KAPITEL 23

»Zweiundzwanzigtausend, plus Steuern! Die haben sich doch was Falsches eingeworfen!«

Es herrschte ein heilloses Durcheinander in den Unterlagen: Briefe, Rechnungen, Kostenvoranschläge, Kalkulationen, Mahnungen. Sie wusste nicht, wo die auf einmal alle herkamen, aber es fühlte sich an wie ein Angriff aus dem Hinterhalt. Vollkommen unerwartet, während man versucht, ein normales Leben zu führen, stürzte sich die Gesellschaft mit lauter Forderungen auf einen. Die Gemeinde, die eine Trennung von Regenwasser und Abwasser forderte. Der Elektriker, der plötzlich der Ansicht war, dass die alten Leitungen alle gesetzwidrig verlegt worden seien, und eine Summe von 22 000 Kronen veranschlagt hatte, um das wieder in Ordnung zu bringen. Der Klempner, der Thermostate als die ultimative Lösung vorschlug, und der Zimmerer, der verkündete, dass die Dachbalken bald verrotten würden und die Dachplatten außerdem asbesthaltig seien. Der Arzt, der ihr eine Depression diagnostiziert hatte. Und schließlich Lena Lund, die ihr gedroht hatte. Allesamt Autoritäten, die einem genau erklärten, was anormal und was normal war. Alles ließ sich reparieren, behandeln und wieder in Ordnung bringen: Häuser, Menschen, Seelen. Um jeden Preis sollen wir alle gleich sein, uns bis zur Unkenntlichkeit ähneln, in perfekten Häusern wohnen, die perfekten Kinder, Männer, Jobs und Leben haben.

Sie hatte großes Verständnis für Matti Jørgensens Freiheitsdrang und seine Weigerung, in dem neuen, ausbruchssicheren Gefängnis zu arbeiten. Sie kannte den Wunsch nur allzu gut, über sich selbst bestimmen zu wollen, seine Ruhe zu haben und sich nicht dauernd wie eine Schachfigur zu fühlen, die wahllos hin und her geschoben wird. Und sie verfügte sogar über eigenes Einkommen und ein gewisses Maß an Freiheit. Es gab andere Menschen, Kranke und Schwache; Menschen am Rande der Gesellschaft, deren Leben nur aus Bevormundung und Demütigung bestand.

»Wir reden also von einem Tötungsdelikt!«, sagte Bo, der über ein selektives Gehör verfügte. »Einem vorsätzlichen?«

Es war früh am Abend. Bo hatte es am Nachmittag nicht mehr zur Pressekonferenz im Polizeipräsidium geschafft, allerdings hatte es auch nichts Neues zu fotografieren gegeben, als Wagner und Co. in aller Eile die Journalisten zusammengetrommelt hatten.

Bo reichte Dicte den Becher mit Kaffee und warf sich aufs Sofa.

»Ob es vorsätzlich gewesen ist, lässt sich noch nicht sagen«, erwiderte sie. »Aber Totschlag war es auf jeden Fall. Da ist ’ne Bombe installiert worden, verdammt.«

Wo sollte bloß das ganze Geld für die Reparaturen herkommen? Da war man der Meinung, man würde in einem Eigenheim leben und Herrüber sein Leben sein, und dann regneten die Geldforderungen für dies und das nur so auf einen herab. Da konnte man genauso gut in einer Gefängniszelle sitzen. Na ja, fast.

»Und die Tote hatte nichts mit den Explosionen zu tun?«

Dicte nahm einen Schluck Kaffee, der schwarz wie die Nacht war, ließ sich am anderen Sofaende in die Kissen sinken und legte ihre Füße in seinen Schoß.

»Das lässt sich auch noch nicht sagen. Es wirkt alles total undurchschaubar.«

Nach der Pressekonferenz bestand der Fall nur aus lauter losen Enden, die im Wind flatterten. Was gehörte zusammen? Hatten die Bomben etwas mit der Toten zu tun, oder war hier die Rede von zwei oder drei Einzeltaten, die nur zufällig zusammentrafen und somit wie eine einzige Tat aussahen? Wer war in der Wohnung der Toten in den Stunden vor der Explosion ein und aus gegangen?

Die Polizei war dieser Frage selbstverständlich nachgegangen und hatte die Überreste der Wohnung untersucht, sobald das Gebäude wieder zugänglich war. Aber Dicte unterstellte, dass sie nicht mit dem nötigen Enthusiasmus zu Werke gegangen waren. Alle waren von der Annahme ausgegangen, dass die Frau bei der Explosion ums Leben gekommen war, und trotzdem war die Obduktion bis Montag vertagt worden. Man hatte somit vier wertvolle Tage verstreichen lassen. Sie war sich sicher, dass die Polizei eine erneute Untersuchung des Tatorts vornehmen würde.

»Vielleicht gibt es ja was im Fernsehen darüber? Und wie steht es um deinen Verdacht gegen deinen Sohn?«

Bo griff nach der Fernbedienung auf dem Couchtisch und schaltete das Gerät ein, wo die Nachrichtensprecherin der Tagesschau Punkt 19 Uhr in Begleitung des altbekannten Jingles erschien.

»Verdacht und Verdacht. Er kann nach wie vor etwas mit den Explosionen und dem Ganzen zu tun haben. Es ist ja noch nicht widerlegt worden, dass er von meinem Besuch im Solarium wusste, und außerdem wurde er kurz zuvor entlassen.«

Sie musste an Rose denken und ihre missglückte Unterhaltung mit Ida Marie bei Facebook und fühlte sich unsäglich dumm. War sie vielleicht paranoid? Das wäre ja nicht das erste Mal.

