KAPITEL 10

Dicte parkte in einiger Entfernung von dem gelben Einfamilienhaus am Straßenrand. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Sie war etwa zehn Minuten zu früh und hatte noch genügend Zeit, ein letztes Mal ihre Notizen und ihre Strategie durchzugehen. In Gedanken ließ sie erneut die politische Karriere von Francesca Olsen Revue passieren: Parallel zu ihrem BWL-Studium war ihr politisches Interesse geweckt worden, und sie hatte sich in der größten bürgerlichen Oppositionspartei engagiert. Sie hatte sich zur Kommunalwahl aufstellen lassen und war so gerade eben gewählt worden. Am Anfang war sie eher unauffällig gewesen, aber nach ein paar Lehrjahren hatte sie begonnen, ihre Themen mit Sorgfalt und politischem Gespür auszuwählen, und traf meistens den Nerv der Zeit, sie wusste, was die Wähler beschäftigte, und hatte die Fähigkeit, die Medien zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Das hatte ihr viele interne Stimmen verschafft und sie schnell auf ein paar einflussreiche Posten katapultiert, so zum Beispiel in die Kommission für soziale Angelegenheiten. Sie half mit, die Verwaltungsstrukturen zu verschlanken, und es gelang ihr, eigene Projekte durchzusetzen. Sie hätte den durchaus schweren Posten als Sozialstadträtin nur allzu gerne angenommen, aber dieser war ihr nicht zugesprochen worden. Stattdessen hatte sie jetzt den Posten als Kulturstadträtin inne, allerdings war jedem Beobachter mehr als klar, dass ihr Ehrgeiz in eine andere Richtung ging. Ein Stadtratsposten war ein guter Ausgangspunkt für das Amt des Bürgermeisters.

Dicte blätterte ihre Notizen durch, während sie beobachtete, wie die feine Straße erwachte und ihre Bewohner sich auf den Weg zur Arbeit machten.

Otto Kaiser aus der Hauptstadtredaktion hatte in dem Augenblick angerufen, als sie gerade von der Redaktion in der Frederiksgade zu Frau Olsen in den Vorort Skåde aufbrechen wollte.

»Setz deinen Fokus vor allem auf das Persönliche. Den Einbruch. Das Auto, das in die Luft geflogen ist. Da gärt was unter der Oberfläche. Finde heraus, ob und in was sie verstrickt ist. Wer ihre Feinde sind.«

Er hatte die Angewohnheit, ins Telefon zu schreien, weswegen sie den Hörer weit vom Ohr entfernt hielt.

»Und dann diese Rettungsaktion. Keine Frage, sehr mutig, sich mit einem Vergewaltiger anzulegen. Aber was hatte sie eigentlich am Wochenende mitten in der Nacht in einer Gegend mit sozialem Wohnungsbau zu suchen? Haben wir jemals eine Antwort auf diese Frage erhalten? Der Mann lag nach ihrer Attacke praktisch im Koma, heißt es. Man möchte dieser Frau nachts nur ungern in einem dunklen Treppenhaus begegnen«, sagte Kaiser.

»Sie wollte das damals nicht kommentieren«, erinnerte ihn Dicte.

»Aber darauf will ich doch hinaus. Eines Tages tauchte sie bei den Konservativen auf. Die meiste Zeit quasi unbekannt in der breiteren Schicht der Bevölkerung. Und plötzlich ist sie Everbody’s Darling. Es zeigt sich, dass sie eine rhetorische Begabung hat und damit in einer Liga von … von …« Es war deutlich, dass er nach anderen Frauen suchte, mit denen er sie vergleichen konnte, da ihm aber keine einfiel, sprang er einfach weiter in seinem Vortrag: »… und man spricht mittlerweile von ihr als einer ernstzunehmenden Bedrohung für die Sozialdemokraten. Was passiert da gerade in Århus? Wer zum Teufel ist diese Francesca Olsen? Wir wollen alles wissen: ihre sexuellen Präferenzen, die Farbe ihrer Unterwäsche, den Namen ihres Hundes, ihre Religionszugehörigkeit, Haarfarbe, Schuhgröße …«

