»Alexander, wir müssen darüber reden.«
Wahrscheinlich war der Frühstückstisch nicht der geeignete Ort. Aber wann und wo sonst? Wann hatte man die Gelegenheit, mit einem Fünfzehnjährigen in Kontakt zu kommen, der sich ständig in seinem Kapuzenpulli versteckte und einem nicht in die Augen sah? Praktisch nie.
Wagner versuchte, seinen Gesichtsausdruck abzumildern, damit sein Sohn sich nicht völlig in sich zurückzog. Aber wie sollte ihm das gelingen? Es brauchte nicht viel, und Alexander schlug mit Türen oder aber warf ihm Beschimpfungen und Vorwürfe an den Kopf. Er wusste nicht, was schlimmer war.
An diesem Morgen begegnete ihm zuerst die dritte Variante: Schweigen.
»Alexander …«
Er löffelte unbeirrt seine Cornflakes weiter und starrte vor sich auf den Küchentisch. Ida Marie war schon mit Martin zur Schule gefahren. Sie waren also allein, und Wagner hatte das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Vater-Sohn-Gespräch war.
»Ich weiß, dass du oft dir selbst überlassen warst in letzter Zeit. Ich habe viel gearbeitet. Aber du hattest doch auch Ida Marie und Hanne.«
In Gedanken umarmte er seine Schwester zum Dank, die in derselben Straße wohnte und sich nach Ninas Tod sehr um Alexander gekümmert hatte.
»Wir sind doch alle für dich da.«
Das war eindeutig die falsche Taktik. Alexanders Mundwinkel zeigten abwärts, aber er blieb stumm. Wagner suchte verzweifelt nach Worten, als würde er am Computer sitzen und hätte sein Passwort vergessen. Deshalb entschied er sich für das, was er am besten konnte, das Einzige, wozu er imstande war:
»Du sagst, dass du allein im Kaufhaus unterwegs warst. Aber das Personal gibt etwas anderes an, sie haben von drei Personen gesprochen. Ist da einer dabei, den ich kenne? War Mohammed aus deiner Klasse mit dabei? Und Kristoffer?«
Endlich gab es eine Regung.
»Ich war allein, das habe ich doch schon gesagt. Warum glaubst du denen mehr als mir?«
Wagner seufzte. Er hätte antworten können, dass er in seinem Leben schon so viele Verhöre geführt hatte, dass er genau wusste, wann jemand log. Und Alexander sagte nicht die Wahrheit, daran gab es keinen Zweifel. Vielleicht wollte er seine Freunde schützen. In dem Alter waren Loyalität und Gruppenzugehörigkeit sehr wichtig.
»Du hast mir noch nicht gesagt, warum, Alexander. Warum hast du diese Sachen im Kaufhaus gestohlen?«
Sein Sohn zuckte kaum sichtbar mit den Schultern.
»Hab ich halt einfach getan.«
»Ohne Grund?«
Dieses Mal hoben sich seine Schultern ein wenig deutlicher.
»Ich hatte Bock drauf.«
»Auf Cola und Süßigkeiten? Die hättest du dir doch auch von deinem Taschengeld kaufen können.«
Der Junge hob den Kopf. Sein Körper schien alle Energie zu bündeln, bevor er seinem Vater mit voller Kraft ins Gesicht brüllte.
»Ich hatte Bock, zu stehlen.«
Ohnmacht breitete sich in Wagners Körper aus, sprang wie ein bösartiger Virus von einer Zelle zur nächsten. Vom Gesehenwerden hatte Hanne nach Ninas Tod gesprochen. Für Alexander wäre es wichtig, sich gesehen zu fühlen. »Er fühlt sich aber nicht gesehen. Du hast genug mit deiner Trauer und vor allem mit deiner neuen Familie, mit Ida Marie und Martin zu tun. Aber das ist wahrscheinlich das Letzte, was ihn interessiert.«
Stimmte das? Vielleicht hätte er sich mehr um seinen Sohn kümmern müssen.
Alexander erhob sich und ließ den leeren Teller auf dem Tisch stehen.
