KAPITEL 47

»Spenden. Fondsgelder. Zuschüsse unterschiedlicher Herkunft, kommunaler und staatlicher. Es ist schwer, weil wir so wenige sind.«

Wagner hörte aufmerksam zu. Das konnte er in der Regel sehr gut, aber an diesem Tag fiel es ihm besonders schwer. Trotzdem bemühte er sich.

Seiner Meinung nach war es eine Kunst, zuzuhören. Ein guter Zuhörer besaß die Fähigkeit, zu inspirieren. Ein guter Zuhörer warf ab und zu eine Frage ein, zum einen, um eine Antwort zu beschleunigen, aber auch, um zu signalisieren, dass man sich an dem Gespräch beteiligte und interessiert war.

»Wie viele Menschen leiden an dieser Krankheit?«

»Sie ist ziemlich selten«, antwortete der zweite Vorstandsvorsitzende, Anders Jeppesen, der nur Träger der Krankheit war, aber nicht selbst daran erkrankt. Hauptberuflich war er Vizedirektor der kürzlich kollabierten Århusianischen Bank, die mit zwei anderen Geldhäusern fusioniert wurde. »Wenn alle, die daran erkranken, leben würden, könnten wir in Dänemark von etwa dreitausend Menschen mit einem Alpha-1-Antitrypsin-Mangel ausgehen. Zurzeit gibt es siebenhundert gemeldete Erkrankte. Was ziemlich vielüber die Überlebenschancen aussagt.«

Wagner musste unweigerlich an das Lied von den zehn kleinen Negerlein denken.

»In so einer kleinen Organisation kennt man sich gegenseitig doch bestimmt ganz gut«, ergriff Jan Hansen das Wort. »Können Sie uns etwas über Adda Boel erzählen? Wie war sie als Mensch? War die Zusammenarbeit mit ihr angenehm? Hatte sie Feinde?«

Wagners Gedanken schweiften ab, nachdem Hansen übernommen hatte. Sie kreisten um Alexander, der die Schule schwänzte und sich in der Stadt herumtrieb. Alexander, der vor kurzem noch ein kleiner Junge gewesen und jetzt auf einmal so unerreichbar war. Er wusste nicht, was er tun sollte, war sich aber gleichzeitig sicher, dass er gerade einen entscheidenden Fehler beging.

Anders Jeppesen war ein Engagierter, das war nicht zu übersehen. Er hatte ihnen erzählt, dass seine Frau ebenfalls Trägerin des Gens war und eines ihrer drei Kinder, die sechzehnjährige Tochter, die Diagnose bekommen hatte. Ihr zuliebe arbeitete er aktiv in der Organisation mit. Die Familie wohnte in einem relativ neuen Einfamilienhaus in Risskov, auf der richtigen Seite des Strandvejens. An den Wänden hing moderne, wahrscheinlich ziemlich teure Kunst, wie Wagner feststellte, die großen Panoramafenster boten einen schönen Blick auf einen noch größeren Garten; Designermöbel überall und eine offene, schwarzweiß gehaltene Küche, in der sie vor einer Tasse Espresso saßen, die von einer gigantischen Kaffeemaschine hergestellt worden war, die einem Roboter aus einem Science-Fiction-Film glich und wahrscheinlich über ähnlich viele Funktionen verfügte. Und in der Garage war Wagners Blick auf einen Passat neueren Modells gefallen, der nicht wie sein eigener über sechs Jahre auf dem Buckel hatte.

»Adda war ein Arbeitstier«, erzählte Anders Jeppesen. »Sie war unablässig unterwegs, auch noch, als sie die Krankheit immer mehr geschwächt hat. In ihren Augen war Lobbyarbeit das Wichtigste, dass die Öffentlichkeit mehr darüber erfuhr. Und sie wollte langfristige Pläne, Investitionen in die Forschung und so. Sie war auch unsere Repräsentantin in der Dachorganisation ›Seltene Krankheiten‹.«

»War sie denn beliebt?«, fragte Wagner. »Kannten Sie sich auch privat?«

Anders Jeppesen schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck Espresso und setzte das winzige Tässchen zurück auf die Untertasse.

