Schweigsam saß Rose im Auto, als sie sich am Montagmorgen auf den Weg zum Bahnhof machten. So war sie gewesen, seit sie am Samstagnachmittag von ihrer Expedition nach Hause gekommen war, bei der sie laut Bo in Ry gewesen war. Am Abend war sie auf die Party gegangen und erst am Sonntagvormittag zum Frühstück wieder erschienen. Und zwar so einsilbig und verschlossen, dass sich nur Svendsen ihr hatte nähern können.
Dicte schielte zu dem Mädchen auf dem Beifahrersitz. Sie fand, sie hatte ihr Bestes gegeben. Sie hatte Roses Klamotten gewaschen, hinter ihr aufgeräumt: Süßigkeitenverpackungen auf dem Couchtisch, Hundeleckerlies im Sessel, überall verstreute Bücher und Zeitschriften. Und sie hatte Staub gesaugt, weil Rose mit ihren Stiefeln Sand und Erde auf dem Teppich im Wohnzimmer verteilt hatte. Dabei hatte sie sich die ganze Zeit gefragt, warum ihre Tochter nicht mehr wie früher ihren Teller in die Spülmaschine stellte oder aus Eigeninitiative die Blumen goss, so wie sie es sonst immer getan hatte. Rose war verschwunden. Peter Boutrup hatte sie ihr weggenommen, zumindest fühlte es sich so an. Wie eine Verschwörung, um sie nicht nur von dem einen, sondern gleich von beiden Menschen zu entfremden, die sie auf die Welt gebracht hatten.
Dicte bog auf den Randersvej, fuhr die Nørrebrogade hinunter und bereute es sofort, dass sie nicht die Abkürzung über die Seitenstraßen genommen hatte. Die Bauarbeiten am Hafen dauerten schon den ganzen Sommer über an und zogen sich bis in den Herbst, was Staus und ungeduldige Autofahrer zur Folge hatte. Da herrschte Chaos. Die großen Kastanien entlang den Einfallstraßen waren auf der einen Seite gefällt, die Autos strömten zu den Stoßzeiten ins Zentrum der Stadt, und die Beschilderung war so schlecht, dass man sich fühlte wie in einem Autoscooter ohne Steuer und Ziel.
»Ich komme zu spät«, maulte Rose, als sie für die Dauer der Nachrichten und eines langen Songs im Stau gestanden hatten, ohne auch nur einen Zentimeter vorwärtsgekommen zu sein.
»Wir hätten den anderen Weg nehmen sollen.«
»Ja, hinterher kann man immer klugscheißen.«
»Ich hätte auch in Kopenhagen bleiben können.«
Dicte sah sie an.
»Und warum hast du es dann nicht getan?«
»Ach, hast du vielleicht die Nase voll davon, dass ich euch besuchen komme?«
Die Autos vor ihnen begannen sich wieder in Bewegung zu setzen. Dicte gab zu viel Gas und musste schon nach wenigen Metern wieder hart bremsen.
»Na ja, viel haben wir nicht von dir gehabt.«
Sie wusste es eigentlich besser. Es lohnte sich nicht, sich mit seinen Kindern anzulegen und dann als Märtyrerin abgestempelt zu werden. Sie wusste es genau, ignorierte aber in diesem Moment ihren eigenen guten Rat.
»Warum bist du bloß so stinkig? Du bist schon das ganze Wochenende so sauer«, sagte Rose.
War sie das wirklich? Vielleicht hätte sie sich nur gewünscht, eine andere Funktion als die einer Hotelangestellten und Waschfrau zugewiesen zu bekommen. Vielleicht hätte sie sich ein bisschen mehr Vertrautheit von Seiten ihrer erwachsenen Tochter gewünscht. Denn das war sie ja. Kein Teenager mehr, sondern erwachsen und unabhängig. Und eigenständig.
Dicte hielt das Steuer fest umklammert. Sie musste nur an die Ratgeberseiten in den einschlägigen Frauenzeitschriften denken, um zu wissen, was sie alles falsch gemacht hatte. Man sollte nicht versuchen, die beste Freundin seiner Tochter zu sein, würde dort stehen. Man sollte sie weder in die eigenen Probleme einweihen noch von ihr Hilfe erwarten. Man sollte sie nicht bedrängen. Sie kannte das alles auswendig.
