KAPITEL 64

Francesca schloss die Tür auf und spürte den unstillbaren Drang, alles zu berühren, was ihr gehörte, ihr ganz allein, inklusive ihres Körpers.

Sie hatte nur eine Stunde in Williams Wohnung verbracht, doch es hatte genügt, sie in dieser kurzen Zeit in die Vergangenheit zu katapultieren. Zurück in jene Jahre, in denen sie nicht Herrin über ihren eigenen Willen gewesen war, sondern ihm die Herrschaft überschrieben hatte, so, wie man mit einer einfachen Unterschrift die Kontrolle des eigenen Bankkontos einem anderen übertragen konnte.

Während sie bei ihm gesessen und Kaffee getrunken hatte, waren die Erinnerungen gekommen. An die fünf Jahre in England, die sie als Menschen reduziert hatten zu seinem Anhängsel. Sie erinnerte sich an die Art und Weise, wie er dafür gesorgt hatte, dass sie das Vertrauen in ihre eigenen Ratgeber verlor. Sie hatte von ihrem Vater eine beträchtliche Summe sowie ein Haus außerhalb von Neapel geerbt, doch am Ende hatte sie Williams Anwalt, seinen Steuerberater, seine Bank und seinen Arzt übernommen (Letzterer hatte einen etwas leichtfertigen Umgang mit dem Ausstellen von Rezepten für Beruhigungstabletten gehabt). Sie erinnerte sich daran, wie es ihm fast unmerklich gelungen war, sie von ihrer Familie zu entfernen, von ihrer Mutter und ihrer Stiefschwester: Konnte sie sich sicher sein, dass sie wirklich nur ihr Bestes wollten? Waren sie in Wirklichkeit nicht wahnsinnig eifersüchtig auf ihr neues Leben und ihre Erbschaft? Hatten sie das Recht, ihr Leben zu verpesten mit ihren Forderungen nach Liebe und Aufmerksamkeit? Als ihre Mutter zu Besuch gekommen war, hatte er sofort ein Verdachtsmoment in sie eingepflanzt. Die Schwiegermutter war trotz ihres Alters noch eine sehr gutaussehende Frau gewesen, aber William versuchte ihr einzureden, dass sie der eigenen Tochter ihre Schönheit neidete. Warum wollte sie sich damit abfinden? Warum sollte sie sich davon herunterziehen lassen und sich von der eigenen Mutter demütigen lassen, die nicht begriff, dass ihre Tochter für etwas Großes bestimmt war an der Seite eines Mannes, der sie liebte, wie noch nie zuvor ein Mann eine Frau geliebt hatte?

Nach den ersten zwei Jahren zogen sie nach Jersey, wo Williams Idealismus gefragt war und seine Karriere bei der uneigennützigen Tätigkeit im Kinderheim Haut de la Garenne seinen Lauf nahm. Jersey war die Insel der Wohlhabenden, und sie bekamen schnell einflussreiche Freunde und nützliche Kontakte. Sie hatten den Ruf als respektable Mitbürger, die ein soziales Gewissen besaßen und den Willen zeigten, sich für die Insel einzusetzen, die alle liebten.

Sie war so jung und so dumm gewesen. Sogar als die Gewalt in ihr Leben Einzug hielt, zuerst in kleinem, dann in immer größerem Stil, hatte sie das nur als eine logische Erweiterung seiner Kontrolle über sie gesehen. Es wäre ihr nicht eingefallen, Fragen zu stellen. Sie musste den Fehler begangen haben, sonst wäre sie nicht bestraft worden. Sie hatte seine Erwartungen nicht erfüllt. Die Bestrafungen, hatte er ihr gesagt, seien sein pädagogisches Mittel und sollten sie für das Schlechte in der Welt rüsten. Sie sollten sie stärken, sie gegen Schmerzen und Enttäuschung durch andere immun machen. Und auf eine sonderbare, verdrehte Weise war ihm das auch gelungen. Es funktionierte, hatte sie zwischendurch voller Dankbarkeit gedacht. Die gebrochenen Rippen, die blauen Flecken und Ergüsse von seinen Würgegriffen. Das alles machte sie unfähig, irgendetwas zu spüren. Das Problem war nur, dass sie auch keine Freude am Leben empfinden konnte. Alles wurde eins. Es gab den Schmerz, und es gab die Abwesenheit von Schmerz, und manchmal zog sie den Schmerz vor, weil sie dann wenigstens spürte, dass sie am Leben war.