»Du weißt aber schon, dass du aller Voraussicht nach einen Eintrag im Strafregister bekommen wirst?«
Wie war es nur möglich, dass er immer wieder erfolgreich mit schwierigen Verdächtigen zurechtkam, aber kein normales Gespräch mit seinem Sohn führen konnte? Alexander gab ihm die Antwort darauf. Sie wurde ihm ins Gesicht geschleudert, bevor der Junge seine Schultasche an sich riss und aus der Tür stürmte:
»Du bist immer Polizist, oder?«
Die Luft vibrierte, und die Tassen klirrten im Schrank, als die Tür hinter ihm zuknallte. Wagner starrte auf die Stelle, an der Alexander noch vor einer Sekunde gestanden hatte. Er hätte handeln können. Er hätte seine Arme ausbreiten und seinem Sohn erzählen können, dass er ihn liebte. Aber das hatte er nicht getan. Immer Polizist. Nie Vater. Immer gewohnt, die Führung zu übernehmen.
Er lehnte sich zurück. Er hatte soeben versucht, seinen eigenen Sohn zu verhören.
Der Tatort ähnelte einem Kriegsgebiet.
Schon im Treppenhaus hing der schwere Geruch von Rauch und Ruß. Wagners Körper und Sinne erinnerten sich sehr genau an die Minuten nach der Explosion.
»Und das ist hier wirklich sicher?«
Lena Lund stellte die Frage, während sie hinter Erik Haunstrup, dem Leiter der Kriminaltechnischen Abteilung, die Treppe in die Wohnung im ersten Stock hochstiegen.
Henriksen, der ihnen vorausging, drehte sich zu ihr um und bestätigte die Frage mit einem kurzen Nicken.
»Das Gebäude ist abgestützt und stabilisiert worden, aber das hat Zeit gekostet, und deshalb sind wir mit den Untersuchungen jetzt auch hinterher. Es kann zur Folge haben, dass einige Spuren beschädigt wurden und somit unbrauchbar sind. Aber wir sind der Meinung, dass wir doch ziemlich viel Glück gehabt haben.«
»Gab es hier einen Aufzug?«, fragte Wagner und deutete auf ein großes Loch, das mit Brettern vernagelt worden war.
»Ja, den gab es. Aber der Schacht ist unbrauchbar.«
Haunstrup öffnete die Wohnungstür und betrat als Erster das Chaos. Ein Chaos, das bis vor wenigen Tagen das Zuhause eines Menschen gewesen war, was man noch deutlich sehen konnte. Im Flur hingen ein paar abstrakte Malereien an den Wänden und in der Garderobe ein paar leere Kleiderbügel. An einem der Haken hing eine Jeansjacke, und auf dem Boden darunter standen drei Paar Schuhe: ein Paar Nikes, ein Paar praktische, schwarze Halbschuhe von Ecco und ein Paar dunkelblaue Pumps.
Wagner und Lund mussten auf dem Weg durch den Flur in die Küche vorsichtig über Bretter und Glassplitter steigen. Die Mauer zwischen der Küche und dem Wohnzimmer war eingestürzt, reduziert auf einen Haufen Backsteine; auch die Wand zwischen Wohn- und Schlafzimmer war beschädigt, gezeichnet von einem großen, rußigen Loch; die Fenster waren allesamt weggesprengt worden, überall lagen Fragmente aus Holz und Glas herum, und die noch intakten Wände zierten schwarze Zungen des Feuers, die an ihnen geleckt hatten.
»Am besten bleiben wir hier stehen«, schlug der Techniker vor und zeigte auf das klaffende Loch im Boden des Wohnzimmers, durch das sie von der Küche aus sehen konnten. Ein großer Schlund, schwarz und kalt. Die Möbel im Wohnzimmer waren bei der Explosion durcheinandergeworfen worden: Das Sofa stand schief, ein Sessel war umgefallen und das Glas vom Couchtisch zerbrochen, so dass von ihm nur ein Stahlgerüst zurückgeblieben war.
»Was ist das denn?«
Wagner zeigte auf eine unförmige Metallvorrichtung neben dem Sofa.
»Das ist der Sauerstoffapparat. Laut Brandtechniker ist der bei der Detonation aufgrund der Druckwelle explodiert«, sagte Erik Haunstrup. »Wir haben ein paar Einzelteile mit ins Labor genommen, das Hauptgerät hier aber stehenlassen.«
Wagner nickte und ging vorsichtig durch den Raum. Wie immer fühlte er sich extrem lächerlich in dem weißen Schutzanzug und den blauen Plastiküberschuhen. Lena Lund, in identischer Montur gekleidet, folgte ihm.
