Der Baum war grau, kein einziges Blatt hing daran. Er sah tot aus, als hätte ein minderbegabter Künstler ihn aus Asche geformt.
Aber selbst so durfte er nicht lange verweilen. Eine Feuerkugel kam wie ein Meteor aus dem Nichts angeschossen und stürzte auf ihn herab; in Sekundenschnelle standen Zweige und Äste in Flammen. Und plötzlich türmte er sich vor ihr auf, der Höllenbaum, flammend und lodernd, als würde er alles in seiner Nähe mit in dieses infernalische Nichts reißen.
Die Hitze war extrem, wie auch das Böse, das ihr das Feuer entgegentrieb. Sie hatte sich zu nah herangewagt. Eine unsichtbare Kraft hatte sie in den Bann der siedenden, brennenden Luft gepresst. Ihr lief der Schweiß in Strömen herunter. Sie hatte das Gefühl, zu zerschmelzen, ihre Haut tropfte, löste sich auf. Es würde nicht lange dauern und die Höllenflammen hätten sie für immer verschlungen.
Ihr blieb nur die Hoffnung, dass jemand sich ihrer erbarmen würde und ihr einen kalten Lappen auf die Stirn legte, um das Feuer in ihr zu ersticken.
Kurz bevor sie zu verschwinden drohte, geschah das Wunder. Etwas Kaltes berührte ihre Hand. Es stieß immer wieder dagegen und winselte.
Sie wachte auf, das Knistern der Flammen hallte in ihren Ohren nach. Aber das Kalte an ihrer Hand war noch da. Ein Stoß, noch einer. Sie sah in Svendsens besorgte Augen und spürte die kalte Hundeschnauze an ihrer Hand.
»Braver Hund. Brav.«
Der Traum begann sich zu verflüchtigen. Sie streichelte den Hund, der seinen Kopf gegen ihre Hand und in die Decke bohrte. Sie sehnte sich nach Bos Körper dicht an ihren gedrängt, und wenn alles verlorengehen sollte, so würde ihr doch wenigstens das bleiben.
Sie stand auf und holte sich Zeitung und Brötchen beim Bäcker, versuchte einen ganz normalen Sonntag zu verbringen, nur eben allein. Sie brühte sich zur Feier des Tages eine ganze Kanne Kaffee auf, denn in der Woche trank sie nur löslichen. Dann schmierte sie Butter auf ein Mohnbrötchen und legte eine dicke Scheibe Käse obendrauf. Sie ließ sich viel Zeit mit dem Lesen der Sonntagszeitung. Sie tat all das, was im Alltag niemals stattfand. Und dennoch konnte sie sich nichts vormachen. In ihrem Inneren brannte es lichterloh. Und das würde es so lange tun, bis sie ihn gefunden hatte, vielleicht auch noch länger, nämlich bis diese verdammte, verhängnisvolle Angelegenheit einen Abschluss gefunden hatte.
Sie saß am Esstisch, blätterte die Zeitung durch, goss sich Kaffee nach und zwang sich dazu, das ganze Brötchen zu essen. Sie hatte sich auch die NyhedsPosten gekauft, aus zwei Gründen. Zum einen hatte der Aufsteller getitelt, dass die Bürgermeisterkandidatin Francesca Olsen zugegeben hatte, junge Männer für Sex bezahlt zu haben. Außerdem aber bot diese Zeitung die meisten Kontaktanzeigen: kurze codeartige Textblöcke, in denen Prostituierte um Kunden warben.
Als Erstes nahm sie sich den Artikel über Francesca Olsen vor und erinnerte sich dabei an einen anderen Beitrag von demselben Journalisten, in dem es um Schwarzarbeit ging. Vor über fünfzehn Jahren sollten Olsen und ihr damaliger Mann eine Putzfrau schwarz beschäftigt haben. Und jetzt das hier. Das roch alles sehr nach einer Hetzkampagne, als hätte jemand beschlossen, diese Frau um jeden Preis zur Rücknahme ihrer Kandidatur zu zwingen. Die Zeitung hatte zwei junge Männer aufgetan, die bezeugten, der Bürgermeisteranwärterin über einen Escortservice gegen Bezahlung für sexuelle Dienste zur Verfügung gestanden zu haben. Der eine im Oktober 2000, der andere im Sommer 2003. Und die Protagonistin der Story hatte sich dafür entschieden, alles zuzugeben. Dicte registrierte mit einer gewissen Genugtuung, dass Francesca Olsen weder versuchte, sich zu verteidigen, noch sich zu entschuldigen. Sie wurde auch nicht mit der Bemerkung zitiert, dass die Presse diese Geschichte bei einem männlichen Kollegen niemals veröffentlicht hätte. Aber genau so verhielt es sich, das wusste Dicte nur allzu gut. Die Journalisten verfügten über Unmengen an Geschichten über männliche Politiker und deren oftmals zügellose Libido, aber keine davon wurde als nennenswert oder relevant genug erachtet, um abgedruckt zu werden. Allerdings hatte es vor einiger Zeit die Story eines männlichen Kollegen in die Schlagzeilen gebracht, der eine Affäre mit einem sehr jungen Mädchen gehabt hatte. Vielleicht war die Feststellung doch angebracht, dass sich die Grenzen der Presse verschoben hatten, was diese als interessant für die Öffentlichkeit ansah. War Francesca Olsen das erste Opfer in einem neuen Krieg, in dem die Grenzen der Berichterstattung neu gezogen wurden, was für die Presse als relevante oder unerhebliche Information bewertet wurde? Wenn dieser junge Politiker keine Affäre gehabt hätte, sondern sich den Sex gekauft hätte, wäre die Story wahrscheinlich niemals gedruckt worden.
