»Hey, Baby, wir geht es dir?«
Sie hörte, wie pathetisch ihr »Okaay« klang. Ihre Stimme war hauchdünn, wie eine Membran, die jederzeit reißen und Worte freisetzen könnte, die sie lieber nicht sagen sollte.
»Und was gibt es Neues? Hast du ihn gefunden?«
Sie riss sich zusammen und erzählte Bo die Neuigkeiten. Sie berichtete von den Bordellen, von Tammi und Laila, von ihrem Besuch in der Mølleskole und sogar von ihrer Fahrt nach Djursland und der unangenehmen Begegnung mit Cato. Sie spürte, wie es sie erleichterte, davon zu sprechen.
»Ich vermisse dich, Bo.«
Sie bereute den Satz auf der Stelle. Sie wusste genau, dass er sie nicht vermisste, und die Demütigung würde auf dem Fuß folgen, weil er es nicht erwiderte. Außerdem hörte er wahrscheinlich nur den Vorwurf, dass er nicht bei ihr war. Es war schon alles schiefgelaufen, was möglich war.
»Ich komme doch bald wieder nach Hause«, lautete seine Antwort, die sie auch erwartet hatte. »Ich bin zurück, bevor du es merkst.«
Sie dachte an ihre Tabletten. Das passierte ihr immer seltener, aber genau in diesem Augenblick sehnte sie sich nach der Betäubung. Sie vermisste den Puffer, der sich mit deren Hilfe zwischen ihre Wahrnehmung und die Realität schob. Wenigstens gelang es ihr, das Gespräch mit einem gewissen Maß an Würde zu beenden.
Noch lange nach dem Telefonat stand sie mit dem Hörer in der Hand da und fühlte sich erbärmlich. Sie ging mit dem Hund spazieren und versuchte, einen Überblick über ihr Leben zu bekommen. Bo und Renate. Rose. Peter B. Anne und Ida Marie. Alle Beziehungen mussten neu gestaltet werden, Schritt für Schritt. Vertrauen, Liebe, Respekt. Diese Aufgabe kam ihr unüberschaubar und unüberwindbar vor, aber eigentlich begann der Prozess auch mit ihr selbst. Es lag an ihr, in ihrem Leben klare Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, die sie liebte. Und dafür benötigte sie in erster Linie Abstand, um das Gefühl genauer betrachten zu können, das sie jahrzehntelang bedrückt hatte: die Tatsache, dass sie es zugelassen hatte, ihren Sohn aus den Augen zu verlieren.
Es war ein Büßergang, eine Pilgerreise, die sie nur allein antreten konnte. Aber es war auch eine Reise, für die sie einen zweiten Mitspieler brauchte, und er wollte nicht mitmachen, da war sie sich auf einmal ganz sicher. Wenn sie ihn fände, würde er im selben Augenblick alle Brücken abreißen und sie dorthin zurückschicken, wo sie hergekommen war. Er würde ihr nicht helfen können, weil er – wie Rose es so klug formuliert hatte – sich selbst nicht helfen lassen wollte.
»Anholtsgade. Direkt über dem Plattenladen an der Ecke.«
Holger posaunte seine neuesten Rechercheergebnisse stolz heraus. »Ich habe mich ein bisschen auf der Straße umgehört. War eigentlich gar nicht so schwer. Ich habe das Haus auch eine Weile beobachtet, und tatsächlich ist da der ein oder andere verklemmte Heini reingegangen und wieder herausgekommen.«
»Es könnte doch auch einer der Bewohner gewesen sein.«
Davidsen hatte der Fruchtschale die Freundschaft gekündigt und sich eine Tüte Salzlakritze mitgebracht, in die er pausenlos seine Hand steckte.
Dicte merkte sich die Hausnummer.
»Hast du geklingelt?«
Holger nickte und fischte sich ein Lakritz aus Davidsens Tüte, die dieser in die Runde hielt.
»Da hat eine Blondine aufgemacht … Haste nicht gesehen! Dolly Parton, go home. Aber sie war nicht besonders entgegenkommend.«
»Was hast du ihr denn gesagt?«
»Na, das Übliche eben. Dass ich Journalist bin und einen Beitrag über die Bordelle der Stadt mache und mich erkundigen wollte, wie es ihr damit geht, als Prostituierte zu arbeiten.«
Cecilies Sarkasmus war zuckersüß.
»Das ist wirklich sonderbar, dass sie da nicht mit dir sprechen wollte.«
Holger kratzte sich am Kopf und schüttelte den Kopf.
»Ja, oder? Fand ich auch.«
»Vielleicht hättest du um eine Kostprobe bitten sollen«, schlug Davidsen vor.
