»Hast du schon die Zeitung gelesen?«
Francesca setzte sich im Bett auf, den Telefonhörer ans Ohr gepresst, von der schnaufenden Stimme des Fraktionsvorsitzenden geweckt, als wäre er mit seinen hundertzwanzig Kilo zum Kiosk gerannt.
»Nein, warum?«
Alles war möglich, das wusste sie genau. Im Augenblick konnte ihr alles jederzeit weggenommen werden. Alles, wofür sie so hart gearbeitet hatte.
»Du bist auf der Titelseite von NyhedsPosten.«
Sie schwang ihre Beine aus dem Bett auf den Bettvorleger, konnte aber ihre Hausschuhe nicht finden. Eiseskälte kroch an ihren Füßen hoch.
»Ist das schlimm?«
Es gelang ihr nur mit Mühe, diese Worte hervorzupressen. Asbjørns Hand auf ihrem Rücken half leider nicht.
»Lass mich das so formulieren: Gut ist es nicht! Aber besorg dir die Zeitung und dann ruf mich an. Dann besprechen wir …« Hier musste Axel Andreasen eine Pause machen, um Luft zu holen. »… was wir als Nächstes tun können. Natürlich stehen wir rückhaltlos hinter dir und unterstützen dich, wo wir können, das weißt du ja«, sagte derselbe Parteikollege, der mit seiner Unterstützung ihrer Kandidatur damals ein bisschen zu lange gewartet hatte.
Sie hörte keine Überzeugung in seiner Stimme, musste sich aber damit abfinden. Sie drehte den Kopf zu Asbjørn, der sich gegen die Wand gelehnt hatte und für alles bereit war, worauf sie jetzt gerade keine Lust hatte.
»Würdest du mir einen großen Gefallen tun«, fragte sie und brach damit ihre oberste Regel, ihn nicht in ihre Dinge hineinzuziehen. »Wärst du so lieb, mir eine Zeitung zu holen?«
Sie sah ihm durchs Fenster hinterher, wie er sich aufs Fahrrad schwang. Ihr war es egal, ob ihn jemand dabei beobachtete. Eigentlich war es ihr auch egal, wenn herauskam, dass sie in dieser schicksalhaften Nacht bei ihm gewesen war. »Ihn aufgesucht hatte« war vielleicht der passendere Ausdruck. Sie hatte sich so sehr nach ihm gesehnt, und dann war ihr Auto praktisch wie von allein in sein Wohnviertel in Hasle gerollt. Das Viertel Trillegården hatte große Schwierigkeiten mit Bandenkriegen und einen hohen Migrantenanteil, das wussten alle, aber das war nicht die ganze Wahrheit über den sozialen Wohnungsbau. Es war friedlich, solange man sich um seine Sachen kümmerte. Der Alltag der Leute entsprach dem anderer Bürger in anderen Vierteln. Das hatte sie sofort erkannt, als sie herausbekam, wo er wohnte. Und zwar in einer gemütlichen Wohnung, nicht teuer und fancy eingerichtet, aber sauber und aufgeräumt und sehr männlich, mit tiefen Sesseln und einem Sofa, das sich wesentlich besser für Sex eignete, als ihr eigenes hellgraues mit den Seitenlehnen.
Aber die politischen und moralischen Bedenken hatten sich gemeldet, und sie hatte ihr überstürztes Verhalten in jener Samstagnacht bereut, als sie dicht umschlungen mit ihm aufwachte. Sie hatte sich aus der Umarmung befreit, sich von ihm verabschiedet und sein Angebot ausgeschlagen, sie wenigstens bis zum Auto zu begleiten. Sie hatte alles unter Kontrolle. Selbstverständlich hatte sie das.
Sie war noch ganz versunken in ihre Erinnerungen an die gepressten Stimmen, die sie im Gebüsch neben ihrem geparkten Wagen gehört hatte, als sie ihn zurückkommen sah. Er lehnte sein Fahrrad gegen die Hecke und sprang mit der Zeitung in der Hand die Stufen zur Eingangstür hoch.
»Du willst das hier nicht lesen!«
Sie streckte ihre Hand nach der Zeitung aus, die er ihr nur widerstrebend überließ.
»Aber ich muss, caro!«
In seiner Welt konnte man den Kopf einfach in den Sand stecken und alles vergessen. Aber nicht in ihrer.
Sie war tatsächlich auf der Titelseite abgebildet. Das Foto zeigte sie mit einem Blumenstrauß im Arm und einem erhobenen Arm, der in Richtung Kamera zeigt. »Bürgermeisterkandidatin beschäftigte Schwarzarbeiterin« stand in fetten Lettern darüber.
Im Artikel wurde enthüllt, dass sie vor fünfzehn Jahren – als sie mit William verheiratet war – für eine Periode von etwa sechs Monaten eine thailändische Putzfrau namens Mai beschäftigt hatte. Es gab auch ein kurzes Interview mit Mai und ein Foto von ihr, auf dem man die sehr schüchterne und etwas einsilbige Frau kaum erkennen konnte. Sie sei mit einem dänischen Mann verheiratet gewesen, der ihr erklärt habe, dass sie ihm die Sozialhilfezahlungen zu streichen beabsichtigten, wenn Mais Verdienst dem Finanzamt gemeldet werden würde. Dumm, wie sie damals gewesen sei, habe sie eingewilligt, wie es so viele Dänen getan hätten. Bargeld und keinen umständlichen Papierkram. Es sei so einfach gewesen, dass es schon wieder zu gut war, um wahr zu sein.