Dicte musste an die Autobombe denken und den Einbruch bei der Politikerin, und sie überlegte, ob diese Pressehatz gegen Francesca Olsen in irgendeiner Verbindung mit der Detonation im Solarium und somit indirekt mit den Ermittlungen gegen Peter Boutrup zusammenhing. Auf jeden Fall musste es einen Maulwurf geben, der die Journalisten häppchenweise mit Informationen versorgte, ziemlich sicher gegen Bezahlung. Sie musste auch an ihr Interview mit Olsen denken und an die Angst, die sie in ihren Augen gesehen hatte. Wovor hatte sie solche Angst? Wusste sie, wer sie da zum Rückzug aus den politischen Geschäften zwingen wollte? Vielleicht war die Zeit reif für ein zweites Gespräch.
Nach dem Artikel über Francesca Olsen stürzte sich Dicte auf die Kleinanzeigen, die mit diversen Sexangeboten aufwarteten. Es war mühselig, aber sie wusste nicht, wie sie anders hätte vorgehen sollen. Sie rief alle 0900-Nummern an und gab sich als Vermittlerin für einen wohlhabenden und vielbeschäftigten Kunden aus, der auf der Suche nach Bordellen mit dänischen Frauen sei. Keine Thaifrauen. Keine afrikanischen oder osteuropäischen Frauen.
Bei den Nummern, die kein Band laufen ließen, wurde sie sehr freundlich und zuvorkommend behandelt und erhielt Details über die verschiedenen Leistungen, die angeboten wurden, sowie die Preise. Sie bekam auch andere Serviceinformationen: über den jeweiligen Hygienestandard, Zeiteinheiten und Diskretion.
Nach ein paar Stunden war sie fertig und hatte eine Liste mit fünfzehn Adressen in Århus und Umgebung. Sie fuhr in die Stadt und wollte sie systematisch aufsuchen, wohl wissend, dass ihre Erfolgschancen relativ gering waren. Es war Jahre her, dass der Bauer aus Djursland Peter Boutrup in Begleitung mit den zwei Prostituierten gesehen hatte. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch heute noch in diesem Gewerbe tätig waren und vor allem noch in Århus lebten?
Die beiden ersten Adressen auf der Liste waren Nieten. Weder in der Langelandsgade noch in der Trepkasgade wurde geöffnet. Sie sah auf die Uhr. Es war halb elf, und es war Sonntagmorgen. Wahrscheinlich nicht die optimale Öffnungszeit für so ein Etablissement. Vielleicht gab es ja doch so etwas wie Ruhe- und Feiertage für das Personal im horizontalen Gewerbe.
Trotzdem fuhr sie die dritte Adresse auf ihrer Liste an. Das Souterrain eines Wohnhauses in der Samsøgade war mit einer Gittertür verschlossen. Daran hing ein Schild, das den Besucher aufforderte, die Klingel zu betätigen, wenn er Zugang zum Keller wünschte. Dicte drückte auf die Klingel, und kurz darauf wurde die Tür einen Spalt geöffnet. Eine blonde Frau Anfang dreißig tauchte hinter der Sicherheitskette zwischen Tür und Rahmen auf. Dicte stellte sich vor.
»Ich habe heute Morgen angerufen. Sind Sie Tammi?«
»Ach, Sie.«
Dicte nahm das als eine Bestätigung. Tammi schloss die Tür, nahm die Sicherheitskette ab und bat die Besucherin einzutreten. Sie führte sie durch einen Flur, der in einer Art Vorraum endete, in dem ein paar Stühle und Sofas standen, die einen sofort an Haushaltsauflösung denken ließen. Auf einem Couchtisch stand eine Vase mit verstaubten Plastikblumen, daneben lag eine Packung Marlboro Light, darauf ein grünes Feuerzeug. Das hier war auf jeden Fall kein Luxusbordell.
»Ehrlich gesagt bin ich auf der Suche nach jemandem.«
Dieses Geständnis sorgte zunächst für Irritation. Und es sah ganz danach aus, als würde die Frau anheben, um etwas von Zeit verschwenden zu sagen und dass sie keine Servicekraft sei, die zufälligen Passanten irgendwelche Informationen geben würde.
»Ich bin gerne bereit, für die Zeit zu bezahlen, die Sie sich für mich nehmen«, fügte sie schnell hinzu, nicht wissend, ob das ein richtiger Zug gewesen war.
