»Ich habe die verdammten Kirchenbücher durchgesehen. Dieser Sache wollte ich auf den Grund gehen, zum Teufel auch. Ich …«
Den Rest des Satzes erstickte Erik Meinert wie gewohnt in einem Hustenanfall. Wagner wartete geduldig und hielt den Hörer ein gutes Stück vom Ohr weg, bis sein Kollege aus Ålborg sein Ritual mit dem bekannten geräuschvollen Räuspern abgeschlossen hatte.
»Hua, das tat gut. Das hat schon die ganze Zeit auf der Brust gedrückt, ich konnte keine Luft bekommen. Wo war ich stehengeblieben?«
»Bei den Kirchenbüchern.«
»Genau. Es existiert eine Sally.«
»Sally?«
»Lena Lunds Schwester.«
»Alter?«
»Dreiunddreißig. Drei Jahre jünger als Lena. Ich weiß noch nicht genau, ob es relevant ist, aber gefunden habe ich Folgendes: Sally hat seit 1993 mehrere Aufenthalte in Entzugskliniken und in der psychiatrischen Abteilung hinter sich. Der letzte bekannte Aufenthaltsort: Århus.«
»Hat sich Lena eventuell deswegen zu uns versetzen lassen?«
Wagner musste an den Abend denken, als Lena zufällig bei McDonald’s aufgetaucht war. Hatte sie da nicht etwas von einer Familienfeier erzählt? Vielleicht hatte sie sogar die Wahrheit gesagt.
»Das kann schon sein. Aber irgendetwas an dieser Geschichte stinkt gewaltig«, sagte Meinert. »Da will jemand etwas unter den Teppich kehren.«
Geheimnisse, dachte Wagner, nachdem er das Telefonat beendet hatte. Alle Familien haben ihre Geheimnisse, Umstände, die geheimgehalten werden, weil man sie nicht ins Licht der Öffentlichkeit zerren will. Was war in Lena Lunds Familie vorgefallen, dass die Eltern zumindest die eine Tochter verleugnen?
Es gab so viel, was man gerne für sich behalten wollte. Er dachte an seine eigene Familie. War die so anders? Alexander, der beim Diebstahl erwischt worden war und jetzt auch noch die Schule schwänzte. Der Embryo mit Down-Syndrom, der in ein paar Tagen aus Ida Maries Gebärmutter entfernt werden würde. Wenn es in seiner Macht stünde, würde er dann nicht auch dafür sorgen, dass diese Information den inneren Kreis nicht verließ? Allerdings hatte ihm seine berufliche Erfahrung gezeigt, dass gerade familiäre Geheimnisse häufig die Aufklärung eines Falls behinderten. Die einzelnen Mitglieder deckten sich aus den unterschiedlichsten Gründen, die überhaupt nichts mit dem eigentlichen Verbrechen zu tun haben mussten. Untreue, Eifersucht, missverstandene Loyalität und Wunsch nach Diskretion. Wenn es drauf ankam, zählte die Zugehörigkeit zu einem Clan, und die Rücksichtnahme auf seine Nächsten hatte Vorrang.
Er lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und sah hinunter auf den Parkplatz vor dem Präsidium. Er fasste alle Details des Falls zusammen. Sie waren mittlerweile sicher, dass zum Zeitpunkt des Mordes an Adda Boel neben Peter Boutrup noch eine weitere Person in ihrer Wohnung gewesen war. Lena Lund verdächtigte Dicte Svendsen, aber das konnte er sich nicht vorstellen. Seine Vermutung war vielmehr, dass Lena Lunds Verdacht von ihrem Ehrgeiz genährt wurde und von dem Drang, ihre Versetzung und Hartvigsens Entscheidung zu rechtfertigen, sie als Wächterin der Moral in Sachen Selbstjustiz einzusetzen. Jetzt war als neuer Ermittlungsansatz die Vier-Millionen-Erbschaft dazugekommen, die aufgrund schlechter Beratung und der weltweiten Finanzkrise verlorengegangen war. Ein Fanatiker konnte mit Leichtigkeit Adda Boel die Schuld für den Verlust des Geldes zuschreiben. Sie hatte sich dafür eingesetzt, das Geld zu investieren und vor allem auch wie und wo es eingesetzt werden sollte. Peter Boutrups DNA war in Adda Boels Körper gefunden worden. Die Frage aber blieb, wie es ihnen gelingen sollte, ihn, den Sohlenabdruck und die vier Millionen in Zusammenhang zu bringen.