»Natürlich war sie beliebt, aber das war ja nicht ihr Ziel, sie wollte etwas bewegen. Privat hatten wir keinen Kontakt. Wir kamen, wenn ich das so sagen darf, aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen.«

»Könnten Sie das ein bisschen ausführen?«

»Ich glaube, sie stammt aus eher unterprivilegierten Verhältnissen. Keine nennenswerte Ausbildung, aber ein Gespür für Vereinsarbeit. Ich hatte immer den Eindruck, dass sie aus einer zerrissenen und dysfunktionalen Familie kam. Das war ihr anzumerken.«

Wagner hörte den Hauch von Anspannung in der Stimme des Vizevorstands. Er sah die Problematik bildlich vor sich. Eine Organisation, deren Mitglieder aus allen Gesellschaftsschichten stammten, die nur eine Sache miteinander verband: dass ihre Gene auf eine ganz bestimmte Weise zusammengesetzt waren.

»Darf man davon ausgehen, dass es in Ihrer Organisation unterschiedliche Interessensgruppen gegeben hat?«

Anders Jeppesen sah skeptisch aus.

»Theoretisch kann man das natürlich so sagen, dass es unterschiedliche Interessen gab, weil hier Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten zusammenkommen. Aber es geht auch um die Notwendigkeit, strategisch und längerfristig zu denken und zu planen.«

»Könnten Sie das ein bisschen ausführen?«, wiederholte Hansen.

»Na, manchmal lässt sich das auf die eine Frage reduzieren. Was macht man mit einer Spendensumme? Soll sie den Betroffenen und deren Angehörigen hier und jetzt ausgeteilt werden oder sollte sie mit Hinblick auf die Erforschung der Krankheit investiert werden? Etwas, was den folgenden Generationen zugutekommen würde.«

Wagner nickte und schob den Espresso von sich, er war ihm zu bitter.

»Könnten wir eventuell eine Liste der Mitglieder erhalten, Namen, Adressen und Telefonnummern? Über welche Summe verfügte Ihre Organisation zurzeit?«

Anders Jeppesen erhob sich und schaltete die Espressomaschine aus.

»Glauben Sie mir, wie sind eine arme Organisation. Wenn Sie auf der Suche nach einem Motiv sind, da gibt es nichts zu holen. Den genauen Betrag erfahren Sie von unserem Kassenwart Wilhelm Hald. Wenn Sie einen Augenblick warten, drucke ich Ihnen eben die Mitgliederliste aus.«

Er verschwand im Inneren des Hauses, und Hansen nutzte die Gelegenheit, um sich im angrenzenden Wohnzimmer umzusehen. Wagners Gedanken wanderten zurück zu Alexander und vor allem zu Ida Marie, die sich am frühen Morgen einem Screening und einer anschließenden Fruchtwasserpunktion unterzogen hatte. Jetzt mussten sie auf das Ergebnis warten.

»Hier, bitte sehr!«

Wagner nahm die Liste in Empfang und warf einen flüchtigen Blick darauf. Aber keiner der Namen sagte ihm unmittelbar etwas.

 

Im Polizeipräsidium angekommen, gab es Neuigkeiten. Auf der Halbinsel Djursland östlich von Århus hatten die Beamten ein Waffenlager ausgehoben. Samuel Weinreich, der Bandenkriegsexperte, war geradezu ekstatisch, als sie sich in der Kantine auf ein schnelles zweites Frühstück trafen, um sich gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen.

In Kürze sei mit einer Racheaktion vonseiten der Rocker zu rechnen, meinten die einschlägigen Quellen aus dem Milieu. Und an Waffen mangelte es ihnen nicht. Oder anders: Ab jetzt fehlten lediglich jene, die auf einem Hof in der Nähe von Kolind entdeckt worden waren.

»Der hatte verdammt noch mal überall Waffen rumliegen«, sagte Weinreich, während er auf seinem Käsebrötchen herumkaute. »Bei der ersten Durchsicht haben wir zwanzig Gewehre, eine Maschinenpistole und sechs weitere Pistolen mit Munition gefunden. Unter dem Bett lag ein geladener Revolver, eine abgesägte Flinte war in der Schublade, fünf Pfeffersprays hier und da verteilt, ein Klappmesser auf dem Couchtisch und ein Springmesser auf dem Küchenschrank. Und in seinem Wagen haben wir noch mal vier Pistolen und hundert Patronen sichergestellt.«

»Verbindungen zum Rockermilieu?«, fragte Wagner, der sich nur ein Glas Milch und einen Joghurt geholt hatte.