Schweigend standen sie sich einen Augenblick gegenüber und taxierten einander. Ihr Beruf ließ sich nicht an ihrem Äußeren ablesen, weder an ihren Augen noch am Gesichtsausdruck oder an der Kleidung. Sie war ungeschminkt. Ihre Haut war glatt und jung, das blonde Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug Jeans und ein grünes T-Shirt. Ihre Augen waren freundlich, lediglich ihre Bewegungen wirkten eine Spur zu nervös: die Hand, die ins Haar griff; eine unbedachte Kopfwendung.
»Okay«, sagte Tammi nach einer Weile Bedenkzeit. »Zehn Minuten. Dreihundert Kronen.«
Sie wedelte mit der Hand und deutete an, dass sie sich setzen sollte. Dicte holte das Foto aus der Tasche und schob diskret ihre Visitenkarte hinterher. Eine von denen, die nur ihren Namen und ihre Telefonnummer nannten und nichts über ihren Beruf verrieten.
Tammi betrachtete das Foto.
»Ich glaube, den habe ich schon mal gesehen. Wer ist das?«
»Er wird wegen Mordes gesucht.«
»Und Sie sind?«
Was sollte sie darauf antworten? Sie wählte einen anderen Weg.
Eigentlich erwartete sie keine Antwort, bekam aber eine.
»Ich habe einen fünfjährigen Sohn. Warum?«
»Ich habe auch einen Sohn. Ich war sechzehn, als ich ihn bekam und zur Adoption freigegeben habe.«
Die Frau nickte zum Foto auf dem Tisch.
»Ist das Ihr Sohn?«
Dicte antwortete, indem sie schwieg. Tammis Blick klebte an der Aufnahme.
»Ich konnte mich damals nicht um ihn kümmern. Ich dachte, ich hätte das Richtige getan.«
Tammi schluckte, erwiderte jedoch nichts.
»Aber ich hoffe, dass ich ihm jetzt helfen kann. Ihm die Hilfe zukommen lassen kann, die ich ihm damals nicht geben konnte.«
Klang das wie aus einer schlechten Soap? Ja, das tat es. Und die Ironie des Schicksals war, dass es der Wahrheit entsprach. Das eigene Leben ließ sich manchmal auf einige wenige Klischees reduzieren: Leben und Tod, Schuld und Sühne, Liebe, Rache, Einsamkeit.
Tammi war bis an die vordere Kante des Sofas gerutscht. Sie streckte die Hand aus, griff nach der Zigarettenschachtel und schüttelte eine Zigarette heraus. Das Feuerzeug klickte, als sie sie anzündete und tief einatmete.
»Man macht es eben nur so gut man kann, oder?«
Sie stieß den Rauch aus. »Darüber hat niemand zu richten.«
Sie hob das Foto hoch.
»Hübscher Kerl. Vielleicht kennt Laila ihn.«
Sie stand auf, öffnete eine Tür und rief den Namen den Flur hinunter. Kurz darauf erschien eine zweite Frau. Etwas jünger vielleicht, in Jeans und einem enganliegenden, ärmellosen T-Shirt, unter dem der Push-up-BH die Brüste vorteilhaft platzierte. Auch bei ihr war der Beruf nicht an der Oberfläche erkennbar, allerdings entdeckte Dicte ein ausgeprägtes Körperbewusstsein, eine größere Sorgfalt für Details: künstliche Nägel mit schönen Mustern; sonnengebräunte makellose Haut; das kleine Tattoo eines Seepferdchens auf der Schulter; bauchfreies Outfit mit einem goldenen Ring im Nabel.
»Kennen Sie den hier?«, fragte Dicte auch sie.
Tammi schob das Foto so hin, dass Laila es sehen konnte. Dicte beobachtete sie aufmerksam und bemerkte die kleinsten Reaktionen. Ein Glitzern in den Augen, ein Zucken der Mundwinkel, die veränderte Art, Luft zu holen.
Laila schüttelte den Kopf.
»Habe ich noch nie gesehen.«
Fünf Minuten später stand sie wieder draußen auf der Straße. Die Zeit war um, und es hatte keinen Zweck, weiterzubohren. Sie hatte versucht, Laila auszufragen, war aber nicht auf Entgegenkommen gestoßen.
Sie setzte sich in den Wagen. Der Traum der letzten Nacht tauchte wieder auf. Der brennende Baum. Symbolisierte er die Hölle, durch die Peter Boutrup hatte gehen müssen?
Schweißgebadet war sie aufgewacht und mit dem untrüglichen Gefühl, dass sich etwas Unheilvolles, Böses näherte. Sie hatte es im Feuer gesehen, in dem Holz, das in Flammen aufgegangen war.
Plötzlich wusste sie ganz sicher, dass es diesen Baum in Wirklichkeit gab. Er stand an einem Ort, der für ihren Sohn von großer Bedeutung gewesen war, und wartete als eine Art Wächter über etwas, das vor langer Zeit geschehen war.
Sie machte sich auf den Nachhauseweg mit dem Entschluss, die Suche nach ihm von einer anderen Seite anzugreifen. Der Gedanke ließ sie nicht los, dass sie mit dem Baum auch die Wahrheit finden würde.