KAPITEL 44

Die wöchentliche Beilage »Krimizone« war Gegenstand der Krisensitzung in der Redaktion an diesem Morgen. Keiner hatte richtig Zeit, sich dafür Geschichten auszudenken. So war die Beilage kurz nach ihrer Lancierung schon zum Stiefkind der Redaktion geworden. Alle hatten genug damit zu tun, die Tageszeitung mit Stoff zu füllen.

»Okay, ich hab mir Folgendes überlegt«, sagte sie in die Runde, die sich am Couchtisch versammelt hatte. »Die Debatte um Prostitution wütet gerade in den Medien.« Sie nahm ihre Finger zu Hilfe und zählte auf: »Soll sie verboten werden? Sollen die Kunden kriminalisiert werden? Sind die Prostituierten unglücklich über die unersättliche Sexlust ihrer männlichen Kunden oder gibt es so etwas wie ›glückliche Huren‹?«

»Eine Themenbeilage?«, fragte Cecilie.

Dicte nahm einen Apfel aus der Schale. Inspiriert von den neuen Zeiten der Reinlichkeit hatte einer der Mitarbeiter wohl auch beschlossen, dass ab jetzt nur noch Gesundes auf den Tisch kam. Die Zeiten von Brötchen und Brownies waren Vergangenheit. Sie biss herzhaft in das Obst.

»Ja, genau. Zumindest gibt es viele verschiedene Perspektiven, aus denen man das betrachten kann. Wo befinden sich die Bordelle? Wie viele gibt es davon? Wie hoch ist der Prozentsatz ausländischer Frauen? Wie sieht es mit den Preisen aus? Was sagen die Nachbarn?«

Holger streckte sich und gähnte.

»Das ist doch eine Leichtigkeit. Da rufe ich einfach mal beim Statistischen Landesamt an.«

Cecilie stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Nein, aber jetzt mal ehrlich. Wie sollen wir diese Etablissements denn finden? Steht man da nicht vor verschlossenen Türen?«

Davidsen griff nach einer Banane und betrachtete sie, als hätte sie ihn beleidigt.

»Wenn die Türen so verschlossen wären, gäbe es ja keine Kunden! Es muss einen Weg geben, um das herauszufinden.«

Er schälte die Banane mit schnellen Bewegungen.

»Natürlich gibt es das.«

Holger ließ die Finger vom Obst und goss sich stattdessen einen Becher schwarzen Kaffee ein. »Wir Männer können uns ja ein bisschen umhören.«

Dicte musste innerlich schmunzeln. Sie waren dabei. Sie konnte ganz deutlich sehen, wie die Begeisterung wuchs, was an sich schon schwer genug war, weil die Journalisten nicht mehr das waren, was sie einmal waren. Vielleicht auch, weil die Zeitungen nicht mehr waren wie früher. Jetzt konnte sie auch den nächsten Schritt machen.

»Ich habe am Wochenende ein bisschen recherchiert.«

Sie holte die Liste mit den Bordellanschriften hervor und erzählte, dass sie diese Adressen zusammengestellt hatte, indem sie alle 0900-Nummern der Kontaktanzeigen in der Nyheds-Posten angerufen hatte.

»Aber die Liste ist noch nicht komplett. Ich habe zum Beispiel gehört, dass es in der Anholtsgade noch ein Bordell geben soll. Aber das steht noch nicht hier drin.«

Sie wedelte mit der Liste. Holger griff danach und betrachtete sie mit großem Interesse. Cecilie, seine Freundin, wirkte ziemlich nervös.

»Überlasst das ruhig mir«, sagte Holger, »ich werde schon was aufspüren, das das Statistische Landesamt ganz grün vor Neid werden lässt.«

»Man muss es mit der Recherche ja auch nicht übertreiben, oder? Apropos, wie geht es denn dem Cowboy drüben in der großen Stadt? Hat er seine Stiefel noch an?«

Da war eine Nuance in ihrem Tonfall, die Dicte ganz und gar nicht gefiel. Zu spät erkannte sie die Falle.

»Es wird ihm wohl schwerfallen, sie anzulassen, da der kleine Rotschopf von der Stiften auch mit von der Partie ist.«

In ihrem Kopf explodierte die Stille, dann hörte sie gar nichts mehr, als wäre sie taub geworden. Sie hoffte, dass man ihr die Erschütterung nicht ansah.

»Das läuft bestimmt super!«, sagte sie, während der bloße Gedanke daran in ihrem Kopf Bilder vom bösen Wolf und dem Rotkäppchen in den verschiedensten erotischen Stellungen erzeugte.

