KAPITEL 30

»Im Kreisverkehr nehmen Sie bitte die zweite Ausfahrt.«

Dicte lenkte ihren Fiat, wie ihr geheißen wurde. Die GPS-Dame schien sich ihrer Sache sicher zu sein, aber es half ihr nicht viel. Dicte verfuhr sich trotzdem, musste umdrehen und zurückfahren, bis sie endlich die richtige Abfahrt ins Stadtzentrum von Ry fand.

Zentrum war vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen. Ry war ein winziges Städtchen, das von den Seen Knudssø, Ramsø, Rye Mølle Sø und dem Großen Mossø umgeben war, Letzterer der zweitgrößte seiner Art in Dänemark. Mit seiner umwerfend schönen Natur, sanften Hügeln und den schönen Tälern verlieh es dem Begriff »Provinzloch« eine vollkommen neue Dimension. »Atemloch« war angemessener, wie eine grüne Lunge lag es da, und wäre sie besserer Laune gewesen, hätte sie diesen Ausflug bestimmt genossen.

Aber die hatte sie nicht, und darum genoss sie ihn auch nicht. Sie parkte neben dem Bahnhof, schnappte sich ihre Tasche und steuerte die Hauptstraße hinunter direkt auf das Ry-Park-Hotel mit seiner dominanten roten Fassade zu. Sie schob die Eingangstür auf, trat an die Rezeption und kam sich vor wie ein Idiot in einem schlechten amerikanischen Film, als sie sich zwang, das Foto aus der Tasche zu holen und es auf den Tresen zu legen.

»Ich weiß, dass es sich merkwürdig anhört«, sagte sie der jungen Frau an der Rezeption. »Aber ich suche jemanden. Und zwar ihn hier.«

Die junge Frau musterte erst sie, dann das Foto. Dicte kam der Gedanke, dass die Frau ihr Gesicht aus der Zeitung kannte. Schließlich war ihr Porträt so häufig abgebildet gewesen, dass sogar ein so junger Mensch sie mittlerweile einmal zu Gesicht bekommen haben konnte. Innerlich hoffte sie, dass dem nicht so war.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. Sie hatte ein rundes Gesicht und dicke Lippen, die sie beim Sprechen sehr bedächtig bewegte, als würden sie stören.

»Wer ist das? Ist er aus dem Gefängnis geflohen?«

»Die Polizei fahndet nach ihm.«

Wegen Mordverdachts, wollte Dicte zuerst hinzufügen, hielt sich aber dann doch zurück. Nicht, dass es irgendeinen Unterschied gemacht hätte. Die Neuigkeiten über die Fahndung kursierten seit der Pressekonferenz bestimmt längst im Netz, so dass ganz Dänemark in Kürze von dem flüchtigen Mörder wissen würde.

»Und er soll hier in Ry sein?«

Sie betonte den Namen der Stadt besonders. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und sie biss sich in die Unterlippe, die prall wie eine Blase aussah, die gleich platzen würde.

»Das ist nur eine Idee!«

Dicte verließ das Hotel mit dem unguten Gefühl, dass sie in kürzester Zeit die ganze Stadt in Panik versetzen könnte. Sie sollte ihre Vorgehensweise gut überdenken. Sie lief die Fußgängerzone hinunter, vorbei an Pizzaläden und Modeboutiquen auf der Suche nach einem Café, wo sich Besucher der Stadt hinsetzen würden, um einen Kaffee zu trinken. Als sie schließlich fündig wurde, stand sie vor einem Etablissement, das mit seinen derben Holzbänken und Tischen eher an eine bayerische Bierstube erinnerte. Es gab einen langen Bartresen und ein Klavier, an dessen Tasten sie sich einen Westernpianisten vorstellte, während die anderen Gäste mit Stühlen um sich warfen und Kugeln durch die Luft zischten. Im Ambolten – der Amboss, so hieß der Schuppen – standen alte Stalllaternen auf den Tischen, die allerdings tagsüber nicht brannten. Es waren nur sehr wenig Gäste da sowie ein freundlicher, aber vollkommen desinteressierter Barkeeper, der nicht einmal fragte, wer der Gesuchte auf dem Foto sei. Er schüttelte nur wortlos den Kopf und wandte sich einem Gast am Tresen zu, um die Unterhaltung über ein Fußballspiel wiederaufzunehmen.

