Das Treffen mit Francescas Kontaktperson fand an der Schleuse statt, wo der Odder Å und der Norsminde Fjord sich trafen und eine seichte Flusslandschaft bildeten, die viele Zugvögel anlockte.
»Ich warte schon seit einer Viertelstunde.«
Die Stimme war gedämpft, fast flüsternd. Die Ortsvorsitzende der Partei mit einem Sitz im Folketing sah auf ihre Uhr und ließ dann den Blick über das kleine Fischerdörfchen gleiten, wo die Boote in dem seichten Wasser den Sandboden berührten. Weiter draußen waren die größeren Kutter vertäut.
»Ich hatte Probleme mit meinem Wagen.«
»Davon habe ich schon gehört.«
»Nein, das Auto meinte ich nicht. Mein Leihwagen, irgendetwas stimmte mit der Kupplung nicht, ich musste es austauschen lassen. Das hat gedauert.«
Sie taxierten sich. Eva Frandsen war so alt wie sie, und bisher waren sie ganz gut miteinander zurechtgekommen. Sie hatte gehofft, bei ihr auf Verständnis zu stoßen, zumal Eva Frandsen selbst die Erfahrung hatte machen müssen, von der Presse abserviert zu werden. Enthüllungen über sogenannte »Unstimmigkeiten im Privathaushalt« hatten vor vier Jahren dazu geführt, dass sie ihren Posten als Fraktionsvorsitzende aufgeben musste.
Als sie sich endlich dazu bequemte, ihren Arm in Francescas einzuhaken, blitzte ein versöhnlicher Zug in ihren Augen auf.
»Es ist hart, stimmt’s?«
Sie gingen spazieren, dicht nebeneinander, Eva Frandsen führte. Sie besaß ein Sommerhaus in der Gegend, kannte sich also gut aus. Francesca nickte.
»Da ist jemand, der mich aus der Politik drängen will. Jemand, der meinen Wahlsieg verhindern will.«
Ihr Weg führte sie hinunter an den Hafen, vorbei am Fischhändler und den Kuttern, weiter am Fjord entlang, dessen Wasser in der Septembersonne glatt und blau schimmerte, von silbernen Sicheln durchzogen.
»Weißt du, wer es ist?«
»Nein.«
»Keine Ahnung?«
»Nein.«
Eva Frandsen blieb abrupt stehen. Sie war nicht groß, hatte aber breite Schultern und sah in ihrer blau-grün gemusterten Jacke und ihrem durchdringenden Blick aus wie ein Pfau auf der Balz. Aber ihre Stimme war alles andere als durchdringend. Jedes Wort, das ihre Lippen verließ, ob sie eine flammende Rede im Parlament hielt oder sich einen Schlagabtausch mit einem übereifrigen Journalisten lieferte, klang, als würde sie mit einem Kleinkind sprechen, das es zu beruhigen galt. Mild und mütterlich und mit der unerschütterlichen Ruhe einer Århusianerin.
»Du musst mir gegenüber ehrlich sein, Francesca. Du musst doch eine Idee haben, wer dahintersteckt. Balleby?«
War sie Freund oder Feind? Ihr Gesichtsausdruck wollte Krieg, ihre Stimme Frieden. Eva hatte um dieses Treffen gebeten, Francesca fragte sich die ganze Zeit, ob sie ein kameradschaftliches Gespräch führte oder ob sie eine Unterstützungserklärung erhielt.
»Vielleicht«, antwortete Francesca vorsichtig. »Vielleicht aber auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er genug Fantasie für so etwas hätte.«
Eva lächelte. Francesca betrachtete ihre Schuhe, Laufschuhe, von Ecco wahrscheinlich. Eva Frandsen war eine pragmatische Frau.
»Einer von den Jüngeren?«
»Oder jemand von außen. Nicht aus der Politik.«
»Du meinst aus dem kriminellen Milieu?«, fragte Eva. »Die müssen sich doch eigentlich auch in die Hosen machen vor Angst, wenn du Bürgermeisterin wirst.«
Das klang einleuchtend. Vielleicht war das sogar wahrscheinlicher. Am liebsten hätte sie sich selbst davon überzeugt, dass ein ganzes Milieu hinter ihr her war. Das wäre irgendwie eher zu verstehen als die Hasskampagne eines gesichtslosen Einzelnen.
»Du musst dem unbedingt Einhalt gebieten. Damage control! Du musst mit so offenen Karten wie möglich spielen und ihnen trotzdem nicht das geben, was sie haben wollen.«
Francesca registrierte den sanften Druck am Unterarm dankbar als Aufmunterung.
»An der Parteispitze, im Borgen, macht man sich große Sorgen. Wir brauchen dich hier in Århus, deine Kampagne ist abgegangen wie eine Rakete.«
»Na ja.«
»Doch, natürlich, ich meine das ernst. Da sind wir alle einer Meinung. Deine Rettungsaktion war ein Volltreffer, besser kann man das nicht ausdrücken. Wie bestellt.«
Sie legte den Kopf auf die Seite. »Aber das war sie natürlich nicht, oder? …«
»Nein, das war sie nicht.«
»Man kann ja genauso gut das Gegenteil in die Wege leiten«, sagte Eva daraufhin. »Ein anonymer Blog zum Beispiel, der unschöne Wahrheiten über deine Widersacher verbreitet. Wir müssen hier kreativ denken.«
»Ein Blog? Über Balleby? Wer sollte den denn schreiben?«
Eva zuckte mit den Schultern.