»Das war es auch«, murmelte sie.
»Was?«
Asbjørn hatte zusammen mit ihr den Artikel gelesen, sein Kinn auf ihrer Schulter abgestützt.
»Sie ist abgehauen und hat einen antiken silbernen Kerzenständer und Williams Vacheron-Constantin-Armbanduhr mitgenommen.«
Sie hob ihre Hand und strich ihm über seine raue Wange. William war ein eitler Mensch gewesen und Uhren seine Leidenschaft. Die Zeit hatte ironischerweise auch ihre Ehe zerstört.
Asbjørns Arme schlangen sich um ihre Taille und hielten sie fest. Ohne ihn, dachte sie, wäre ich jetzt wahrscheinlich ins Schleudern geraten. Sie starrte auf die Titelseite und fühlte sich auf einmal krank, bis auf die Knochen, so krank, als würde etwas sie von innen verzehren und dabei mit den weniger lebenswichtigen Regionen beginnen, so dass der Schmerz exponentiell anstieg. Das hier war nur der Anfang, das wusste sie.
»Wo haben die denn diese Story her?«
Sie legte die Zeitung auf den Küchentisch und setzte Wasser auf.
»Das weiß ich nicht. Vielleicht von Mai?«
»Aber wie haben sie die ausfindig gemacht? Sie hat sich doch bestimmt nicht selbst an die Presse gewandt? Um zu erzählen, dass sie eine Sozialbetrügerin ist?«
Sie stellte Kaffeebecher auf den Tisch. Er hatte natürlich recht. Jemand musste diesem Journalisten den Hinweis gesteckt haben. Wie hieß der noch? Sie schlug die Zeitung erneut auf. Jimmi Brandt. Das war der Reporter gewesen, der sie am Abend nach der Haushaltsdebatte vor dem Rathaus abgefangen hatte, mit seinem selbstgefälligen Grinsen und dem Vergewaltigungsopfer im Schlepptau.
»Ich habe keine Ahnung.«
»Da scheint es irgendjemand da draußen auf dich abgesehen zu haben.«
Für einen kurzen Augenblick spürte sie die Sehnsucht, ihm von der Mail vom Tag des Einbruchs zu erzählen. Aber das würde bedeuten, dass sie ihm alles erzählen müsste, damit es einen Sinn ergab. Und das konnte sie nicht. Dieser Gedanke kam ihr nicht einmal in den Sinn.
Behutsam forderte sie ihn auf, zu gehen. Sie sah ihm nach, wie er sich aufs Fahrrad schwang und davonsauste. Würde er ihr nächstes Geheimnis sein, das sie auf der Titelseite breitgetreten sehen würde? Oder wurde er noch zurückgehalten, als schweres Geschütz, wenn die Zeit für den eigentlichen Angriff gekommen war?
Sie griff nach dem Telefon, um den Fraktionsvorsitzenden anzurufen. Es war besetzt. Während sie wartete, um es erneut zu versuchen, tauchte plötzlich das Bild eines kleinen Jungen aus längst vergangener Zeit auf. Dunkelhaarig, mit durchdringenden braunen Augen, die sie mit einer Mischung aus Angst und Liebe verschlangen. Unersättlich. Dünne Arme, die sich an sie klammerten. Tränen, die in alle Richtungen spritzten, als hätte jemand einen Springbrunnen angeschaltet.
»Axel Andreasen«, meldete sich eine Stimme, nachdem sie die Bilder beiseitegedrängt und auf die Wiederwahltaste gedrückt hatte.
»Ja, ich bin es.«
Der Vorsitzende seufzte laut.
»Francesca. Was sagst du dazu?«
Sie erzählte ihm die Wahrheit oder zumindest so viel von der Wahrheit, wie sie ihm zugestand, und erhielt die erwartete Reaktion.
»Das ist ja alles ganz schön und gut. Das können wir prima verwenden, um intern für Ruhe zu sorgen. Aber was machen wir mit der Presse? Was schlägst du vor, wie wollen wir da vorgehen? Gibt es Fotos? Irgendeine Form der Dokumentation?«
»Nicht soweit ich weiß.«
»Aber im Artikel steht ja sogar, dass du es zugibst. Du bist gezwungen, den Sachverhalt auszuführen und dich zu erklären. Gib der Stiften ein Interview, vielleicht auch noch der Jyllands-Posten. Du solltest noch mal betonen, wie lange es her ist und dass du daraus deine Lehren gezogen hast … Damit können sich die Leute identifizieren. Du musst vielleicht sogar noch weitergehen und irgendetwas für diese Mai tun, was weiß ich, irgendetwas, was sich gut macht.«
Wenn sie Axel Andreasen nicht kennen würde, hätte sie gedacht, dass er so ein Perverser wäre, der am Telefon fremden Frauen ins Ohr stöhnt. Wie ein Blasebalg klangen seine Atemzüge.
»Was schlägst du denn vor?«
»Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit«, sagte sie. »Und die wiederhole ich gerne und häufig. Aber du wirst mich nicht zu einer Gegenüberstellung mit Mai bringen.«
Sie musste an Williams Uhr denken. »Sie tat mir damals leid. Und ja, ich war naiv und dumm. Und jung.«
Sie hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme.
»Ich habe nichts zu verbergen, was meine Wähler nicht erfahren dürfen.«