»Gibt es Neuigkeiten?«, erkundigte sie sich bei den Kollegen und stahl ihm dadurch seine nächste Frage.
»Wir haben in der Küche ein benutztes Wasserglas gefunden. Das untersuchen wir auf DNA-Spuren.«
»Haben Sie darauf irgendwelche verwertbaren Fingerabdrücke entdeckt?«
Der Techniker schüttelte den Kopf.
»Da sieht es nicht so gut aus. Unter Umständen ist ein Abdruck zu gebrauchen, wenn wir uns ordentlich ins Zeug legen, aber es sind keine eindeutigen Spuren.«
»Der kann ja vor allem von jedem stammen, wenn wir davon ausgehen, dass sie schon länger hier gelegen hat«, sagte Lena Lund. »Der ist für uns also nicht weiter von Bedeutung.«
Wagner war da nicht ganz ihrer Meinung.
»Bitte prüft trotzdem alles nach, so gut ihr könnt«, mischte er sich ein. »Es kann immens wichtig werden, wenn ihr dann einen Abdruck findet.«
»Und sonst noch?«, fragte Lena Lund.
»Einen ziemlich verwischten Sohlenabdruck im Badezimmer.«
»Größe? Typ?«, hakte Wagner nach.
»Da können wir uns noch nicht festlegen. Aber wir arbeiten daran. Es ist keine Sohle einer bekannten Marke, die uns sofort ins Auge gesprungen ist. Aber wir haben sie ins ENFSI-Labor nach Den Haag geschickt«, erzählte Haunstrup.
Wagner nickte. Vielleicht konnte ihnen das Europäische Netzwerk für forensische Institute weiterhelfen. Es war zumindest einen Versuch wert.
»Aber ihr habt noch nichts von ihnen gehört?«
»Nein, noch nicht.«
»Könnte das nicht sogar ihr eigener Abdruck sein?«, schlug Lena Lund vor. »Oder ein alter Abdruck?«
Haunstrup schüttelte den Kopf.
»Klares Nein zu Teil eins der Frage. Adda Boel hatte eine sehr kleine Schuhgröße, und dieser Abdruck ist mindestens eine 40. Wir sind allerdings nicht sicher, wie alt der Abdruck ist, aber nicht mehr als höchstens ein paar Tage.«
»Warum?«, wollte Lena Lund wissen.
»Das Wetter. Am Dienstag hatte es geregnet, und den ganzen Mittwoch hatten wir Dauerregen. Sonntag und Montag schien die Sonne wieder. Der Abdruck aber besteht aus Schlammpartikeln.«
»Mitten in der Stadt?«
»Draußen vor dem Gebäude gibt es Schlamm, wegen irgendwelcher Straßenarbeiten, die vergangenen Dienstag abgeschlossen wurden.«
Lena Lund verstummte. Wagner dachte kurz darüber nach, warum sie an die wenigen potentiellen Spuren nicht glauben mochte. Natürlich könnte sie mit allen Einwänden recht haben, und die Spuren waren allesamt unbrauchbar, aber ihnen blieb nun mal nichts anderes übrig, als mit dem wenigen zu arbeiten, was sie hatten. Und wenn ENFSI ihnen tatsächlich weiterhelfen konnte, könnte das den Durchbruch bedeuten. Das Netzwerk war ein etwas sonderbarer Verbund von internationalen Polizeitechnikern, in dem diese Informationen und Erkenntnisse austauschten. Er hatte es bei der Aufklärung eines Banküberfalls in Anspruch genommen, bei dem einer der Räuber dem Kassierer einen Zettel gegeben hatte, der eindeutig von einem Nichtdänen geschrieben worden war. Dieser Brief wurde einer Unterabteilung des Netzwerks vorgelegt, die sich unter anderem mit der Identifizierung von Handschriften beschäftigte. Der Durchbruch erfolgte, als die Untersuchungen ergaben, dass nach dem Täter sowohl in Holland als auch in Spanien bereits gefahndet wurde.
