KAPITEL 12

Cipramil.

Dicte drehte das Glas in der Hand hin und her, während in ihrem Inneren Bildsequenzen von der Explosion auftauchten. Die Detonation, die Panik, die in Sallings Café ausgebrochen war, das Gefühl, allein zurückgelassen zu werden in einer Welt aus Chaos.

Die Tabletten klapperten, als sie den Behälter öffnete, um ihre Tagesration zu entnehmen. Sie fischte eine einzelne Tablette heraus und ließ sie in ihrer Handfläche liegen, während sich das Gefühl verstärkte, von der Umwelt isoliert zu sein, nicht im selben Maße reagieren und fühlen zu können wie die anderen. Es war, als würde sie in einer Glasglocke durch die Welt laufen, in der die Freude freudlos und die Sorge sorglos war.

Sie haben aller Wahrscheinlichkeit nach eine kleine Depression, die durch irgendein Ereignis von außen ausgelöst worden ist. Die Worte des Arztes hatten in ihr zuerst Protest ausgelöst. Aber nach einer Weile hatte sie keine Kraft mehr gehabt und endlich die Diagnose akzeptiert. Angeblich war es eine verspätete Reaktion auf die sich überstürzenden Ereignisse und das juristische Nachspiel ihrer letzten Geschichte. Ihre Handlungen hatten zwar keine Konsequenzen für sie, das Gericht rechtfertigte ihre Freisprechung mit dem Notwehrparagraphen. Aber das war das Urteil des Systems und weniger ihr eigenes.

Schuldig?

Sie fixierte den Blick auf die kleine Tablette in ihrer Handfläche.

Auf jeden Fall nicht vollkommen unschuldig. Nicht befreit von dem unsicheren Gefühl, zu weit gegangen zu sein, sich selbst zum Richter und Henker ernannt zu haben. Sie hatte es getan, um einem anderen Menschen das Leben zu retten, ja genau, und sie hatte sich damals damit verteidigt und tat es auch heute noch. Aber sie musste auch mit der Tatsache leben, dass sie etwas genommen und ausgelöscht hatte, was ihr nicht zustand. Dafür war ihr eine Diagnose gegeben worden – eine Vorgehensweise, die sich diese Gesellschaft angewöhnt hatte. Einfach einen Aufkleber drauf, damit wir uns sicher fühlen und damit umgehen können. Damit wir in irgendeine Schublade passen, der eine mit seiner Depression, der andere mit sozialer Phobie, der dritte mit einer Sonderform des Autismus, dachte sie. Schubst uns herum, wie Figuren auf einem Schachbrett, und pumpt uns mit Medikamenten voll, damit wir bloß nicht anfangen zu denken und zu viel zu spüren.

Die Tablette in der Hand wurde immer schwerer und zog den Arm herunter.

Sie benötigte dringend ihr Handlungsvermögen zurück, um begreifen zu können, was um sie herum geschah und wer ihre Feinde waren. Um das zu erhalten, war sie gezwungen, alles zu spüren, Freude, Trauer und alles dazwischen. Sie wollte lieben können, ohne das Gefühl von Wiederholung und Gleichgültigkeit, und sie musste hassen können, ja, und sogar töten und die Konsequenzen tragen können, wenn das notwendig war. Bis jetzt hatte sie sich eingeschlossen, hatte die Augen verschlossen und sich versteckt, erst aus Ohnmacht und in schwarze Löcher stürzend, dann mit Hilfe der Tabletten, die ihr Leben zwar erträglich machten, aber auch unwirklich.

Sie nahm das Glas Cipramil und die Stesolid-Tabletten aus dem Regal, ging in die Küche und öffnete den Mülleimer. Bo machte sich gerade den letzten Kaffee, bevor er zur Arbeit in der Redaktion aufbrechen würde. Als er sah, wie sie die Tabletten in den Müll warf, hob er eine Augenbraue.

»Sicher?«, fragte er und schlürfte seinen Kaffee.

