»Huhu, Mama.«
Rose schlang die Arme um ihren Hals, und Dicte atmete ihre jugendliche Frische tief ein. Ihre Wange war kalt, feucht und glatt wie ein Sommerapfel. Auch der Geruch war so, der von Äpfeln und von Kindern, die erwachsen geworden waren, während man nur mal eben beim Bäcker Brötchen kaufen war.
»Es nieselt«, sagte die Studentin, die mit dem Taxi aus der Stadt gekommen war. Kein Busunternehmen hatte jemals den Gedanken daran verschwendet, in Kasted einen Halt einzurichten.
»Du hättest doch anrufen können, dann hätte ich dich abgeholt.«
»Es sollte eine Überraschung werden!«, sagte Rose und hob anstatt einer Friedenspfeife eine Tüte mit frischen Brötchen in die Luft. »Ihr könnt euren Samstagmorgen doch auch für etwas Sinnvolleres nutzen, als ihn in einem Auto zu verbringen.«
»Autos sind aber doch vielseitig anwendbar«, warf Bo als Begrüßung ein, während Dicte sich fragte, welche Erinnerungen aus einer hoffentlich weit zurückliegenden Vergangenheit da in ihm aufgestiegen waren.
»Hallo, du.«
Rose musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihn zu umarmen. Sie gehörte nicht zu den langstieligen Wesen, mehr Garten als Gewächshaus. Dicte sah ihr hinterher, wie sie – dicht gefolgt von einem ununterbrochen sabbernden Svendsen – ihre Tasche in den Flur warf und ins Wohnzimmer ging. Rose war anders und mehr als alles. Sie war auch ein Mädchen, das viele Geheimnisse hatte, die sich nicht nur um Partys und Freunde drehten. Hier ging es um das Gefühl, einen großen Bruder vorenthalten bekommen zu haben. Und es gab nur eine einzige Person, der man das vorwerfen konnte, und das war ihre Mutter.
Bei Kaffee und Brötchen fragte sich Dicte, wie sie das Thema geschickt ansprechen konnte. Nach dem Besuch in Ida Maries Reisebüro hatte sie gleich ein Facebook-Profil angelegt. Haufenweise Freunde hatten sich sofort gemeldet, aber weder Rose noch Peter Andreas Dorn hatten angebissen.
Sie hatten den Frühstückstisch in großer Harmonie gedeckt, aber unterschwellig war eine Stimmung zu spüren, die niemand von ihnen so richtig unter Kontrolle hatte.
»Was verschlägt dich denn in die langweilige Provinz?«, wollte Bo wissen, bevor er herzhaft in sein Brötchen biss. »Hast du uns wirklich so sehr vermisst?«
»Ganz enorm.«
Rose, die nicht aussah, als hätte sie irgendjemanden außer Svendsen vermisst, schnitt ihr Brötchen in zwei Teile.
»Nein, Spaß beiseite. Heute Abend feiert eine ehemalige Klassenkameradin eine Party.«
»Wer?«
Die Frage war gestellt, bevor Dicte darüber nachgedacht hatte. Darum warf ihr Rose auch einen Blick zu, den man viel zu wissbegierigen Müttern schenkt. Ihre Antwort war eine Gegenfrage.
»Und wie geht es euch beiden Alten? Sitzt ihr jeden Abend vor dem Kamin, spielt Schach, trinkt Whiskey und geht früh mit warmen Socken und Flanellschlafanzug ins Bett?«
Bo grinste und erwiderte etwas, das total jugendlich klang und die Worte endgeil und downturner beinhaltete. Rose spielte geduldig mit. Aber Dicte konnte nichts machen, wenn sie auch nur mit mehr als einem Gedankenstrich ihre Bedenken andeuten würde, wäre das kleine bisschen Vertrauen, das sie mit ihrer Tochter verband, auf der Stelle zerstört. Sie betrachtete Rose, die schmal und artig auf ihrem Stuhl saß und den Kaffeebecher mit beiden Händen hielt. Die organisierte, vernünftige Rose, deren Auflehnung sehr spät kam, dafür aber vielleicht umso heftiger war. Genau genommen waren die Spannungen zwischen ihnen eigentlich erst entstanden, seit sie das erste Mal über Peter Boutrup gesprochen hatten. So war er in ihr Leben eingedrungen.