»Und was war? Habt ihr euch jetzt getroffen, oder ist er gar nicht erst aufgetaucht?«
Sie konnte förmlich sehen, wie die guten Ratschläge ihr den Mittelfinger zeigten und dann beleidigt aus dem offenen Fenster flogen. Rose schien zu überrascht zu sein, um gleich antworten zu können. Aber ihr Schweigen hatte nicht dieselbe Qualität wie zuvor. Es war so angespannt wie die Autofahrer um sie herum, die den Fuß auf dem Gaspedal hatten und nur auf den richtigen Augenblick warteten.
»Du solltest klüger sein, als darauf reinzufallen. Er macht das nur, um mich zu verletzen. Und dich benutzt er dafür.«
Rose hatte Munition gesammelt.
»Wie kommst du eigentlich drauf, dass sich alles immer nur um dich dreht?«
»Das habe ich doch gar nicht gesagt …«
»Das ist genau das, was du sagst. Hör dir doch mal selbst zu.«
Die letzten Worte murmelte sie.
»Er hatte eine Rechnung offen, und er wusste, dass ich an diesem Tag ins Solarium gehen wollte.«
»Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass er dich umbringen wollte?« Rose sah aufrichtig erstaunt aus. »Warum sollte er das tun? So wichtig bist du nicht für ihn.«
»Das heißt, ihr habt euch also getroffen?«
Rose schüttelte den Kopf.
»Du bist verdammt noch mal unbezahlbar.«
Genau diese Worte hatte auch ihr Sohn benutzt, als sie sich das erste Mal begegnet waren. Unbezahlbar. Ihre Kinder rotteten sich gegen sie zusammen. Rose begriff den Ernst der Lage überhaupt nicht, sondern sah das alles nur vor dem Hintergrund ihres verletzten Schwesterherzens und der Tatsache, dass ihre Mutter sie beschützen wollte.
»Du willst immer alles unter Kontrolle haben«, sagte Rose gegen die Windschutzscheibe gewandt. »Du liebst es, alles unter Kontrolle zu haben. Niemand darf irgendetwas machen, ohne dass du davon weißt und einen Artikel darüber schreiben kannst. Aber wir sind erwachsen, Mama. Ich bin erwachsen. Und es ist meine Angelegenheit. Los, fahr jetzt weiter!«
Der Verkehr vor ihnen hatte sich tatsächlich gelichtet, und Dicte wollte gerade Gas geben, als der Fahrer hinter ihr hupte.
»Du ungeduldiger Idiot.«
Mit Absicht trat sie auf die Bremse. Der Mann hupte erneut, was nur dazu führte, dass sie noch wütender wurde.
»Er hasst mich. Und er versucht, dich gegen mich zu instrumentalisieren, siehst du das nicht? Du bist überhaupt nicht wiederzuerkennen.«
»Und das sagt meine Mutter, die seit Monaten vollgepumpt mit Tabletten wie ein Zombie rumläuft.«
Das war wie ein Schlag in die Magengrube.
»’tschuldige. Das hätt ich nicht sagen sollen.«
»Nein.«
Aber es nützte nichts. Was an diesem Wochenende geschehen war, musste sie selbst verarbeiten. Und vielleicht war es auch nur gerecht, vielleicht stimmte, was Rose gesagt hatte. Vielleicht war sie ein Kontrollfreak. Sie hoffte es nicht, aber natürlich bestand durchaus die Möglichkeit, dass sie alles um sich herum zerstörte mit ihrem unersättlichen Verlangen, zu wissen, was geschah und warum.
Der Stau löste sich ganz plötzlich auf, und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hielt sie am Bahnhof. Rose nahm ihre Tasche und sagte verhalten auf Wiedersehen.
»Ich melde mich«, sagte sie und knallte die Tür zu. Dicte wusste, was das bedeutete. Wie oft hatte sie im Laufe ihres Daseins als Journalistin diesen Satz gehört. Und wie oft hatte sie hinterher am Telefon gesessen und vergeblich gewartet.