Erst viele Jahre später – nach Jonas’ Tod – hatte sie das alles mit klarerem Blick sehen können: wie er sie manipuliert hatte, damit er ihr Leben unter Kontrolle hatte und sie ihm fügsam folgte. Und das, obwohl sie nach Dänemark zurückkehrten, sie das BWL-Studium beendete und sich für Politik zu interessieren begann. Und auch trotz der Geburt ihres Sohnes. Oder vielleicht gerade wegen der Geburt. Ein Ereignis, das der Anfang vom Ende war und schließlich dazu führte, dass sie sich endlich von ihm trennte.

 

Sie ging durch ihr Haus und ließ die Finger über die Designermöbel gleiten, über die italienischen Aquarelle, die sie bei dem Künstler persönlich in Neapel gekauft hatte, über das große Bett im Kolonialstil, ein Erbstück ihrer Mutter, und auch über den Jesus am Kreuz, der wie immer teilnahmslos an der Wand über dem Bett hing. Sie hatte es geschafft. Sie hatte sich Williams entledigt, so, wie eine Schlange ihre Haut abstreift. Die zusätzliche Haut, die er ihr übergezogen hatte, war vernichtet worden. Nichts von ihm war übriggeblieben, außer ein paar wertvollen Schmuckstücken, die sie geistesgegenwärtig behalten hatte. Aber nichts von Bedeutung. Er hatte ihr Leben verlassen, und so war es auch jetzt noch. Besonders jetzt.

Aber es hatte einen hohen Preis gehabt, ihn loszuwerden. Es hatte Kraft und Zeit gekostet. Und es war auf Kosten ihrer Erinnerung gegangen. Denn sie hatte sich nicht erinnern können. Mit dem Abtöten des unvorstellbaren Schmerzes hatte sie gleichzeitig etwas anderes verloren. Das wurde ihr deutlich, als sie heute bei William gesessen hatte, und deshalb war dieser Besuch auch nicht umsonst gewesen. Das Wiedersehen mit ihm hatte sie nämlich nicht nur an das erinnert, was sie gehasst, sondern auch an das, was sie geliebt hatte.

Sie ging ins Badezimmer, zog sich aus und blieb eine Weile nackt vor dem Spiegel stehen, beglückt darüber, dass dieser Körper ihm nie wieder Zugang gewähren musste. Sie ließ das warme Wasser über ihn laufen und wusch alles weg, den Wangenkuss, seine Hand auf ihrer Schulter zum Abschied, die Berührung seiner Möbel. Sie wusch den Anblick des Gemäldes mit dem zu Tode erschreckten Fuchs und die Erinnerung an den Kanarienvogel in seinem Käfig ab.

Nach der Dusche wickelte sie sich in ihren Bademantel ein. Sie setzte den Kessel mit Wasser auf, mahlte Kaffeebohnen und holte die Espressokanne aus dem Schrank. Sie machte sich einen starken Kaffee, setzte sich ins Wohnzimmer, die Füße auf dem Sofa und den Kaffee in Reichweite.

Mit nur wenigen Worten war es William gelungen, ihre Erinnerung zu aktivieren. Wie hatte sie das nur alles vergessen können? Wie hatte sie nur den Jungen vergessen können? Wie hatte sie ihr eigenes schlechtes Gewissen vergessen können?

Es war ein sonniger Tag gewesen. September und blauer Himmel. Jonas war fünf Jahre alt. Sie hatte wie immer an Jonas’ Bett gewacht und sich in einem Zustand zwischen Realität und Unwirklichkeit befunden. Und plötzlich hatte sie alles ganz klar gesehen, sie erkannte, dass die vergangenen drei Jahre von einer angsterfüllten Kenntnis einer Zukunft aufgefressen worden waren, die nicht existierte. Alles hatte dem Kind zuliebe zurückweichen müssen, das friedlich in seinem Bett lag und schlief, nicht wissend, was es mit seinem Dasein erschütterte und welche Leben dadurch betroffen waren. Alles hatte sich um ihn gedreht, den Sohn des Hauses. In seinem Kielwasser waren einige Schiffbrüchige ertrunken. Einer von ihnen war ein anderes Kind gewesen, das aber nicht ihr leibliches war.