Dicte lehnte sich gegen die Kopfstütze, während sie sich an Kaisers Wortschwall erinnerte und den Blick über die Wohnstraße gleiten ließ. Normalerweise liebte sie ihren Job, auch den Teil, der leider mit sich führte, dass sie ab und zu gezwungen war, aufdringlich zu sein. In der Regel fand sie es angemessen, dass die Öffentlichkeit einen Einblick in das private Leben der Prominenten und Politiker bekam. Sie selbst nutzten auch jede Gelegenheit, um die Presse für sich zu gewinnen, darum durften sie nicht jammern, wenn sie von dieser im Gegenzug mal ins Licht gezerrt wurden. Aber natürlich gab es Grenzen. Und Kaisers Grenze befand sich an einer vollkommen anderen Stelle als ihre eigene, das hatte sie oft genug erleben müssen. Und sie hatte den Eindruck, dass es auch im Fall von Francesca Olsen so war.

»Sie muss vollkommen erschüttert sein«, hatte sie ihm erwidert. »Der Einbruch und der gestohlene Wagen, der sich in eine Autobombe verwandelt. Sie hätte ja auch in dem Auto sitzen können. Vielleicht war das ja sogar so gedacht.«

»Ganz genau«, rief Kaiser und verstand Dicte mit Absicht falsch. »Du musst sie ein bisschen unter Druck setzen.«

 

Während sie so dasaß, öffnete sich das Garagentor des gelben Hauses. Einen Augenblick lang konnte sie zwei Gestalten im Halbdunkel ausmachen, dann schob ein junger Mann ein silberfarbenes Rennrad heraus und schwang sich darauf. Sekunden später sauste er an Dictes Wagen vorbei, und sie sah flüchtig einen ungewöhnlich gutaussehenden und sehr gut gebauten jungen Mann. Ein dänischer Adonis, solariumbraun und sportlich. Wer war er? Ein Neffe, zu so früher Stunde? Ein Sohn, der ihr bei der Recherche durch die Lappen gegangen war?

Sie blieb noch einen Weile sitzen und bereitete sich auf ihre Aufgabe vor, dankbar dafür, dass sie sich mit etwas beschäftigen musste und somit alles andere beiseiteschieben konnte. Und trotzdem beschlich sie erneut das ungute Gefühl, dass das alles miteinander zusammenhing. Die Entlassung aus dem Staatsgefängnis in Horsens, der Termin von ihr und Ida Marie in dem Solarium, die beiden Detonationen und die tote Frau im ersten Stock. Und schließlich auch der Einbruch bei Francesca Olsen und das gestohlene Auto.

 

Natürlich hatte sie Francesca Olsen im Fernsehen gesehen, aber die Möglichkeiten dieses Mediums waren doch beschränkt, darum war sie auch nicht auf die dunkle, exotische Ausstrahlung vorbereitet, die unter der scheinbaren Normalität zu beben schien. Trotz eines sehr neutralen Outfits: Jeans, kobaltblaue Seidenbluse und schwarze Pumps, und trotz eines dezenten Makeups und eines locker gebundenen Zopfes, was die Interviewpartnerin sehr entspannt und offen wirken ließ, war Francesca Olsen alles andere als eine gewöhnliche Person. Dicte registrierte die Wachsamkeit in ihren Augen, die durchdringender erschien als bei den meisten Menschen. Ihr Lächeln war freundlich, aber weder warm noch kühl. Ihr Gesicht war wie ein offenes Buch, das man auf einer leeren Seite aufgeschlagen hatte.

»Entschuldigen Sie bitte, ich bin ein bisschen zu früh!«

Sie sagte ihre übliche Erklärung auf, dass sie in der Gegend gewesen sei, aber die Wahrheit war, dass sie aus Prinzip zu früh kam. So hatte sie den Überraschungseffekt auf ihrer Seite, und es kam gar nicht selten vor, dass sie mit dieser Masche brauchbare Informationen ergatterte.