»Und was ist mit Aziz? Alles in Ordnung?«
Bo hatte diese Frage gestellt. Da er nicht Roses leiblicher Vater war, konnte er viel unbefangener die Antworten aus ihr herauslocken.
»Ganz gut«, verkündete Rose. »Ich soll grüßen.«
Dicte dekodierte ihre Worte und las daraus, dass Aziz und Rose noch ein Paar waren, was ihre Unruhe ein wenig zu dämpfen vermochte. Es gab also etwas, das Bestand hatte.
Bo stand auf und begann, den Tisch abzuräumen.
»Holst du die Kinder?«, fragte Rose. Sie kannte die Abläufe. Bos Exfrau ließ die Kinder immer erst am Samstag zu ihrem Vater gehen, weil sie freitags nicht arbeitete.
Bo nickte, während er Marmelade und Käse in die Küche trug.
»Kannst du mich mit in die Stadt nehmen?«
»Natürlich. Wo willst du denn hin?«
»Zentrum wäre topnice. Vielleicht noch ein bisschen Shopping.«
Shopping my ass, dachte Dicte wütend. Wo wollt ihr euch treffen? Was habt ihr verabredet?
»Wir könnten doch zusammen fahren«, hörte sie sich selbst in einem unmöglichen Versuch sagen, besonders raffiniert zu sein.
»Ich treffe mich mit einer Freundin, mit Kristine«, log Rose. »Ein andermal. Ich mach mich schnell fertig.«
Sie verschwand mit ihrem Necessaire im Badezimmer. Dicte zog Bo beiseite.
»Tu mir bitte den Gefallen und behalte sie im Auge. Wo will sie hin? Wen will sie treffen?«
Sie hatte ihm alles über Peter Dorn erzählt, trotzdem sah er sie skeptisch an.
»Wir können ihr kein GPS einpflanzen. Sie ist erwachsen.«
»Please! Für dich ist es viel leichter!«
»Ja, und woran liegt das wohl?«
Rose kam zurück, mit Lipgloss und Rouge im Gesicht und dem Duft von Rive Gauche, Dictes Parfüm. Bevor sie auch nur Facebook aussprechen konnte, waren die beiden verschwunden.
Das knirschende Geräusch der Reifen auf dem Kies war kaum verebbt, als ein anderes Auto auf die Auffahrt fuhr. Ein Opel, der aussah, als hätte man ihn soeben in weißen Lack getaucht. Eine junge Frau stieg aus. Dicte hörte ihre zielsicheren Schritte auf dem Weg zur Eingangstür, dann ertönte das satte Dingdong der Klingel.
Svendsen bellte. Vielleicht lag es an der Stimmung am Frühstückstisch, auf jeden Fall öffnete sie die Tür mit einem inneren Widerstand, der hinter ihren Schläfen pochte.
»Svendsen?«
»Wenn Sie mit dem Hund sprechen wollen?«
»Dicte Svendsen?«
»Das bin ich.«
»Mein Name ist Lena Lund, ich bin von der Polizei Ostjütland, Kriminaldezernat.«
Die Gedanken türmten sich in ihr und drängten für einen kurzen Augenblick an die Oberfläche. Früher hätte Wagner sie angerufen oder wäre selbst vorbeigekommen. Jetzt schickte er eine Kollegin und dazu auch noch eine, die sie nicht kannte. Es fühlte sich an, als wäre ihre Welt, so wie sie sie kannte, aus den Fugen geraten, und sie musste sich zwingen, nicht zu feindselig zu klingen.
»Kommen Sie doch bitte herein. Und entschuldigen Sie die Unordnung.«
Lena Lund musste über einen von Svendsens Ochsenhautknochen steigen, aber es gelang ihr, sogar dabei noch adrett und geschäftsmäßig auszusehen. Sie gaben sich die Hand und lächelten einander an, ohne dass eine von ihnen es von Herzen meinte.
»Wir können ins Wohnzimmer gehen.«
Dicte ging voran und hörte die kleinen, bestimmten Schritte hinter sich. Sie musste sich zusammenreißen, um sich nicht umzudrehen. Es war, als würde Lena Lunds Sicherheit in ihr das genaue Gegenteil auslösen, das Gefühl von Unsicherheit. Was wollte sie? Wer war sie?
