Die beiden Hunde vertrugen sich gut. Das war mehr, als was man über die beiden Männer sagen konnte, stellte Dicte fest, etwa eine halbe Stunde nachdem sie zu Hause angekommen waren.
»Lass mich das zusammenfassen. Ihr habt also die Leiche des Mädchens, deiner Freundin, gefunden, an einem Baum aufgehängt. Ihr habt sie heruntergeholt, den Tatort verlassen und erst dann – anonym – die Polizei gerufen?«
Bo hatte seine milde Stimme aufgesetzt. Die einen in so viele Fallen locken konnte. Aber Peter B ließ sich nicht locken. Einen Augenblick zu lange bekämpften sich die beiden mit Blicken. Dann stieß ihr Sohn den Stuhl zurück und stand vom Tisch auf, als wäre der Umstand eines gemeinsamen Essens mit begleitendem Gespräch für ihn vollkommen unbekannt oder einfach nicht von Interesse. Er verhielt sich so, wie sein erster Eindruck es vermittelte: wie ein Einzelgänger, ein Einsiedler, den sie im Wald aufgesammelt hatte. Seine Kleidung war dreckig und übersät mit Blutflecken, die Lider waren gesenkt, die Finger benötigten dringend den Kontakt mit einer Nagelbürste.
Wortlos stampfte er übertrieben laut die Stufen zu Roses altem Kinderzimmer hoch, das sie notdürftig für ihn hergerichtet hatte. Nicht, dass seine Abwesenheit einen großen Unterschied machte. Seit sie von Svendsens Bellen und Bos skeptischer, aber schweigender Miene empfangen worden waren, hatte er nicht mehr als insgesamt zehn Wörter von sich gegeben.
Aber jetzt hatte Bo sein Schweigen gebrochen, sie konnte außerdem seine Gedanken lesen und hatte Schwierigkeiten, seinem Blick standzuhalten.
Er drehte seinen Hals in Richtung Treppe, die Boutrup soeben dröhnend hinaufgestiegen war.
»Na, das war dann wohl zu viel für unseren fröhlichen Naturburschen.«
»Hör auf, Bo.«
Er selbst sah alles andere als fröhlich aus.
»Aufhören! Ich habe gerade erst angefangen. Du schleppst ohne jede Vorwarnung einen flüchtigen Strafgefangenen mit nach Hause. Was erwartest du von mir? Dass ich den roten Teppich ausrolle und ein Dreigängemenü zubereite?«
»Das ist doch nur vorübergehend. Es kommt alles wieder in Ordnung.«
Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Sie hatte es nicht geschafft, ihn vorher anzurufen und darauf vorzubereiten. Er hatte sie zwar hintergangen mit dieser Renate Guldberg, aber deswegen verdiente er noch lange nicht, in eine Sache mit hineingezogen zu werden, die als »Strafvereitlung« bezeichnet werden konnte. Nicht ohne vorher informiert zu sein, worum es bei der ganzen Sache ging.
»Alles ist relativ«, sagte er. »Wie vorübergehend?«
Der Unterton in der Frage sagte etwas anderes, da sprach das Alphatier in ihm: Kannst du bestätigen, dass ich nach wie vor der Mann im Haus bin? Es irritierte sie, dass sie angesichts einer solchen Tragödie blöde Spielchen spielen sollte, darum wurde ihre Antwort ungewollt bissig.
»Unter Umständen so vorübergehend wie deine Erinnerungslücke über die Teilnehmerliste in London.«
Sie bereute es und versuchte es zu retten, bevor er darauf reagieren konnte.
»Du hast selbst gesagt, dass ich ihn finden soll. Du hast selbst gesagt, dass du in so einer Situation alles tun würdest, um deinem Sohn zu helfen.«
Bo nahm die Packung Rosinen, die auf dem Tisch lag.
»Ich meinte damit aber eigentlich nicht, einen Mord zu decken.«
»Ich decke keinen Mord. Ich habe bei der Polizei angerufen!«
Er hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und sich nach vorn gelehnt. Dort am Tisch hatten sie ein schnelles Abendbrot gegessen. Dicte hatte angenommen, dass Peter das am meisten brauchte. Essen, Schlaf und danach vielleicht ein Bad. Hatte gehofft, er würde dann ein bisschen mitteilsamer sein, aber eigentlich hatte sie große Zweifel. Er war so geübt darin, sich zu verschließen. Es schien für ihn unmöglich, jemandem zu vertrauen – und schon gar nicht ihr.
»Ich gehe davon aus, dass du einen Plan hast.«
Bo stopfte sich eine Handvoll Rosinen in den Mund. »Es wäre schön, wenn du mich einweihen würdest. Denn ich wohne auch hier.«
»Okay.«
Das war nur fair. Also erzählte sie alles. Sie füllte die Wissenslücken, die durch seinen Aufenthalt in London entstanden waren. Während sie sprach, überprüfte sie unablässig sein Gesicht nach Anzeichen dafür, dass er verstand, warum sie das getan hatte. Die Erkenntnis machte sie zwar wahnsinnig wütend, aber sie war von seiner Anerkennung so abhängig wie ein kleines Schulmädchen vom Lob ihres Lehrers. Sie hasste es, ihn in etwas Illegales mit hineinzuziehen, aber sie hatte keine Wahl.
»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn hier finden«, sagte sie. »Außerdem könnten Wagner oder diese Lena Lund jederzeit unangekündigt bei uns vor der Tür stehen.«
Sie wagte es, ihre Hand auf seine zu legen.
»Ich habe uns dadurch nur ein bisschen Zeit erkauft, das ist alles. Aber ich konnte ihn doch nicht einfach aufgeben lassen? Seine DNA wird auf Mys Körper zu finden sein. Und meine Zeugenaussage wird als mehr als fragwürdig gelten, weil ich seine Mutter bin.«
Bisher hatte er zumindest nicht die Hand weggezogen.
»Ehe wir uns versehen, ist er wegen Vergewaltigung und Doppelmord verurteilt. Das konnte ich nicht zulassen.«
Er sah aus, als würde er alles in Ruhe abwägen. Ganz langsam zog er seine Hand unter ihrer hervor und kratzte sich am Kinn.
»All das setzt allerdings voraus, dass er den Mund aufmacht.«
Sie nickte.
»Das wird schon noch kommen.«
Sie sagte es mit mehr Überzeugung in der Stimme als in ihrem Herzen. Wann würde es zu spät sein? Wann würden sie mit einem richterlichen Beschluss auftauchen und ihn mitnehmen? Wie groß war sein eigenes Interesse daran, als freier Mann aus dieser Sache hervorzugehen?
Das Telefon klingelte. Sie sahen einander an. Als hätten sie es abgesprochen, stand Bo auf und ging in den Flur. Sie hörte ihn ein paar kurze, energische Sätze sagen und dann auflegen.
Er kam zurück.
»Das war die Südostjütländische Polizei. Die haben nach dir gefragt.«
»Und was hast du gesagt?«
Sein Blick war klar und offen.
»Ich habe gesagt, dass du weggezogen bist.«
Sie spürte, wie das Blut aus ihrem Kopf entwich.
»Bo, zum Teufel.«
Er grinste.
»Es war Davidsen aus der Redaktion. Ich habe ihm versprochen, dass du gleich zurückrufst.«