»Bringt ihn in die Ausnüchterungszelle.«
»Wir sollen ihn einsperren?«
»Ja.«
»Bist du dir sicher?«
»Ganz sicher. Lasst ihn dort ein paar Stunden sitzen, ich komme später runter.«
Wagner sah auf das Telefon in seiner Hand, bevor er auflegte. Für einen Moment war es so, als hätte er das Wort »Telefon« vergessen. Er konnte sich auch nicht an den Namen des Beamten erinnern, mit dem er soeben gesprochen hatte. Dieser war in eine Schule in Viby gerufen worden, wo ein Schüler seinen Lehrer bedroht und gesagt hatte, er würde zurückkommen und sie alle abknallen. Die Schule war sofort evakuiert worden, und der Junge wurde festgehalten. Ach ja. Vagn Erik Emdrup, hieß er. Wie hatte er das nur vergessen können?
Er musste sich konzentrieren. Er starrte seine Hände an, die den Hörer aufgelegt hatten. Und er dachte an Dicte und an das, was sie für ihren Sohn getan hatte. Keine Spur von Unsicherheit. Keine Bedenken. Wie es ihre Art war, hatte sie sich kopfüber in die Geschichte gestürzt, obwohl sie nicht in der Lage war, weder die Tiefe des Wassers noch die Strömung abzuschätzen, die alle ins Verderben reißen konnten.
Dafür gebührte ihr Anerkennung. Sie nahm Risiken in Kauf. Sie war bereit, sich, ihr Leben und ihre Position aufs Spiel zu setzen, um einen Mann in Schutz zu nehmen, dessen Chancen mehr als schlecht standen. Sie hatte Recht gebrochen, die Polizei belogen, ihre Kollegen und ihren Chef hintergangen. Sie war ausschließlich ihrem Gefühl gefolgt. Das hätte fürchterlich schiefgehen können – das konnte es auch jetzt noch.
Er lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. Dicte Svendsen spielte mit hohem Einsatz. Und was tat er?
Er riss sich zusammen und rief Ivar K wegen dieses Cato Nielsen an.
»Dein Name tauchte bei Dicte Svendsen auf.«
»›Ivar‹?«, fragte er und klang geschmeichelt.
»Nein. Cato Nielsen.«
»Ach so, der.«
Ivar K war unter anderem mit eben diesem Namen aus der Entzugsklinik »Skråen« in Odder zurückgekommen.
»Wir müssen ihn finden. Und diese Frau, von der Omar Said gesprochen hat. Überprüf bitte Cato Nielsens Akte. Er war in einem Kinderheim in Ry und ist in den verschiedensten Heimen aufgewachsen.«
Wagner beendete das Telefonat und ging bei Jan Hansen vorbei, der die Aufgabe zugewiesen bekommen hatte, alle Belege im Fall des Sohlenabdrucks zu überprüfen.
»Okay, ich bin bereit für ein paar Vorschläge.«
Hansen nahm einen Klarsichthefter vom Tisch, räusperte sich und schob seinen Stuhl ein Stück zurück.
»Ich bin ungefähr fünfhundert Quittungen durchgegangen. Davon stammten zweihundertsechsundfünfzig Belege aus Kvickly-Filialen in der Umgebung von Århus. Die verbleibenden einhunderteinundfünfzig wurden mit Karte bezahlt. Und davon waren vierundsechzig Frauen.«
Er schob seine große Hand in eine der Klarsichthüllen und zog ein Papier heraus, das er Wagner reichte.
»Das sind sie. Mit Adresse und Telefonnummer.«
Wagner überflog die Liste, aber auf den ersten Blick kam ihm kein Name bekannt vor.
