KAPITEL 42

Das Telefon klingelte, gerade als sie sich an diesem Morgen auf den Weg in die Redaktion machen wollte. Dicte erkannte Tammis Stimme sofort wieder. Sie hatte eine Sanftheit, die so gar nicht zu dem Bild einer Prostituierten passen wollte. Aber sie hörte auch eine Nervosität darin, als würde jemand neben ihr stehen und ihr eine Pistole an die Schläfe drücken.

»Sie müssen mir versprechen, dass das hier unter uns bleibt.«

»Das verspreche ich.«

»Laila ist nur sehr vorsichtig. Das ist die Branche! Wir müssen alle vorsichtig sein.«

»Das verstehe ich gut.«

»Mein Sohn hat Diabetes.«

Das kam etwas unvermittelt, aber Dicte griff den Themenwechsel dankbar auf. »Das tut mir leid. Das muss schwer für Sie sein.«

»Ist schwerer für ihn. Es ist immer schlimmer für die Kinder, oder?«

Es herrschte Schweigen in der Leitung. Dann erklang Tammis Stimme erneut:

»Laila stammt aus Ry. Ihre Eltern leben noch dort. Sie ist dort auch zur Schule gegangen, aber dann hat sie nach der Neunten hingeschmissen und ist mit einem Typen zusammengekommen und nach Århus gezogen. Sie hatte keine Kohle und ist dann irgendwann anschaffen gegangen. War seine Idee.«

»Ein Zuhälter?«

»Irgendwie schon. Aber das ging nicht lange gut. Laila ist clever und hatte bald keine Lust, jemandem Geld zu geben, der dafür aber nicht die Beine breit machen musste. Seitdem macht sie es allein.«

»Glückliche Huren, also?«, rutschte es Dicte heraus. »Seid ihr das?«

Tammi schwieg, Dicte hätte sich die Zunge abbeißen können. Hatte sie mit dieser Frage jetzt alles verdorben?

»Bestimmt nicht glücklicher als so viele andere«, antwortete Tammi nach einer gefühlten Ewigkeit. »Unser Job ist ja auch ein bisschen was anderes als normal.«

»Kennt Laila Peter?«

»Ja, sie kennt ihn.«

»Aus Ry damals? Oder von später?«

»Laila und ich sind Kolleginnen. Gute Kolleginnen.«

»Da bin ich mir ganz sicher. Und ich verspreche Ihnen, dass das hier unter uns bleibt.«

»Sie hat mir gesagt, dass sie gemeinsame Bekannte haben.«

»Aus der Schulzeit?«

»Auch von heute.«

Die Nervosität in ihrer Stimme wurde immer deutlicher. Sie fing an zu zittern, und Dicte hörte das Knipsen des Feuerzeugs und das Geräusch von Rauch, der eingesogen wird.

»Sie haben das nicht von mir, okay? Es ist in der Anholtsgade. Aber die genaue Adresse habe ich nicht.«

»Ein Bordell?«

Das folgende Schweigen deutete sie als Bestätigung.

»Ich muss los, Mogens braucht sein Insulin.«

Es klickte in der Leitung, bevor sich Dicte bedanken konnte.