Verdammtes Regal. Einen Moment lang dachte er, dass die Bullen nach oben stürmen würden, um ihn wieder hinter Gitter zu stecken. Allein der Gedanke daran ließ ihn erstarren.
Peter Boutrup hörte die Stimmen im Wohnzimmer. Jedes einzelne Wort drang durch die Dielen. Er fühlte sich gefangen. Rettungslos verloren, gefesselt und geknebelt von ihren verdammten guten Absichten. Warum konnten sie ihn nicht einfach gehenlassen? Warum sollte er dort sitzen bleiben, wie ein gefangenes Tier?
Gute Absichten waren ihm in seinem Leben oft genug begegnet. Und sie hatten meist nur die schlimmsten Handlungen mit einer bunten Borte versehen. Sein Leben war gepflastert von guten Absichten.
Vorsichtig hob er das Regal auf. Es war umgefallen, als er sich ein Buch hatte herausnehmen wollen. Es schien, als stünde in diesem Haus nicht viel auf stabilem Fundament. Das passte sehr gut zu dieser Situation, die kein bisschen stabil und sicher war.
Er rollte sich aufs Bett und sah aus den großen Fenstern über den Balkon nach Westen. Geboten wurde ihm eine Aussicht auf eine kleine, idyllische Ortschaft: eine Kirche, ein weißes Nachbarhaus mit gehisster Flagge. Diese verdammte dänische Idylle. Theoretisch könnte er einfach die Tür öffnen, seinen Rucksack vom Balkon werfen und hinterherspringen. Theoretisch könnte er jederzeit abhauen und sich von ihren klammernden Bemühungen befreien, ihn retten zu wollen.
Er starrte aus dem Fenster und versuchte, die Lust und den Mut dazu in sich aufzuspüren. Aber die Müdigkeit war stärker. Er war dabei, sich aufzugeben, das spürte er, aber da war noch ein anderes Gefühl, und er zermarterte sich sein Gehirn, um es beschreiben zu können, während sein Blick über die gepflegten Gärten der Ortschaft glitt. Kletterrosen. Strohdächer. So wenig dynamisch wie stehendes Gewässer, nein, vielen Dank, da zog er doch lieber einen rauschenden Bach vor oder einen eiskalten See mit Geheimnissen auf seinem tiefen Grund. Oder noch besser: den weiten Blick auf ein raues Meer von einer Klippe aus.
Die Sehnsucht raubte ihm fast den Atem. Thor. Die Klippen. Sein Haus am Meer. Eines Tages würde er dorthin zurückkehren, das wusste er. Eines Tages würde er selbst über sein Leben bestimmen dürfen.
Er lauschte. Die Stimmen kamen jetzt aus dem Flur. Die Eingangstür wurde geöffnet. Gingen sie wieder weg? Tatsächlich, sie hauten ab.
Erleichterung breitete sich in ihm aus, er fühlte sich, als würde er schweben. Da wurde ihm klar, wie nervös er gewesen sein musste. Außerdem wurde ihm bewusst, dass jemand anderes ein hohes Risiko eingegangen war, um ihn zu schützen, und dass sie das ihm zuliebe getan hatte.
Aber das hasste er. Dankbarkeit schulden. Das hatte er im Gefängnis zu oft erleben müssen, wo jeder jedem etwas schuldete. Aber war das hier nicht doch anders?
Er wog das Für und Wider ab, während sein Körper, jeder Muskel, jede Sehne von einer Müdigkeit befallen wurden, die ihn ganz schwer machte.
Er hatte vorgehabt, es ganz allein zu machen, niemanden zu involvieren und schon gar nicht sie, seine Mutter. Allerdings hatte sie sich eingemischt. Sie hatte sich ihm zwar aufgedrängt, aber sie hatte ihm zuliebe auch einiges riskiert. Mit ruhiger und eiskalter Stimme hatte sie ihnen gesagt, dass sie mit einem richterlichen Beschluss wiederkommen müssten, bevor sie ihr Haus durchsuchen durften.
Er drehte den Kopf von dem Kletterrosenidyll vor dem Fenster weg. Dann übernahm das System, das ihn schon so oft gerettet hatte. Er begann zu zählen: die Holzplanken an der Decke; die Astlöcher in den unbehandelten Balken; die Lamellen der Gardine; die Bücher im Regal. Sie sind im Haus; Vater, Mutter und Kind. Sie sitzen in der Küche und spielen ein Spiel. Sie lachen und necken sich. Familie …
Er blieb stecken. Dann musste er an My denken und sah sie am Baum hängen, hasste sich für seine Sturheit. Da hörte er Miriams Stimme: Man tut, was man tut. Und das hat man nicht immer allein in der Hand.
Er war es so leid, wütend zu sein. Er war es leid, anderen die Schuld für sein erbärmliches Leben zu geben. Niemand hatte versprochen, dass es gerecht zuging in der Welt, und vielleicht hatte seine Mutter damals tatsächlich keine Wahl gehabt.
Miriams Stimme meldete sich ein zweites Mal zu Wort, obwohl er das nicht wollte: Man kann so vieles vergessen. Man kann vergessen, wie spät es ist, und man kann vergessen, zu essen und auf sich achtzugeben. Aber ein Kind, das vergisst man nie.