»Na ja, so wie man ihn kennt, hat er seinen Oswalt Kolle bestimmt nicht zu Hause gelassen«, kicherte Cecilie und warf Helle einen Blick zu, die wahrscheinlich auch schon ihre Begegnung mit dem ortsansässigen Cowboy gehabt hatte.

Dicte spürte, wie sie errötete, und in diesem Augenblick hasste sie Bo. Nicht nur dafür, was er in London anstellte – dafür auch –, sondern auch und vor allem dafür, dass er sie so unvorbereitet ins offene Messer hatte laufen lassen. Er kannte Cecilie und die anderen gut genug. Er wusste genau, dass sie jede Gelegenheit ergreifen würden, obwohl sie natürlich an der Oberfläche alle sehr gute Kollegen waren. Am liebsten wäre sie aufgestanden und gegangen, aber das wäre zu offensichtlich gewesen. Darum zwang sie sich, zu bleiben und sich auf das Einzige zu konzentrieren, was sie ungefähr so gefangen nahm wie die Gerüchte um Bo und Renate Guldberg.

»In Wagners Abteilung gibt es eine Neue. Lena Lund. Kennt die jemand von euch?«

Sie hatte das weiße Auto sofort bemerkt, das ihr von Zuhause bis in die Redaktion gefolgt war.

Sie sah zu Davidsen, der früher Chef der Kriminalredaktion gewesen war.

»Weißt du, woher sie kommt?«

»Ålborg, glaube ich.«

Er wiegte den Kopf hin und her.

»Aber ich kann ja mal ein paar Kollegen da oben befragen. Johannes Sjølin zum Beispiel von der Ålborg Stiftstidende. Wir haben damals zusammen beim Viborg Stifts Folkeblad ein Praktikum gemacht.«

»Okay.«

»Was ist denn mit ihr?«, wollte Holger wissen. »Ist sie etwa auch rothaarig?«

Dicte ignorierte die Spitze und warf das Apfelgehäuse in hohem Bogen in den Papierkorb. Zum Glück traf sie.

»Ich glaube, sie verfolgt mich.«

»Verfolgen? Meinst du im buchstäblichen oder eher im übertragenen Sinne?«

Holger hob die Augenbrauen weit über den Rand seiner neuen Brille, die ihn klüger aussehen ließ, als er tatsächlich war.

»Sowohl als auch.«

»Das ist doch bloße Schikane der Presse«, rief ein aufgebrachter Davidsen, der es liebte, Paragraphen zu reiten. »Das ist Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Wir sollten denen eine Klage auf den Hals hetzen.«

Dicte genoss einen kurzen Augenblick die Vorstellung, dass Lena Lund vor den Richter musste, verwarf diese Idee aber sofort wieder.

»Wir unternehmen vorläufig gar nichts in diese Richtung«, sagte sie. »Lasst uns lieber ein paar Informationen über sie zusammentragen. So ganz im Verborgenen.«

Mit vielsagender Miene wandte sie sich an Davidsen, der sich in seinem Stuhl aufrichtete.

»Du kannst dich getrost auf mich verlassen.«

 

Nachdem alle mit Aufgaben versorgt waren und sich an die Arbeit gemacht hatten, setzte sich Dicte an ihren Rechner und starrte auf den Bildschirm, während die soeben ertragene Kränkung Salz in die Wunde ihrer verletzten Seele rieb. Konnte das wahr sein? Hatte Bo deshalb so vage geantwortet, als sie ihn fragte, wer alles mit nach London fuhr?

Sie wusste genau, dass sie es auf sich bewenden lassen sollte, aber sie konnte es nicht. Also richtete sie eine Hot-Mail-Adresse ein und holte sich die E-Mail-Adresse von Renate Guldberg aus dem Netz. Sie schickte ihr eine Mail, in der sie sich als Leserin ausgab, die eine Frage an sie hätte. Sie habe vor kurzem als Kriminalreporterin für Stiften eine Geschichte über den gesuchten Peter Boutrup geschrieben, und sie wolle gerne wissen, ob es schon Neuigkeiten in dem Fall gebe. Kurz darauf erhielt sie die Abwesenheitsnotiz: ›Ich bin auf einer Fortbildung und werde erst am Montag, dem 8. Oktober, wieder in der Redaktion zu erreichen sein. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an meine Kollegin Ida Bjørnvig …‹

Dahinter folgte die E-Mail-Adresse der besagten Person. Dicte starrte lange auf die Antwortmail, bis sie sich schließlich überwinden konnte und sie wegklickte. Gleichzeitig meldete sich das Verlangen, das Glas mit den Tabletten zu öffnen. Wer blieb ihr denn, wenn Bo sie im Stich ließ? Rose war noch immer wütend auf sie. Anne hatte sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemeldet, und Ida Marie war verstimmt wegen ihrer Facebook-Beschuldigungen. Und Wagner? Der schickte eine andere Frau. Sie sah aus dem Fenster, und dort stand er: Lena Lunds strahlend weißer Opel.

