Francesca wachte davon auf, dass der Mann neben ihr im Bett ihre Beine auseinanderdrückte und in sie eindrang. Nicht brutal, aber auch nicht vorsichtig und entschuldigend. Selbstverständlich bin ich bereit, dachte sie, als der Rhythmus einsetzte und die Invasion sie feucht werden ließ und somit Reaktionen in ihrem Körper hervorlockte, die ihr Kopf am Abend zuvor verweigert hatte. Die Wärme in ihrem Schoß breitete sich in Arme und Beine aus, und sie empfing mit Genuss, während Jesus Christus am Kreuz von der gegenüberliegenden Wand zusah.
Vielleicht war ihr Liebhaber an diesem Morgen etwas behutsamer als sonst, das ließ sich nur schwer sagen. Er wusste zwar, dass sie der Einbruch und die Autobombe im Parkhaus mitgenommen hatten, aber er ahnte nicht, wie schlecht es ihr ging. Sie hatte ihn zu sich gerufen, obwohl sie wusste, wie riskant es war, und er war wie immer erst nach Einbruch der Dunkelheit zu ihr gekommen. Sein Fahrrad hatte er in ihre Garage gestellt. In einer Stunde, wenn die Nachbarn zur Arbeit gefahren waren und die Straße menschenleer war, würde er ihr Haus wieder verlassen, hoffentlich ohne gesehen zu werden. So wollte sie es haben, und so hatte es sich einrichten lassen. So hatten sie es in den vergangenen elf Monaten gehandhabt, seit sie sich kannten.
Eine halbe Stunde später stand er auf und brachte ihr das Frühstück ans Bett. Sie lauschte den Geräuschen in der Küche und wünschte sich einen kurzen Augenblick lang, dass sie ein ganz normales Paar wären mit ganz normalen Jobs und einer ganz normalen Liebesbeziehung, die im Internet entstanden war. Dort, wo so viele ihre Partner fanden. Aber so war es nun einmal nicht, sie schob die Illusion beiseite und ließ Früchte, Müsli und Kaffee den Magen füllen. An ihrem Verhältnis zu Asbjørn war nichts normal, was für ein Glück. Die Frage war nicht, wie viel die Beziehung aushielt, sondern wie viel sie selbst ertragen konnte.
Sie nahm einen Schluck Kaffee, stellte den Becher auf das Tablett und fühlte sich etwas gestärkter als noch wenige Minuten zuvor.
»Vielen Dank.«
»Ach, doch da nicht für. Du bist doch meine schöne Frau.« Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob er das wirklich ernst meinte. Was sie da direkt nach dem Einbruch in ihrem Spiegelbild gesehen hatte, hatte mit Schönheit nicht mehr so viel zu tun. Die Haare waren früher schwarz und glänzend gewesen, sie hatte eine Wespentaille gehabt und straffe Haut. Man sah zwar noch deutlich Anzeichen vergangener Vorzüge, und dank des regelmäßigen Trainings hatte sie ihren Körper unter Kontrolle, was ihr sehr viel bedeutete. Aber es wäre gelogen, wenn sie nicht zugeben würde, dass die Zeit ihre Spuren hinterlassen hatte. Er sagte ihr oft, dass er die Zeichen der Jahre in ihrem Gesicht und an ihrem Körper liebte. Er zeigte es ihr auch, und meistens glaubte sie ihm.
»Und du bist mein blonder Prinz«, sagte sie und liebkoste seine Wange und seinen Hals. Er saß nackt auf der Bettdecke. An den Stellen, an denen ihr Körper muskulös, aber von der Zeit gezeichnet war, war seiner stark, fest und voller Energie.
»Du könntest mein Sohn sein, caro«, sagte sie nicht zum ersten Mal und hörte den traurigen Klang in ihrer Stimme. Die Ereignisse der letzten Tage hatten sie verletzlich gemacht, was sich immer auf ihre Stimme niederschlug, die jetzt klang wie ein überspanntes Cello, obwohl sie eigentlich neckend und hell klingen sollte.
Er nahm ihr das Tablett ab und legte seinen Kopf in ihren Schoß, küsste ihren Bauch und sog genüsslich den Geruch ein, den der Sex hinterlassen hatte.
»Aber das bin ich nicht. Ich bin dein Geliebter, der dich anbetet, aber du willst dich nicht zu mir bekennen.«
Sie strich ihm übers Haar. Die reale Welt stand vor der Tür und klopfte an, nachdem sie am vergangenen Wochenende buchstäblich den Stecker rausgezogen, eine kleine Tasche gepackt und bei ihm eingezogen war, verborgen unter einem großen Schal, Sonnenbrille und einem langen Mantel. Zwei Tage hintereinander hatte sie keinen Schritt vor die Tür getan, um die Gedanken zu sortieren und die wenigen Kräfte zu mobilisieren, die sie in sich finden konnte. Zurück in ihren eigenen vier Wänden und im eigenen Bett stellte sie dankbar fest, dass sich das bekannte Gefühl von Stärke und Entschlossenheit wieder meldete. Es gab so viel zu erledigen. Allem voran stand gleich das Interview mit Dicte Svendsen, das schon vor zwei Tagen hatte stattfinden sollen.
