Dicte parkte und stieg aus. Das Haus in Kasted lag einsam vor ihr und erwartete sie. Der Tag war lang gewesen und ohne nennenswerte, aufheiternde Augenblicke. Abgesehen von ihrem Besuch bei Mia Nellemann hatte er keine Leckerbissen für sie bereitgehalten.
Sie warf die Autotür zu. Svendsen stand schon hinter dem Fenster und erwartete sie sehnsüchtig. Sie sah seine Umrisse und die charakteristischen weichen Ohren, die ihn aussehen ließen wie einen Hund, der einen Napoleonshut trägt.
Sie hatte den weiten Weg zu der Entzugsklinik »Skråen« in Odder gemacht, aber leider ohne Ergebnis. Erst spät war ihr Lena Lunds weißer Opel hinter sich aufgefallen.
Während sie den Schlüssel im Schloss umdrehte und den ausgelassenen Hund begrüßte, musste sie lächeln bei dem Gedanken an ihre Widersacherin. Sie hatte in einer Parkbucht auf der Landstraße angehalten und beobachtet, wie Lena Lund weitergefahren war und schließlich in einiger Entfernung an einer Bushaltestelle angehalten hatte. Dicte war den ganzen Weg über die Felder gelaufen, und Lena Lund bemerkte sie erst, als sie ans Beifahrerfenster klopfte.
Sie wiederholte den darauffolgenden Wortwechsel im Kopf, während sie Svendsen Essen gab und den Ofen anstellte, um sich eine Tiefkühlpizza zu machen und damit Bo und seinem Essen aus den »guten alten Tagen« den Stinkefinger zu zeigen.
»Haben Sie sich verfahren?«
Dicte war die Ausgeburt an Freundlichkeit, nachdem Lena Lund das Fenster heruntergekurbelt hatte.
»Nein, Sie?«
»Man kann ja nie wissen mit euch Bullen von außerhalb, darum wollte ich meine Hilfe anbieten.«
»Das ist sehr aufmerksam von Ihnen …«
»Um zurück zum Präsidium zu finden, müssen Sie einfach nur umdrehen und auf dieser Straße direkt in die Stadt fahren. Sie sollten das nächste Mal durch ein paar Pfützen fahren, wenn Sie erfolgreicher sein wollen bei einer – wie heißt das noch bei euch? – Verfolgung, stimmt’s? So etwas lernt ihr doch auf der Polizeischule!«
Lena Lund sah aus, als würde sie vor Wut gleich platzen. Dicte sah, wie sie rot wurde und mit den Händen das Lenkrad umklammerte.
»Sie kennen ihn«, stieß die Polizistin hervor. »Sie schnüffeln ihm hinterher, waren in allen Bordellen der Stadt. In was für einer Verbindung stehen Sie zu ihm?«
»Zu wem?«
Dicte klimperte unschuldig mit den Wimpern.
»Sie wissen genau, wen ich meine. Peter Boutrup. Sie wissen, wer er ist, und noch einiges mehr. Sie halten Informationen zurück, und ich könnte Sie hier und jetzt festnehmen und zum Verhör mitnehmen.«
»Darüber würde sich Wagner bestimmt freuen. Sie haben nichts in der Hand. Und Sie werden auch nichts erfahren, wenn es nach mir geht. Sie können sich ruhig die Anstrengungen sparen.«
Das war das passende Schlusswort gewesen. Wahrscheinlich hatte sie einen Fehler begangen, aber wenigstens hatte sie es mit dem größten Vergnügen getan. Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück zu ihrem Wagen. Dort wartete sie mehrere Minuten, bis sie sah, dass Lena Lund wendete und zurück in die Stadt fuhr.
Erst als sie sich sicher sein konnte, dass weit und breit kein weißer Opel mehr zu sehen war, wagte sie sich zurück auf die Landstraße und machte sich auf zur Entzugsklinik, die wie ein großer roter Kasten am Ortsausgang von Odder lag.
Sie betätigte die Klingel an der Pforte und bat darum, mit dem Leiter der Klinik sprechen zu dürfen. Aber Thorkild Madsen, wie er hieß, befand sich in einer Besprechung. Sie wurde gebeten, das Sekretariat anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen. Sie versuchte alles, um sich bei dem gesichtslosen Pförtner einzuschmeicheln, aber es war, als würde sie mit einem Gefängniswärter um außerordentlichen Freigang verhandeln. Ihr wurde nicht geöffnet, und sie musste unverrichteter Dinge in die Redaktion zurückkehren.
Sie saß im Wohnzimmer und aß ihre Pizza, genehmigte sich ein Glas Rotwein und wünschte sich sehnlich, alle Erinnerung an die Explosion im Solarium ausradieren zu können. Es fühlte sich an, als wäre alles danach aus dem Ruder gelaufen. Als hätten die Detonation und Adda Boels Tod ihr Leben vollkommen verändert.
Dann zappte sie durch die Programme, dänische Kanäle, CNN, BBC und Sky News. In den USA war der Immobilienmarkt kollabiert, und die Aktien waren ins Bodenlose gestürzt. Auch die Auswirkungen auf den dänischen Aktienmarkt konnte man bereits absehen. Die Finanzwelt schien sich auf dem Weg in eine tiefe Rezession zu befinden. Die Menschen verloren hohe Prozentsätze ihrer Ersparnisse, es gab hohe Verluste bei den Rentenversicherungen und auf dem Wohnungsmarkt. Ein massiver Pessimismus zeichnete sich ab, und die ersten Selbstmorde wegen finanziellen Ruins wurden von over there gemeldet.
