KAPITEL 68

»Er muss hier weg. Jetzt, sofort.«

Bo wühlte in seiner Jacke, die auf dem Haken in der Garderobe hing. Kurz darauf zog er die Hand wieder heraus, an der ein Schlüssel baumelte. Dicte kannte diesen Schlüssel, und sie hatte ihn all die Jahre lang gehasst. War jetzt der Tag gekommen, an dem sie gezwungen war, ihn zu lieben?

Sie versuchte, sein Hilfsangebot abzuwenden: »Du gehst ein sehr großes Risiko ein. Wir können doch einen anderen Unterschlupf für ihn finden.«

Er nahm ihre Hand, drückte den Schlüssel in ihre Handfläche und schloss ihre Finger darum.

»Hör auf mit dem Quatsch. Die können jederzeit vor der Tür stehen mit ihrem Beschluss und das Haus durchsuchen.«

Der Schlüssel schnitt sich in ihre Haut, als sie die Hand zur Faust ballte. Es war der Schlüssel zu Bos Wohnung in der Stadtmitte, die er zur Hälfte als Fotoatelier nutzte. Er hatte von Anfang an darauf bestanden, sie zu behalten, und dies auch all die Jahre durchgezogen, seit sie zusammenlebten. Meistens verwendete er es als seinen Arbeitsplatz als freiberuflicher Fotograf, in Zeiten, wenn die Auftragslage für die Avisen schlecht aussah. Aber es war auch der Ort, an den er sich zurückzog, wenn es in ihrer Beziehung kriselte und die Worte zu messerscharfen Waffen wurden. Eine Einzimmerwohnung, die er sich zum Großteil aus den vielen Preisgeldern finanziert hatte, die er national und international für seine Fotos erhalten hatte, zuzüglich zu dem Ertrag aus dem Verkauf seines Hauses nach der Scheidung.

»Jetzt komm schon. Alles muss hier weg. Seine Sachen, sein Hund. Keine Spur von ihm darf hier zu finden sein. Du fährst ihn hin, ich wisch zur Sicherheit alles ab.«

»Abwischen?«

Das Ganze entwickelte sich langsam zu einer Farce.

»Die Fingerabdrücke. Man kann nie wissen, worauf die so kommen.«

Sie sah ihn lange an, war sich des Geschenks bewusst, das er ihr machte. Würde sie bis in alle Ewigkeit dafür bezahlen müssen? Sie war nicht in der Lage, diese Frage zu formulieren, dafür aber konnte sie die Antwort in seinen Augen und seiner Körperhaltung lesen, die betont nonchalant war. Er erwartete keine Wiedergutmachung. Er wusste genau, dass sie auch nach dieser Episode die Wohnung weiterhin hassen würde. Er entschuldigte sich damit vielmehr für London und vielleicht auch für etwas anderes, worüber sie lieber nichts erfahren wollte. Aber er versprach wenigstens nicht, dass er sich ändern würde, denn was hätte das für einen Sinn?

Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange.

»Danke.«

 

Die Zunge des Hundes hing ihm aus dem Maul, er japste, als hätte er seit Stunden nichts zu trinken bekommen. Zwischendurch winselte er, während sie sich im Feierabendverkehr durch die Stadt schoben. Kajs Unruhe schien sich auf den Mann im Beifahrersitz zu übertragen, der ständig hin und her rutschte. Und auch sie blieb nicht unberührt, sondern behandelte die Kupplung von Bos Auto schlecht.

»Es ist nur eine Frage der Zeit«, sagte Peter B und streckte einen Arm nach hinten, um den Hund am Kopf zu streicheln. »Ich kann nicht verstehen, dass ihr darauf Bock habt.«

Verschlossen und ablehnend war er in der gesamten Zeit seines abrupten Auszugs aus Dictes Haus gewesen. Man hätte glauben können, er versuche mit seiner aufgesetzten Langsamkeit absichtlich seine Flucht zu boykottieren.

»Das verstehe ich allmählich auch nicht mehr so richtig«, erwiderte sie. »Vielleicht sollte ich dich einfach an der nächsten Ecke rauslassen, dann kannst du selbst sehen, wie du aus der Sache rauskommst.«

Er lachte.

»Wow. Ruhig Brauner!«

»Dann hör endlich auf mit deiner Verweigerungshaltung und nimm deine Situation ernst! Das ist dein Leben. Das geht alles den Bach runter, wenn du nicht endlich anfängst, den Mund aufzumachen.«

Sie meinte das ganz ehrlich. In ihr begann sich Gleichgültigkeit zu melden. In was für eine Sache hatte sie sich da wieder hineinziehen lassen? Und Bo auch. Und für wen das Ganze? Für einen undankbaren Gelegenheitsverbrecher, der vielleicht einen, vielleicht auch keinen zweiten Mord begangen hatte?

