Beschaffung von Lebensmitteln, die sie nicht im Wald fanden, barg ein großes Risiko. Verdammt noch mal. Die beiden waren nicht Teil seines Plans gewesen, aber jetzt waren sie es eben.

»Hast du Hunger?«, fragte er und gab damit einem tief verwurzelten Reflex nach, den nur My in ihm auslöste.

Sie steckte ihre Hände in die riesigen Taschen ihres Anoraks und begann, Sachen hervorzuholen, die sie ihm mit einem Gesichtsausdruck entgegenstreckte, als würde sie Opfergaben darbringen. Schokoriegel, Toblerone, Mars, Pralinen, zwei Äpfel, zwei Bananen und drei kleine Packungen Cornflakes. Und als Letztes einige Dosen Cola.

»Woher hast du das alles?«

Sie antwortete ihm nicht, hatte aber große Schwierigkeiten, die Hände und Füße still zu halten. Ihr unruhiger Tanz bestätigte seine Vermutung, dass sie die Lebensmittel in der nächstgelegenen Tankstelle geklaut hatte, wahrscheinlich dort, wo der Busfahrer sie abgesetzt hatte.

Er wollte sie zuerst ausschimpfen, konnte sich aber nicht dazu überwinden. Und genau das war das Problem bei My. Oder anders gesagt: Das war eines der Probleme. Ein anderes nämlich war, dass es gar nichts nützen würde. Sie war eben, wie sie war, und weder Drohungen noch Beschimpfungen konnten daran etwas ändern. In die Richtung hatte er viele Erfahrungen gemacht.

»Komm setz dich, dann mache ich ein Feuer an. Es wird gleich warm, das verspreche ich dir.«

Er schob sie auf einen Holzstumpf, auf dem sie sich in ihrem Anorak verkroch, der Hund immer an ihrer Seite. Kaj und My beobachteten ihn mit dem gleichen verwunderten Ausdruck, während er Zweige sammelte und das Lagerfeuer zum Leben erweckte. Danach bereitete er Hafergrütze in seinem Kochtopf zu, den er an das kleine dreibeinige Stativ hängte, das er aus drei alten Eisenstäben gebaut hatte. Unter großen Mühen hatte er einen Metallhaken gebogen, an dem er den Kochtopf befestigte. Er durfte nicht vergessen, den Haken noch weiterzubiegen, damit er die Konstruktion tiefer über das Feuer absenken konnte. Aber vorerst ging es auch so.

Nach der Grütze setzte er Tee auf, und sie saßen, Rücken an Rücken, auf dem Holzstumpf und aßen jeder einen Marsriegel, während ein weiterer Septembertag das Licht erblickte und die Sonne immer mehr an Kraft gewann.

»Wo hast du in letzter Zeit gewohnt? Was hast du so gemacht?«

Sie hatte ihn am Ende in Horsens nicht mehr besucht, was ihn gleichzeitig erleichtert und bedrückt hatte. Dann hatte er sich ausgemalt, dass sie vielleicht endlich ein eigenes Leben angefangen hatte, und hatte sie sich in einer kleinen, gemütlichen Wohnung vorgestellt, den Hund zu ihren Füßen vor einem laufenden Fernseher sitzend, ohne sich aber auf das Programm konzentrieren zu können. Aber so hatte sie wenigstens ein bisschen Gesellschaft, und der Hund zwang sie, nach draußen zu gehen und sich der Gesellschaft auszusetzen. Vielleicht hatte sie einen kleinen Job bekommen, nichts Großes, was besondere Anstrengungen erforderte. An ihrer Intelligenz war nichts auszusetzen. Er hatte immer großen Respekt vor der Art und Weise gehabt, wie sie dachte und reagierte. Niemand konnte eine Situation in so wenigen Worten zusammenfassen oder den Finger auf die Schwachstellen setzen wie My. Leider war die Nachfrage nach dieser Form der Intelligenz nicht besonders groß auf dem Arbeitsmarkt, wo es nur darum ging, Befehle zu befolgen. Kein Unternehmen war bereit für die Wunderwaffe My, die aus einer Mischung von Selbständigkeit und Abhängigkeit bestand. Es stimmte, dass sie besonders viel Fürsorge benötigte, und in irgendeiner Krankenakte stand sehr wahrscheinlich auch ein Befund. Aber in erster Linie hatte My das Bedürfnis, sie selbst sein zu dürfen, ohne sich erklären oder verteidigen zu müssen, dass sie nun einmal so war, wie sie war.

»Im Kollektiv«, lautete ihre Antwort. »Gab ’ne Prügelei. Sind alle psychisch krank. Die ganze Bande. Wurde mit einem Stuhl geschlagen und für drei Tage ins Krankenhaus eingeliefert.«

Sie zeigte ihm die Narbe unter dem Haaransatz an der Stirn und drehte mit dem Zeigefinger Kreise auf der Schläfe.

»Ticken nicht richtig!«

Er seufzte und schluckte das letzte Stück Mars herunter. Nur ein Vollidiot würde My zusammen mit schizophrenen oder paranoiden Menschen unterbringen. Gerade My, die in ihrer ganz eigenen Weise die personifizierte Vernunft und Gelassenheit war.

»Wer tut das schon? Richtig ticken?«

Sie schubste ihn, nicht nur mit dem Ellenbogen, sondern mit dem ganzen Körper.

»Richtig«, sagte sie und schubste weiter. »Richtig.«

»Wer, ich?«

Sie stieß immer weiter, wurde zunehmend aufgeregter.

»Richtig, sehr richtig, am richtigsten.«

»Vielen Dank für dein Vertrauen«, murmelte er und nahm einen Schluck Tee. Das musste er ihr lassen. Niemand hatte so an seine Fähigkeiten geglaubt wie sie, vor allem als sein eigener Glauben ihn endgültig verlassen wollte, so wie auch jetzt.

Cato. Er war vollkommen unberechenbar, und im Moment konnte er so etwas nicht gebrauchen. Mit ein paar unbekannten Variablen konnte er ganz gut zurechtkommen. Aber eine wandelnde Bombe wie Cato war nicht das, was er gerade gebrauchen konnte. Das Risiko war zwar sehr groß, aber es gab keinen anderen Weg: Er musste ihn finden.

Er stand auf und goss den restlichen Tee ins Feuer, das kurz anzischte.

Das war eine Riesenscheiße. Das war der Anfang einer Katastrophe, daran bestand kein Zweifel. Die Frage war nur, ob er etwas unternehmen konnte, um sie abzuwenden.