Er betrachtete Lena Lund aus dem Augenwinkel. Ihre verkrampften Schultern hatte sie bis fast unter die Ohren gehoben; ihr Körper strahlte Gegenwehr aus, die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine fest zusammengepresst mit ausgestellten Füßen, die Hüfte vorgeschoben. Sie war hübsch, schön sogar, und er musste zugeben, dass er sich sehnlichst eine Frau im Team gewünscht hatte. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass wie beim Märchen »Vom Fischer und seiner Frau« zwar sein Wunsch in Erfüllung gegangen war, aber gleichzeitig sein Schicksal damit besiegelt wurde.
»Was war mit der Wohnungstür? War die geschlossen?«, fragte sie.
»Ins Schloss gefallen, ja. Nichts deutet auf einen Einbruch hin.«
Lena Lund hatte schnell eine Schlussfolgerung zur Hand:
»Das Schwein«, zischte sie. »Das sind alles Hinweise auf einen Machtmissbrauch allerschlimmster Sorte. Sie muss den Täter gekannt und ihm vertraut haben. Womöglich ist er auch noch einer ihrer Pfleger.«
Wagner erwiderte nichts darauf, aber auf dem Weg zurück ins Präsidium, zum Treffen mit der Ermittlungsgruppe im Konferenzraum, überlegte er ununterbrochen, ob es wirklich so einfach war. Adda Boel war vollständig bekleidet gewesen, als man ihren Körper fand. Sie lag nicht nackt im Bett, umgeben von Anzeichen sexueller Aktivität. Die Explosion hatte ein Loch in das Stockwerk gerissen, und Adda Boels Körper war eine Etage tiefer gestürzt. Wenn sie tatsächlich in ihrem Wohnzimmer erwürgt worden war, warum hätte der Täter nach der Vergewaltigung so lange warten sollen, bis er sie umbrachte? Hatte er sich erst an ihr vergangen und sich danach gemütlich aufs Sofa gesetzt und gewartet – um sie dann irgendwann zu erwürgen? Das ergab keinen Sinn, allerdings wäre dieser Mörder nicht der Erste, dessen Handlungen unlogisch waren.
»Okay, lasst uns alles zusammentragen.«
Die Thermoskanne ging von einem zum nächsten, wie ein neugeborenes Baby, das herumgezeigt wurde.
»Was wissen wir alles über sie?«, fragte Wagner in die Runde. »Adda Boel …«, hob Lena Lund an. Gut vorbereitet wie immer.
»… Ivar?«
Lund klappte der Mund zu. Wagner konnte das dumpfe Aufeinanderprallen der Kiefer fast hören. Er spürte auch ihren verärgerten Blick, aber das nützte nichts. Er musste auch andere zu Wort kommen lassen.
Ivar K lehnte sich zurück und warf Lena Lund ein Lächeln zu, wie eine Katze vor dem Mäuseloch.
»Adda Boel, neunundzwanzig Jahre alt, Frührentnerin. Sie ist mit fünf Vollwaise geworden und wuchs die meiste Zeit im Kinderheim oder in Pflegefamilien auf. Die Eltern starben jung an derselben erblichen Krankheit, an der auch Adda litt.«
»Keine weiteren Familienmitglieder?«, fragte Wagner.
Ivar K musste nicht einmal einen Blick in seine Aufzeichnungen werfen.
»Entfernte Verwandte, ja. Aber keine direkte Verwandtschaft, Geschwister oder Großeltern. Es gibt Tante und Onkel auf der Seite ihres Vaters, mit denen sie aber nie etwas zu tun gehabt hatte. Und eine Schwester ihrer Mutter, die in Deutschland lebt.«
»Ist sie auch krank?«, fragte Jan Hansen.
Ivar schüttelte den Kopf.
»Nein. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet und arbeitet in der IT-Branche. Die Familie lebt in einem Vorort von Hamburg. Sie hat angegeben, dass sie Adda seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hat.«
»Und was hat sie noch erzählt?«, fragte Wagner.
Ivar K versuchte, mit seinem Nikotinkaugummi eine Blase zu machen, aber das gelang ihm nicht wirklich.