Sie bestellte trotzdem einen Kaffee, nahm sich eine Zeitung und setzte sich an einen Tisch in der Ecke, um ihre Gedanken zu sortieren. Wonach suchte sie eigentlich? Objektiv betrachtet war die Wahrheit die, dass ihr Sohn aller Wahrscheinlichkeit nach Adda Boel vergewaltigt und dann getötet hatte. Sie hatten sein Sperma gefunden. Und seinen Speichel. Die Frau war nicht durch die Bombenexplosion getötet worden, sondern weil jemand seine Hände um ihren Hals gelegt und zugedrückt hatte. Alle Indizien sprachen dafür. Konnte es wirklich noch eine andere Wahrheit geben?

Der Bauarbeiter auf dem Gerüst hatte von einem Mann erzählt, den Adda Boel zu Besuch erwartete, für den sie Lebensmittel gekauft und auf den sie sich gefreut hatte. War dieser Mann Peter Boutrup? Hatten sie sich gekannt? Aber woher? Vielleicht hatten sie sich im Internet kennengelernt, als Boutrup im Gefängnis saß? Wenn nicht, musste diese Verbindung wesentlich älter, noch vor dem Gefängnisaufenthalt entstanden sein. Warum sollte er sonst Adda Boel als praktisch erste Person nach den vier Jahren in Horsens aufgesucht haben?

Dicte nahm einen Schluck von dem warmen Kaffee. Horsens. Es gab noch einen, der mit dieser Stadt in Verbindung stand. War Matti Jørgensen die Verbindung zwischen den beiden? Matti kannte Peter Boutrup. Er musste auch Adda Boel kennen, schließlich hatte sie seine Wohnung gemietet. Aber wie gut kannte er sie? Hatte er die beiden einander vorgestellt?

Die Liste der unbeantworteten Fragen war unendlich lang. Sie leerte den Becher, verließ das Café und betrat auf dem Weg zurück zum Auto einige der Boutiquen in der Fußgängerzone. Der Bahnhof sah aus wie eine große Backsteinvilla aus dem vorigen Jahrhundert. Im Gebäude befand sich eine Touristeninformation, bei der sie ebenfalls vorbeilief, das Foto in die Luft hob und ein Kopfschütteln als Antwort bekam. Unschlüssig blieb sie auf dem Gleis stehen und studierte die Abfahrtszeiten. Der Zug aus Århus passierte auf seinem Weg nach Ry die Orte Viby, Hørning, Skanderborg und Alken. Sie notierte sich die Stationen, ohne zu wissen, wozu sie diese Information benötigen würde. Dann fuhr ein Zug ein. Beinahe wäre sie eingestiegen, um das Personal und die Passagiere zu befragen, entschied sich aber dagegen. Sie würde irgendwann den Zug von Århus nach Ry nehmen und sich Zeit lassen. Auf dem Weg zum Auto kam ihr eine Idee. Sie wiederholte ihren Gang durch die Stadt und besuchte erneut die Orte, an denen sie nach Peter Boutrup gefragt hatte. Aber dieses Mal zeigte sie ein anderes Foto.

Die junge Frau an der Hotelrezeption schüttelte erneut den Kopf. Das taten auch alle anderen, bis sie wieder im Ambolten ankam, wo der Barkeeper sein Gesprächüber Fußball beendet hatte.

»Ja, ich erinnere mich. Sie war vor kurzem hier«, sagte er ohne zu zögern. »Hübsches Mädchen. So eine vergisst man nicht so schnell.«

»Hat sie sich mit jemandem getroffen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Mit keiner Seele. Sie hatte nur einen Kaffee und war etwa eine halbe Stunde hier.«

»Hatten Sie den Eindruck, dass sie auf jemanden gewartet hat?«

Nachdenklich sah er in eine Ecke des Raumes, vielleicht hatte Rose dort gesessen.

»Ja, jetzt, wo Sie es sagen, glaube ich tatsächlich, dass sie gewartet hat. Sie saß am Fenster und hat sich oft umgedreht. Und sie hat auch oft auf die Uhr gesehen.«