Jemand hatte auf Facebook eine Gruppe eingerichtet, als Unterstützungsforum für sie. Mittlerweile hatte die über tausend Mitglieder. »Way to go, Francesca! Endlich eine Frau, die zu ihrer Sexualität steht!«, oder: »Du bist echt ein Hammer, Francesca!« Die aufmunternden Beiträge waren eindeutig in der Mehrzahl.
Aber es gab auch die anderen Stimmen. Die verärgerten. Die selbstgerechten. Die enttäuschten.
Eigentlich hätte sie diese Einträge ignorieren müssen, aber etwas in ihr zwang sie dazu, sie dennoch zu lesen. Jeden einzelnen.
»Widerliche Hure. Glaubst du wirklich, wir wollen so eine wie dich als Bürgermeisterin? Hast du dich zur Nominierung hochgeschlafen?«
Oder aber sie bekam unzweideutige Angebote: »Was du brauchst, ist ein richtiger Mann. Ich komme gerne mal vorbei und zeige dir, was ein Schwanz so kann.«
Zusätzlich musste sie sich auch den Kollegen im Rathaus gegenüber verhalten. Den Blicken ausweichen, die mehr sagten als Worte, oder die sich von ihr abwandten, sobald sie um die Ecke bog. Aufmunternde Bemerkungen, die falsch und hohl klangen. Oder die offene, unverfälschte Anklage von einigen, vor allem jenen etwas ältlichen Sekretärinnen, die jeden Abend direkt nach der Arbeit nach Hause fuhren, um ihrem Mann das Essen zu machen.
Wenn ihr alles zu viel wurde, suchte sie Zuflucht in ihrem Trainingsstudio und absolvierte eine Einheit nach der anderen am Punchingball. So wie jetzt. Poff, poff, poff. Die Schläge waren rhythmisch und präzise. Der Schweiß lief ihr in Strömen herunter.
Poff, poff, poff. Sie wollte sie zusammenschlagen. Alle, die es nur gut meinten. Alle, die sie falsch verstanden. Alle, die keine Ahnung hatten, worum es eigentlich ging. Alle Heuchler. Aber vor allen: sich selbst.
Sie hatte es seit der Scheidung weit gebracht, aber es hatte seinen Preis gehabt. Und diesen bezahlte sie jetzt. Den Preis dafür, dass sie sich von ihren Fesseln befreit und sich für ein Leben ohne Ehemann entschieden hatte; den Preis dafür, dass sie sich von einer unterdrückten Hausfrau und Mutter zu einem politischen Alphatier entwickelt hatte.
Als sie sich damals zum BWL-Studium angemeldet hatte, hatte William sie nicht ernst nehmen wollen. Und er hatte auch nicht bemerkt, wie sie sich veränderte. Aber wenn sie zurückdachte, war das der Ort gewesen, an dem ihre politischen Ideen zum Leben erweckt wurden. Wahrscheinlich keimte auch zeitgleich ihre Selbstständigkeit auf. Plötzlich hatte sie erkannt, wie alles zusammenhing: dass auch sie Einfluss nehmen konnte. Nicht nur auf ihr eigenes Leben, sondern auch auf ihre Umwelt. Sie begriff die Möglichkeit, erst sich selbst zu befreien und dann anderen in die Selbstständigkeit und zur Wiedererlangung ihrer Würde zu verhelfen. Eines Tages hatte sie im Versammlungshaus der Studenten, im Stakladen, einer Debatte zwischen zwei Abgeordneten beigewohnt. Kurz darauf wurde sie Mitglied der größten Oppositionspartei. Sie wollte Gleichheit und Freiheit, beides, sofort. Sie war liberal, aber soziale Gerechtigkeit stand ganz oben auf ihrer Agenda, und ihr Plan war es, auf lokaler Ebene anzufangen und sich auf die nationale Ebene hochzuarbeiten. Von dieser Plattform aus war sie nämlich in der Lage, die Williams dieser Welt in Schach zu halten.