»Hmm.«

»Okay«, erwiderte er nur.

Vielleicht war das ein kleines, zufriedenes Lächeln, das sie da in seinen Mundwinkeln entdeckte, bevor er den restlichen Kaffee austrank und sich gleichzeitig auf die Suche nach dem Autoschlüssel begab. Aber vielleicht bedeutete es auch das genaue Gegenteil. Es kam ihr der Gedanke, dass er sie vielleicht doch gerne eingesperrt sah, mit gestutzten Flügeln und jener Kraft beraubt, die sie so oft schon in gefährliche Situationen gebracht hatte. Aber nein, das war ungerecht, dachte sie, während auch sie sich fertig machte, um das Haus in Kasted zu verlassen. So war es nicht. Eine innere Stimme sagte, dass auch er die alte Ausgabe von Dicte zurückwollte.

 

In der Redaktion in der Frederiksgade hatten sie eine neue Putzfrau eingestellt, die sich offenbar vorgenommen hatte, mal so richtig aufzuräumen.

»Irgendwie stimmt das hier alles nicht mehr«, sagte Davidsen und biss in einen Apfel, der so sauer aussah, wie seine Laune war. »Sie soll gefälligst nicht hier rumrennen und ihre Nase überall reinstecken.«

»Hier fehlt etwas Fundamentales«, brummte Holger Søborg und ließ seinen Blick über die blitzeblanken Tische und Bildschirme wandern, die man ohne weiteres als Spiegel benutzen konnte.

»Ach, gedenken wir der Zeit, als die Aschenbecher überquollen und ihren hinreißenden Duft des gestrigen Tages verströmten und als Berge von alten Zeitungen unser Bollwerk gegen die Umwelt waren«, klagte Bo und kochte noch mehr Kaffee.

»Lasst uns einen Protestbrief aufsetzen und ihn auf Facebook posten.«

Dicte hob die Nase und schnupperte, sie mochte den frischen Duft von Reinigungsmitteln und vergab fünf von sechs möglichen Punkten, während sie mit ihrer Post in der Hand zum Schreibtisch schlenderte. Nachdem sie die diversen Pressemitteilungen und Einladungen durchgesehen hatte, rief sie die Redaktion in Kopenhagen an und ließ sich mit der Wirtschaftsabteilung verbinden.

»Hanne Falster.«

»Hallo, wie geht’s. Hast du vielleicht etwas für mich?«

»Ach, du bist es. Ja, warte einen Augenblick.«

Dicte hörte das Rascheln von Papier und sah den Notizblock vor sich, der durchgeblättert wurde. Computerzeitalter hin oder her, das wichtigste Werkzeug eines Journalisten waren und blieben Stift und Papier.

»Der Verantwortliche heißt Matti Jørgensen.«

Dicte hatte die Wirtschaftsabteilung gebeten, die Anteilsgesellschaft zu überprüfen, die sich hinter Sunseeker ApS verbarg, die wiederum als Eigentümer des Solariums angegeben wurde.

»Das ist eine ziemlich verworrene Konstruktion«, sagte Hanne Falster, eine ehemalige Kollegin aus den gemeinsamen Jahren in der Hauptstadtredaktion. Sie war erfrischend, laut und sprach wahnsinnig schnell in ausgeprägtem Kopenhagener Dialekt, man musste sich sehr konzentrieren, um alles mitzubekommen.

»Mehrere Anteilsgesellschaften, undurchsichtige Besitzverhältnisse und etwas anrüchige Eigentümer; einige von denen standen früher in enger Verbindung zum Rockermilieu.«

Die Information schossen durch die Leitung, ohne das Dicte einen einzigen Atemzug zwischen den Sätzen hören konnte.

»Hast du noch andere Namen?«

Hanne Falster zählte ein paar Namen in hoher Geschwindigkeit auf. Dicte notierte sich alle, aber sie konnte mit keinem etwas anfangen, da schrillte keine Glocke.