»Mir ist noch nie so ein undankbarer Mensch begegnet!«

Sie hatte die M. P. Bruunsgade erreicht und begann, sich nach einem Parkplatz umzusehen. Ihr innerer Druck stieg mit jeder Sekunde, sie gab es auf, das zu ignorieren. »Eins kann ich dir sagen, wärst du nicht mein Fleisch und Blut, dann würde ich dich sofort auf die Straße setzen.«

»Das war Folter.«

Sie hörte seine Worte, aber hörte nicht hin.

»Was?«, erwiderte sie irritiert. »Schön oben auf dem Bett zu liegen, während die anderen die Führung übernehmen und die Polizei aus dem Haus lotsen?«

»Damals. Das war Folter. Im wortwörtlichen Sinne.«

»Folter, ich bitte dich. Hilf mir endlich auf die Sprünge.«

Sie entdeckte einen Parkplatz. Ihr Herz hämmerte, nicht aus Angst vor der Situation oder der Tatsache, dass die Polizei ihn jederzeit finden könnte, sondern weil die aufgestaute Wut rauswollte. Hauptsächlich war sie auf sich selbst wütend, stellte sie fest. Sie hätte ihn niemals aufsuchen dürfen. Sie hätte ihn sich selbst überlassen sollen.

»Du hörst nicht zu.«

»Nein, das tue ich tatsächlich nicht. Wir sollten uns nämlich beeilen, damit uns keiner sieht, verstehst du das?«

Erst als sie die Wohnungstür hinter ihnen zugezogen hatte und der Rucksack, ein paar extra Decken sowie der Karton mit Lebensmitteln abgestellt worden waren, begriff sie, was er gesagt hatte.

»Folter?«

Sie sah ihm zu, wie er die Wohnung inspizierte, wo riesige Großformate von Bos Aufnahmen und andere von seinen etwas berühmteren Kollegen an den Wänden hingen.

»Ach das. Ist egal. Hier ist es super.«

Sie stutzte. Das war das erste Mal, dass er in ihrer Gegenwart ein positives Wort verwendet hatte. Super. Und das stimmte auch. Super und schlicht. Eine Matratze und ein paar Teppiche auf dem Boden. Hatten da schon andere außer Bo geschlafen?

Sie zwang sich, den Blick von der Schlafgelegenheit zu der kleinen Teeküche zu wenden und weiter zu Bos Arbeitstisch mit den diversen elektronischen Gerätschaften. Das Einzige, was fehlte, war sein Computer, ein Laptop, den er immer dabeihatte und bei Bedarf an den großen Bildschirm anschloss.

Die Bilder an den Wänden waren nichts für zarte Seelen. Die meisten waren Kriegsfotos aus den Krisengebieten der Welt, wo Bo so viele Fotos geschossen hatte, wie Soldaten Menschen erschossen hatten.

»Folter«, wiederholte sie, stellte den Karton mit den Lebensmitteln auf den Küchenboden und schaltete den Kühlschrank ein. »Erzähl.«

Er warf seinen Rucksack in die Ecke und ließ sich auf die Matratze fallen.

»Wir sind alle damit aufgewachsen«, sagte er. »Es wurde zu einem festen Bestandteil des Alltags. Ein Teil unseres Lebens.«

»Wir alle? Wer ist das?«

»My. Cato. Adda. Miriam. Ich. Die anderen.«

»Matti? Matti Jørgensen? Dem das Solarium gehört?«

Er nickte.

»Und viele andere.«

»Wo sind die heute?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Peter, wo?«

Dann begann er aufzuzählen, seine Finger waren bald aufgebraucht.

»Marie hat sich erhängt; von Karsten haben wir seit zehn Jahren nichts mehr gehört; Sussi ist tablettenabhängig geworden und ist arbeitsunfähig; die ganz Kleinen sind einfach verschwunden: Anders und Lene und Lissi; Cato wurde Junkie; My wurde krank; Adda wurde krank; ich … bin wegen Mordes im Gefängnis gelandet; Matti wurde krank.«

»Krank? Inwiefern?«

Er zuckte erneut mit den Schultern.

»Nicht ganz so schlimm. Er kommt schon klar. Aber wenn man ihn einsperrt, zum Beispiel in ein neues, fluchtsicheres Gefängnis – auch wenn er nur der Wärter ist –, dann gerät er in Panik.«

Sie erinnerte sich, wie stark Matti geschwitzt hatte, als er sich in das kleine Auto hatte klemmen müssen.

»Klaustrophobie? Das hat er mir gegenüber sogar erwähnt.« Er nickte.

»Aber das ist das Geringste. Wir leiden alle darunter, die einen mehr als die anderen. My zum Beispiel. Bei ihr war es ganz extrem. Man konnte sie nirgendwo festhalten.«

»Bist du deshalb in den Wald gegangen?«

Er antwortete nicht. Stattdessen erhob er sich, trat ans Fenster und öffnete es. Er sah über die Dächer der Stadt und holte tief Luft.

»Warum, Peter? Was ist passiert?«

Mit dem Rücken zu ihr erzählte er die ganze Geschichte. Und als er sich danach wieder zu ihr umdrehte und mit einem einzigen Blick eine größere Nähe unmöglich machte, gestand er, dass er seine Geschichte noch nie zuvor erzählt hatte.