Er hatte gerade beschlossen, sich in der Kantine einen Happen zu holen, als das Telefon klingelte. Es war Weinreich, der ihm mitteilte, dass Omar Said ihn sprechen wolle. Er versuchte Lena Lund zu erreichen, aber sie war weder über das Mobiltelefon noch übers Funkgerät zu erreichen. Das musste er ansprechen oder ihr sogar einen Verweis dafür geben. Also entschied er sich dafür, Ivar K mit ins Krankenhaus zu nehmen. Omar Said saß aufrecht in seinem Krankenbett, er war ganz allein, von den vielen Angehörigen fehlte jede Spur. An diesem Tag war er gesprächiger als bei ihrer ersten Begegnung.
»Die sagen, ich soll mit Ihnen sprechen.«
In Wagners Ohren klang es, als würde ein Oberbefehlshaber seine Untergebenen zum Appell rufen.
»Wer sagt das?«
Said warf den gesunden Arm in die Luft. »Ich erinnere mich nicht an seinen Namen. Derjenige, der sich mit den Bandenkriegen beschäftigt.«
»Weinreich? Er hat gesagt, Sie sollen mit mir sprechen? Über was denn?«
Wagner fühlte sich nicht wohl. Offenbar hatte Weinreich die Initiative für ihn ergriffen und eine Grenze überschritten, die er selbst nicht passiert hätte. Er wusste, was gleich kommen würde.
»Meine Mutter ist krank. Sie hat Krebs. Und sie wartet auf eine Behandlung, aber nichts geschieht. Und der Krebs kann sich weiter ausbreiten.«
Ivar K schob einen Stuhl an die Tür und setzte sich darauf wie ein Sheriff in einer Westernstadt vor sein Gefängnis, ausgestreckte Beine, die Arme vor der Brust verschränkt. Wagner nahm einen Stuhl neben Saids Bett. In den Augen des jungen Mannes sah er echte Sorge. Zweiundzwanzig Jahre alt und eine Mutter auf der Onkologie. Das war nicht schön, auch wenn man ein Bandenmitglied war. Und jetzt sollte diese Mutter als Ware missbraucht werden und auf diese Weise zu einer entscheidenden Figur im Krieg um den Drogenmarkt werden.
»Das tut mir für Sie und Ihre Familie sehr leid. Aber ich verstehe nicht, was das mit mir zu tun hat.«
»Er hat gesagt, dass Sie mir helfen können. Fäden ziehen und so. Verdammt Mann, ich liege hier nur rum … Ich muss etwas tun.«
Das Unbehagen kroch Wagner den Nacken hoch, und der Drang, die Sache fallenzulassen und sie anderen zu überlassen, war mit einem Mal übermächtig. Aber wenn er jetzt einen Rückzieher machte, dann müsste ein anderer die unangenehme Entscheidung treffen, ob es ethisch vertretbar war, die Behandlung einer tödlichen Krankheit als Druckmittel in einem Mordfall zu verwenden. Er sah zu Ivar K. »Was hatten Sie sich denn da vorgestellt, Omar? Wie, glauben Sie, kann ich Ihnen helfen?«
»Sie können mit den Ärzten reden. Sie können eine schnellere Behandlung erwirken.«
»Und was ist, wenn Sie recht haben sollten?«, sagte Wagner und fügte hinzu: »Und ich bin mir gar nicht so sicher, dass Sie da richtig liegen.«
Omar Said holte tief Luft und atmete lange aus. Er drehte den Kopf und sah zur Tür, als würde er jeden Augenblick einen grausamen Rächer mit Maschinengewehr im Anschlag erwarten.