»Setzen Sie sich doch.«
Sie nahmen in den Lehnsesseln Platz. Lena Lund saß ganz vorn am Rand und sah aus, als hätte sie einen Stock verschluckt. An ihr ist alles viel zu perfekt, dachte Dicte. Von dem strahlend weißen Auto über die strahlend weißen Zähne und die schimmernden, fast weißen Haare, die aussahen, als hätten sie in einem sehr schmalen Flur mit einem Bügeleisen Kontakt gehabt. So sahen auch ihre Bluse und der dunkelblaue Hosenanzug aus. Ihre Augen waren wie zwei leuchtende Dartscheiben, die sie ausdruckslos fixierten.
»Schön haben Sie es hier. So schön ländlich.«
Lena Lund ließ ihren Blick über das Chaos wandern. Ihre Bemerkung war unzweifelhaft ein Versuch, das Eis zwischen ihnen zu brechen, aber Dicte war in diesem Augenblick nur peinlich berührt und wurde sich der Unzulänglichkeiten in ihrer ländlichen Idylle bewusst: der Käfig mit den Meerschweinchen von Bos Kindern, den er am Tag zuvor abgeholt hatte; der Wellensittich, der auf dem Schreibtisch thronte; die Spielsachen von Svendsen, die überall auf dem Boden verstreut lagen und sich mit kleinen Heuflocken aus dem Käfig vermischten; der Korb mit der Dreckwäsche, den sie ins Wohnzimmer geschleppt hatten, weil die Handwerker die Decke im Waschkeller rausreißen sollten; daneben die Körbe mit der sauberen Wäsche, die noch nicht zusammengelegt worden war. Dazu kamen die Unmengen an Zeitschriften und Zeitungen, die in wilden Haufen herumlagen, sowie ein paar leere Rotweingläser vom Abend zuvor, die neben den ebenfalls leeren Pizzakartons standen.
»Ich habe es noch nicht geschafft aufzuräumen. Meine Tochter aus Kopenhagen ist zu Besuch gekommen.«
Sie hatte keine Ahnung, warum sie Lena Lund freiwillig und ohne Not diese Information hinwarf. Vielleicht lag es an ihrem Blick, durstig danach, alles zu erfahren.
»Soweit ich erfahren habe, stehen Sie und Ida Marie Svensson einander sehr nah. Ein großes Glück, dass niemand von Ihnen bei der Explosion zu Schaden gekommen ist.«
Dicte nickte und fragte sich, wann die Polizistin endlich zur Sache kommen würde.
»Haben Sie sich gefragt, ob diese Bombe mit Ihnen zu tun haben könnte?«
Was sollte sie darauf antworten? Ihr Instinkt ließ sie im Stich und rannte in alle Richtungen davon. Am Ende nickte und schüttelte sie den Kopf gleichzeitig.
»Natürlich habe ich auch Feinde, aber wie wäre dann die zweite Bombe zu erklären?«
»Es ist noch nicht bewiesen, dass die beiden Detonationen in Zusammenhang miteinander stehen.«
Innerlich verdrehte Dicte die Augen.
»Aber Sie haben da eine Vermutung, richtig?«
»Wir ermitteln in alle Richtungen, darum wollte ich Sie fragen, ob Sie irgendwelche Drohungen erhalten haben?«
»Ich bekomme in regelmäßigen Abständen Drohungen. Das gehört zu meinem Job.«
»War etwas Spezifisches über das Solarium dabei?«
»Nein.«
»Warum gehen Sie mit den Drohungen nicht zur Polizei?«
Sie erzählte, dass sie das am Anfang sehr wohl getan habe, aber die Polizei nach einer Zeit ziemlich genervt davon gewesen sei. Außerdem habe sie nie damit gerechnet, dass irgendjemand Ernst machen würde.
»Das ist doch alles nur heiße Luft. Die wollen Dampf ablassen und haben einen Ort gefunden, wo sie ihren Ärger loswerden können.«
»Aber es waren keine Drohungen bezüglich des Solariums dabei?«
»Nein.«
Das war keine Unwahrheit, fand sie. Keine richtige.