»Okay, du musst die Liste durchgehen«, sagte er und gab sie Hansen zurück. »Jetzt geht es darum, einen bekannten Namen zu finden. Einen, der schon mal genannt wurde, vielleicht nur peripher mit dieser Sache zu tun hat. Und wenn du dafür jedes Verbrecheralbum überprüfen, die DNA-Datenbank kontaktieren, Fingerabdrücke vergleichen, das Einwohnermeldeamt oder die Kfz-Behörde anrufen musst, Hauptsache, wir finden eine Verbindung.«
Jan Hansen nickte und machte sich gleich an die Arbeit. Wagner sah auf die Uhr. Er ging in die Kantine und holte sich was zu essen, obwohl sein Körper nach etwas anderem als Lebensmittel verlangte. Er war erschöpft. Die Konfrontation mit Dicte Svendsen hatte ihn viel Kraft gekostet, und als er ins Präsidium zurückgekommen war, hatte ihn dort die Nachricht von der Schule in Viby erwartet. Er fühlte sich entkräftet. Er war so müde, dass er meinte, tagelang schlafen zu können, ohne aufzuwachen.
Um sich aufzumuntern, holte er sich eine Zimtschnecke und einen Becher Kaffee, setzte sich in eine Ecke der Kantine und versuchte, die Gedanken zu sortieren. Die Geschichte mit Dicte Svendsens Sohn, den sie als Teenager bekommen und zur Adoption freigegeben hatte, kannte er. Er hatte sie vor vielen Jahren mal gehört. Man könnte meinen, dass mit einer Adoption die Sache abgeschlossen sei, aber so war das nicht für Svendsen. Es schien, als würde nichts jemals aufhören. In allem musste herumgewühlt werden, darum durfte es ihn nicht überraschen, dass sie auch diese Geschichte nicht auf sich hatte beruhen lassen können. Schon gar nicht, wenn es um ihr eigen Fleisch und Blut ging. Denn so war sie nun mal, wie isoliert sie auch erscheinen mochte, rein familiär betrachtet – er hatte die Geschichten über die Abkehr von der Zeugen-Jehova-Familie von Ida Marie erzählt bekommen. Sie wollte ihre Liebsten um sich haben, sie an sich binden. Wie viele Jahre hatte sie wohl diese Leere in sich gespürt, wenn sie an ihren Sohn dachte? Wie sie ihn gefunden hatte – oder er sie –, konnte er nur erraten, aber er vermutete, dass es etwas mit seiner Nierenerkrankung zu tun hatte. Und jetzt deckte und versteckte sie ihn. Und obendrein war es ihr gelungen, die Aufmerksamkeit auf eine andere Person zu lenken: Cato Nielsen.
Wagner kaute seinen letzten Bissen und spülte ihn mit dem Teerkaffee aus der Kantine herunter, für den sich sein Magen fast immer rächte. Das hatte sie gut gemacht. Allerdings ging es ihm auch wahnsinnig auf die Nerven. Aber in erster Linie war es raffiniert gemacht.
Auf dem Weg zur Ausnüchterungszelle steckte er den Kopf ins Zimmer seines Vorgesetzten. Christian Hartvigsen war damit beschäftigt, mit einer feuchten Serviette einen Ketchupfleck von seiner Krawatte zu reiben. Aber die Serviette löste sich auf und hinterließ kleine weiße Kügelchen auf dem grauen Stoff, während der rote Fleck hartnäckig blieb.
»Das sieht aus wie Blut.«
Hartvigsen gab auf.
»Meine Frau dreht durch, wenn sie das sieht. Das war ein Geburtstagsgeschenk von ihr. Kommen Sie rein!«
Er ließ die Krawatte in Ruhe und warf die Serviette in den Mülleimer.
»Und was gibt es Neues?«
Wagner setzte sich auf die vorderste Kante des Stuhls.
»Ich möchte eine Beurlaubung vom Dienst beantragen.«
»Sie möchten was?«
»Beurlaubung vom Dienst. Sie hatten mir das damals nach Ninas Tod angeboten. Jetzt möchte ich das in Anspruch nehmen.«
Hartvigsen stopfte die Krawatte mit seinen dicken, eher für Handfesteres gemachten Fingern unter seinen Cardigan. Wagner fragte sich, wann er wohl die Zeit dazu fand, den kleinen Hof, den seine Frau und er in Skødstrup besaßen, zu bewirtschaften.
