KAPITEL 29

»Weißt du eigentlich, dass nach dir gefahndet wird?«

Eine Hand streckte sich durch den Türspalt, packte ihn am Kragen und zog ihn in die Wohnung. My und Kaj folgten ungefragt nach.

»Was soll das heißen, gefahndet?«

Als gäbe es nicht schon genug Leute, die ihn suchten. Sollten sich die Bullen da jetzt auch noch einmischen?

Die Hand ließ ihn los und legte sich auf seinen Arm. Lange, scharfe und knallrote Nägel bohrten sich durch die Jacke, und Lulus Körper presste sich gegen seinen. Sie hatte sich eine lange Strickjacke übergeworfen, aber er wusste genau, dass sie darunter ihre Arbeitskleidung trug: Korsage, Stringtanga, Strapse und halterlose Strumpfhosen. In der Regel in derselben Farbe wie ihr leuchtend roter Lippenstift.

»Habe ich vor kurzem im Radio gehört. Die verdächtigen dich wegen Vergewaltigung und Mord. An dieser Toten da in der Stadt.«

»Adda«, sagte My und tanzte auf einem Bein. »Das stimmt nicht. Hat keine Richtigkeit. Voll falscher Dampfer. Er tötet keine.«

»Nee, klar …« Lulu sah dennoch skeptisch aus. »Das habe ich ja auch gar nicht gesagt. Die Bullen sagen das. Die Presse.«

My verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse: »Presse. Pisspresse. Bekloppte Idioten. Können nicht bis zehn zählen oder richtig buchstabieren … KAMEL zum Beispiel …«

»Kamel? Warum denn ausgerechnet Kamel?«, fragte Lulu, ohne auf eine Antwort zu warten und offensichtlich mit Mys Sprachlabyrinthen vertraut. »Ich habe gleich einen Kunden, ihr müsst noch einen Augenblick warten. Aber in der Zwischenzeit: Im Badezimmer findest du allerlei Kram. Wenn ich du wäre, würde ich zusehen, ein bisschen Haare und Bart loszuwerden.«

Sie legte den Kopf auf die Seite und musterte ihn kritisch.

»Oder vielleicht nur eins von beiden. Die Haare, würde ich sagen.«

»Kamel. Karamell. Camel«, sagte My auf und war so bei Catos Lieblingszigarettenmarke gelandet. Auf diese Weise hatte alles eine mystische Bedeutung, was aus Mys Mund kam.

Sie wurden durch den Flur in einen kleinen Raum geführt.

»Miriam ist in der Klinik. Sie kommt bald.«

Als Lulu das sagte, spielte die Türglocke die erste Strophe eines alten deutschen Schlagers, dessen Titel sich im Nebel der Geschichte verlor, so wie auch Lulus Herkunft. Deutsch war sie, ja, aber woher stammte sie, und wie war sie hierhergekommen? Aber was sollte daran schon spannend sein? Sie hatte Cato aufgenommen, als ihn niemand wollte. Sie hatte ihm ein Zuhause gegeben, diese Wohnung in der Anholtsgade, und ihn mit Gratissex und freier Kost und Logis am Leben gehalten. Bis zum heutigen Tag.

Lulu ließ sie stehen. Im Flur hörten sie die Stimmen. Lulus rauchige Frauenstimme und die Stimme des männlichen Kunden, ein leiser, vorsichtiger Sopran. Kurz darauf hörten sie die dazugehörigen Geräusche aus dem Schlafzimmer. My sah aus, als wäre sie taub geworden. Oder, dachte er, sie war im Laufe der Monate abgestumpft, in denen sie sich durchgeschnorrt hatte und hier und da auf einem Sofa mit Kaj hatte schlafen dürfen. Sie schnappte sich eine Zeitschrift, er ging ins Badezimmer. Dort stand tatsächlich genug Zeug herum, mit dem man sich alle möglichen Haare entfernen konnte, elektrisch und manuell. Er starrte sein Spiegelbild an und sah einen Fremden. Lulu hatte recht gehabt. Die Haare mussten ab. Einmal den Schädel glattrasiert und den Bart gestutzt, der einen Großteil des Gesichtes bedeckte. Das war dringend nötig.

Der Kunde war bereits wieder gegangen, als er das Badezimmer verließ. Lulu sah frisch und sauber aus und strich ihm anerkennend über die Wange. Sie hatte nach ihrer Sitzung ein wenig Parfum aufgelegt.

»Stammkunde?«

Sie nickte. »Zweimal die Woche. Er ist immer pünktlich, weiß genau, was er will, und bezahlt, ohne zu meckern.«

»Klingt nach einem Traumjob. Ist er schon älter?«

»Das genaue Gegenteil. In den Dreißigern. So ein IT-Typ. Hat mir mal gesagt, er sei zu beschäftigt, um eine Freundin zu haben. Er hat es lieber unkompliziert.«

»Wo ist Cato?«

Lulu nahm ein altmodisches goldenes Feuerzeug vom Couchtisch und zündete sich eine Zigarette an.

»Zigaretten holen.«

Dann bekam ihre Stimme einen hellen, fast frechen Klang. »Camel«, fügte sie hinzu und warf My einen Blick zu, die wiederum ihren Hab-ich-doch-gesagt-Gesichtsausdruck aufsetzte.