»Wer wusste, dass Sie an besagtem Tag dorthin wollten?«
»Meine Kollegen, mein Lebensgefährte. Und Ida Marie natürlich, haben Sie schon mit ihr gesprochen?«
Sie sah den Berg Arbeit vor sich, der Lena Lund bevorstand, wenn sie alle Freunde auf Ida Maries Facebook-Profil durchgehen wollte, und musste fast lächeln. Allerdings würden sie auf diesem Weg auch auf Peter Andreas Dorn stoßen, und dieser Gedanke gefiel ihr aus irgendeinem Grund überhaupt nicht. Genau genommen gefiel ihr dieses Gespräch schon gar nicht.
Lena Lund wischte die Frage einfach mit einer neuen Gegenfrage vom Tisch.
»Noch einmal. Was sagt Ihnen Ihr Gefühl? Könnte die Explosion etwas mit Ihrer Person zu tun haben?«
In diesem Moment sagte ihr Gefühl nur, dass diese junge Polizistin in eigener Sache unterwegs war. Quer über ihr perfektes Gesicht stand in großen Buchstaben Ehrgeiz geschrieben. Nicht dass Dicte damit ein Problem hätte, aber irgendein Detail versetzte alle ihre Instinkte in Alarmbereitschaft.
»Das kann ich mir kaum vorstellen.«
Sie hoffte, dass ihr neutraler Gesichtsausdruck überzeugend genug war. »Vielleicht hat das doch alles mit dem Bandenkrieg zu tun?«
Lena Lund sah sich im Wohnzimmer um. Dicte unterdrückte den Reflex, aufzuspringen, den Staubsauger hervorzuholen und gegen den Korb mit der Dreckwäsche zu treten.
»Das kann schon sein. Aber Sie sind ja keine Unbekannte in der Stadt, außerdem dafür bekannt, quasi Hand in Hand mit der Polizei zu arbeiten.«
War da ein Vorwurf in ihrer Stimme zu hören? Das war schwer zu sagen. Lena Lund zog ihre Visitenkarte aus der Brusttasche ihrer Anzugsjacke.
»Es wäre schön, wenn Sie uns die Polizeiarbeit machen ließen. Ich würde mir wünschen, dass Sie sich bei mir melden, sobald Sie etwas Neues erfahren, was uns weiterhelfen könnte.«
»Ich habe schon auf dem Präsidium angerufen und angegeben, dass ich den Mann mit dem Rucksack auf dem Weg durch die Fußgängerzone hoch zur Østergade gesehen habe. Und ich war da und habe bei Ihrem Kollegen Jan Hansen meine Zeugenaussage unterschrieben.«
Wenn sich schon die Gelegenheit bot, konnte sie genauso gut ihr Ansehen ein bisschen aufpolieren. Aber Lena Lund schien kein bisschen beeindruckt zu sein. Sie erhob sich.
»Die halbe Stadt hat ihn gesehen. Aber Sie wissen, glaube ich, genau was ich meine. Es kann eine laufende Ermittlung erheblich beeinträchtigen und durcheinanderbringen, wenn Zivilisten versuchen, selbst tätig zu werden.«
»Zivilisten? Ich bin Journalistin!«
Die Proteste in ihr standen Schlange, aber sie schluckte sie runter. Es hatte keinen Zweck, sich von ihr provozieren zu lassen. Lena Lund reichte ihr die Hand zum Abschied.
»Ganz genau«, sagte sie, und ihre Augen waren wie Saugnäpfe. »Lassen Sie die Polizisten die Polizeiarbeit erledigen. Das führt zu den besten Ergebnissen.«
Hinterher konnte sie sich kaum erinnern, wie Lena Lund das Haus verlassen hatte. Sie war völlig erschöpft. Wie eine Schlafwandlerin holte sie sich einen Becher Kaffee aus der Küche und ließ sich aufs Sofa fallen, während sich die Gedanken in ihrem Kopf den Kampf erklärten. So saß sie auch noch, als Bo mit den Kindern zurückkam.
»Ry«, sagte er, nachdem alle Taschen und Jacken in die vertrauten Ecken geschmissen worden waren.
»Was?«
Bo strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, als würde er dahinter die echte Dicte suchen. Sie wusste genau, dass er lange Zeit große Schwierigkeiten gehabt hatte, sie zu finden. So war es ihr auch ergangen.
»Rose. Sie hat den Bus nach Ry genommen.«