KAPITEL 21

Der Besitzer des Sonnenstudios, Matti Jørgensen, wohnte zusammen mit seiner Frau Inger-Kirstine in einem alten Haus, das auf einem Grundstück irgendwo zwischen Odder und Hov stand. »Inger-Kirstine Fashion« stand auf einem Schild am Wegesrand. »Lagerverkauf von Markenwaren. 30–50 %. Keine Kartenzahlung möglich.«

Auf dem Feld hinter dem Haus fand gerade eine Rallye mit getunten, verbeulten Autos statt, die zwar schon eindeutig bessere Tage gesehen hatten, aber die mit einer Geschwindigkeit über die Ackerfurchen jagten, dass Dictes alter Fiat nur neidisch werden konnte. Der Lärm bildete einen Klangteppich, der die übrigen Geräusche auf dem Hof übertönte. In der Auffahrt hielten einige Autos mit nicht ganz so vielen Dellen, und in dem Shop befanden sich eine ganze Menge Kunden. Der Laden war in einer Doppelgarage untergebracht, die offenbar für diesen Anlass extra ausgeräumt worden war. Vielleicht war auch aus diesem Grund kein Platz für das weiße amerikanische Schlachtschiff sowie ein Motorrad neueren Baujahrs, die wie Ausstellungsstücke vor dem Haus auf dem Rasen standen.

Dicte stieg aus dem Wagen und mischte sich unter die Kunden in der Garage. Sie erkannte sofort einige Entwürfe bekannter dänischer Designer. Die Kleiderständer klangen wie Kastagnetten, wenn die eifrigen Hände sich durch das Angebot blätterten.

Hinter dem Verkaufstresen stand eine Frau, die so viel natürliche Autorität besaß, dass sie dem Laden ihren Namen gegeben hatte. Sie war in mehrerlei Hinsicht groß: großbusig, groß gewachsen, mit hochtoupierten blonden Haaren. Sie trug eine hautenge Jeans und einen langen schwarzen Wollpullover – wahrscheinlich zum Schutz gegen die Kälte in der Garage –, der in der Taille mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Auch beim Make-up war nicht gespart worden, knallroter Lippenstift und eine dicke Schicht Grundierung.

Von weitem beobachtete Dicte die Frau dabei, wie sie ihre Kundinnen beriet, die hinter einem provisorischen Vorhang die Kleidungsstücke anprobierten. Sie sah auch, wie einige der Barzahlungen an der Kasse vorbeiwanderten und direkt in einer kleinen Kiste unterm Tresen landeten. Einige ihrer Kundinnen kannte Inger-Kirstine wohl schon lange und sehr gut. Dicte wählte ein schokoladenfarbenes Top von Rosemunde aus und ging nach vorn, um zu zahlen. An der Kasse war eine Schlange. Einige Frauen warteten auf Beratung, andere wollten bezahlen. Dabei wurde sich unterhalten.

»Jungenstreiche, da bin ich mir ganz sicher«, sagte eine Kundin, mit einem Stapel schwarzer Kleidungsstücke über dem Arm. Sie war sehr groß, aber dünn, eine 36. »Es war doch bestimmt niemals Absicht gewesen, dass die dabei sterben sollte.«

»Bandenkrieg«, warf eine 44 ein.

»Was meinst du dazu, Inger-Kirstine? Wie geht es Matti damit?«, fragte eine rothaarige 38 mit D-Körbchen.

»Er bekommt doch bestimmt was von der Versicherung wieder, oder?«, fragte die 36, die ein Profil wie ein Pferd hatte.

Inger-Kirstine zuckte mit den Schultern und sah aus, als ob es ihr egal wäre. Mit klackernden Nägeln faltete sie den Einkauf einer Kundin zusammen und legte ihn vorsichtig in eine Plastiktüte.

»Der hat ganz schön die Nase voll davon. Da ist so viel Unruhe entstanden, als hätten wir die Bombe in unserem Laden selbst gezündet.«

Ihre Stimme klang aufgebracht. Dicte mischte sich nicht ein, hätte aber große Lust gehabt, einzuwerfen, dass nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Unternehmer versucht hätte, seine Versicherung zu betrügen. Und wenn man dazu noch Verbindungen zum Rockermilieu pflegte, war es vielleicht nicht so weit hergeholt, dass die Polizei einen Versicherungsbetrug als Motiv in Erwägung zog. Sie bezahlte und bekam als neue und noch ungeprüfte Kundin mit einem Lächeln eine Quittung überreicht.

»Wo finde ich denn Matti?«, fragte sie.

»Worum geht es denn?«

Ein misstrauischer Zug glitt über Inger-Kirstines Gesicht. »Ich möchte gern einen Artikel über ihn schreiben. Ich bin Journalistin.«

Sie war auf eine ablehnende Antwort gefasst.