»Bis auf weiteres unklar. Aber er wird jetzt erst mal vier Wochen in Untersuchungshaft sitzen, wer weiß, was wir noch herausfinden. Entweder das oder eine Verbindung zu den Einwandererbanden. Der Krieg wird so oder so kommen, befürchte ich.«

»Du glaubst, da sind noch mehr Waffen in Umlauf?«

Weinreich nickte.

»Wir sehen nur die berühmte Spitze des Eisbergs. Aber sag es keinem weiter.«

»Was hat denn der Mann zu seiner Verteidigung gesagt?«

Bevor er antwortete, ließ Weinreich ein Stück grüne Paprika zwischen seinen Zähnen verschwinden.

»Er hat behauptet, er habe Feinde und fühle sich bedroht und unwohl.«

Wagner dachte, dass er sich auch unwohl fühlen würde mit so vielen Waffen im Haus.

»Omar Said«, sagte Weinreich kurz darauf, nachdem er das Käsebrötchen verputzt und ein Salamibrötchen dessen Platz auf dem Teller eingenommen hatte. »Er gehört zu einer Gruppe von fünf jungen Männern, die wir schon eine Weile zusammen mit der Finanz- und der Sozialbehörde beobachten.«

Wagner bedeutete ihm mit einem Kopfnicken, dass er fortsetzen sollte. In dem Krankenhaus, in dem Said versorgt wurde, hatte es Schwierigkeiten gegeben. Eine der Krankenschwestern hatte sich von einem seiner Besucher bedroht gefühlt und sich daraufhin geweigert, ihre Arbeit fortzuführen. Daraufhin hatte die Krankenhausleitung zwei der Besucher des Hauses verwiesen, die mit Beschimpfungen und Drohungen um sich geworfen hatten, bis schließlich die Polizei gerufen werden musste.

»Ähnliches machen wir auch mit fünfundzwanzig Geschäften, die nachgewiesenermaßen mit dem Rockermilieu in Verbindung stehen, darunter auch Solarien, allerdings nicht das berühmte in der Østergade, soweit ich weiß.«

Wagner nahm einen Schluck Milch, die seinem Magen wesentlich besser bekam als der Espresso.

»Geistert hier Al Capone durch die Stadt?«

Weinreich nickte.

»Aber die Rocker haben wir unter Kontrolle. Wenn wir sie nicht auf die eine Weise drankriegen, dann können wir sie immer noch wegen Steuerhinterziehung belangen. Denn es ist uns nicht gelungen, ihren Verbrauch an Luxusgütern, vor allem teuren Autos und so weiter, mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass die meisten von ihnen von der Stütze leben.«

»Und jetzt versucht ihr dasselbe bei den Einwandererbanden?«

Weinreich hob seine Kaffeetasse. Dieser war nicht von einem seelenlosen Roboter hergestellt worden, sondern von einer der Kantinendamen in einer gigantischen Filtermaschine. Wagner wusste aus Erfahrung, dass in diesem Falle selbstgemacht nicht für Qualität stand.

»Das ist unsere Absicht, und es wird uns auch gelingen. Auch die fahren nämlich in dicken Autos herum, tragen Markenklamotten und haben auch sonst ziemlich kostspielige Gewohnheiten, während die meisten von ihnen staatliche Hilfe kassieren. Das passt doch einfach nicht zusammen. Allerdings …«

»Allerdings, was?«

Weinreichs Hand machte eine Bewegung in der Luft wie ein Flugzeug in Turbulenzen.

»Die Finanzen der Einwanderer sind noch schwerer zu durchleuchten als die der Rocker. Das liegt an deren komplexen Familienstrukturen. Gelder, die aus dem Ausland und ins Ausland transferiert werden. Kredite, die nicht zurückverfolgt werden können, weil es keine Transaktionen gibt. Aber wie gesagt: Omar Said haben wir schon im Visier. Ich dachte, du könntest das vielleicht für deine Ermittlungen verwenden.«

Wagner bedankte sich und stand auf. Das waren wichtige und nützliche Informationen. Es war immer von Vorteil, gut informiert zu sein.