Im eigenen Land traf die Krise alle möglichen und unmöglichen Stellen. Handwerker, die sich bis vor kurzem ihre Aufträge hatten aussuchen können, standen plötzlich unter großem Druck. Vielleicht konnte sie unter diesen Umständen wenigstens den Preis für die Dachdeckerarbeiten ein bisschen nach unten drücken. So drehte sich das Karussell, und das alte Sprichwort »Des einen Tod ist des anderen Brot« gewann an Aktualität. Wo würde das alles enden? War das womöglich das Ende der Welt, wie man sie bisher gekannt hatte: das Spiel von Angebot und Nachfrage und Kapitalismus auf eigene Gefahr?
Sie saß im Sofa und erschauerte bei dem Gedanken. Ihre Hand streichelte Svendsen, der die ungeteilte Aufmerksamkeit genoss. Eine Stimme in ihr sagte, dass niemand von dieser Krise unberührt bleiben werde. Bald schon werde sie ihre Fangarme in jeden Winkel dieser Welt ausgestreckt haben, und alle müssten sich mit Konsequenzen auseinandersetzen, die niemand für möglich gehalten hätte. Alle würden davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Talfahrt der Aktienmärkte würde sich bald zu der reellen Frage um Leben und Tod ausweiten, auch in Dänemark.
Sie hatte die Nachrichten übersprungen, die nur düstere Bilder vom Zustand der Welt zeichneten, und war bei der Sendung »Frag Charlie« auf dem dänischen Kanal TV2 hängengeblieben. Es war schon nach zehn Uhr, und sie fragte sich gerade, ob es nicht Zeit wäre, ins Bett zu gehen, als es an der Tür klingelte.
Svendsen, der in seinem Korb eingeschlafen war, wurde so davon überrumpelt, dass er erst beim zweiten Klingeln aufwachte und zu bellen anfing. Dabei hatten sich alle Haare auf seinem Rücken aufgestellt. Seine Alarmbereitschaft übertrug sich auf Dicte, und sie spürte eine Gänsehaut.
Sie löschte das Licht in der Küche, damit sie vom Küchenfenster unbemerkt den Eingangsbereich einsehen konnte. Unter dem Licht der Lampe stand eine Frau in einer langen schwarzen Jacke mit hochgeschlagenem Kragen. Zuerst konnte sie die Frau nicht erkennen, aber dann drehte sie sich ein Stück zur Seite, und Dicte erkannte die Prostituierte aus der Anholtsgade, der sie ihre Visitenkarte gegeben hatte.
Sie packte den Hund am Halsband und öffnete die Tür. Ihr Besuch hatte sich zwar bemüht, nur ein dezentes Make-up aufzulegen, trotzdem waren die Mascara verschmiert und ihre Augen rot.
»Hallo. Wollen Sie hereinkommen?«
Die Frau nickte. Svendsen schnüffelte an ihrer Jacke und fasste den Entschluss, dass er das Bellen einstellen konnte.
»Der tut nichts.«
»Ich heiße Miriam.«
»Kommen Sie rein, Miriam. Ich bin allein zu Hause.«
»Aber Sie haben doch den Hund.«
Miriam ließ Svendsen an ihren Händen und ihrer Jacke schnuppern.
»Er riecht Kaj.«
»Kaj?«
»Ja, das ist ein Schäferhund.«
Dicte führte sie ins Wohnzimmer. Sie fühlte sich verunsichert und ärgerte sich darüber.
»Möchten Sie auch ein Glas Wein?«
»Nein danke. Ich trinke keinen Alkohol.«
Dicte wusste, dass sie ihren Besuch überrascht ansah.
»Ja, ich weiß. Eine Hure, die weder raucht noch trinkt!«
Miriam lachte, und ihr Lachen klang angenehm und keine Spur verbittert oder hart. Wenn überhaupt, war sie traurig.
»Glauben Sie mir, ich habe in meinem Leben schon genug davon gehabt.«
»Dann setzen Sie sich doch wenigstens. Soll ich Ihnen die Jacke abnehmen?«
Miriam setzte sich auf die vorderste Kante eines Korbstuhls, behielt aber die Jacke an.
»Er braucht Ihre Hilfe«, sagte sie. »Er will sich nicht helfen lassen, aber er braucht Sie, das weiß ich.«
»Wissen Sie, wo er sich aufhält?«
»Er hat ein paar Tage bei uns gewohnt.«
Auf einmal brach sie in Tränen aus, Dicte sprang auf und holte die Küchenrolle. »Es tut gut zu wissen, dass sich jemand um ihn Gedanken macht.«
»Auch wenn es nur eine Hure ist?«
Dicte lächelte.
»Ja, auch dann. Wo ist er denn jetzt?«
Miriam tupfte sich die Tränen ab.
»Seit My und Kaj verschwunden sind, hat er wie neben sich gestanden.«
»Der Hund?«
»Ja, und seine Besitzerin. Ein Mädchen, sie heißt My.«
Miriam knetete das Papier zwischen ihren Händen zu einem Ball. »Sie ist für ihn eher so etwas wie eine Schwester. Ich weiß nicht viel darüber, was die beiden verbindet. Aber My ist auf jeden Fall nicht ganz normal.«
»Wer ist denn schon normal? Wie ist sie denn?«
Miriam fing an, gedankenverloren kleine Fetzen von ihrem Papierball abzureißen.
»My ist Autistin, glaube ich. Sie kommt irgendwie von einem anderen Planeten. Aber hier oben ist sie vollkommen in Ordnung.« Sie tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. »My friert immer. Wenn sie nicht gerade schwitzt.«
Miriam lächelte zaghaft. »Sie ist nicht ganz normal«, wiederholte sie.
»Und mein Sohn? Wissen Sie, wo er jetzt ist?«
»Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube, ich weiß, wo er ist.«