»Der ist da hinten«, antwortete Inger-Kirstine, als hätte sie in Sekundenschnelle entschieden, dass sich der Chef persönlich mit der Presse herumschlagen sollte. Sie warf den Kopf in den Nacken und wies damit in Richtung des Motorenlärms. »Er sitzt im roten Escort.«

Dicte bedankte sich, legte die Tüte in den Wagen und zog sich die Gummistiefel an, die sie immer für so einen Zweck im Auto deponiert hatte. Sie lief an der Garage vorbei zum Acker, wo eine Handvoll Männer und Jungs zusammenstanden, wild gestikulierten und den Autos zusahen.

»Tach. Wo finde ich denn Matti?«

Ein junger Mann nickt in Richtung des offenen Ackers.

»Der kommt gleich. Die müssen noch dieses Rennen beenden.«

Sie wartete etwa fünf Minuten, in denen die Autos an ihnen vorbeirasten und mit ihren Reifen Schlamm in alle Richtungen spritzten. Als es vorbei war, wurde laut gejohlt, gerufen und mit Handflächen auf dampfende Kühlerhauben geschlagen. Ein rotes Auto hielt ganz in ihrer Nähe, und ein muskulöser Hüne stieg aus. Er trug die Haare kurzgeschoren, hatte einen Overall an mit einem langärmeligen T-Shirt darunter und schwarze Schnürstiefel. Als er näher kam, erkannte Dicte ein Maori-Tattoo, das sich an seinem Hals emporschlängelte, und nahm an, dass sein gesamter Oberkörper und die Arme mit diesen zungenartigen Mustern bedeckt sein würden. Matti Jørgensen sah aus wie einer, der täglich mehrere Stunden im Fitnesscenter verbrachte.

»Du hast Besuch, Matti.«

»Hmm?«

Der junge Mann zeigte auf Dicte, und der Hüne kam auf sie zu. Er schwitzte stark und wischte sich mit der Hand über die Stirn.

»Ja?«

Sie stellte sich vor und bekam einen verschwitzten Händedruck, der sich anfühlte wie ein Schraubstock. Sie starrten sich ein paar Sekunden lang an, bis er sich geschlagen gab und sie ein Stück von der Gruppe fortzog. Sie beeilte sich hinzuzufügen: »Ich bin Kundin in Ihrem Sonnenstudio in der Østergade. Das war echt schlimm mit der Explosion.«

Er nickte und sah gleich viel freundlicher aus. Er sprach mit gedämpfter Stimme, und Dicte musste sich konzentrieren. Matti Jørgensen war jemand, der gerne das ›r‹ verschluckte.

»Es ist ein supe goße Schaden entstanden. Die Polizei geht von Vesicheungsbetug aus, aber das können die doch ga nich beuteilen

»Haben Sie denn einen Verdacht, wer dahinterstehen könnte?«

Er schüttelte seinen riesigen Kopf und hatte ein kleines Lächeln im Mundwinkel, als er ihr antwortete.

»Und wenn ich den hätte, glauben Sie, ich wüde ihn eine Jounalistin ezählen

Sein Lächeln war ihre Eintrittskarte, sie erwiderte es.

»Nein, natürlich würden Sie das nicht. Eigentlich wollte ich mich auch nur erkundigen, ob ich einen Artikel über Sie und Ihre Geschäfte schreiben darf. So eine Art Porträt von dem Mann hinter dem Sonnenstudio.«

Sie sah ihm an, dass er zögerte.

»So etwas beruhigt die Polizei«, fügte sie hinzu. »Wenn die lesen, dass Sie in der Presse freundlich auftreten, dann fällt es denen leichter, in Ihnen einen Unschuldigen zu sehen.«

Er sah zwar skeptisch aus, erwiderte aber: »Na, meinetwegen. Legen Sie los.«

Sie interessierte sich für den ehemaligen Gefängniswärter, der sich gegen den Umzug von der altmodischen Vollzugsanstalt in ein hochmodernes, fluchtsicheres Wunderbauwerk entschieden hatte, das sogar mit architektonischen Preisen überhäuft worden war.

»Ich hatte keinen Bock, in so einer verdammten Raumstation zu arbeiten, aus der man praktisch nicht rauskommt. Das habe ich den anderen überlassen. Ich hatte was gespart und habe die Branche gewechselt.«

Er grinste.

»Raus aus dem Schatten und rein in die Sonne, wie Ing-Kistine imme sagt.«

»Das klingt auch viel optimistischer«, stimmte ihm Dicte zu. »Aber Ihnen wurde auch vorgeworfen, dass Sie ein paar zwielichtige Freunde aus der Rockerszene haben.«

»Ob das Freunde sind, weiß ich nicht. Aber ich kenne ein paar Typen aus meiner Zeit in Horsens, ja, das stimmt. Das ist nicht veboten, aber ich weiß, jeder wid in eine Schublade gesteckt.«

Gönnerhaft breitete er die Arme aus.