Sie hatte sich in einer seltenen, stillen Stunde aufs Sofa gesetzt und war eingeschlafen. Plötzlich spürte sie eine Hand, die ihren Arm streichelte. Automatisch hatte sie die Berührung erwidert, noch im Schlaf, bis sie aufwachte und erkannte, dass sie eingeschlafen war und somit Jonas im Stich gelassen hatte. Dann sah sie, wer sie gestreichelt hatte und neben ihr mit sehnsüchtigem Blick stand.

Wie sie so dasaß in ihrem Bademantel, den Kaffeebecher dicht an den Körper gepresst, erinnerte sie sich sehr genau an ihre Brutalität, mit der sie aufgesprungen war und den Jungen von sich gestoßen hatte. Er war schon so groß gewesen. Hatte Pickel im Gesicht gehabt und war in den Stimmbruch gekommen. In jenem Moment hatte er nur Ekel in ihr ausgelöst, dabei hatte er früher einmal die ganze Bandbreite an Muttergefühlen aktivieren können.

»Geh weg. Hau ab. Ich kann dich nicht mehr ertragen«, hatte sie ihn angefaucht.

Aber er hatte es nicht verstanden. Wie sollte er auch? Sie war all die Jahre wie eine Mutter zu ihm gewesen. Als er sich nicht vom Fleck rührte und sie weiter mit seinen viel zu großen Augen und mit diesem eindringlichen, sehnsüchtigen Blick anstarrte, hatte sie die Kontrolle verloren und ihm ins Gesicht gebrüllt: »Verschwinde. Ich liebe dich nicht mehr. Ich will dich nicht wieder sehen.«

Sie erinnerte sich an seine Tränen, die wie Fontänen aus seinen Augen schossen, aber das hatte ihr Herz nicht erweichen können. Im Gegenteil, es war ihr eher wie eine gigantische Provokation vorgekommen, als würde jemand in sie eindringen und ihr etwas antun.

»Ich hasse dich! Hörst du? Ich hasse dich, du kleine Schmeißfliege.«

Er war davongeschlichen. Oder anders gesagt: Sie war immer davon ausgegangen, dass er davongeschlichen war. Ihre harten Worte und die darauffolgende Tat fanden an einem anderen, unwirklichen Ort statt. Alle Regeln und Gesetze waren aufgehoben. Vom Gesetz der Schwerkraft bis zu den zehn Geboten. Was danach geschah, war eine Sache zwischen ihr und ihrem Gott und niemand anderem. Zumindest hatte sie das immer gedacht.

 

Das Telefon klingelte. Es war der Fraktionsvorsitzende, sein Schnaufen erinnerte sie an ein altes Pferd.

»Wir müssen uns zusammensetzen, Francesca. Ich habe gerade einen Anruf bekommen von einem Journalisten, der meint, zu wissen, dass du dein eigenes Kind umgebracht hast.«

»Und?«

Sie fühlte sich überraschend ruhig, sowohl innerlich als auch äußerlich.

»Er hat gesagt, die wollen die Geschichte nächste Woche bringen.«

»Das ist Erpressung. Die wollen, dass ich meine Kandidatur zurückziehe.«

»Davon hat er nichts gesagt. Ich glaube, die werden in jedem Fall veröffentlichen.«

»Sag ihm, dass er sich zum Teufel scheren kann.«

»Das kann ich nicht. Du darfst nicht vergessen, dass du auch der Gruppe gegenüber Verantwortung hast.«

»Du willst also, dass ich zurückziehe?«

Sein Atem klang wie ein Blasebalg, und sie spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.

»Das kommt ganz darauf an, wie es mit der Wahrheit aussieht. Bisher lag die Presse ja immer richtig. Wie lautet die Wahrheit, Francesca? Kannst du mir das verraten? Kannst du mir garantieren, dass es eine Lüge ist?«