Ihr war es nicht möglich, zu sagen, ob sie dieses Mal erfolgreich gewesen war, aber zumindest spürte sie unterschwellig etwas, als Francesca Olsen sie begrüßte und hereinbat.

»Das sah hier nach dem Einbruch furchtbar chaotisch aus, aber ich habe jetzt wieder einigermaßen Ordnung geschaffen«, sagte sie und rückte ein paar Bücher und Kissen zurecht auf ihrem Weg durchs Wohnzimmer.

Ihre Bewegungen waren fahrig, und genau genommen lagen die Bücher und Kissen hinterher unordentlicher als zuvor.

»Wir können uns in mein Arbeitszimmer setzen, … ach nein, ins Esszimmer. Lassen Sie uns dorthin gehen.«

Diese Unsicherheit passte nicht zu ihr. Und wenige Sekunden später hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen, und die Schiebetür zu einem klassischen skandinavischen Esszimmer mit Arne-Jacobsen-und-Hans-Wegner-Stühlen wurde mit einem gedämpften Grollen zur Seite gerollt.

»Was darf ich Ihnen anbieten? Kaffee? Tee?«

»Vielen Dank, ich nehme, was Sie gerade in der Kanne haben. Sonst bin ich fein.«

»Ich habe nichts in der Kanne.«

Die Antwort kam wie scharf geschossen, wurde aber sofort abgemildert.

»Aber ich könnte jetzt eigentlich auch eine Tasse Kaffee vertragen, ich setze mal Wasser auf.«

Sie verschwand in die Küche, und die Stimmung im Raum beruhigte sich wieder. Dicte hörte sie draußen Lärm machen. Die Geräusche kamen in schneller Abfolge: Kessel, Wasserhahn, Kaffeedose vermutete sie. Sie sah sich im Esszimmer um. Von dort aus konnte sie ins Wohnzimmer sehen, das ebenfalls mit klassischen und nicht gerade billigen Möbeln ausgestattet war. Aber sie entdeckte auch das Pendant zu den Bildern von dänischen Waldseen: blaues Meer, pittoreske Hafenanlagen und bunte Fischerboote an lose hängenden Tauen. Kein einziges Familienfoto, dafür Regale voller Bücher, Klassiker in edlem Ledereinband und neuere Paperbacks. Ihr Blick fiel auf eine angeschlagene Gipsstatue der Jungfrau Maria in einem hellblauen, goldbesetzten Umhang, die auf dem Fenstersims stand.

»Das war hier vielleicht ein Durcheinander«, sagte ihre Interviewpartnerin, als sie mit einem Tablett hereinkam. »Ich habe Tag und Nacht gebraucht, um es wieder einigermaßen aufzuräumen.«

»Aber die Polizei ist doch wohl gekommen und hat Fingerabdrücke genommen und so etwas?«

»Ja, aber erst, als ich was von einem Bombenanschlag gesagt habe.«

Sie sah Dicte mit einem unerwartet schelmischen Gesichtsausdruck an.

»So sah es zumindest aus. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja auch noch nichts von den beiden anderen Explosionen. Aber die haben mich wörtlich genommen und waren in Null komma nichts da.«

Sie nahmen am Esstisch gegenüber voneinander Platz. Dicte dachte kurz an den jungen Mann auf dem Silberfahrrad, als sie nach einer guten Einleitung suchte.

»Der Bürgermeisterposten!«, sagte sie dann aber. »Warum? Wo sehen Sie Århus nach vier Jahren mit Ihnen am Ruder? Also, im Vergleich dazu, dass die Stadtverwaltung wieder sozialdemokratisch besetzt wäre?«

Das war die richtige Entscheidung gewesen. Francesca Olsen entspannte sich sofort bei der Aussicht, über die Kernfragen ihrer politischen Arbeit sprechen zu können. Sie schenkte Kaffee ein, nahm sich Zucker und verrührte ihn mit wohldosierten Bewegungen, tunkte einen Cantuccini in die schwarze Flüssigkeit und nahm einen winzigen Biss davon.