»Eine Sache noch«, sagte Weinreich und winkte ihn zurück. Wagner setzte sich wieder hin, während sein Gegenüber die Stimme senkte. »Seine Mutter ist sehr krank. Sie wartet darauf, eine Strahlenbehandlung zu bekommen, aber wie wir alle wissen, herrschen in diesem unseren Land ja Behandlungsengpässe.«

Wagner sah seinen Kollegen nachdenklich an. Ethische Bedenken meldeten sich bei ihm zu Wort. Er wollte gar nicht wissen, woher Weinreich diese Information hatte. Er hatte offenbar seine Quellen, die er aber am besten für sich behielt.

»So!«, sagte Weinreich erleichtert, als wäre ihm eine schwere Last von den Schultern genommen worden. »Jetzt ist es raus. Du kannst damit machen, was du willst, vielleicht willst du es auch gar nicht verwenden. Man kann zur Beschleunigung der Vorgänge beitragen, wenn du verstehst, was ich meine. Oder man setzt sie unter Druck und schickt sie zurück in ihre Heimat.«

»Man hat in Dänemark doch ein Anrecht auf Behandlung?«, warf Wagner irritiert ein. »Haben nicht alle ein Recht darauf? Im Rahmen dieser Behandlungsgarantie?«

»Na ja, Recht und Recht!«

Weinreich wischte ein paar Krümel vom Tisch. »Man muss seine Rechte auch kennen, und das tun bei weitem nicht alle.«

Die Versuchung war groß, spürte er, als er kurze Zeit später in seinem Büro saß. Sie benötigten dringend einen Durchbruch im Adda-Boel-Fall. Sie mussten Peter Boutrup finden und ihn verhören. Er war schließlich nach wie vor der Hauptverdächtige, mit großem H. Allerdings gab es mittlerweile so viele Seitenstränge, die von den eigentlichen Ermittlungen ablenkten. Ein schnelles Geständnis und ein paar Namen von Omar Said könnten da Wunder bewirken. Aber es war deshalb ethisch nicht vertretbar, ihn mit dem Versprechen, dass seine Mutter eine schnelle Behandlung zugesagt bekäme, unter Druck zu setzen? Oder?

Er drehte und wendete den Gedanken, bis er vollkommen durcheinander war. Da entschloss er sich, für Ablenkung zu sorgen und zu Erik Haunstrup in die Kriminaltechnische Abteilung zu gehen. Vielleicht gab es dort Neuigkeiten.

»Ich kann jetzt zumindest mit Sicherheit sagen, dass sich am Tag vor der Explosion zwei Personen in der Wohnung aufgehalten haben«, sagte Haunstrup. »Wir haben eine DNA-Probe vom Speichel am Wasserglas genommen und festgestellt, dass sie nicht mit der DNA von Peter Boutrup übereinstimmt.«

»Lass mich raten. Die DNA ist nicht in der Datenbank!«

Haunstrup schüttelte den Kopf.

»Nix. Null. Wir haben es hier also mit einer Person zu tun, die in dieser Hinsicht noch nicht auffällig geworden ist.«

»Das Gleiche wie bei dem Sohlenabdruck? Gibt es von der Seite Neues?«

»Es kann dieselbe Person sein, aber das lässt sich nicht sagen. Also, leider nein, keine Neuigkeiten. Aber wir arbeiten dran.«

Er verließ die Abteilung und musste schon wieder an Alexander denken. Was sollte aus ihm nur werden in einer Stadt, in der es an allen Ecken haufenweise Waffen gab, die Banden sich auf offener Straße bekämpften und Bombenanschläge und Mord zur Tagesordnung gehörten? Was war nur aus Århus geworden? Sentimentalität war hier fehl am Platz, und normalerweise setzte auch immer sein Sinn für Realismus ein, aber manchmal musste man auch kurz innehalten dürfen, um sich seine Gedanken zu machen. In welche Richtung entwickelte sich dieses Land, wo Gewalt und Macht den normalen Bürger davon abhalten konnten, zu McDonald’s zu gehen, oder eine Krankenschwester, ihrer Arbeit nachzugehen? Wer zog in Wirklichkeit die Fäden in Dänemark, seinem Land, auf das er sein Leben lang so stolz gewesen war und das er so aufrichtig liebte?

Er war kein Befürworter härterer Strafen und von mehr Polizeipräsenz. Er hatte immer an die Veränderungen von innen geglaubt. Hatte auf das Verantwortungsbewusstsein und den Sinn für Gemeinschaft vertraut. Aber das war einmal. Jetzt war es anders. Alles hatte sich verändert.