»Du bist erst fünfundzwanzig. Ich bin Stadträtin und Bürgermeisterkandidatin in der zweitgrößten Stadt Dänemarks.«
»Und außerdem zwanzig Jahre älter«, ahmte er ihre Stimme nach.
»Stimmt genau, zwanzig Jahre älter und sehr beschäftigt!«
Sie schubste ihn vorsichtig beiseite und stand auf. Heute wollte sie keine Liebe, das hinderte sie nur an der Arbeit, war ein Klotz am Bein. Es schmerzte sie, als sie seinen verletzten Blick sah, aber es nützte nichts.
»Du solltest jetzt lieber gehen, caro.«
Er blieb einen Augenblick liegen und starrte an die Wand, wo Jesus mit der Dornenkrone und seinem geschundenen Körper hing.
»Ich weiß, dass ich das schon einmal gefragt habe, aber warum hängt er da eigentlich?«
»Das ist ein Erbstück. Von meiner Großmutter. Und sie hat es von ihrer Mutter bekommen, es ist also eine Antiquität. Ist es nicht hübsch?«
Sie betrachtete den versehrten und blutigen Körper am Kreuz. Zwar konnte sie das Asbjørn nicht anvertrauen, aber er erinnerte sie auch an die Schläge, die sie am eigenen Leib erfahren hatte. Nie wieder, sang es in ihrem Kopf. Nie wieder würde sie jemand so erniedrigen dürfen. Sie hatte alles unter Kontrolle. Alles. Immer.
Sie wühlte in der Schublade nach einem sauberen Slip.
»Und warum noch?«
»Wie meinst du das?«
»Bist du religiös?«
Sie seufzte. »Du weißt doch, dass ich Katholikin bin. Und das ist keine Krankheit.«
Er drehte sich auf den Bauch und grinste sie an. Ein Lächeln voll frecher und unausgesprochener Gedanken.
»Aber ist das, was wir hier machen, denn keine Sünde?«
Es kribbelte am ganzen Körper. Wie eine Armada aus lauter kleinen Nadelstichen auf der Haut.
»Vielleicht.«
Er stand auf, stellte sich vor sie und wippte mit den Füßen auf und ab. Er war so perfekt, dass es ihr fast den Atem verschlug. Sein Körper war ein harmonisches Ganzes, ein Kunstwerk. Seine Muskeln, die Glieder und der Torso waren eines Michelangelos würdig, und sein Gesichtsschnitt besaß jenen markanten Ausdruck, den sie an Männern besonders mochte. Mit zunehmendem Alter würde es an Kontur noch gewinnen, jede Pore seines Körpers verhieß noch mehr Schönheit und Stärke.
»Es macht aber Spaß zu sündigen, oder?«
Während er das sagte, begann sein Schwanz zu zucken. Sie bemerkte es, aber wollte nicht hinsehen, denn das würde fatal sein.
»So, geh jetzt. Ich habe zu tun.«
Sie wedelte abwehrend mit der Hand, aber es war schon zu spät. Sein Schwanz war hart und stand.
Er sah an sich herunter und lächelte.
»Ups!«
Sie hatte noch so viel zu erledigen. So vieles, dem sie Einhalt gebieten musste: Münder, denen absolute Verschwiegenheit abverlangt werden musste; Wahrheiten, die noch besser verschlossen werden mussten, als sie es ohnehin schon waren. Diese Aufgaben erschienen ihr riesengroß, und sie hatte überhaupt keine Zeit für solche Spielchen hier.
Sie kam einen Schritt näher, obwohl sie das eigentlich nicht wollte. Dann streckte sie eine Hand aus, packte seinen Schwanz und zog ihn zu sich.
»Nimm mich. Jetzt!«
Es gab keinen Raum für Triumph in seinem Blick, als er ihr gehorchte, nur Lust.
Etwas später, zehn Minuten vor dem Termin mit der Journalistin, stieg sie aus der Dusche und fühlte sich gestärkt. Sie verabschiedete ihn mit einem Kuss, und dabei schoss ihr durch den Kopf, dass er ihr Bollwerk war gegen das Böse und die Erinnerungen an die dunklen Jahre, die angerauscht kamen und ihr Inneres aus dem Gleichgewicht brachten. Sie konnte nicht auf ihn verzichten. Der bloße Gedanke an ihn würde sie durch den bevorstehenden Alptraum geleiten, und es würde ein Alptraum werden, daran zweifelte sie nicht. Sie würden ihr das alles vor die Füße werfen. War es das wert? Sie könnte doch genauso gut das Handtuch werfen, ihre Kandidatur zurückziehen und ihre Koffer packen?
Ja, vielleicht. Aber was für einen Sinn würde das alles haben? Womit sollte sie ihr Leben verbringen, wenn nicht mit dem Streben nach Macht. Nicht um der Macht willen, natürlich, sondern um der Bürger willen, für die Schwachen, die sich nicht selbst verteidigen können. So wie es ihr selbst ergangen war. Was für eine schöne Vorstellung, die Tyrannen der Strafe zuzuführen, die sie verdienten. Das war ein Traum, der sie tags und nachts begleitete.
Sie machte das Bett, bohrte die Nase in die Bettwäsche und sog den Duft ihrer Körper ein, spürte dabei die Augen Jesu in ihrem Nacken. Dann wählte sie mit Sorgfalt ihre Garderobe und fühlte sich gewappnet.