»Sie hätte mich doch wenigstens reinbitten und mir eine Preisliste oder so was Ähnliches geben können.«
Dicte hörte dem Gespräch eine Weile zu, dann verabschiedete sie sich und verließ, die Tasche über die Schulter geworfen, die Redaktion. Wahrscheinlich würde sie ebenso unmissverständlich abgewiesen werden wie Holger, obwohl sie der Ansicht war, wesentlich diplomatischer vorgehen zu können. Aber zumindest war sie gezwungen, es zu versuchen.
Sie sah auf die Uhr. Kurz vor 10 Uhr, war das zu früh? Zwar konnte sie es sich nicht vorstellen, dass um die Zeit schon Kunden unterwegs waren, aber unter Umständen weckte sie jemanden. Aber sie hatte ohnehin nicht vor, das zu berücksichtigen. Deshalb betrat sie, ohne zu zögern, das Gebäude und klingelte an der besagten Tür. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie Schritte aus der Wohnung hörte und die Tür geöffnet wurde. Auch hier mit Sicherheitskette.
»Wenn Sie was verkaufen wollen … hier bestimmt nicht.«
Die Frau im Türspalt war zwar freundlich, wirkte aber misstrauisch. In ihrem Blick konnte Dicte lesen, dass sie in ihrem Leben schon zu oft reingelegt worden war und dass ihr das nie wieder passieren sollte.
»Ich verkaufe nichts.«
»Sind Sie von den Zeugen Jehovas?«
Dicte musste lächeln.
»War ich mal. Aber das ist lange her.«
Diese Frau, die ihren unerwarteten Besuch jetzt mit mehr Interesse betrachtete, war so weit von Dolly Parton entfernt, wie es nur ging. Ihr Haar war zwar gefärbt – sie trug es pechschwarz und ganz kurzgeschnitten –, und unter dem T-Shirt zeichneten sich ein Paar Brüste ab, die zu perfekt aussahen. Aber ihre ganze Erscheinung hatte nichts Babydollartiges. Vor ihr stand eine erwachsene, reife Frau mit vorsichtiger Neugierde in den Augen.
»Ist es denn möglich? Ich meine, da rauszukommen?«, fragte sie.
»Es hat seinen Preis.«
Die Frau nickte nachdenklich.
»Hat das nicht alles auf dieser Welt? … Sind wir uns schon einmal begegnet?«
Dicte schüttelte den Kopf. Was für eine Rolle spielte diese Frau im Leben ihres Sohnes? Sie war sich auf einmal ganz sicher, dass die beiden einander kannten.
»Ich bin auf der Suche nach jemandem«, sagte sie und vermied das Wort »Journalist«. »Nach meinem Sohn. Er heißt Peter Boutrup. Ich glaube, Sie kennen ihn.«
»Sind Sie von der Polizei?«
»Nein.«
»Journalistin?«
»Ja, aber das hat hiermit nichts zu tun … Hören Sie … Er benötigt meine Hilfe. Ich weiß, dass er sie gar nicht haben will, aber könnten Sie ihm bitte ausrichten, wenn Sie ihn sehen, dass ich ihm helfen kann?«
Im Treppenhaus waren Schritte zu hören. Ein Mann mit schweren Schritten kämpfte sich schnaufend die Stufen hoch. Der Gesichtsausdruck der Bordellbesitzerin bekam plötzlich einen formellen und geschäftsmäßigen Zug. Die Neugier war wie weggewischt.
»Ich muss jetzt arbeiten. Sie müssen gehen.«
»Würden Sie ihm das bitte ausrichten?«
»Gehen Sie jetzt. Ich kenne ihn nicht.«
»Ich kann Ihnen ein Foto zeigen.«
»Nicht notwendig.«
Die Schritte hatten fast ihren Treppenabsatz erreicht.
»Hier, nehmen Sie meine Karte.«
Dicte zog eine Visitenkarte aus der Tasche. Die Frau zögerte, griff dann aber danach und drückte die Tür zu. Eine Sekunde lang stand Dicte reglos davor. Dann machte sie sich auf den Weg nach unten und ging an einem keuchenden Mann vorbei, der dringend ein paar Kilo abnehmen sollte. Sie wusste, dass sie ihn von irgendwoher kannte, konnte ihn aber nicht sofort zuordnen. Erst als sie unten auf der Straße stand, fiel es ihr wieder ein. An seinen Namen konnte sie sich zwar nicht erinnern, aber er war ein bedeutendes Mitglied der Opposition im Stadtrat, Fraktionsvorsitzender oder etwas in der Richtung.