Aber sie bezahlte einen hohen Preis. Es kostete viel Kraft, den eigenen Ambitionen treu zu bleiben und doch bis an die Spitze zu kommen. In einer Welt, in der Muskeln und Testosteron ein Vorteil darstellten, während Brüste und Hüften sowie der Unwille, diese Details hinter unförmigen Kleidungsstücken zu verbergen, als eine Bedrohung gesehen und damit zum Nachteil wurden.
Eigentlich hatte sie gedacht, dass die Gesellschaft schon weiter war und diese Fragestellung kein Problem mehr darstellte. Sie war keine Feministin, zumindest nicht im radikalen Sinne des Wortes. Und sie war auch nicht links. Sie war immer der Ansicht gewesen, dass Können, Fleiß, Intelligenz und Ambitionen genug seien, um ans Ziel zu kommen.
Poff, poff, poff. Die Schläge taten in den Händen weh, der Schmerz zog bis in die Arme hoch, aber sie ließ nicht nach.
Es war nie genug. Aber daran hatte sie selbst am meisten Schuld. Sie hatte Fehler begangen. Der größte davon begleitete sie mit einer nie endenden Trauer. Nein, vielleicht war das gar nicht ihr größter Fehler. Vielleicht gab es da noch einen, der sich jetzt als weitaus größer erwies.
Schlag auf Schlag zersplitterte ihre Schutzhülle und drängte sie immer tiefer in ihre Erinnerung. Sie wollte aufhören, konnte es aber nicht aufhalten. Und plötzlich brach alles aus ihr heraus, als wäre es die ganze Zeit im Inneren des Punchingballes gefangengehalten worden und suchte sich nun den Weg nach draußen.
Sie musste an den kleinen Jungen denken, den sie einst gekannt hatte. Er war einer von Williams Jungen gewesen, aber dieser war anders als die anderen. Vielleicht weil sie gerade zum zweiten Mal eine Fehlgeburt erlitten hatte.
Er war kein Baby mehr gewesen, aber sehr klein für sein Alter. Instinktiv hatten sie einander gesucht und gefunden. Die Mutter, der ein Kind fehlte, und der Junge, dem die Mutter fehlte.
Es war das erste – und auch das einzige – Mal, dass sie sich gegen William durchgesetzt hatte. Dieser Junge gehörte zu ihr. Das war die einzige Bedingung, die sie stellte. Seit fünf Jahren waren sie schon verheiratet gewesen und hatten vergeblich versucht, Kinder zu bekommen. Sie bekam ihren Willen, und die beiden – Pflegemutter und Kind – wuchsen unzertrennlich zusammen.
Er war die ganze Zeit bei ihr, wie ein kleines, mageres Affenkind. Er war sechs, als er zu ihr kam. Er hatte unzählige Krankheiten und Mangelerscheinungen, weil seine Mutter drogenabhängig gewesen war und ihrem Kind viele Schäden mitgegeben hatte. Er war sehr oft krank, und sie pflegte ihn hingebungsvoll, immer verfolgt von der Angst, dass er ihr eines Tages weggenommen werden könnte.
Poff, poff.
Ihre Schläge prasselten auf den Ball ein, so wie die von William früher auf sie. Aber den Jungen hatte er nie angefasst. Kein einziges Mal. Nicht, solange sie ihn beschützte.
Aber am Ende hatte sie ihn doch verloren. Sie verlor ihn aus den Augen, und die Ereignisse, die dazu geführt hatten, hatte sie entweder erfolgreich verdrängt oder einfach vergessen.
Wo lebte er jetzt? Sie hatte keine Ahnung. Sie hatte vor langer Zeit ein Kind geliebt. Genau genommen hatte sie zwei Kinder geliebt, das eine davon war ihr eigenes.
»Aber du machst das jetzt nicht mehr, oder? Du hast doch jetzt mich.«
Sie hatten miteinander geschlafen, Asbjørn stützte sich auf die Ellenbogen und sah sie mit strengem Blick an.