Sie unterdrückte ihre Verärgerung und googelte im Netz die Adressen der beiden Schulen in Ry. Sie nahm ihre Tasche und ging pfeifend die Treppe hinunter, allerdings nicht auf den Parkplatz, sondern durch den Hinterausgang auf den Telefontorvet. Auf dem Weg zum Bahnhof sah sie sich immer wieder um, aber weit und breit war keine Lena Lund zu sehen.

Vom Bahnhof in Ry nahm sie ein Taxi und fuhr zur ersten Adresse, zur Knudssøskole. Sie meldete sich beim Direktor an und erzählte, sie sei auf der Suche nach einer alten Klassenkameradin ihrer Tochter, Laila. Ob sie eventuell im Archiv die Listen der ehemaligen Schüler einsehen dürfe. Der Schulleiter zeigte sich sehr entgegenkommend, und sie wurde in die Bibliothek geführt, wo eine Abteilung der Schulchronik vorbehalten war.

»Einiges von den alten Unterlagen ist leider noch nicht digitalisiert«, erklärte er und ließ sie in aller Ruhe den Stapel mit Schülerlisten und alten Fotos durchsehen, die bis in die Fünfzigerjahre reichten.

Nach einer Weile des Blätterns gab sie auf, bedankte sich freundlich und nahm ein Taxi zur zweiten Adresse, der Mølleskole, an die sie sich von ihrem ersten Besuch in Ry erinnerte. Die Schule lag am Skanderborgvej, mitten an der Hauptstraße und ganz in der Nähe des Cafés Ambolten. Vor dem Gebäude befand sich eine Bushaltestelle.

War ihr Sohn auf diese Schule gegangen? Dann hatte es in Ry auch ein Kinderheim gegeben. Vielleicht gab es das immer noch, sie musste es unbedingt überprüfen.

Die Direktorin Pia Tandrup war ebenfalls freundlich, aber sie hatte es sehr eilig und fragte Dicte, ob es für sie in Ordnung sei, wenn sie im Archiv eingeschlossen werden würde. Sie könne jederzeit anrufen, wenn sie Hilfe benötige.

»Aber natürlich, kein Problem, vielen Dank.«

Sie setzte sich mit dem Stapel an einen Tisch am Fenster, mit Blick auf den Schulhof, der verlassen und trist aussah. Ihr Sohn war 1978 zur Welt gekommen. Also konnte sie davon ausgehen, dass er als Sechs- oder Siebenjähriger eingeschult worden war, im Jahr 1985. Sie blätterte durch die Listen, fand die entsprechende und überflog die Namen, bis sie auf einen ersten Hinweis stieß: Laila Bak. In Lailas Klasse gab es keinen Peter, also versuchte sie es in der Parallelklasse 1 B. Bingo! Peter A. Boutrup stand da. Fieberhaft durchsuchte sie den Stapel mit den Klassenfotos, während sich in ihrem Kopf die Fragen türmten. Wie hatte er als kleiner Junge ausgesehen? Wem ähnelte er? Wie war er als Siebenjähriger?

Mølleskole, 1B, 1985 stand auf dem Foto, das die ganze Klasse auf dem Schulhof aufgestellt zeigte. In der ersten Reihe hockten die Kinder, die Mädchen mit breitem Lächeln und schönen Frisuren, die Jungen sahen aus, als würden sie lieber auf dem Bolzplatz sein, als dort stillzustehen. Sie fand ihn in der letzten Reihe, ganz links am Rand. Ihre Handflächen wurden feucht. Er blickte direkt in die Kamera, aber dennoch sah es so aus, als würde er durch den Betrachter hindurchsehen. Er war unverkennbar und doch auch wieder nicht. Ein Junge mit blondem, fast weißem Haar und einem viereckigen, blassen Gesicht. In seinen Augen waren Ablehnung und Distanz zu lesen.

Lange saß sie so und betrachtete ihn. Was war in seinem Kopf damals nur vor sich gegangen?

Endlich konnte sie den Blick lösen, um auch die anderen Klassenkameraden genauer zu studieren, einen nach dem anderen. Am Ende blieb ihr Blick an einem aufgeschossenen Jungen hängen, der neben ihrem Sohn stand und ihm nonchalant den Ellenbogen auf die Schulter gelegt hatte. Ein langes, schmales Gesicht, schmale Schultern, dunkle Augen. Sein Name stand unter der Aufnahme: Cato Nielsen. Irgendwie kam er ihr bekannt vor.