KAPITEL 4

Dicte hörte die Sirenen immer näher kommen, das Geräusch drohte ihr fast das Trommelfell zu sprengen. Bo verminderte endlich den Druck auf ihren Körper, und ihre Atmung beruhigte sich allmählich. Abrupt wurde ihr Bodenkontakt zu dem rauen Asphalt beendet.

»Alles okay?«

Bo stand auf und half ihr hoch. In unmittelbarer Nähe standen andere verschreckte Fußgänger, die sich alle langsam vom Schock der zweiten Detonation erholten und sich ängstlich ansahen: Würde es weitere geben? Handys fingen an zu klingeln, Kurznachrichten trafen mit lautem Piepen ein, und das Stimmengewirr schwoll an. Der Chor der Autoalarmanlagen gellte nach wie vor von allen Seiten, wie in einem Dolby-Surround-System.

Wie automatisch bürstete sie sich den Staub von der Jacke und sah sich das Ausmaß der Zerstörung an. Das Gebäude, in dem sich das Solarium befunden hatte, war vollkommen verwüstet: das Erdgeschoss nur noch ein großes Loch, aus dem Flammen schlugen. Die Explosion hatte Teile des ersten Stocks weggerissen, man konnte in ein Badezimmer sehen und in ein anderes, das aussah wie eine Küche. Andere Teile der Wohnung, wahrscheinlich das Wohnzimmer, waren eingestürzt und hatten das Solarium unter sich begraben. Als hätte ein Riese mit einem Puppenhaus gespielt und aus Spaß die einzelnen Stockwerke auseinandergenommen.

Das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eingerüstet, zwei Handwerker in Overalls und Sicherheitsschuhen standen nebeneinander und unterhielten sich.

Dicte blinzelte den Staub aus den Augen und beobachtete, wie zwei Löschzüge und ein Einsatzwagen in der Straße hielten und Feuerwehrleute aus den Wagen sprangen. Sie begannen, die Neugierigen zurückzudrängen, und hatten in kürzester Zeit die Schläuche ausgerollt und einsatzbereit, um Wasser in das Chaos zu schießen, während der Rauch in dicken Schwaden herausquoll.

»Sie können da unmöglich rein«, murmelte Bo, der angefangen hatte zu fotografieren. »Es wäre aber besser, von innen zu löschen.«

Sie verstand, was er damit sagen wollte. Es war viel zu gefährlich, Feuerwehrmänner mit Rauchschutzgeräten in das Haus zu schicken. Das dreigeschossige Gebäude konnte jeden Augenblick einstürzen.

Kurze Zeit später traf die Polizei ein, ebenfalls mit zwei Streifenwagen. Dicte erkannte auch John Wagners schwarzen Passat, der dahinter hielt. Zusammen mit Jan Hansen stieg er aus dem Wagen.

»Er weiß Bescheid!«

Die Worte verließen ihre Lippen nahezu im gleichen Moment, als sie ihn aus dem Auto und zu den Überresten des Solariums stürzen sah. Niemand hielt ihn zurück, als er anfing, Steinbrocken beiseitezuschieben, Jan Hansen ihm dicht auf den Fersen. Aber sie kamen nicht weit, Flammen und hohe Temperaturen zwangen sie, zurückzuweichen. Dann kam ein Feuerwehrmann auf sie zu und verscheuchte sie, wild gestikulierend und mit einer Stimme in einem höheren Dezibelbereich. Wagner brüllte zurück und fuchtelte ebenfalls mit den Armen, während Jan Hansen seine Hand auf den Arm seines Chefs legte und sich zwischen ihn und das kollabierte Gebäude stellte. Er sprach ruhig, aber eindringlich auf Wagner ein, der den Kopf schüttelte, immer und immer wieder.

Bo drückte Dicte fest an sich.

»Verdammt noch mal«, zischte er. »Sie sollten ihn von hier wegschaffen. Er sollte gar nicht hier sein.«

Ida Marie. Dicte strengte ihre Augen an, konnte aber in all dem Staub nichts sehen. Eine starke Übelkeit überfiel sie, und sie brach auf dem Bürgersteig zusammen. Bo stützte sie und hielt ihr die Haare weg, während sie sich übergab.

»Das wird schon wieder«, flüsterte er in ihr Ohr. »Das wird schon wieder.«

Alles kam ihr wie eine Ewigkeit vor, sie wurden alle an den Rand geschoben, Absperrungen wurden aufgestellt, und die Menge zerstreute sich langsam. Eine absurde Form von Normalität löste die noch vor kurzem verbreitete Panik ab, einige begannen sogar, Angebotsschilder und umgestürzte Fahrräder aufzuheben und die Straße aufzuräumen. Die Luft zitterte vor Anspannung, aber auch vor Erleichterung, dass es jetzt vorbei war und die Welt in etwa noch so aussah wie vorher: Die Sonne schien, hoch oben am Himmel zog ein Flugzeug vorbei und zeichnete einen weißen Strich ins Blau, ein paar Tauben ließen sich neben einem herrenlosen Sandwich nieder.

»Dicte …«

Die Stimme kam von hinten. Besorgt, aber trotzdem hell und mit diesem schwedischen Singsang, der so überhaupt nicht zu Tragödien und eingestürzten Gebäuden passte. Sie drehte sich um und sah Ida Marie mit unsicheren Schritten und einer Einkaufstüte auf sie zukommen. Das blonde Haar umrahmte ihr ovales Gesicht, keine einzige Schramme war an ihr zu sehen.