»Sie beteuerte mir gegenüber, wie furchtbar tragisch das alles sei. Das Schicksal der ganzen Familie sei furchtbar tragisch. Sie hatte Glück. Natürlich trägt sie die Erbanlage in sich und hat sich darum auch gegen eigene Kinder entschieden. Aber ganz augenscheinlich leidet sie unter einem großen Schuldgefühl und hat Zeit ihres Lebens das Bedürfnis gehabt, sich von Krankheit und Tod zu distanzieren.«
Eriksen nahm einen Schluck Kaffee und schlürfte vernehmlich.
»Das kann man eigentlich ganz gut verstehen.«
»Sie hat alles einfach verdrängt«, warf Lena Lund kühl ein. »Sie ist geflohen.«
Ivar K ignorierte ihre Bemerkung.
»Adda Boel war sehr engagiert und Vorstandsvorsitzende des dänischen Landesverbandes für die Bekämpfung des Alpha-1-Antitrypsin-Mangels, der wiederum Teil eines Dachverbandes ist, in dem mehrere, sogenannte seltene Krankheiten vereint sind.«
»Was gibt es noch?«, fragte Wagner. »Freunde, Nachbarn, Netzwerke, mit denen wir in Kontakt treten sollten?« Ivar K legte seine Hände auf die Aufzeichnungen.
»Da ist nicht viel. Sie muss sehr einsam gewesen sein. Ein Nachbar gab an, dass sie erst seit etwa einem Jahr in der Østergade wohnte. Seinen Angaben zufolge war sie unauffällig, nett und leise.«
Wagner ließ die Worte unkommentiert im Raum stehen. Unauffällig, nett und leise. Warum musste sie sterben?
»Wo hat sie denn vorher gewohnt?«, fragte Eriksen.
»In einer Wohnung im zweiten Stock ohne Aufzug in der Læssøesgade, aber sie kam nicht mehr die Treppen hoch. Wie wir alle wissen, verfügte das Haus in der Østergade über einen Aufzug.«
»Okay«, sagte Wagner. »Haben wir schon mit dieser Organisation gesprochen? Alpha-1?«
Jan Hansen nickte, sein Kaffeebecher schwebte irgendwo zwischen Tischplatte und Mund.
»Ich habe mit ein paar Vorstandsmitgliedern gesprochen, aber ohne weitere Ergebnisse. Sie beschreiben sie als fleißig und engagiert, allerdings haben sie auch erzählt, dass sie zunehmend geschwächter von ihrer Krankheit war. Sie hat viel gekämpft, sich auch an die Presse gewandt, um die Freigabe eines bestimmten Medikaments zu erreichen.«
»Eines, das hilft?«, fragte Eriksen.
Hansen strich sich mit der Hand über den Kopf, auf dem sich aus der ehemaligen Glatze eine Igelfrisur entwickelt hatte.
»Kann sein. Im Ausland wird es offensichtlich schon eingesetzt. Aber genau genommen … die Krankheit ist so selten, dass kein Pharmakonzern Geld in die Forschung steckt. Es lohnt sich ganz einfach nicht, eine Medizin für so wenig Erkrankte herzustellen.«
»Könnte einer aus diesem Kreis, in der Organisation ein Motiv gehabt haben, Adda Boel umzubringen?«, fragte Wagner seinen Kollegen.
Jan Hansen schüttelte den Kopf.
»Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Sie war beliebt, beharrlich, aber wie ich bereits sagte, schon ziemlich geschwächt.«
Er sah die anderen an und wusste, was sie dachten. Sie wäre so oder so bald gestorben. Warum sollte jemand sie umbringen wollen?
»Wir müssen uns wohl oder übel auf die Vergewaltigungstheorie konzentrieren«, entschied er. »Es deutet alles auf Totschlag im Affekt hin. Unter Umständen kannte sie den Täter, aber aller Voraussicht nach war die Tat nicht geplant.«
»Yes!«
Lena Lund hatte die Faust in die Luft gestreckt. Etwas in Wagner protestierte.
»Wir sind hier nicht beim Handballspiel.«
Er hatte kaum die Worte ausgesprochen und die Auflehnung in ihrem Blick gesehen, als sein Handy klingelte. Paul Gormsens Stimme war wie Balsam für seine Seele.
»Wir haben ihn. Wir haben das DNA-Profil entschlüsselt. Treffer!«
»Habt ihr einen Namen?«
»Jepp, den haben wir.«