»Meine Meinung ist: Wer seine Strafe abgesessen hat, ist uns allen anderen gleichgestellt. Das, was ich mache, ist eine Art Sozialarbeit. Ab und zu vermittele ich denen einen Job bei mir oder bei Ing-Kistine

Nach den Sonnenstudios habe er sein Geld in einen Lincoln Continental investiert und einen Limousinenservice für Hochzeiten und andere Veranstaltungen gegründet, in weißem Anzug und passender Kopfbedeckung. Außerdem würde er sein Grundstück an Jugendzentren vermieten, damit die Kids sich bei Autorennen ein bisschen austoben konnten. Damit und mit den Einnahmen aus Ing-Kistines Boutique würden sie ganz gut über die Runden kommen.

»Mehr gibt es nicht«, sagte er. »Das ist keine Goldmine. Es ist nur die Alternative, ohne den Gefängnisjob klarzukommen. Ich darf ich selbst sein und kann für die Meinen sorgen.«

Dicte überlegte, in welcher Größenordnung er sich da bewegte, wenn er sich um die Seinen sorgte. Wie viel die Sonnenstudios abwarfen und wie viel er davon tatsächlich als Gewinn angab. Im Studio in der Østergade standen zehn Sonnenliegen. Bei 30 Kronen pro halbe Stunde kamen etwa 600 Kronen in der Stunde zusammen, das machte 6000 Kronen am Tag, wenn es zehn Stunden geöffnet hatte. Insgesamt belief sich das maximale Einkommen in einem Monat, bei voller Auslastung also, auf 180 000 Kronen. Man bekam als Kunde keine Quittung. Mit zwei Sonnenstudios konnte man das Finanzamt mit Leichtigkeit davon überzeugen, eine weitaus höhere Summe eingenommen zu haben, als tatsächlich geschehen, und somit Schwarzgeld zu waschen. Und dank der anderen Geschäfte und mithilfe eines guten Steuerberaters war es ein Leichtes, dieses und jenes abzuziehen und zu verrechnen, bis die Bilanzen wieder stimmten. Zumindest auf dem Papier. Aber das machte Matti Jørgensen nicht automatisch zum Bombenleger. Vielleicht zu einem – für den Geschmack der Allgemeinheit – allzu unternehmungslustigen Bürger, aber von dort war es ein langer Weg, um ein Mörder zu werden.

»Aus Ihrer Zeit in Horsens, ist Ihnen da ein Insasse namens Peter Boutrup bekannt?«

Sein Blick flackerte kurz. Erinnerung? Nervosität? Sie konnte es nicht zuordnen.

»Und was wäre, wenn?«

»Er ist entlassen worden. Und ich suche ihn.«

Matti kniff die Augen zusammen.

»Warum das?«

»Normalerweise will eine Mutter doch wissen, wo ihr Sohn sich aufhält.«

»Er hat keine Mutter. Er hatte nie eine Mutter. Keine Mutter und keinen Vater.«

»Alle haben Eltern.«

Sie hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.

»Sie wissen genau, was ich meine«, sagte Matti.

»Es ist sehr wichtig, dass ich ihn finde.«

»Für wen?«

Sie hörte keine Feindschaft, nur Interesse in seiner Stimme. »Für uns beide. Warum versteckt er sich?«

Mattis Blick wanderte aufs Feld, wo sich die Fahrer für ein neues Rennen aufstellten. Es dauerte lange, bevor er antwortete.

»Peter war schon immer frei wie ein Vogel. Er kann es nicht leiden, wenn jemand ihn bevormundet. Das konnte er noch nie.«

Von der Startlinie waren Rufe zu hören.

»Verdammte Hacke. Jetzt muss ich wieder in dieses verdammte Auto.«

Dicte sah ihn fragend an.

»Ich leide unter Klaustophobie. Ich schwitze wie ein Schwein, aber da kann man nichts machen.«

Matti Jørgensen wandte sich zum Gehen, Dicte folgte ihm nach.

»So, wie Sie es sagen, hört sich das an, als hätte er etwas zu verbergen.«

»Haben das nicht die meisten?«

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern klemmte sich hinters Steuer seines roten Escorts und trat aufs Gaspedal. Sekunden später sah sie ihn für einen kurzen Moment durch die Luft fliegen, als er den Wagen über einen kleinen Hügel jagte.

Frei wie ein Vogel. Jemand, der Autoritäten verabscheute. Wo suchte man Zuflucht, wenn man in diesem Punkt war wie seine Mutter?