»Bist du eifersüchtig?«
Sie lächelte und spielte mit seinen Haaren. »Das ist doch alles schon so lange her.«
»Aber du machst das jetzt nicht mehr, oder?«
»Und brauchst keinen anderen?«
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte weder Lust noch Zeit dazu. Er war alles, was sie sich wünschen konnte, zumindest rein physisch. Alles andere konnte sie sich anders erfüllen. Und trotzdem hatte sie diese Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem Menschen, der alles abdecken konnte. Einem, den sie sowohl physisch als auch psychisch lieben und begehren konnte. Einem, mit dem sie alles teilen konnte, auch all das, was man nicht teilen konnte.
»Ich brauche keinen anderen.«
Sie streichelte ihm über Brust und Oberarm, wo sich die Haut über die Muskeln spannte und blonde, fast goldene Haare sie an ein reifes Getreide denken ließen.
»Aber du darfst auch nicht vergessen, dass wir uns so kennengelernt haben. Wenn ich die beiden anderen nicht ausprobiert hätte, wäre ich dir unter Umständen nie begegnet.«
Selbstverständlich waren es mehr als diese zwei gewesen, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihm das zu sagen. Es waren auch Nieten dabei gewesen. Unangenehme Erfahrungen, die sie am liebsten für immer vergessen wollte. Aber die meisten hatten ihr Genuss bereitet, und die beste Begegnung war die mit Asbjørn gewesen.
»Erinnerst du dich noch?«
Seine Stimme hatte etwas Verträumtes, er war ein hoffnungsloser Romantiker, viel mehr als sie.
»Das Hotel? Scandic? Nicht wirklich der exotischste Ort der Stadt«, gab sie zu, »aber erschwinglich.«
»Du warst so schön. In deinem blauen Kleid. Seide. Mit Trägern, die immer runtergerutscht sind. Und diese Kurven. Hmm.«
Er rückte dicht an sie heran, sie genoss die Wärme seines Körpers, aber tief in ihr war es kalt. Sie hatte versucht, die Mails zu vergessen, aber es war fast unmöglich. Sie hatte sich auf ihre Arbeit konzentriert, vor allem auf ihre Ziele als zukünftige Bürgermeisterin. Sie würde sich zuerst um soziale Fragen kümmern. Alle wussten, dass etwas mit den Abläufen in den Sozialämtern nicht stimmte. Seit der Fernsehsendung über die fehlende Bereitschaft zur Zwangsentfernung war deutlich geworden, dass es mit der Kultur in der Gesellschaft nicht so weit her war, wie es eigentlich sein sollte. Das Wohl des Kindes wurde nicht als oberste Priorität gesehen. Und daran musste sich etwas ändern.
Das Wohl des Kindes. War sie dem gerecht geworden? In dem einen Fall würde sie auch heute noch mit Ja antworten. Aber in dem anderen? Da wuchs ihre Unsicherheit.
Asbjørn begann mit ihren Brüsten zu spielen und ließ seine Hände an ihrem Körper hinabgleiten. Wie immer legte er eine Ausdauer an den Tag wie ein Tour-de-France-Fahrer, und meist gefiel ihr das auch sehr. Aber nicht an diesem Abend.
»Ich muss kurz mal eben was überprüfen, caro.«
Sie schubste ihn mit einem Kuss von sich, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen. Sie setzte sich vor ihren PC, fühlte sich von einer unsichtbaren Kraft nahezu in den Computer hineingezogen.
Sie öffnete ihren Mail-Account. Ihr Herz schlug wild, als sie den Namen des Absenders las: Jubi15. Ehe sie es verhindern konnte, hatte sie die Mail geöffnet, wissend, dass dadurch nur ein weiterer Giftpfeil in ihre Richtung abgefeuert werden würde. Der Text bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen:
»Ich weiß, dass du ihn getötet hast.«