»Ach so, ach ja, das wollen Sie also.«
Er seufzte. »Wir stehen hier gerade unter ziemlichem Druck. Wann hatten Sie denn gedacht zu pausieren?«
»So bald wie möglich.«
Wagner erhob sich. Er musste schnell weg, bevor Hartvigsen anfangen konnte, Ursachenforschung zu betreiben. Es gab so viele Gründe, dass er sie gar nicht alle aufzählen und auch im Moment nicht sagen konnte, welcher am wichtigsten war.
»Ich wollte Ihnen das nur schon einmal ankündigen. Können wir das später besprechen?«
»Lena Lund?«, fragte Hartvigsen. »Läuft das nicht so gut?«
»Ich habe ihr wirklich eine Chance gegeben, aber sie arbeitet zu einspurig … und auch zu einzelgängerisch.«
Es war gesagt. Zumindest das, was es dazu vorläufig zu sagen gab. Unter Umständen würde noch mehr hinzukommen, das konnte niemand wissen.
»Aber sie ist gut, oder?«
Wagner nickte.
»Ohne sie würden wir viele Informationen nicht zur Verfügung haben«, erwiderte er, um wenigstens fair zu bleiben.
»Über Dicte Svendsen?«
»Unter anderem.«
Er hätte gerne noch mehr gesagt, sich und seine Ermittlungsmethoden verteidigt, an denen er nach wie vor festhielt. Am Ende des Tages vertraute er in erster Linie seinem Instinkt, aber das hätte er so nicht sagen können. Er gestand sich ein, dass er kein Polizist mit politischem Fingerspitzengefühl war. Sein Antrieb war die Verbrecherjagd und nicht die Auszeichnungen und eine mögliche Beförderung zu einem angesehenen Schreibtischjob. Aber dafür erntete man in der Regel keine Anerkennung.
Hartvigsen nickte und wandte sich wieder seiner Krawatte zu. Wagner sah auf seine Uhr. Zwei Stunden war es jetzt her. Er ging in den Keller und ließ sich von dem Beamten eine der Ausnüchterungszellen aufschließen. Alexander lag zusammengekauert auf der Pritsche, die Beine vor der Brust, die Arme um den Körper geschlungen und die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen. Ein Strich in der Luft, der zusammengefaltet worden war, wie der letzte vergebliche Versuch des Künstlers, bevor er das Blatt Papier in den Mülleimer warf.
Er zitterte am ganzen Körper.
»Frierst du?«
Alexander drehte sich zu ihm um. Seine schwarze Mascara – sein neuer Style – war verschmiert. Er weinte.
Wagner stand einen Augenblick ratlos vor ihm, tausend Gedanken tobten gleichzeitig durch seinen Kopf. Dann gewann der eine. Er dachte an Dicte Svendsen, an ihre Sturheit und an ihren Mut. Es würde nichts ändern. Morgen würde das alles wieder vergessen sein, Alexander würde wieder die Tür hinter sich zuwerfen und bittere Worte durch die Luft schleudern.
Trotzdem.
Er trat in die Zelle, setzte sich auf die Pritsche und nahm seinen Sohn in die Arme.
Lange hatten sie so gesessen, als schließlich Wagners Handy in seiner Jackentasche klingelte. Er zog es heraus, das Display zeigte Jan Hansens Nummer an.
»Ja?«
»Sally Marianne Andersen. Sie hat am 4. Mai ein paar Adidas-Schuhe im Kvickly von Åbyhøj gekauft.«
»Und?«
»Sie ist auch Mitglied im Dachverband ›Seltene Krankheiten‹ und zwar über eine Vereinigung, die Spielmeyer-Vogt heißt. Ihr sechsjähriger Sohn leidet offenbar an einer Krankheit, die mit diesem Syndrom verwandt ist.«
Jan Hansen holte tief Luft.
»Ein Todesurteil, soweit ich das verstanden habe.«