»Ich habe mich geirrt.«
Gormsen öffnete den Reißverschluss des Leichensacks. Der Anblick der irdischen Überreste von Adda Boel versetzte Wagners Magen in Aufruhr. Ihr Körper war nach der Entnahme der inneren Organe mit der typischen Y-Naht wieder verschlossen worden. Lena Lund, die neben ihm stand, starrte die Leiche an. Ihre Atemzüge waren ruhig und gleichmäßig, sie stand stumm wie eine Mauer im Obduktionssaal. Nur kleine Schluckbewegungen deuteten darauf hin, dass sie überhaupt eine Regung zeigte.
»Ich habe das Sekret, das wir ihrer Vagina entnommen haben, mikroskopisch untersuchen lassen, und es hat sich eindeutig ergeben, dass es sich um Reste von Sperma handelt. Das Material habe ich für eine DNA-Analyse nach Kopenhagen geschickt, auf das Ergebnis warten wir noch.«
»Vergewaltigung?«
Nicht nur Lena Lunds Stimme hatte eine unerbittliche Härte, ihre Körpersprache signalisierte dasselbe. Gormsen zuckte mit den Schultern, ohne dass diese Geste gleichgültig gewirkt hätte.
»Mit solchen Schlussfolgerungen muss man vorsichtig sein, auch die Annahme von freiwilligem Verkehr ist vorstellbar.«
Lena Lund kniff die Augen zusammen.
»Freiwillig! Sehen Sie sich die Frau doch mal an! Kann man sich unter diesen Umständen einen freiwilligen Geschlechtsverkehr vorstellen? Sie war todkrank und abhängig von einer Sauerstoffflasche!«
Erneut streifte Wagner der Wunschgedanke, dass dieses Opfer hoffentlich den süßen Geschmack von Liebe und Nähe in seinem Leben hatte erfahren dürfen, bevor es hatte sterben müssen. Aber er behielt ihn für sich. Auch Gormsen kommentierte Lunds Aussage nicht, sondern sagte stattdessen: »Da ist noch was, was ich euch zeigen wollte.«
Er ging zu einem Tisch, und die beiden folgten ihm. Auf der Tischplatte lag ein Stapel Fotos.
»Das sind Aufnahmen von ihren Organen«, sagte er. »Wir haben kein Kohlenmonoxid in ihrem Blut gefunden, und wie ihr wisst, haben wir auch bei der Obduktion weder Rußpartikel noch Blutungen in ihrer Lunge entdeckt. Auch nicht mikroskopisch.«
Gormsen sprach, wie es seine Art war, als würde er die Leiche mit ins Gespräch einbeziehen.
»Zuerst habe ich das nicht als ein wichtiges Indiz betrachtet. Bei Explosionen oder explosionsartigen Bränden kommt es durchaus vor, dass wir kein Kohlenmonoxid im Blut finden. Aber seht euch das hier mal an.«
Er nahm ein Stahllineal von der Wand mit den Werkzeugen und ging zurück zur Leiche auf dem Untersuchungstisch.
»Ich habe es auch zuerst gar nicht gesehen. Das heißt, ich war mir sicher, dass die Spuren von der Explosion herrührten. Als ich aber die mikroskopische Analyse bekam, habe ich mich entschlossen, die Leiche ein zweites Mal zu untersuchen. Ich hatte das komische Gefühl, irgendetwas in dieser Region hier übersehen zu haben.«
Er zeigte mit dem Lineal auf den sehr beschädigten Bereich am Hals. Dann legte er das Lineal auf den Körper, quer übers Brustbein.
»Hier, könnt ihr das sehen? Minimale Blutungen der Haut. Und da. Wie sieht das aus?«
Die Frage war rhetorisch. Jetzt, da sie darauf vorbereitet waren, lag die Antwort auf der Hand.
»Halbmonde«, sagte Lena Lund.
»Halbmonde«, bestätigte Paul Gormsen. »Und das da?«
Er zeigte auf eine andere Stelle und gab gleich selbst die Antwort.
»Einblutungen in die Haut.«
Er hob den Kopf. »Das hat mich stutzig gemacht, also habe ich die Halsorgane, so gut es ging, einer neuen Untersuchung unterzogen.«
Wagner wünschte sich, Gormsens Worte am liebsten nicht gehört zu haben. Halbmonde am Hals, Einblutungen. Er wusste, was kommen würde, und fürchtete sich davor.
Gormsen blätterte durch den Fotostapel.
»Es ist schwer, es ganz genau zu sagen.«
Er zeigte mit der Linealspitze auf eine Abbildung.
»Der Kehlkopf und das Zungenbein sind so zerstört, dass man darüber keine Aussage mehr treffen kann. Ein Glück für den Täter, der ihr die Halbmondspuren mit den Nägeln zugefügt hat. Die Blutungen an Zungenwurzel und in den Schleimhäuten der Augen können nämlich auch von einem Würgegriff um den Hals stammen.«
»Erwürgt«, stellte Lena Lund kalt fest. »Dieser Satan hat sie erst vergewaltigt und dann erwürgt.«
Wagner konnte ihr nicht widersprechen. Ihr Hass, der sich ganz offensichtlich nicht nur gegen den Täter, sondern gegen alle Männer richtete, senkte sich wie ein zäher, undurchdringlicher Nebel über den Raum.
»So könnte es gewesen sein«, sagte Gormsen vorsichtig. »Zumindest in Hinblick auf Letzteres.«
»Männer! Der sollte an einem Baum aufgeknüpft werden und ihn abgeschnitten bekommen«, zischte Lena Lund.
Wagner spürte, dass sie ihre Wut stellvertretend für das gesamte männliche Geschlecht abbekamen. Er fühlte sich nicht wohl, und auch Gormsen sah nicht gerade begeistert aus.
»Dieser Fall ist kompliziert wegen der Verletzungen und aufgrund der Lungenerkrankung des Opfers, die eine Zustandsbeschreibung ihrer Lungen quasi unmöglich machten«, sagte der Rechtsmediziner. »Aber meiner Meinung nach gibt es keinen Zweifel.«
»Sie starb also nicht durch die Explosion«, fasste Wagner behutsam zusammen.
Gormsen nickte:
»Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits tot. Und zwar schon seit einiger Zeit, vielleicht einen Tag.«