»Denk mal drüber nach.«
Francesca ließ den Blick hinaus auf den Fjord wandern. Sie hielt nicht viel von dem Vorschlag, erkannte aber, dass er ein Hilfsangebot war, wenn auch ein etwas unbeholfenes. Plötzlich überkam sie das Bedürfnis, sich der Frau neben ihr anzuvertrauen, während sie einem Kutter auf dem spiegelglatten Wasser hinterhersah. Aber sie hielt sich zurück. Sie wusste, dass sie dieser Schwäche anderen gegenüber nicht nachgeben durfte als jenen, denen sie hundertprozentig vertrauen konnte. Und so jemanden gab es einfach nicht. Trotzdem wusste sie, dass diese Situation von ihr ein bisschen mehr persönlichen Einsatz erforderte.
»Wie überlebt man so etwas eigentlich, Eva? Wie hält man diesen Druck aus?«
Eva lächelte, während sich ihre Schuhe einen Weg durch den hohen Strandhafer auf einer Landzunge bahnten, auf der ein vom Wind verwildertes Sommerhaus stand. Die Landschaft war flach wie ein Messer und tauchte mit scharfer Kante ins Wasser ein. Flach und wunderschön, eingehüllt in ein besonderes Licht, wie in einem holländischen Gemälde.
»Tja. Mir ging es nicht besonders gut. Mich darfst du nicht nach einem Geheimrezept fragen, wie man am Ende heil dasteht und alles in Sicherheit gebracht hat. Das funktioniert nämlich nicht.«
Eindringlich sah sie Francesca in die Augen. »Hinterher ist nichts mehr so, wie es war. Die Unschuld – wenn es denn eine gegeben hat – ist zerstört.«
Der Zynismus war trotz der Milde in Eva Frandsens Stimme unüberhörbar. Sie hatte damals lange ausgehalten. Vielleicht zu lange. Viele hatten sie dafür bewundert, mit welchem Gleichmut sie die Anklagen pariert hatte; die Presse hatte beinahe täglich ein neues Leck aufgetan: hier eine Rechnung, die sie und ihr Mann nicht zurückgezahlt hatten, dort ein kleiner Kredit, der zurückgefordert, aber nicht ausgelöst worden war. Sie hatte hilflos mit ansehen müssen, wie etwas sehr Privates – ihre persönliche Finanzlage und die ihres Mannes – in aller Öffentlichkeit ausgebreitet wurde. Und trotzdem hatte sie die ganze Zeit über alle Fragen ruhig und höflich beantwortet und versucht, alle Anschuldigungen von sich zu weisen. Als es schließlich nicht mehr tragbar war, hatte sie sich zurückgezogen und einen weniger prominenten Posten innerhalb der Partei zugeteilt bekommen.
»Wenn du wissen willst, wie man das überleben kann, dann lass dir dieses eine sagen: Man muss an die Alternativen denken«, sagte Eva Frandsen und lenkte Francesca mit sanftem Druck gegen den Ellenbogen zurück zum Fischhändler. »Denn man wird verrückt und beschwört sich, dass sie einen nicht unterkriegen werden und dass es Wichtigeres gibt als das.« Sie legte den Kopf ein wenig in den Nacken und fuhr fort, als würde sie auf einer Versammlung sprechen: »Man denkt an den großen Wurf. Was man alles verändern wollte. An die Ideale und all das andere, an das man glaubt. Und fragt sich, ob die noch in einem sind.«
Sie nickte hinüber zu dem erst kürzlich renovierten Norsminde Kro, der mittlerweile alles andere als ein ordinäres Gasthaus am Wegesrand war, sondern im Ruf stand, eine feine Küche und gesalzene Preise zu bieten. »Wollen wir uns einen Kaffee im Kro genehmigen?«
Francesca verstand das als einen Befehl und nickte. Da würde noch was kommen, da war sie sich ganz sicher. Eva Frandsen hatte nicht um dieses Treffen gebeten, um mit ihr über innere Werte und politische Ideale zu reden.
Sie rückte damit raus, als der Kaffee getrunken, der Kuchen gegessen und der Ausblick gehörig bewundert worden war.
»Sag mir doch bitte eines«, Eva lehnte sich vor und sprach mit gesenkter Stimme. »Ist noch mehr aus dieser Richtung zu erwarten? Hast du noch weitere Überraschungen auf Lager?«
Der angriffslustige Pfauenblick war wieder da, Macht funkelte in ihren Augen.
»Ich wurde gebeten, das zu fragen. Wir hatten in letzter Zeit genug Krisen, wenn du verstehst, was ich meine.«
Sie verstand das ausgezeichnet. Die Mitglieder der Regierung lieferten sich interne und mitunter auch öffentlich ausgetragene Kämpfe, und dem Regierungschef wurden die vielen Auslandsreisen vorgeworfen. Es gab einfach zu viele Konflikte. Und es gab keinen Bedarf für weitere, die zusätzliche Negativschlagzeilen für die Partei in Christiansborg bedeuteten.
»Nichts, was mit Politik zu tun hätte.«
Eva Frandsen bat den Kellner um die Rechnung und sah Francesca fest in die Augen.
»Alles hat mit Politik zu tun.«