Bo schüttelte den Kopf. Ihm fiel es schwer, bei der ganzen Sache ein Motiv zu erkennen.

Im Hintergrund tönte es aus dem Fernseher:

»In dem Fall des Bombenanschlags auf ein Solarium in der Innenstadt von Århus haben die Untersuchungen ergeben, dass die Frau nicht etwa durch die Explosion ums Leben kam, sondern bei der Detonation bereits tot war. Die Gerichtsmediziner haben Hinweise auf eine Erdrosselung und eine vorangegangene Vergewaltigung gefunden. Wir haben uns mit einem Rechtsmediziner unterhalten, der uns erklärt hat, warum die Ermittlung der tatsächlichen Todesursache bei Opfern einer Explosion so ungleich schwerer fällt.«

Bo machte lauter. Der Chef der Gerichtsmedizin in Odense erschien auf dem Bildschirm und hielt einen langen detaillierten Vortrag. Dicte starrte auf den Fernsehapparat. Zurück blieb die Frage nach der Toten. Was für ein Motiv könnte es gegeben haben? Wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, eine junge, schwerbehinderte Frau totzuschlagen? Adda Boel, neunundzwanzig Jahre alt, hatte an einem Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, einer unheilbaren Stoffwechselkrankheit gelitten. Dicte hatte sich im Internet schlaugemacht. Es war eine erbliche Krankheit, und bis dato existierte noch keine erfolgreiche Behandlungsmethode. Sie hatte gelesen, dass bei einem gesunden Menschen das Protein Antitrypsin vor allem in der Blutbahn vorkommt und hauptsächlich in der Leber produziert wird. Es beschützt das Lungengewebe und führt bei ausgeprägtem Mangel zur Schädigung desselben. Die Lungenfunktion versagt, und die Patienten sterben in der Regel einen frühzeitigen Tod.

»Sie wäre doch in jedem Fall gestorben«, warf Dicte ein, während Bo den Ton wieder leiser machte. »Warum wurde sie erwürgt, während sie doch durch die Krankheit langsam erstickt wäre?«

»Im Affekt?«, schlug Bo vor.

»Ja, möglich. Ich habe gelesen, dass es in Dänemark nur ungefähr siebenhundert Erkrankte gibt.«

»Das sind nicht besonders viele.«

»Beide Elternteile müssen die Erbanlage in sich tragen, aber nur etwa ein Viertel der Nachkommen erkrankt, zwei werden gesunde Träger der Krankheit und der Vierte ist überhaupt nicht betroffen.«

»Das ist ja wie Lottospielen«, sagte Bo. »Und es gibt keine Medizin dagegen?«

»Doch, ich bin auf ein paar Artikel gestoßen.«

Dicte presste den Kaffeebecher dicht an ihren Körper, um die Wärme zu spüren.

»Ein Mittel, das heißt … Nee, ich kann mich gerade nicht erinnern … in Richtung von Pro-Irgendwas.«

»These?«, fragte Bo.

»Wie bitte?«

»Pro – these?«

Sie trat mit dem Fuß nach ihm.

»Du Hohlkopf. Das ist zwar in Dänemark zugelassen, aber die Gesundheitsbehörde oder die Wieauchimmerbehörde will es nicht auf den Markt lassen. Wer weiß auch so genau, ob es tatsächlich wirkt. Also sterben sie alle. Menschen, die an dieser Krankheit leiden, können noch auf eine Lungentransplantation warten, aber die meisten von ihnen sterben. Was für ein Motiv könnte es also geben, sie umzubringen?«

»Mitleid?«

Sie ließ sich den Gedanken durch den Kopf gehen. Es war immerhin eine Möglichkeit.

»Aber man vergewaltigt doch nicht aus Mitleid.«

»Einige tun das.«

»Aber keine normalen Menschen.«

»Was ist schon normal?«

»Die Explosion kann natürlich ein Ablenkungsmanöver gewesen sein. Der Mörder versucht, seine Spuren zu verwischen, wohl wissend, dass die Leiche bald darauf gefunden wird«, schlug Bo vor.

In diesem Fall, vermutete Dicte, war der Mörder wahrscheinlich jemand, der Adda Boel und ihren Terminkalender kannte und genau wusste, wann die junge alleinstehende Frau Besuch von Pflegern bekam, die sie ganz bestimmt in Anspruch genommen hatte. Der Betreffende würde genau wissen, dass die Leiche erst nach Stunden gefunden werden würde und er sich dadurch einen gehörigen Vorsprung verschaffen und wichtige Spuren beseitigen konnte. Eine explizitere Untersuchung des Tatorts hätte zum Beispiel ergeben können, ob die Wohnungstür verschlossen gewesen war oder nicht, wenn es die Tür noch geben sollte. Auf der Pressekonferenz hatten sie diese Details nicht erfahren. Im Großen und Ganzen entstand das Bild einer Bombe, die in der Lage gewesen war, entscheidende Spuren zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Polizei abzulenken. Aber auch über die Bombe gab es keine neuen Informationen. Sie warteten noch auf die Analyse des Stoffs, mit dem sowohl das Auto als auch das Solarium in die Luft gesprengt worden war.

»Er ist frei wie ein Vogel«, sagte sie und kroch dichter an Bo heran. »Er hasst Autoritäten. Wo würde er hingehen, wenn er seine Ruhe haben will?«

»Zum Mond?«, schlug Bo vor.

»Ry, hast du gesagt? Was gibt es in Ry?«

»Soweit ich weiß, nur Seen und Wälder. Natur.«

»Und weiten Himmel? Keine Mauern und keine Decken. Keine Schlösser?«

Er legte den Kopf in den Nacken und warf sich eine Erdnuss in den Mund.

»Ja, so was in der Art.«