»Weil ich glaube, dass man es besser machen kann«, sagte sie mit Überzeugung in der Stimme. »Und weil wir ab und an ein bisschen Veränderung in der Stadt brauchen. Und vergessen Sie eines nicht«, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, »man kann auch ein soziales Gewissen haben, obwohl man rechts von der Mitte wählt.«

»Ja, dafür sind Sie ja quasi bekannt«, sagte Dicte, es fühlte sich an, als würde Kaiser wie ein Bauchredner hinter ihr sitzen. »Woher kommt Ihre Begeisterung für das Soziale?«

Diese Frage nahm ihre Gesprächspartnerin als Anlass, um eine kleine Zeitreise zu machen und von ihrem italienischen Vater zu erzählen, der aus einer armen neapolitanischen Familie stammte. Und von ihrer Mutter, deren Vater Fischer in Nordjütland gewesen war.

»Beide Seiten stammten aus kleinen selbständigen, familiären Unternehmen, das hat ganz bestimmt meinen politischen Standort geprägt. Die schlechte wirtschaftliche Situation, die daraus resultierte, hat mir Einsichten in soziale Verhältnisse ermöglicht und in mir den Wunsch geweckt, daran etwas zu ändern.«

Das klang gut, dachte Dicte. Das klang allerdings auch zurechtgelegt, konnte aber natürlich trotzdem der Wahrheit entsprechen.

»Dieser Abend in Hasle. Was ist da eigentlich geschehen?«

Francesca Olsen zupfte sich einen Fussel von der Bluse.

»Das war gar nicht so dramatisch, und ich würde mir wünschen, dass wir das übergehen könnten. Dieses arme Mädchen hat nichts davon, wenn wir diese alten Geschichten immer wieder aufwärmen.«

»Aber Sie wurden damals zur Heldin ernannt. Wie fühlt sich das an? Sie haben alle Bürger hinter sich.«

Ihre Grimasse wirkte echt.

»Das ist ja wunderbar. Aber sie sollten lieber aus den richtigen Gründen hinter mir stehen, weil sie nämlich meine politischen Ansichten teilen.«

»Ihre eigene Partei steht ja auch hinter Ihnen. Sie wollen doch nicht ernsthaft verneinen, dass dieses Ereignis von großer Bedeutung für Ihre Ernennung zur Bürgermeisterkandidatin gewesen ist?«

»Natürlich nicht. In der Politik hat alles Bedeutung, von der Haarfarbe bis zur Gesinnung.«

»Und finden Sie es moralisch vertretbar, diese Mechanismen zu seinen eigenen Gunsten auszunutzen?«

Francesca Olsen zuckte mit den Schultern, aber sie hätte genauso gut antworten können, dass die politischen Spielregeln so sind, und das stimmte ja auch, dachte Dicte. Jeder hätte den Rückenwind für seinen eigenen Erfolg genutzt.

»Aber können wir diese Sache jetzt bitte fallen lassen?«

In ihrer Stimme war Irritation zu hören. Dicte hörte deutlich die Weigerung, die in der Frage verpackt war, und sah ein, dass sie hier jetzt nicht weiterkommen würde.

»Bei Ihnen ist also eingebrochen worden, Ihr Auto wurde gestohlen und später in die Luft gesprengt. Das alles nur etwa eine Woche nach der Bekanntmachung, dass Sie die Kandidatin Ihrer Partei für den Bürgermeisterposten sind. Und nur vier Wochen nach den Ereignissen in Hasle. Haben Sie selbst eine Idee, wer dahinterstecken könnte?«

Francesca Olsen saß einen Augenblick reglos da. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Politische Feinde? Private Gründe?«, hakte Dicte nach. »Ist Ihnen der Gedanke gekommen, dass Sie eigentlich in dem Wagen hätten sitzen sollen, als die Bombe detonierte?«

»Nein, nein.« Die Antwort kam sehr schnell. »Das kann nicht sein.«

»Warum nicht?«

Dicte war sich hinterher nicht mehr sicher, ob es Tränen gewesen waren, die sie in den Augen der anderen gesehen hatte.

»Die Erklärung wäre doch zu einfach, oder?«