»Verdammte Hacke.«

Dicte flüsterte die Worte und breitete dabei die Arme aus, als sie John Wagner aus dem Augenwinkel sah: grau im Gesicht, ins Sonnenlicht blinzelnd und in einer Tweedjacke voller Staub und Ruß. Es sah aus, als hätte er jede Orientierung verloren. Da drehte er sich zu ihr um und entdeckte Ida Marie. Dicte ließ die Arme wieder sinken. Das Glück war eine starke Kraft, aber es war nicht ihr Glück. Zum zweiten Mal an diesem Tag wandte sie den Blick ab, weil sie damit konfrontiert wurde. Trotzdem hätte sie die Szene genau beschreiben können, nur aufgrund der wenigen Details, die sie zu sehen bekommen hatte: Die Regungen in seinem Gesicht, den Zug um seinen Mund und das Leuchten in seinen Augen; seine Körpersprache, die sich im Bruchteil einer Sekunde von am Boden zerstört in strahlend verwandelte. Sie sah Ida Maries feminine Lieblichkeit vor sich, wie sie ihm auf halbem Weg mit flatterndem Kleid und in Sandalen entgegenlief, Symbole der Unschuld inmitten eines Kriegsschauplatzes voller Schuld und Grauen. Sie sah die Umarmungen und ahnte die Worte, die nicht gesagt werden würden, weil es dafür keine gab.

Sie begrüßte die Ablenkung, als das Handy in ihrer Tasche zu klingeln begann. Die Redaktion rief an.

»Ja?«

»Wo bist du?«, fragte Davidsen.

Zuerst suchte sie nach Worten, aber dann gelang es ihr, ihm kurz die Situation zu schildern.

»Okay«, erwiderte er. »Die zweite Explosion war eine Autobombe im Parkhaus vom Einkaufscenter Magasin. Ich habe Holger hingeschickt.«

Plötzlich war sie wieder in der Lage, logisch und zusammenhängend zu denken, und das starke Verlangen danach, den Überblick zu behalten, lenkte ihre Handlungen. Ida Marie lebte. Alles würde wieder gut werden.

»Was wissen wir?«

»Nicht viel«, musste Davidsen einräumen. »Wir wissen auch noch nicht, ob jemand verletzt oder gar getötet worden ist. Die Bombe ist im Keller explodiert, sie war vor einer tragenden Wand angebracht. Das hat den Schaden gemindert, aber die Autos sind wie Projektile durch die Tiefgarage geschossen.«

Davidsen klang erregt. »Holger hat mir gesagt, dass das eine Stockwerk im Parkhaus wahrscheinlich in sich zusammengestürzt wäre, wenn die Bombe weiter oben angebracht worden wäre.«

Eine eingestürzte Etage im Parkhaus vom Magasin. Sie sah es förmlich vor sich, und es war kein schöner Anblick: Menschen, in ihren Autos eingeklemmt, zerquetscht von tonnenschwerem Beton. Vielleicht hatte die Stadt einen Schutzengel gehabt.

»Bo ist schon hier«, sagte sie ihrem Kollegen. »Ihr solltet noch einen zweiten Fotografen besorgen.«

Sie beobachtete Bo, wie er am Absperrband entlangtanzte und versuchte, den besten Winkel zu finden. »Wir sollten überhaupt versuchen, mehr Kollegen zu aktivieren, auch Journalisten.«

»Das müssen aber freie sein«, warf Davidsen ein. »Das Budget …«

Sie unterbrach ihn:

»Ich klär das mit Kaiser ab, mach dir keine Sorgen. Besorg du die Extraleute. Wir müssen das von verschiedenen Seiten her aufziehen. Wir müssen die Augenzeugen interviewen und uns an die Lokalpolitiker heften und am besten auch hören, was in Christiansborg gesagt wird.«

Sie konnte hören, dass er Luft holte, um etwas zu sagen, aber sie überrollte ihn einfach, bis obenhin vollgepumpt mit Adrenalin.

»Du kümmerst dich um die lokalen Politiker und ihre Meinungen, die in Kopenhagen kümmern sich um Christiansborg. Holger und Cecilie schreiben die Reportagen, und ich spreche mit der Polizei.«

Sie holte tief Luft und fuhr gehetzt fort: »Wir brauchen auch einen Artikel über das Solarium. Ist nicht vor kurzem auch eins in Kopenhagen in die Luft gesprengt worden? Und frag einen Psychologen, wie man mit so einem Schock umgeht.«

Sie legte auf, bevor Davidsen zum Protest ansetzen konnte. Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass sie die Redaktionschefin war und sie Themen und Probleme ganz anders in Angriff nahm, als er es selbst machen würde.

Laute Rufe im Inneren des Gebäudes erregten ihre Aufmerksamkeit.

»Was ist? Was passiert da?«

Einer der Handwerker auf dem Gerüst nickte hinüber zu den Trümmern.

»Das hörte sich an, als hätten sie jemanden gefunden. Ich hoffe nicht, dass sie das ist …«

»Wer?«

»Das Mädchen von drüben. Sie ist behindert«, antwortete der Mann, der sehr sympathisch aussah. Ihr bedeutete es gerade sehr viel, in ein paar freundliche Augen zu sehen.

Er hatte recht gehabt. Die Feuerwehrleute hatten einen Toten gefunden. Das Gerücht breitete sich so schnell aus wie Strom im Wasser, als die Männer sich auf eine bestimmte Stelle in dem schwarzen, klaffenden Loch konzentrierten. Dort, im Auge des Orkans, war alles vernichtet worden. Wenn sich ein Mensch dort aufgehalten hatte, war das sein sicherer Tod gewesen.