»Und dieser Matti Jørgensen? Hast du vielleicht etwas über ihn?«

»Lupenreine Weste! Also, was sein Strafregister anbelangt. In Wirtschaftskreisen ein total unbeschriebenes Blatt. Bis vor zwei Jahren hat er als Gefängniswärter gearbeitet, dann hat er gekündigt.«

»Wo war er angestellt?«

»Horsens. Staatsgefängnis. Obwohl das jetzt, glaube ich, anders heißt.«

»Staatsgefängnis von Ostjütland«, sagte Dicte und hörte dieses Mal sehr deutlich die Glocken schrillen. »Aber wenn er sich vor zwei Jahren schon verabschiedet hat, dann hat er ja gerade mal die Eröffnungsrede für das neue, fluchtsichere Gefängnis mitbekommen. Was hast du noch? Es gibt eine Verbindung zum Rockermilieu, sagst du?«

Hanne Falster bestätigte und antwortete im Takt eines altertümlichen Fernschreibers:

»Aber wie gesagt, er selbst hat eine reine Weste; war allerdings zu einem Verhör vorgeladen wegen eines privaten Kredits, den er einem der Hells-Angels-Anführer gewährt hatte; Pfand waren ein Luxusmotorrad und ein Auto. Aber das Ganze führte lediglich zu einer kleinen Zeitungsnotiz ganz unten auf Seite 8; steckt aller Wahrscheinlichkeit nach auch hinter einer kleinen Modefirma, die auf den Namen seiner Frau läuft, und ist aufgeführt als Anteilseigner in einer Baufirma.«

»Geldwäsche? Gibt es da nicht immer wieder Verbindungen zwischen Solarien und Drogengeldern?«

»Bei dieser Besitzerstruktur kann man nichts ausschließen, was bisher bloß nur noch nicht aufgedeckt worden ist. Soweit ich weiß ist es durchaus bekannt, dass auch Solarien für Geldwäsche benutzt werden. Aber da kannst du natürlich noch mal in der ›OK‹ nachfragen.«

»Was bitte ist OK?«

»Das ist die Abteilung in der Staatsanwaltschaft, die sich mit der Organisierten Kriminalität, Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität beschäftigt. Die können dir bestimmt eine Menge erzählen.«

Dicte bedankte sich für das Gespräch und saß einen Moment reglos da, ganz verwirrt von den vielen Informationen. Dann googelte sie Solarium und Geldwäsche.

Rockerkriminalität? Das klang irgendwie einleuchtend, denn es war ja bekannt, dass sich der Kampf um den Drogenmarkt zwischen den Einwandererbanden und den Rockern zugespitzt hatte, also war eine Racheaktion in Form einer kleinen Sprengladung in einer der Immobilien des Gegners nicht ganz unwahrscheinlich. Immerhin hatten beide Gruppen vor kurzem von sich reden gemacht, als sie während der Århus-Festwoche einen Bummel durch die Stadt unternahmen. Die hundertzwanzig Mitglieder der Hells Angels hatten behauptet, sie seien nur in der Stadt, um sich eine Crêpe zu kaufen. »Unbekannte Täter« hatten zuvor Handgranaten in das Clubhaus der Hells Angels in Risskov geworfen, und der Bürgermeister hatte die Rocker der Stadt verwiesen. Aber wie passte das Auto von Francesca Olsen in diese Geschichte? Und das Staatsgefängnis von Ostjütland?

Das beschäftigte sie auch noch, als sie später mit Bo in der Redaktionsküche saß und Schwarzbrot mit warmer Leberpastete aß, die Bo eigens im Sallings Deli geholt hatte.

»Bist du immer noch auf dem Gute-alte-Zeiten-Trip?«, fragte Dicte, während sie sich eine Scheibe Rote Bete aus dem Glas nahm und ihr Brot damit bestückte.

Bo biss ebenfalls von seiner Brotschnitte ab und schloss dabei die Augen vor Genuss.