»Wenn Sie dafür sorgen, dass meine Mutter so schnell wie möglich behandelt wird, dann erzähle ich Ihnen, was ich weiß.«
»Ich dachte, Sie wüssten nichts«, ließ sich Ivar K gedehnt von seinem Sheriffplatz aus vernehmen. »Aber das hat sich vielleicht seit letztem Mal geändert?«
Omar Said zuckte mit den Schultern und sah mürrisch aus.
»Dürfen wir davon ausgehen, dass Sie uns sagen können, wo die Bombe herkommt und wessen Idee das war?«, fragte Wagner.
Bevor Said antworten konnte, klingelte Wagners Handy. Er entschuldigte sich und ging auf den Flur, wo ihm Weinreichs Stimme ins Ohr krächzte.
»Es tut mir leid, aber das ist doch verdammt noch mal der einzige Weg, um weiterzukommen«, sagte dieser nach ein paar einleitenden Worten. »Du kannst ihm sagen, dass sie morgen früh mit der Chemotherapie beginnen.«
»Was um alles in der Welt geht hier vor?«
»Komm wieder auf den Teppich!«, sagte Weinreich. »Wir bedienen uns nur der Gangstermethoden.«
»Aber wir sind keine Gangster, verdammt und zugenäht!« Weinreich lachte, aber es klang nicht überzeugend.
»Natürlich sind wir das nicht. Unter uns: Die hätten morgen sowieso mit der Behandlung angefangen. Das hat mir der Oberarzt gesagt, wir haben also niemanden manipuliert oder die Reihenfolge verändert. Können wir das dann nicht für unsere Zwecke verwenden?«
Im Krankenzimmer lag ein junger Mann, der ihm etwas Wichtiges über die Bomben im Solarium und unter Francesca Olsens Auto sagen konnte. Er hatte Antworten auf die Fragen, mit denen sie sich herumgeschlagen hatten und nicht weitergekommen waren. Es war mehr als verlockend, das musste er sich eingestehen. Er beendete das Telefonat und kehrte zu Omar Said zurück.
»Okay. Hier sind die Bedingungen. Ich will Folgendes wissen: Wer, was, wo und warum? Wer hat sich für einen Bombenanschlag entschieden? Was wollte er damit erreichen? Wo wurden die Sprengsätze hergestellt? Warum ausgerechnet das Solarium und das Auto von Francesca Olsen?«
Omar Said sah ihn mit ausdrucksloser Miene an.
»Ich muss sicher sein können, dass Sie mir keinen Scheiß erzählen. Sie erzählen alles und ohne etwas zurückzuhalten. Dann garantiere ich Ihnen, dass die Ärzte morgen früh mit der Chemo Ihrer Mutter beginnen.«
Ivar K sah ihn mit gestiegenem Respekt an. In Omar Saids Gesicht hingegen las er blanken Hass und erwartete, jeden Augenblick als »Bullenschwein« oder mit Schlimmerem beschimpft zu werden. Aber dann nickte Said und starrte vor sich in den Raum.
»So viel zu dem gerechten dänischen Gesundheitssystem. Aber ich stimme zu. Fragen Sie mich, und ich gebe Ihnen die Antworten, die ich habe.«
»Wer hat den Plan entworfen, im Solarium und im Auto eine Bombe zu platzieren?«
Said fühlte sich alles andere als wohl, antwortete aber, ohne jedoch Wagner dabei anzusehen.
»Das kann ich nicht beantworten, aber ich kann Ihnen etwas anderes sagen. Der Auftraggeber hat sich an uns gewandt, aber ich kann Ihnen den Namen nicht sagen. Ein Däne. Früher Junkie, jetzt aber clean. Er war auf Entzug, jetzt hat er ein Projekt – aber fragen Sie mich nicht, was für eins. Ihm fehlte das nötige Geld für das Projekt und noch etwas anderes.«
»Drogen?«, riet Wagner.