Lulu ließ sich auf einen Sessel mit Blumenbezug fallen, schlug die Beine übereinander und wippte mit dem Fuß, der in den hochhackigen Pumps steckte. Sie war Anfang vierzig, sah aber aus wie eine künstlich gepflegte Granate mit straffer Haut und Kussmund. Nur ihre Augen sahen älter aus, sogar älter, als sie tatsächlich waren.

»Ganz ehrlich. Das ist jetzt zehn Tage her. Keine Erklärung. Gar nichts. Nur das mit den Zigaretten hat er gesagt, aber natürlich ist das irgend so ein kranker Witz von ihm.«

Er setzte sich neben My aufs Sofa, Kaj hatte es sich schon länger unter dem Couchtisch auf dem Teppich bequem gemacht.

»Und du hast seitdem nichts gehört? Weißt nicht, wo er sich aufhält?«

Sie schüttelte den Kopf und stieß gleichzeitig Rauch aus.

»Und als Nächstes fragst du bestimmt, warum er abgehauen ist.«

»Warum ist er abgehauen?«

»Rache«, antwortete My. »Der alte Traum von Rache. Der alte Plan von Gerechtigkeit.«

Gierig nahm Lulu einen Zug von ihrer Zigarette.

»Er hatte gerade einen Entzug gemacht und war seit Monaten clean.«

My rollte mit den Augen. Eine wortlose Geste, die mehr als deutlich davon erzählte, dass bisher jeder Entzug von Cato nur genau bis zur nächsten Flasche, der nächsten Tablette oder der nächsten Kippe gehalten hatte.

»Und ob er durchgehalten hat«, sagte Lulu mit Nachdruck und öffnete für einen kurzen Moment die Tür in ihr privates Seelenleben einen Spaltbreit. Aber sie hatte jahrelange Übung darin, diese Türen schnell wieder zuzuschlagen, und das tat sie dann auch. »Es lief alles super. Morgens stand er auf, las Zeitung oder sah fern und half, so gut er konnte. Er ging einkaufen oder setzte sich unten ins Café am Mølleparken, trank Kaffee und aß was Süßes und kam dann spät am Nachmittag zurück.«

Nachdenklich betrachtete sie den Rauch ihrer Zigarette, der zur Zimmerdecke zog. Hatte sie Cato wirklich geliebt? Ganz bestimmt. Cato hatte die ungewöhnlichsten Typen von Frauen angesprochen, Lulu war in vielerlei Hinsicht der mütterliche Typ.

»Und dann, eines Tages …?«

»Ja, eines Tages fing er an, von dir zu sprechen, von deiner Entlassung und euren Plänen.«

Glänzende Augen sahen ihn an. »Er dachte ja die ganze Zeit, dass du noch dabei bist. Du warst sein verficktes Vorbild.«

Das war ein Vorwurf, aber den konnte er wegstecken.

»Er hatte mich in Horsens besucht, zwei Tage vor meiner Entlassung. Wollte, dass ich mitmache, hatte aber überhaupt keinen richtigen Plan. Da wusste ich nicht, dass er schon von hier abgehauen war, davon hat er nichts erzählt.«

My und Lulu starrten ihn an. Sogar der Hund fixierte ihn mit den Augen.

»Ich bin nicht mehr so wie früher.«

Er streichelte den Hund, in der Hoffnung, wenigstens von ihm ein wenig Solidarität zu erfahren. »Vier Jahre hinter einer Tür ohne Klinke. Da hat man viel Zeit, nachzudenken.«

Lulu zog die Augenbrauen zusammen und wischte sich Tabak aus dem Mundwinkel.

»Ja, das hat man wohl.«

»Nicht wohl. So ist es. Mir ging es so. Und das Fazit davon ist, dass das Leben zu kurz ist.«

Er holte tief Luft und sehnte sich zurück in den Wald mit der frischen Luft, statt Lulus Rauch einzuatmen. Er sehnte sich nach den Bäumen und dem Lichtspiel zwischen den Stämmen. Und der Dunkelheit, die sich am Abend über alles senkte.

»Das Fazit ist, dass ich nicht länger mit dabei bin.«

Er senkte den Blick und sah auf seine Hände, die den Hund streichelten. Er wusste, dass er diesen Satz korrigieren musste, obwohl er diese ganze Situation unerträglich fand. »Das Fazit war, dass ich schon lange nicht mehr mit dabei war

Er ließ den Hund los und breitete die Arme aus.

»Und dann ist das alles passiert!«

In seinem Kopf türmten sich die Einzelheiten zu einer explosiven Mischung auf: Adda, das Solarium, Mys Erscheinen und Catos Verschwinden. Und jetzt noch die Tatsache, dass nach ihm gefahndet wurde.

Lulu lächelte.

»Und jetzt wirst du gezwungen, dich wieder mit etwas zu beschäftigten, dem du eigentlich den Rücken kehren wolltest?«

»Ja, so in der Art.«

»Hast du wirklich geglaubt, dass das einfach so geht? Sich abwenden? Euren gemeinsamen Plänen und Versprechen den Rücken kehren?«

Für seinen Geschmack wusste sie entweder zu viel, oder sie bluffte gut. Er versuchte, gleichgültig auszusehen.

»Das hat unsere Vergangenheit zerstört. Soll es jetzt auch noch unsere Zukunft zerstören dürfen?«

Wortlos sah sie ihn an, aber er konnte ihre Gedanken lesen. Sie machte ihm Vorwürfe. Weil er als Einziger von einer Zukunft sprechen konnte. Die anderen hatten keine. Nicht mehr.