»Yes! Heute Abend gibt es Buttermilchsuppe. Mit Rosinen.«

»Hoffentlich als Nachspeise?«

Er ließ ihre Frage in der Luft schweben, deren Geruch nach Reinigungsmitteln jetzt mit Leberpastete konkurrieren musste. Also erzählte sie von den neuesten Informationen über Matti Jørgensen.

»Glaubst du, dass es ein Zufall ist. Das mit dem Gefängnis?«

»Wie meinst du, Zufall?«

Bos Blick war die Unschuld selbst.

»Ob es was mit ihm zu tun haben kann?«

»Mit wem?«

Dicte holte tief Luft, ließ das letzte Stück Leberwurstbrot unangetastet.

»Peter Boutrup. Er wurde am Mittwoch entlassen. Das war vor fünf Tagen. Die Detonationen fanden am Tag nach seiner Entlassung statt. Du weißt doch, dass ich vorhatte, ins Solarium zu gehen. Zusammen mit Ida Marie.«

Bo saß nachdenklich vor ihr und kaute.

»Willst du damit andeuten, dass dein eigener Sohn mit einem Schlag versucht haben soll, dich in die Luft zu sprengen und sich an einem ehemaligen Gefängniswärter zu rächen, der ihm das Leben in Horsens vielleicht schwergemacht hat, und das Risiko eingeht, sich damit selbst ein Bein zu stellen und direkt wieder in den Knast einzufahren?«

»Ich will gar nichts andeuten. Ich habe nur versucht, zu beurteilen, ob ein möglicher Zusammenhang bestehen könnte. Ein Zufall scheint mir leider unwahrscheinlich«, erwiderte sie, während sie bemerkte, wie Bos Formulierung ihres Verwandtschaftsverhältnisses Kratzer in ihren Panzer ritzte. Denn sie war damals nicht nur wegen der letzten Geschichte zum Arzt gegangen, um mit ihm über ihre dunklen Gedanken und das mangelnde Konzentrationsvermögen zu reden. Sie beide wussten, dass das Problem Peter Boutrup einen ebenso großen Stellenwert hatte, ohne es jedoch anzusprechen. Sie hatte es nicht gewollt, und Bo hatte sich nicht getraut.

Sie dachte an die Tabletten, die sie am Morgen weggeworfen hatte, und an ihr eigenes Bedürfnis danach, das Leben wieder zu spüren. Es hatte keinen Sinn, sich von der Welt abzukapseln, so wie sie es monatelang getan hatte. Es hatte keinen Sinn, zu ignorieren, dass sie einen Sohn hatte, der nicht der Wunschvorstellung einer Schwiegermutter entsprach. Oder eben der einer Mutter.

»Hattest du Kontakt zu ihm?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Weißt du, wo er sich jetzt aufhält?«

»Nee.«

»Kennst du jemanden, der das wissen könnte?«

»Auch nicht. Und übrigens bin ich keine Verdächtige, die du verhören sollst.«

Bo verzog sein Gesicht zu einem freundlichen Lächeln.

»Aber du hast dich geweigert, dich damit auseinanderzusetzen. Du hast vor langer Zeit einen Sohn zur Welt gebracht, den du zur Adoption freigegeben hast und der seitdem wie ein romantisches Phantom durch dein Leben geistert. Dann hast du herausgefunden, dass er gar nicht perfekt ist, und ein Teil von dir glaubt, du bist schuld daran. So ist es nicht, aber du kannst diese Schuld nicht abschütteln, habe ich recht?«

Hatte er das? Sie war außerstande, das zu beurteilen.

»Mir gefällt der Gedanke ganz und gar nicht, Dicte, aber du musst ihn finden. Und du musst ihm einen Platz in deinem Leben einräumen.«

Es gab keine Tabletten in Reichweite. Keine Rettung, wie kurzfristig die auch sein mochte.

»Er hat jemanden umgebracht«, flüsterte sie.

»Ich will dich nur ungern daran erinnern, aber das hast du auch.«