Said schüttelte den Kopf.
»Waffen«, schlug Ivar K vor.
Said nickte.
»Waffen. Deshalb hat er uns die Informationen verkauft. Er wusste natürlich, dass wir mit den Rockern im Krieg sind. Und uns gab er dafür die Information, dass sie in diesem Solarium ihr Drogengeld waschen.«
»Und Francesca Olsen?«, fragte Wagner.
Said drehte sich um und senkte seine Rückenlehne, damit er sich zurücklegen und den Blick an die Decke richten konnte, als wäre er allein im Raum.
»Er wusste, dass wir sie nicht als Bürgermeisterin haben wollen und großes Interesse daran haben, ihr so viel Angst einzujagen, damit sie sich zurückzieht. Er hatte Informationen über sie, die wir an die Presse weiterverkauft haben. Ich glaube, er kennt sie ziemlich gut.«
»An die NyhedsPosten?«, fragte Ivar K. »An diesen Idioten Jimmi Brandt?«
Omar Said nickte.
»Wir haben ihm die Sachen häppchenweise serviert.«
»Was ist mit dem Timing? Warum sollte die Explosion ausgerechnet an diesem Tag zu dieser Uhrzeit stattfinden?«
»Er hatte uns die Information gegeben, wann Francesca Olsen sich in Kopenhagen aufhalten würde. Dann sagte er, dass wir noch einen Nebengewinn einkassieren und eine bestimmte Journalistin plattmachen könnten, die sich im Solarium aufhalten würde. Sie hatte uns schon lange genervt. Er hatte auf Facebook gesehen, dass sie …«
Wagner spürte, wie sein Puls sich erhöhte. Tatsächlich tauchte Dicte Svendsen im Bild auf, genau wie Lena Lund es vermutet hatte.
»War er allein?«
Said schüttelte den Kopf.
»Er hatte eine Frau dabei.«
»Können Sie die beschreiben?«
Omar Said beschrieb eine Frau mit langen blonden Haaren, einem ovalen Gesicht und hellblauen Augen.
Wagner sah zu Ivar K, der kaum erkennbar den Kopf schüttelte. Die Beschreibung sagte ihnen beiden nichts, trotzdem machte Wagners Herz wilde Sprünge. Etwas in ihm sagte, dass sie sich der Wahrheit um den Sohlenabdruck näherten.
Erneut wurde er vom Klingeln seines Handys unterbrochen. Auf dem Display erkannte er, dass es Lena Lund war, und ging hinaus auf den Gang.
»Wo sind Sie?«
»Im Krankenhaus von Skejby«, antwortete sie und präsentierte ihm die dritte Überraschung an diesem Tag.
»Sie wissen doch bestimmt, dass Peter Boutrup hier behandelt wurde?«
Er nickte. Selbstverständlich wusste er das. Boutrup hatte ein Nierenleiden gehabt und die Niere eines Hirntoten transplantiert bekommen.
»Ich habe mich ein bisschen umgehört, so ganz inoffiziell, und habe mich mit einer sehr netten und auskunftswilligen Krankenschwester unterhalten. Es steht fest, dass sie mehrmals hier war, um ihn zu besuchen.«
»Wer?«
Während er die Frage stellte, wusste er bereits die Antwort, und die möglichen Konsequenzen prasselten auf ihn ein, bevor Lena Lund sagte: »Dicte Svendsen. Das bestätigt, was ich die ganze Zeit gesagt habe. Sie kennt ihn und ist somit eindeutig in den Fall involviert.«
Wagner konnte förmlich vor sich sehen, wie ihre Faust siegessicher Löcher in die Luft stieß. Er fühlte sich wie die Frau vom Fischer. Drei Überraschungen. Drei erfüllte Wünsche. Auf den letzten hätte er gern verzichtet.